Efeu - Die Kulturrundschau

Sie sollen das Qi ihres Gegenübers spüren

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26.06.2021. Zwischen ausgestopften Tierkadavern erkennt die FAZ in Amsterdam in Bruce Nauman einen Pandemie-Propheten. Außerdem sehnt sie sich nach der Wildheit und Rohheit des "in-yer-face"-Theaters zurück. In der SZ erkennt Maria Schrader in Robotern die besseren Menschen. Der Tagesspiegel überwindet mit dem chinesischen Künstler Zheng Bo im Gropius-Bau den Anthropozentrismus. In der Welt erklärt Ralf König, weshalb sein Lucky Luke nicht rauchen und nicht schwul sein durfte. Und in der FR wünscht sich Marion Poschmann mehr "Laubenthusiasmus" in der Literatur.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Bruce Nauman, 'Washing Hands Abnormal', 1996. Collectie Stedelijk Museum Amsterdam.

Es ist nicht die erste Bruce-Nauman-Retrospektive und doch nimmt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach die Werke des amerikanischen Konzeptkünstlers im Amsterdamer Stedelijk Museum unter den pandemischen Eindrücken von "Isolation, Frustration und Langeweile" ganz neu wahr. Fast prophetisch erscheint ihr manches Werk: "Geradezu verstörend erinnert das raumgreifende 'Carousel' von 1988 an die Schlachthofnachrichten zu Anfang der Pandemie. Ausgestopfte Tierkadaver hängen jämmerlich von den Kranseilen einer kreisenden Maschine herunter, eine zirkusreife Manege des Todes. In der Ursprungsversion schleiften die haarlosen Tiere über den Boden. Im Stedelijk schweben sie auf Anordnung des Kunstmuseums Den Haag, das sich als Besitzer um die Abnutzung Sorgen machte, nun darüber - eine zweifelhafte Entscheidung, denn die Missachtung des Lebensrechts der Tiere manifestierte sich doch gerade in ihrer brutalen Behandlung. Immerhin, aus den Nebenräumen hallt die passende Geräuschkulisse: wahnsinniges Gelächter und hilflose Schreie."

Bild: Zheng Bo, Drawing Life (Cold Dew), 2020-2021. Courtesy: the artist and Edouard Malingue Gallery. © Zheng Bo, photo: Luca Girardini

Im Tagesspiegel lässt sich Gregor Dotzauer in der Ausstellung "Wanwu Council" im Gropius Bau von den Pflanzenzeichnungen des chinesischen Künstlers Zheng Bo weg vom Anthropozentrismus zu einem "Mehr-als-Menschlichen" führen, etwa in dessen 366-teiligem Zyklus "Drawing Life": "Alle diese Zeichnungen sind nicht auf ein Werk aus, sondern auf eine Praxis. Sie speichern die Zeit, die er in Gegenwart einer Pflanze verbracht hat: eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, je nachdem. (…) So kunstfertig manche Blätter sein mögen, sie dienen weniger dazu, ein Publikum sehen zu lehren, das von der dschungelhaften Wirklichkeit überfordert wäre, als vielmehr in der Tätigkeit des Zeichnens selbst ein neues Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Durchaus auch aufseiten der Pflanzen: Sie sollen das 'Qi' ihres Gegenübers spüren, jene Grundenergie, die dem Daoismus zufolge allem Leben zugrunde liegt."

Außerdem: Das "Nebeneinander von Ekstase und drohendem Untergang" erlebt FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen in der Ausstellung "Schön und gefährlich. Die hohe See im 19. Jahrhundert" im Museum LA8 in Baden-Baden. Anlässlich der Ausstellung "Nature Culture" in der Baseler Fondation Beyeler denkt Philipp Meier in der NZZ über Naturgewalten in der Kunst nach. In der FR spürt Christian Thomas den antijudaistischen Anspielungen in Stefan Lochners "Altar der Stadtpatrone" von 1445 im Kölner Dom nach. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Remedies for Vertigo" mit Werken von Inga Danysz im Kunstraum Goeben (taz).
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Literatur

Die Schriftstellerin Marion Poschmann sieht sich nicht als Romantikerin, auch wenn sie es im FR-Gespräch schade und vielsagend findet, dass das Wort heute eine "gefühlsselige Person ohne Realitätssinn" beschreibt, wohingegen es ursprünglich mal "belesene und gebildete Frauen" bezeichnete. Den Blick in die Natur und auf Bäume teilt sie mit der Romantik aber durchaus: Dass es bei uns keinen "Laubenthusiasmus" gibt, führt sie auch darauf zurück, dass bei uns Bäume im Herbst eher gelb als rot werden: "Rot hat eine anregende Wirkung auf das Nervensystem. Und es geht hier wirklich um ein starkes Rot, ein Magenta. Das Rot eines Japanischen Ahornbaums ist mit nichts zu vergleichen."

Anfang Juli erscheint Ralf Königs "Lucky Luke"-Hommage "Zarter Schmelz" - offiziell beim "Lucky Luke"-Verlag und mit dem Segen der französischen Lizenzgeber. Dass es vorab etwas Klärungsbedarf gab, räumt der auf schwule Stoffe spezialisierte Comiczeichner im Gespräch mit der Welt ein: "Ich habe ja im Laufe der Jahrzente schon mal den einen oder anderen dicken Pimmel gezeichnet." Darauf geeinigt hat man sich dann, "dass Lucky Luke nicht raucht und nicht schwul ist, aber schwule Cowboys vorkommen." Eine Neuerung hat er sich dennoch vorbehalten: "Faszinierend fand ich eher, dass er nie Brustwarzen hatte! Das geht übrigens den männlichen Figuren in den Asterix-Comics genauso. Ich habe mich gefragt, warum ist das so? Ist das was Verklemmtes?"

Weitere Artikel: Im Dlf Kultur spricht die Übersetzerin Timea Tankó ausführlich über ihre Arbeit an Miklós Szentkuthys "Apropos Casanova". Julia Hubernagel porträtiert in der taz den Berliner Autor Marius Goldhorn. Der Schriftsteller Michael Krüger erinnert sich in der NZZ an seine Begegnungen mit dem russischen Dichter Brodsky. Der Romanist Zygmunt G. Baranski kann sich in der Dante-Reihe der FAZ einfach nicht für eine Lieblingsstelle in der "Commedia" entscheiden. In der Langen Nacht des Dlf Kultur widmet sich Tom Noga dem Schriftsteller und Abenteurer Ernest Hemingway. Im Literarischen Leben der FAZ schreibt Christina Randig über die Dichterin Dorothea Fuhrken, die im 18. Jahrhundert lebte. Und große Coverkunst: In seinem Blog stellt der Illustrator John Coulthart einige Science-Fiction-Bücher aus den 60ern und 70ern zusammen, für deren psychedelisch-durchgeknallte Aufmachungen Mike Hinge verantwortlich zeichnete.

Besprochen werden unter anderem Salman Rushdies Essayband "Sprachen der Wahrheit" (FR), Boris Luries "Haus von Anita" (Jungle World), Robin Robertsons "Wie man langsamer verliert" (taz), Dzevad Karashans "Tagebuch der Übersiedlung" (Literarische Welt)  und Leslie Jamisons "Es muss schreien, es muss brennen" (FAZ).
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Film

Ambitionsloser Beglücker: "Ich bin dein Mensch" von Maria Schrader

Die Filmemacherin Maria Schrader spricht in der SZ über ihren neuen (von Kathleen Hildebrand besprochenen) Film "Ich bin dein Mensch", in dem sich in Umkehrung des Pygmalion-Mythos ein maßgeschneiderter Roboter namens Tom als perfekter Lebensmensch für eine Frau entpuppt. Wenn Roboter menschenähnlich werden, mündet der Stoff im Kino meist in eine Dystopie - davon hatte sie genug, sagt sie: "Tom ist eigentlich überall besser als der Mensch: Er spricht alle Sprachen, er hat wie eine Suchmaschine Zugang zum Weltwissen und kann es sich mit einem Augenzwinkern aneignen. Und das alles ohne eigene Ambition und Freiheitswillen. ... Vielleicht sollte unsere Angst vor Robotern also nicht darin bestehen, dass sie gegen uns kämpfen, sondern einfach die besseren Menschen werden könnten? Was, wenn sie uns sogar in den besonders menschlichen Eigenschaften wie Tugendhaftigkeit, Empathie und Altruismus überholen?"

Außerdem: In einem Essay für den Filmdienst umkreist Patrick Holzapfel Wong Kar-Wais Einfluss aufs Kino. In der taz gratuliert Fabian Tietke der Filmermacherin Jutta Brückner zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Chloé Zhaos nun auch im Kino gezeigter Oscargewinner "Nomadland" (taz), die auf Disney+ gezeigte Dokuserie "Pride" über die queere Bewegung (FAZ), eine auf AppleTV gezeigte Doku über Charlie Brown und die Peanuts (Welt), die Serie "Die Meute" (Freitag) und David Gelbs auf Disney+ gezeigte Doku über den österreichischen Koch Wolfgang Puck (SZ).
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Bühne

Szene aus "1984". Foto: Rolf Arnold

Wenn Gob Squad aktuell am Schauspiel Leipzig in "1984: Back to No Future" mit viel Eigthies-Pop zurück in die Zukunft des Jahres 1984 zu Margaret Thatcher, Angst vor der drohenden Atomkatastrophe, Krokodilen oder in die westdeutsche Enge reisen, zucken die Theaterkritiker nur ratlos mit den Schultern. In der SZ fühlt sich Christiane Lutz zwar ganz gut unterhalten, vermisst aber Tiefe: "An ein paar Stellen nur schlagen die Performer den gedanklichen Haken; dann, wenn sie die ewige Zeitreisen-Frage stellen: Müsste man nicht im Wissen um die Gegenwart rückwirkend die Vergangenheit und den Blick auf die Zukunft verändern? Hätte man nicht damals schon mit einem 'Schulstreik fürs Klima'-Plakat draußen sitzen müssen? Hätte man nicht das Michael-Jackson-Poster abhängen müssen, im Wissen, dass der sowieso irgendwann gecancelt würde? Kurz: Hätte man das Heute damals besser machen können?" Und auch Nachtkritiker Georg Kasch fragt sich: "Was sollen uns auch diese Wohlstandsbiografien voller Privilegien und Sehnsucht nach einem anderen Leben, der akustische Blick in die starposter-tapezierten Jugendzimmer, selbst die Angst vor der Bombe?"

In der FAZ sehnt sich der Dramaturg Boris Motzki zurück nach der "Wildheit, Rohheit" und dem "irrsinnigen Spielwitz" des englischsprachigen "In-yer-face"-Theaters, das vor allem in den neunziger Jahren auf Provokation und Brutalität setzte: "Die Stücke, die in diesem Rahmen entstanden, zeichneten sich durch das Aufgreifen provokanter, dem Zeitgeist verhafteter Themen wie Genderfragen, Konsumkritik, Postfeminismus als Mythos, psychische Erkrankungen sowie durch die offene Darstellung von Sex und Gewalt aus. Die direkte Sprache und die oft aggressiven Bilder versuchten jedwede moralische Norm in Frage zu stellen." Dem aktuellen Theater ruft er zu: "Nicht da, wo es alles besser weiß und sich auf tagespolitische PR zurückzieht, wirkt das Theater, sondern dort, wo es die widersprüchlichen Grausamkeiten des modernen Lebens aufgreift und poetisch wendet."

Besprochen werden Marie Bues' Inszenierung von Sivan Ben Yishais "Wounds are Forever (Selbstporträt als Nationaldichterin) am Nationaltheater Mannheim, die Nachtkritikerin Esther Slevogt als "klug und bildmächtig" erzählte Geschichte (jüdischen) Schmerzes erlebt und die Performances shifting "perspectives/dis_dancing ctnd." der Tanzabteilung der Frankfurter Tanzabteilung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst am Frankfurter LAB (FR).
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Stichwörter: Gob Squad, In-Yer-Face

Architektur

Wie ein futuristisches Bauwerk aus einem Marvel-Film erscheint Kim Willsher im Guardian Frank Gehrys nun eröffneter Luma Arles Tower, der inmitten des multidisziplinären Kunst- und Kulturkomplexes als Hommage an die einst in Arles lebenden Römer und den Künstler Vincent Van Gogh gestaltet ist: "Die Eröffnungsausstellung des Turms wird Werke von Diane Arbus, Annie Leibovitz, Olafur Eliasson und anderen umfassen und einen permanenten Raum haben, der einer wechselnden Ausstellung der Sammlung von Maja Hoffmann gewidmet ist, deren Luma Foundation das Gebäude in Auftrag gegeben hat."

Außerdem: Im taz-Gespräch mit Uwe Rada fordert Theresa Keilhacker, die neue Präsidentin der Berliner Architektenkammer, mehr Nachhaltigkeit im Bauen und spricht sich gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes aus: "Ich habe mich sehr engagiert, dieses Feld freizuhalten, und dabei bleibe ich auch. Als Alleinstellungsmerkmal ist dieser Freiraum ein Traum. Auf so etwas kann Berlin stolz sein." Der britische Architekt David Chipperfield hat den Wettbewerb für den geplanten Hamburger Neubau der Signal-Iduna-Versicherung gewonnen, meldet Monopol.
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Musik

Bis 2027 will Rudolf Lutz mit der Bach-Stiftung St. Gallen Bachs komplettes Vokalwerk aufnehmen. Voraussetzung dafür ist eine seit Jahren andauernde Versenkung in Bachs Werk und die Sekundärliteratur, sagt er im NZZ-Gespräch: "Früher habe ich Bach sehr vertikal angeschaut. Jetzt habe ich ihn als Meister der Polyfonie und der Linienführung entdeckt und bewundere umso mehr, wie er trotzdem die Harmonie immer in der Balance hält." Seine "Bewunderung ist unterdessen natürlich ins Unermessliche gewachsen. Am meisten bewundere ich die 'inventio', die Erfindungskraft, das ist wirklich das Geniale bei Bach, sie ist so unermesslich! Und es gibt kaum ein Stück, wo man sagen könnte: Das ist ein bisschen ähnlich wie dieses oder jenes. Jedes Werk ist eine genuine Neuanlage. Er muss ein phänomenales Gedächtnis gehabt haben."

Weitere Artikel: Guido Holze berichtet in der FAZ vom Auftakt des Rheingau Musik Festivals. Dresden hat die Korrespondenz zwischen Ernst Rudorff, Clara Schumann und Johannes Brahms erworben, meldet Christiane Wiesenfeldt in der FAZ. Detlef Diederichsen schreibt in der taz einen Nachruf auf den Popjournalisten Andreas Banaski, der in den 80ern für seine gnadenlosen Urteile berühmt-berüchtigt geworden ist. Amira Ben Saoud sucht für den Standard den Popsong des Sommers - und findet ihn in Südkorea:



Besprochen wird ein Bildband mit Harry Bensons Fotos von Paul McCartney (FR).
Archiv: Musik