Efeu - Die Kulturrundschau

Wahnsinn der Erleuchtung

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24.07.2021. In der Literarischen Welt fragt Teju Cole, was es für einen Schwarzen bedeutet, ein niederländisches Stillleben zu betrachten. Die NZZ gerät in Winterthur beim Anblick vergessener Schweizer Expressionisten in Ekstase. Die SZ knöpft sich Juli Zeh vor: "Ist es lauter, Politik und Journalismus nicht zuzugestehen, durch unlautere Mittel eine Wirkung zu erzielen, solche Mittel aber in seiner Literatur selbst einzusetzen?", fragt sie. In der Welt ärgert sich Marina Abramovic über politische Korrektheit. Und der Standard schaut fassungslos zu, wenn Maguy Marin beim Wiener Impulstanz Festival die Zerstörung der Umwelt tanzen lässt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2021 finden Sie hier

Literatur

Insa Wilke arbeitet sich für die SZ durch das Schaffen von Juli Zeh und stößt dabei auf eine Autorin, die in ihren gesellschaftlichen Wortmeldungen eine Sachlichkeit in der Gestaltung demokratischer Prozesse anmahnt, die sie in ihren Romanen selber kaum einlöst: "Ihr Handeln als Autorin widerspricht den politischen Forderungen, die sie immer wieder formuliert. Während sie 'die' Medien als Heuchler angeprangert und ihnen pauschal Dramatisierung und Stimmungsmache unterstellt, setzt sie die eigenen Figuren aus medialen Diskurselementen zusammen und operiert in jedem neuen Buch mit dem größtmöglichen Schrecken. ... Ist es lauter, Politik und Journalismus nicht zuzugestehen, durch unlautere Mittel eine Wirkung zu erzielen, solche Mittel aber in seiner Literatur selbst einzusetzen? Apokalypse funktioniert eben auch in der Literatur, weil man seine Ängste so schön zwischen den Buchdeckeln ausleben kann."

Fremd bleiben vor der "Welt voller Zeug", in die wir geboren werden und an die wir uns im Laufe gewöhnen - das ist die hervorstechendste Qualität der Texte des frischgebackenen Büchnerpreisträgers Clemens J. Setz, schreibt sein Schriftstellerkollege Juan S. Guse in einer nachgereichten Glückwunschnotiz in der Literarischen Welt: Toll an Setz' Texten ist für ihn, "dass man eine Ahnung davon bekommt, was es bedeuten würde, nie diese Gewöhnung durchlaufen zu haben, sondern sich dauerhaft über den Menschen und alles Menschengemachte zu wundern, über jede Form der Interaktion, über jede mutmaßliche Normalität, die nicht abgeschafft wird, obwohl sie doch so offensichtlich falsch ist. ... Dieser entrückte Blick der Nicht-Gewöhnung, wo trennscharfe Beobachtung, Zartheit und Dummheit zusammenfallen wie auf einem Jahrmarkt" habe Guse immer am meisten fasziniert.

Oskar Loerkes Grab in Berlin mag nun zwar auch weiterhin ein Ehrengrab mit besonderer Pflege sein, ärgerlich findet FAZ-Feuilletonchef Jürgen Kaube die Argumentation des Berliner Senats dennoch, die ihren ursprünglichen Beschluss mit mangelndem Interesse der "allgemeinen Öffentlichkeit" begründete, daneben aber neue Ehrengräber ausrief, darunter etwa eines für den wohl wirklich nur Spezialisten bekannten Filmwissenschaftler Karsten Witte. "Lyrik ist unter allen Gattungen der Kunstproduktion diejenige, die bestenfalls auf eine sehr besondere Öffentlichkeit, aber kaum je auf eine allgemeine rechnen darf. ... Die Frage kann nicht sein, ob Oskar Loerke ein fortlebendes Andenken durch die Berliner Stadtbewohner erfährt. Die Frage kann nur sein, ob er ein solches Andenken verdient." So stellt sich Kaube auch die Frage, ob "die Kulturverwaltung ein Verhältnis zur Kultur hat. Liest sie? Traut sie sich Urteile zu, die sie nicht den Massenmedien entnimmt?"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel verschafft sich Gregor Dotzauer einen Überblick über die Reaktionen auf Moritz Baßlers "Midcult"-Essay (unsere Resümees), die an "Baßlers gedankliche Schärfe" allesamt nicht rankommen, "weil ihnen genau jener Sinn für die Ambivalenz der eigenen Position fehlt, die seine Polemik so stark macht." Im Literaturfeature von Dlf Kultur porträtiert Siegfried Ressel den Schriftsteller Aleksandar Tišma. In der Dante-Reihe der FAZ wirft Matthias Alexander einen Blick auf die Versuche von Diktatoren, die "Commedia" für die eigene Sache dienstbar zu machen, und Eckhart Grünewald erzählt von der Rezeptionsgeschichte des Werks. Insbesondere der deutschen Rezeptionsgeschichte Dantes widmet sich Karlheinz Stierle sehr ausfürlich im "Literarischen Leben" der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Yulia Marfutovas Debütroman "Der Himmel vor hundert Jahren" (taz), Georges-Arthur Goldschmidts "Der versperrte Weg" (FR), Lukas Rietzschels "Raumfahrer" (Welt), Gabriele von Arnims "Das Leben ist ein vorübergehender Zustand" (SZ) und Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit Dir gewesen" (FAZ).
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Kunst

Bild: Albert Müller: "Interieur". Kunstmuseum Winterthur

Viele der Schweizer Expressionisten, immerhin die "bedeutendste Avantgarde" der Schweiz, wie Maria Becker in der NZZ schreibt, sind heute vergessen. Ein Glück, dass die Ausstellung "Expressionismus Schweiz" im Kunstmuseum Winterthur derzeit an die Kraft und Intensität jener Künstler erinnert, die sich unter anderem dem "Elend der Straßenarbeiter" und der "Zerrissenheit des Menschen" widmeten, meint sie: "Ihre Farben sind grell, und ihre Formen zucken wie der Wahnsinn der Erleuchtung. Das hat eine eigene Schönheit, aber zweifellos geht auch Schmerz davon aus. Mit einer überlegten Reflexion künstlerischen Tuns hat das nichts mehr zu tun. Es ist eine Nacktheit des Gefühls, direkt und heftig. In der Eigenart des Expressionismus sei ein Destruktionswille erkennbar, heißt es in kunsthistorischen Definitionen. Das stimmt zweifellos. Diese Kunst will etwas zerschlagen, das haltlos geworden ist. Vor allem aber wird deutlich: Die Künstler konnten gar nicht anders malen. Ihre Expression war eine Notwendigkeit des Herzens, ein Schrei, eine Ekstase der Empfindung."

In seinem neuen Buch "In Golden Apple of the Sun" erkundet Teju Cole erneut den blinden Fleck im Auge des Betrachters. Im Welt-Gespräch mit Thomas David spricht er über George Floyd, Rassismus und Kapitalismus in den USA und fragt, was es heißt als Schwarzer ein niederländisches Stillleben zu betrachten: "Für gewöhnlich werden diese Gemälde wegen ihrer Schönheit gerühmt, wegen der Art, wie sie den Wohlstand oder die Vanitas-Symbolik zum Ausdruck bringen. Aber ich finde, es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass sie uns etwas über eine globalisierte Welt erzählen, über den Reichtum, der etwas mit Aktivitäten in Übersee zu tun hat. Was heißt es, wenn ein schwarzer Betrachter auf einem Bild den Körper eines anderen Schwarzen sieht? Was macht es mit deiner Subjektivität, wenn du nicht zu dem Publikum gehörst, für das das Bild bestimmt ist? Dies ist ein Aspekt der Geschichte, der mich immer interessiert hat, denn man geht normalerweise nicht davon aus, dass ich der Betrachter bin. Man geht nicht davon aus, dass ich der Gelehrte bin."

Viele ihrer Performances aus den Siebzigern würden heute im Namen politischer Korrektheit gecancelt, glaubt Marina Abramovic im großen Welt-Gespräch mit Gesine Borcherdt zur heute eröffnenden Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen: "Wir hatten eine unglaubliche Freiheit. Jetzt geht es darum, wieviel Prozent von welchem Geschlecht in einer Ausstellung sind. Aber Kunst hat kein Geschlecht. Und Inhalt ist wichtiger als Gender! Und dann diese Humorlosigkeit. Politische Witze sind einfach verschwunden."

Außerdem: Wie "Pointillismus auf Speed" erscheinen Saskia Trebing im Monopol-Magazin Damien Hirsts neue Gemäldeserie "Cherry Blossoms", die derzeit in der Fondation Cartier in Paris gezeigt werden und die Trebing gerade durch ihre "ostentative Harmlosigkeit" provozieren. Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn zum Tod des Malers Gerhard Faulhaber. Besprochen werden die Ausstellung "Ordnung der Wildnis" mit Skulpturen von Christiane Löhr im Haus am Waldsee (taz), das Projekt "129 Gallery" auf dem Western Comfort Hostelboat in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Dürer war hier" über Dürers Reise in die Niederlande 1520/21 im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum (FAZ).
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Film

Demo im Jahr 1983, Stil aus "Die Dohnal" (Rudi Semotan)

In der Jungle World legt uns Esther Buss Sabine Derflingers Dokumentarfilm "Die Dohnal - Frauenministerin, Feministin, Visionärin" ans Herz, der ab kommenden Donnerstag im Kino läuft. Es geht um die österreichische SPÖ-Politikerin Johanna Dohnal, die als Politikerin energisch für Frauenfragen gestritten hat. An ihr "fällt vor allem die klare Sprache auf, die sich von der heutigen politischen Rhetorik des Drumherumredens, den Worthülsen und schiefen Metaphern deutlich unterscheidet. 'Aus taktischen Gründen leisezutreten, hat sich immer noch als Fehler erwiesen' ist ein typischer Dohnal-Satz. ... Statt die Ausnahmepolitikerin zu historisieren und ihr damit museale Weihen zukommen zu lassen", werde sie in diesem Film "zur Hauptperson einer Gegenwartsbefragung." Zugleich entfalte sich "auch eine Geschichte des österreichischen Fernsehens. An den Redebeiträgen der Talkshowgäste wie auch gewöhnlicher Menschen, die auf der Straße zu Themen wie etwa Elternzeit für Väter befragt werden, wird klar, in welch konservatives und frauenfeindliches Klima Dohnal ihre Überzeugungen hineintragen musste."

Weitere Artikel: Im Filmdienst spricht Simon Hauck mit Thomas Vinterberg über dessen neuen Film "Der Rausch" (hier unsere Kritik). Im SZ-Gespräch ärgert sich Franka Potente, die mit "Home" gerade ihren ersten Langfilm als Regisseurin fertiggestellt hat, dass man Männern im Business immer noch erklären muss, dass Frauen Filme inszenieren können. Für die FAZ spricht Anna Schiller mit der Schauspielerin Peri Baumeister über ihre Arbeit am deutschen Netflix-Horrorfilm "Blood Red Sky" über Vampire im Flugzeug ("erfüllt fast mustergültig sämtliche Anforderungen einer modernen Streaming-Produktion", meint dazu ein sehr gelangweilter Josef Grübl in der SZ). Mit dem Regisseur des Films, Peter Thorwarth, sprach Schiller ebenfalls. In der taz empfiehlt Fabian Schroer das Potsdamer Nachwuchsfestival Sehsüchte. In der "Langen Nacht" des Dlf Kultur widmet sich Beate Schönfeldt den Filmregisseurinnen in der DDR.

Besprochen werden Nadine Heinzes und Marc Dietschreits Demenzkomödie "Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen" (SZ) die Arte-Miniserie "Hamishim - Fünfzig" (Artechock) und "Gaza Mon Amour" von den Nasser-Brüdern (Artechock, FAZ).
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Archiv: Film

Bühne

Szene aus Umwelt. Foto: Christian Ganet

"Fassungslos" und mit angehaltenem Atem erlebt Helmut Ploebst (Standard) in Maguy Marins Performance "Umwelt" beim Wiener Impulstanz Festival, wie wir den Planeten zerstören: "Wie Blasen auf einem brodelnden Brei platzen Bilder auf, die auf normales Leben anspielen: Pullis werden übergestreift, Pappkronen auf Köpfe gesetzt, Säcke auf Schultern getragen, zwei küssen sich, ein Baby wird hochgehalten. Zwei Männer in Handschellen, drei Touristen mit blauen Hütchen, eine Frau beißt herzhaft in ein gefülltes Baguette. Hochzeitskleider, Militärhelme, eine Rangelei. Mützen und Schals, üppige Hüte, jemand watscht einen anderen. Dazu unentwegt der Seil-auf-Saiten-Geräuschpegel. Und wie kochender Brei zu spritzen beginnt, fangen die Performer an, allerlei Zeug auf den Bühnenboden zu schmeißen. Sie leeren Kübel mit Ziegelschutt aus. Hoch wirbelt der Wind roten Staub auf. Große Tierknochen folgen, auch Babys (also: Puppen) werden in den Dreck gekickt."

Mit einem großartigen "Idomeneo", inszeniert von Antu Romero Nunes, dirigiert von Constantinos Carydis beendet Nikolaus Bachler seine dreizehnjährige Intendanz an der Bayerischen Staatsoper und in der Welt dankt Manuel Brug dem Mann, der den "Glanz" des Hauses noch heller hat erstrahlen lassen: "Wie sein Vorgänger hat Nikolaus Bachler zwar sein Intendantenlicht PR-wirksam leuchten lassen, aber als Person populär wurde er im Stadtgefüge nicht. Er wollte es auch kaum. Immer ist etwas Abwägendes, Kaltes, auch Einsames um diesen trotzdem ums Geliebtsein buhlenden Machtmenschen. Doch er wusste souverän die Münchner Knöpfe zu drücken." Bei nd singt Berthold Seliger indes eine Hymne auf Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von "Tristan und Isolde", dirigiert von Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper: Im vierzigminütigen Liebesduett "werden die gesungenen Aussagen der Protagonisten erst zu einem tiefen Psychogramm, dessen Sog wir uns nicht entziehen können."

Außerdem: In der SZ porträtiert Egbert Tholl Oksana Lyniv, die an diesem Sonntag als erste Frau bei den Bayreuther Festspielen dirigieren wird und zwar die Eröffnungspremiere mit dem "Fliegenden Holländer". Besprochen werden Cordula Däupers Inszenierung von Benjamin Brittens komischer Oper "Albert Herring" am Nationaltheater Mannheim (FR) und Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" bei den Bregenzer Festspielen (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Architektur

Die SZ startet mit "Prachtbauten" eine neue Serie, die "Sinn und Unsinn sowie ökonomische und kulturpolitische Aspekte von besonders symptomatischen Fallbeispielen" verhandelt, verkündet Gerhard Matzig. Ebenfalls in der SZ schreibt Alexander Menden zum Schicksal der Düsseldorfer Oper, die zwar unter Denkmalschutz steht, offenbar aber abgerissen und neu gebaut werden soll: "Einer der Gründe dafür, dass die Tendenz nun eindeutig hin zu einem Neubau zu gehen scheint, ist die Befürchtung, man käme bei einer Sanierung womöglich in eine Situation wie Köln. Die Sanierungsarbeiten an den städtischen Bühnen dort sollten ursprünglich 253 Millionen Euro kosten, am Ende werden sie sich wohl auf bis zu 900 Millionen Euro belaufen." In der FR plädiert Christian Thomas für die Ernennung der jüdischen SchUM-Stätten in Speyer, Worms und Mainz zum Weltkulturerbe. Der "schieren Dimension der Erde" steht Sabine von Fischer in der NZZ im Luzerner Gletschergarten gegenüber.
Archiv: Architektur

Musik

"Das internationale Tourneegeschehen der Orchester, es wird weiterhin auf Jahre brachliegen", fürchtet Manuel Brug im Leitartikel der Welt mit Blick auf das aktuelle Hin und Her im Klassik- und Bühnenbetrieb, erste Positivtests in Ensembles und den fortschreitenden Siegeszug der Delta-Variante: Das "bittere Ende" des "trügerischen Glücks der Sommerfestspielmärchen" komme wohl "früh genug".

Weitere Artikel: Gerald Felber berichtet in der FAZ vom Musikfestival auf Schloss Hindsgavl. Amira Ben Saoud (Standard) und Thomas Kramar (Presse) schreiben Nachrufe auf Peter Rehberg, den Betreiber des Labels Editions Mego, das auf avantgardistische Elektronik spezialisiert war.

Besprochen werden Ray Chens Auftritt beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Konzert des Tenors Piotr Beczała in Wien (Standard) und das neue Sault-Album "Nine", das an dieser Stelle noch für knapp über zwei Monate zum Gratis-Download bereit steht (taz). Hier das Titelstück:

Archiv: Musik
Stichwörter: Coronakrise