Efeu - Die Kulturrundschau

Gönn dir deine Bourgeoisie

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29.06.2021. In der FAZ bemerkt Schriftstellerin Nora Bossong eine neue Verbissenheit im Literaturbetrieb. Außerdem lässt sich die FAZ von den Kinoverbänden erklären, warum die Filmwirtschaft gerade brummt. Die Nachtkritik lässt sich freudig von einem bunten Münchner Drachen einschüchtern. Die SZ steht im Musée du quai Branly vor den Trümmern afrikanischer Masken. Und im ND trauert Berthold Seliger um den revolutionären Komponisten Frederic Rzewski, für den jeder einzelne Ton wichtig war.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2021 finden Sie hier

Literatur

Im Interview mit der FAZ spricht die Schriftstellerin Nora Bossong über politische Triebkräfte der Gegenwart. Etwas mulmig wird ihr bei der Einigkeit des Literaturbetriebs gegen Rechts: "Man versucht, den Betrieb so zu erhalten, wie er ist. Das begann mit dem Aufstieg der AfD, die Einfluss auf die Geldvergabe suchte. Plötzlich wurde die Vorstellung real, da könnte irgendetwas sein, das den eigenen Raum beschneidet. Da begann sich der Protest zu formieren. Ich glaube nicht, dass er per se unpolitisch ist, aber mir fehlt die Analyse", denn "man gewinnt mehr, wenn man die eigene Position hinterfragt und sich die Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, zumindest abends vor dem Einschlafen einmal von der anderen Seite aus anguckt. Mir fällt auch eine gewisse Verbissenheit auf. ... Alles musste auf den Zentimeter genau der eigenen Einstellung entsprechen. Es gab kein Bewusstsein dafür, dass Demokratie aus einer Vielfalt von Positionen besteht."

Weitere Artikel: Die Essayistin Leslie Jamison spricht in der NZZ über ihre Arbeit und Vorgehensweise. Andreas Platthaus plaudert für die FAZ mit Ralf König über dessen am Donnerstag erscheinende "Lucky Luke"-Hommage (mehr dazu bereits hier). In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Comiczeichner Don Rosa zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Das Land der Anderen" (Tagesspiegel), Valzhyna Morts Gedichtband "Musik für die Toten und Auferstandenen" (NZZ), Brandon Taylors "Real Life" (Zeit), eine Neuauflage von Grete Weils "Tramhalte Beethovenstraat" von 1963 (Tagesspiegel), Salman Rushdies Essayband "Sprachen der Wahrheit" (SZ) und Géza Szőcs' Erzählband "Untergrundfürsten" (FAZ).
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Kunst

Ex Africa. Ausstellungsansicht. Foto: Musée du quai Branly

Die große Ausstellung "Ex Africa" im Musée du Quai Branly zeigt, wie afrikanische Traditionen auf die moderne Kunst ausgetrahlt hat. In der SZ sieht Joseph Hanimann die Messlatte für künftige Unternehmungen hochgehängt, auch wenn die Ausstellung seiner Ansicht nach gut ins Centre Pompidou gepasst hätte: "Unter dem Stichwort 'Pop' im Sinne von Aneignung und Verfremdung durch Konsum thematisiert die Ausstellung eine erste Kategorie des Fortlebens afrikanischer Kunsttraditionen in der zeitgenössischen Kunst. Hautfarbe und Herkunft der Künstler spielen da schon keine Rolle mehr. David Hammons' auf einen Wandhaken aufgespießte Maskensammlung, Bertrand Laviers Bronze-Maskottchen oder Jean-Michel Alberolas metallgestanzte Objekte 'Masses africaines' suggerieren eine kommerziell gewordene Reproduzierbarkeit, wie sie bei Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Tom Wesselman auch mit westlichen Gebrauchsobjekten erfolgt war. Besonders augenfällig wird das in einem Originalbeitrag für die Ausstellung. Der französische Künstler Théo Mercier hat am Boden einen Berg aus Trümmern afrikanischer Masken aufgetürmt, die beim Transport für den europäischen Markt zu Bruch gegangen sind und nun als Ausschussware doch noch ins Museum gefunden haben."

Weiteres: In der Berliner Zeitung meldet Susanne Lenz, dass der kubanische Künstler Hamlet Lavastida nach seiner Rückkehr von einem Berliner Stipendienaufenthalt verhaftet worden ist. Brigitte Werneburg erinnert in der taz an die Faszination, die das Auto auf die moderne Kunst seit dem Futurismus ausübte.
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Film

Weniger als zehn Kinos mussten wegen der Pandemie für immer schließen, erfahren wir im FAZ-Gespräch mit Christiane und Christian Sommer, den beiden Chefs der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft. Wie die Kinos mit den teils aufgenommenen Krediten und dem Verdienstausfall umgehen wird, steht allerdings noch dahin. Dafür brummt die Filmproduktion, erklärt Christiane Sommer: "Es herrscht Vollbeschäftigung" und "die Produktionen laufen, aber das Geld für die Produktionen kommt pandemiebedingt nur von einer Seite in den Markt, dem Fernsehen und den Streaming-Diensten." Christian Sommer würde sich "auch wünschen, dass sich die Streaming-Dienste mit ihren Filmen für das Kino öffnen und sie sich als Teil der Filmwirtschaft begreifen. Die großen amerikanischen Produktionsfirmen sind längst selbst als Streaming-Plattform aktiv. Wir sind also gut beraten, nicht zu sehr in einzelnen Kategorien wie Kino, Verleih oder Vertrieb zu denken."

Besprochen werden Alice Winocours Weltalldrama "Proxima" mit Eva Green und Lars Eidinger (SZ), "Kings of Hollywood" mit Morgan Freeman, Tommy Lee Jones und Robert De Niro (Presse), Kevin Macdonalds "Der Mauretanier" (Standard), Saul Dibbs Serie "Der Giftanschlag von Salisbury" (taz) sowie Barbora Chalupovás und Vít Klusáks Dokumentarfilm "Gefangen im Netz" (SZ).
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Archiv: Film
Stichwörter: Kinokrise, Eidinger, Lars

Bühne

Bayerische Suffragetten an den Münchner Kammerspielen. Foto: Julian Baumann


"Kraftvoll, bunt und einschüchternd" wie den Drachen vom Fotostudio Elvira findet Nachtkritikerin Anna Landefeld den feministischen Theaterabend "Bayerische Suffragetten" in den Münchner Kammerspielen, mit dem ein Ensemble von Schauspielerinnen an die Vorkämpferinnen der Frauenbewegung wie Anita Augspurg, Carrie Brachvogel oder Ilka Freudenberg erinnert: Wenn beispielsweise alle zehn in rappender Agitprop-Manier donnern: 'Wer wischt den Arsch deiner Eltern? / Pflückt das Bio auf den Feldern? / Liefert deine Pho Xao Bo?' Was nichts anderes heißt als: Klar, 'Gönn dir deine Bourgeoisie', aber feministischer Lifestyle-Social-Media-Aktivismus bringt nix, wenn das Grundübel patriachal-toxischer Kapitalismus immer noch vor sich hin rottet. Es gibt nun mal kein richtiges Leben im falschen. Die Befreiung der Frauen ist kein bürgerliches Ding, sondern allumfassend, menschheitsumspannend. Feminismus ist Schwarz, Weiß, kommt in allen möglichen Körperformen, sitzt im Rollstuhl, ist queer, ist weiblich*, ist männlich*." In der SZ lässt sich Egbert Tholl das ebenfalls gern gefallen: "Die sprachliche, agitatorische Wucht ist enorm, Reden ersetzt Psychologie."

Für fünf Milliarden Euro müssen in den nächsten Jahren etliche deutsche Bühnen saniert werden, den Großteil der Summe verschlingen Brandschutz und Klimaanlagen, erklärt Hubert Spiegel in einem Dossier, das die FAZ zum Thema zusammenstellt. Aber manche Fragen möchte er dennoch diskutieren: "Welches Theater braucht das Land in den nächsten Jahrzehnten? Wer stellt die Weichen, trifft die Entscheidungen? Sind es die Intendanten, die Architekten, die Kulturpolitiker, die Kämmerer? Für die öffentliche Hand geht es nicht nur um sehr viel Geld, sondern auch um Fragen des kulturellen Selbstverständnisses. Beides ruft nach Partizipation der Bürgergesellschaft. Aber auch das wirft Fragen auf: Wie viel Mitspracherecht hat das Publikum, und wie verschafft es sich Kompetenz und Gehör in einer derart komplexen Debatte?"

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Lucia Ronchettis Oper "Inferno" in Frankfurt (FR, FAZ), ein sinfonisches Ballett zu Schostakowitsch an der Wiener Staatsoper (das Manuel Brug in der Welt als triumphal umjubelt) und der Tanzabend "Swan Lakes" im Stauttgarter Theaterhaus (den Sylvia Staude in der FR ganz prächtig findet).
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Musik

"Frederic Rzewski war einer der wichtigsten und politischsten Komponisten unserer Zeit", seufzt Berthold Seliger in seinem Nachruf im ND. Und Rzewskis wichtigste Komposition war "The People United Will Never Be Defeated", ein "Monster von einem Werk". Schon "die Bearbeitung des Themas zeigt Rzewskis Kunst: Es beginnt 'with determination', also mit Entschlossenheit und im Fortissimo, erinnert an einen Marsch, der aber durch Betonungen auf unbetonten Taktteilen ad absurdum geführt wird. Dann löst Rzewski das Thema spielerisch in Triolen auf, bis er es schließlich entschlossen aus einem Pianissimo in einen vorwärtsdrängenden Rausch verwandelt, jeder einzelne Ton im Fortissimo noch zusätzlich mit einer Betonung versehen (wie wir es von seinem fernen revolutionären Bruder im Geiste kennen - von Beethoven): Jeder einzelne Ton ist wichtig, es kommt auf alle an! ... Immer wieder verwendet Rzewski die Kunst des Kontrapunkts, dessen Einführung er für eine der größten Innovationen der abendländischen Musik überhaupt hielt." Einen weiteren Nachruf schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Hier spielt der Komponist sich selbst:



Weitere Artikel: Dass Rap von Sexismus geprägt ist, will auch Sascha Ehlert in der FAZ nicht leugnen, aber "besonders in der bürgerlichen Welt scheint man die sonst so heilige Trennung zwischen Werk und Autor zu vergessen, wenn es um Hip-Hop geht". Derweil ist ein Video von vor 16 Jahren aufgetaucht, dass Bushido dabei zeigt, wie er eine mutmaßlich Minderjährige sexuell bedrängt, berichtet Erica Zingher in der taz. Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Auftakt des Rheingau Musik Festivals.

Besprochen werden die Dortmunder Ausstellung "Studio 54 Night Magic" (taz), neue Jazzveröffentlichungen, darunter der Soundtrack zum Film "Judas and the Black Messiah" (SZ) und Haiytis neues Album "Mieses Leben" (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Rzewski, Frederic, Rap