Efeu - Die Kulturrundschau

Gibt es schwule Klänge?

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16.07.2021. Die FR feiert in Cannes den expressiven Hyperrealismus von Julia Ducournaus Horrorfilm "Titane". Die SZ erlebt exponentiell beschleunigenden Zukunftskräfte in der Münchner Ausstellung "Ki.Robotik.Design". Die taz erkennt in einer Hamburger Ausstellung über Darstellungen der Industrie, wann die Fotografie die Malerei übertraf. Die SZ freut sich über die vielen Dirigentinnen bei den Klassik- und Opernfestivals der Saison.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2021 finden Sie hier

Film

Glühender Hyperrealismus: "Titane" in Cannes

Endspurt in Cannes: Wer macht das Rennen? In der FR wagt Daniel Kothenschulte eine Prognose: An den vier Regisseurinnen mit Filmen im Wettbewerb führt für die Jury kein Weg vorbei, sofern sie um ihren Verstand nicht fürchten lassen will. Catherine Corsini und Mia Hansen-Løve sind jedenfalls stramme Favoritinnen für Regiepreise. Und dann ist da noch Julia Ducournaus Körperhorror-Schocker "Titane" (unser Resümee): "Jedes Bild dieses Films glüht förmlich in den tiefen Neonfarben eines expressiven Hyperrealismus. Leicht könnte die Künstlichkeit die verwegene Geschichte ins Bedeutungslose treiben", wenn da nicht die Schauspielleistungen wären: "Die nichtbinäre Autorin und Künstlerin Agathe Rousselle spielt die Protagonistin und ist ein Naturtalent. Man hält den Atem an, so schonungslos überlässt sie sich Ducournaus künstlerischer Vision - und diese dankt es ihr durch eine äußerst intime Inszenierungskunst." Im Spiegel schreibt Hannah Pilarczyk: "Sollte es das Horror-Subgenre des Gender-Gore noch nicht geben, erfindet es Ducournau hiermit."  Andreas Busche berichtet im Tagesspiegel von den beiden Filmen, in denen man in diesem Festivaljahrgang Noémie Merlant erleben kann. In der Zeit resümiert Katja Nicodemus den bisherigen Festivalverlauf.

Weitere Artikel: Dominik Kamalzadeh spricht für den Standard mit Mads Mikkelsen über dessen neuen Film "Der Rausch".

Besprochen werden Justin Lins "The Fast and the Furious 9" und Akram Zataari "Twenty-eight Nights and a Poem" (Perlentaucher), Daphne Charizanis Drama "Im Feuer" über Kurdinnen im Kampf gegen den IS (Tagesspiegel), Lee Isaac Chungs autobiografisch gefärbter Film "Minari" über eine koreanische Familie, die in den 80ern in die USA einwandert ("ein Kästchen voller Familienandenken", schreibt Wenke Husmann auf ZeitOnline, weitere Kritiken in FAZ, Freitag und SZ), Daniel Brühls Regiedebüt "Nebenan" nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann (Welt), ein Lebensratgeber des Hollywood-Schauspielers Matthew McConaughey (NZZ) und die Sportkomödie "Space Jam: A New Legacy" mit Basketballstar LeBron James und Bugy Bunny (Tagesspiegel, SZ).
Archiv: Film

Design

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Die Pinakothek-Ausstellung "Ki.Robotik.Design" des Robotik- und Systemintelligenz-Professors Sami Haddadin macht SZ-Kritiker Andrian Kreye begreiflich, wie sehr man in München "im Mahlstrom der sich exponentiell beschleunigenden Zukunftskräfte lebt". Zu erleben gibt es unter anderem, wie sich die "Symbiose aus Robotik und künstlicher Intelligenz gerade vollzieht. Das beginnt mit der Entwicklung eines Designs für einen Stütz- und Bewegungsapparat, inspiriert von der Idee des Menschen als Homunkulus, der einen Großteil seiner Hirnkapazität für die Motorik der Hände einsetzt. Ist das geregelt, folgt die Körperwahrnehmung, die auch eine Maschine braucht, um im Raum agieren zu können. Dazu kommt dann die Fortbewegung. Das alles führt zur Fähigkeit, die Umwelt zu manipulieren, was auch eine Hand-Auge-Koordination erfordert. Ganz am Schluss steht dann die Symbiose von Mensch und Maschine über die Interfaces." Allerdings "ist der Grundtenor ein Optimismus, der fundiert in einer Philosophie wurzelt, die davon ausgeht, dass die moderne Gesellschaft es in der Regel schon hinkriegt, sich die Maschinen untertan und vor allem zu Diensten zu machen."

Außerdem erinnert Claudia Mäder in der NZZ an die Erfindung des Regenschirms im 18. Jahrhundert, der seinerzeit vor allem Frauen vorbehalten war, da anderenfalls die Auflösung der Geschlechtergrenzen im Schwange lag.
Archiv: Design

Literatur

Cornelius Pollmer füllt das Sommerloch in der SZ mit einem Aufreger über Denis Scheck, der im Fernsehen nicht mehr nur Tipps gibt, sondern in der SWR-Reihe "Schecks Anti-Kanon" nun auch als eine Art Literaturgott die schlechtesten Bücher ins Fegefeuer schickt, wo dann Christa Wolf und Sebastian Fitzek neben Hitler schmoren: "Eine Kapazität der Zunft macht sich, mal wieder, zu klein - und damit das Jahrtausendmedium Buch gleich mit. Die Idee des Kanons ist in atomisierten Gesellschaften anerkanntermaßen obsolet, die Idee eines Anti-Kanons ist es aus logischen Gründen also ebenso."

Weitere Artikel: Renate Kraft wirft für die taz einen Blick ins Programm des African Book Festivals, das heute in Berlin beginnt. In der Proust-Reihe auf Tell schreibt Anselm Bühling über die Zeit, die man beim Lesen von Proust mit Muße verliert. Roman Bucheli hebt für die NZZ die Geschichte vom fliegenden Robert aus dem "Struwwelpeter" hervor. Katrin Hillgruber (Tagesspiegel) und Matthias Hannemann (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Dag Solstad zum 80. Geburtstag. Außerdem geben die NZZ-Redakteure Lektüretipps für den Sommer (die wir Ihnen in unserem Online-Buchladen im übrigen ebenfalls geben).

Besprochen werden unter anderem Lee Lais Comic "Steinfrucht" und Holger Edmaiers Kinderbuch "Das schönste Kleid", die beide von Transidentität handeln (54books) und Melissa Broders "Muttermilch" (SZ).
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Archiv: Literatur

Kunst

Rudolf Holtappel: Vor August-Thyssen-Hütte, Duisburg-Hamborn 1959, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. © Nachlass Holtappel, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen


Falk Schreiber besucht für die taz die Ausstellung "Moderne Zeiten" im Bucerius Kunst Forum in Hamburg, die Darstellungen der Industrie in Malerei und Fotografie gegenüberstellt: "Fortschrittsbegeisterung bei gleichzeitiger Skepsis, das sind die beiden Pole, aus deren Gegenüberstellung die Ausstellung über weite Strecken ihre Spannung zieht." Eine Spannung, so Schreiber, die sich "auch medial fortsetzt: Ziemlich früh nämlich wird die Malerei von der Fotografie als führendem Medium der Industriedarstellung abgelöst. Das hatte zunächst praktische Gründe - um für die Versicherungen die ordnungsgemäße Arbeit zu dokumentieren, wurden beim Eisenbahnbau ab 1870 Fotografen beauftragt, was der Ausstellung faszinierende Vintage-Aufnahmen der Hamburger Elbbrücken verschafft. Folgerichtig prägen daraufhin die Fotograf:innen immer mehr die Schau ... Derweil nimmt die Qualität der Malerei kontinuierlich ab - Arbeiten wie Conrad Felixmüllers 'Hochöfen, Klöckner-Werke, Haspe, nachts' (1927) oder Franz Radziwills 'Der Sender Norddeich' (1933) jedenfalls kommen da künstlerisch nicht mehr mit. Ausnahme sind die Darstellungen der Arbeiter:innen."

Weitere Artikel: Sabine von Fischer will in der NZZ nicht akzeptieren, dass es so etwa wie eine "Retail Apocalypse" gibt - so der Titel einer Zürcher Ausstellung, die künstlerische Strategien der Warenpräsentation reflektiert. Die Ausstellung ist online dokumentiert. Martina Meister berichtet in der Welt vom Fotografie-Festival "Rencontres Arles". Philipp Meier unterhält sich für die NZZ mit Sam Keller über den Museumsgründer Ernst Beyeler, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Zum Tod des Künstlers Christian Boltanski schreiben auf Zeit online Kit Nedo, im Guardian Jonathan Jones, bei monopol Felix von Böhm, in der taz Brigitte Werneburg, in der FR Ingeborg Ruthe, Barbara Catoir In der FAZ, und die SZ druckt ein letztes Interview mit Boltanski vom Oktober 2020.

Besprochen wird eine Ausstellung der Künstlerporträtfotos des Fotografen Franz Hubmann in der Wiener Albertina (Standard).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Bucerius Kunst Forum

Bühne

Hat die Entlassung von Intendant Klaus Dörr für mehr Geschlechtergerechigkeit an der Volksbühne gesorgt? Und wie sähe gute Zusammenarbeit im Theater idealerweise aus? Simone Kaempf und Jorinde Minna Markert unterhalten sich für die nachtkritik darüber mit den fünf Volksbühnen-Regisseurinnen Claudia Bauer, Lucia Bihler, Pınar Karabulut, Theresa Thomasberger und Josephine Witt. In der FAZ berichtet Anja-Rosa Thöming vom "Festival International d'Art lyrique et Musique" in Aix-en-Provence.

Besprochen werden "Hexploitation", das neue Stück von She She Pop im Frankfurter Mousonturm (FR) und Jules Massenets "Werther" lebt an der Oper Stuttgart (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Bei den Klassik- und Opernfestivals der Saison schwingen mit Mirga Gražinytė-Tyla, Oksana Lyniv, Susanna Mälkki und Joana Mallwitz zumindest im Vergleich zu früher relativ viele Frauen den Taktstock, ist SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck aufgefallen. Auch werden mehr von Frauen komponierte Werke als üblich aufgeführt. Eine große Zeitenwende will Brembeck darin aber noch nicht sehen: Die Hegemonie der Männer ist immer noch überdeutlich. Dieser "Festspielsommer der Frauen kann also nur ein Anfang sein, eine lange Durststrecke wird folgen. ... Dabei geht es um Gleichberechtigung. Auf Seiten der Kunst ist die Sache komplizierter. Der Komponist Hans Werner Henze war davon überzeugt, dass seine sexuelle Orientierung sich in seiner Musik bemerkbar machen würde. Gibt es schwule Klänge? Dem Hörer vermittelt sich das nicht. Ebenso wenig ist hörbar, dass 'Innocence' von einer Frau komponiert wurde."

Joachim Hentschel hat für die SZ nachgefragt, wie es dazu kommen konnte, dass ein Festival im niederländischen Utrecht trotz Sicherheitsvorkehrungen mit fast 1000 Corona-Neuinfektionen zum Superspreader geworden ist. Ein Problem war wohl die laxe Handhabe der Vorabtests: Diese "durften bis zu 40 Stunden alt sein. Eine halbe Ewigkeit. Zudem habe es zuletzt eine Menge Beschwerden wegen schlampig durchgeführter Diagnosen in Testzentren und gefälschter Zertifikate gegeben." Die in Mecklenburg-Vorpommern stattfindende "Fusion" will derweil mit einem eigens eingerichteten PCR-Labor auf dem Gelände solchen Szenarien vorbeugen, erfahren wir außerdem. Dazu passend erklärt Anne Thewalt im Tagesspiegel, wie das Festival Nation of Gondwana in Brandenburg vonstatten gehen soll, ohne zum Delta-Spreader zu mutieren.

Weitere Artikel: Georg Rudiger stellt im Tagesspiegel die Software iGroove vor, die den Markterfolg von Musik prognostizieren will. Max Nyffeler berichtet in der FAZ vom Dante-Festival in Ravenna, wo eine Uraufführung neuer Werke von Valentin Silvestrov durch den Kammerchor Kiew unter der Leitung von Mykola Hobdych ihn sehr beeindruckte: "Aus zarten Melodiefäden entsteht eine schwebende Musik von überwältigender harmonischer Reinheit und verhaltener Ekstase."

Besprochen werden eine Anthologie mit Texten der Popjournalistin Ingeborg Schober um 1970 (taz) und Nene Hs Debütalbum "Ali" (taz).
Archiv: Musik