Efeu - Die Kulturrundschau

Von aller Erdenschwere befreit

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31.07.2021. So frisch hat man Wagner selten erlebt, jubeln die Theaterkritiker vom Grünen Hügel herab: Die SZ schwimmt in Hermann Nitschs hellen Farbseen Wagners dunklen Leidenschaften entgegen, die FAZ hört dank Pietari Inkinen einen Wagner jenseits der Düsternis. Billy Eilishs zweites Album ist das zweite Großereignis des Feuilletons: Die SZ hört das Alterswerk einer 19jährigen. Die NZZ trauert dem kraftvollen Verriss in der Literaturkritik nach. Monopol kämpft in München mit zwei Gottesanbeterinnen im Puppenhaus. Und Scarlett Johansson kämpft gegen Disney für die Zukunft des Kinos. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild:  Rodney Graham, Antiquarian Sleeping in his Shop, 2017 Foto: Museum Frieder Burda © Rodney Graham

Zwischen Glitzer und Insekten erkennt Victor Sattler (Monopol) bei der fünften Biennale, die unter dem Titel "The World: Reglitterized" im Münchner Haus der Kunst stattfindet, dass das Lebensgefühl vor Corona nicht unbedingt ein anderes war. Etwa in dem Kurzfilm "Mad Mieter" (2019) des Münchner Duos M+M aus dem Jahr 2019: "Weil zwei Gottesanbeterinnen im selben Puppenhaus-Schlafzimmer miteinander auskommen müssen, beißt plötzlich ein Insekt das andere tot und frisst ihm genüsslich Stücke aus dem Leib. Manche Zuschauerinnen nicken ungerührt, als der Abspann läuft. Unvorstellbar an dem Film ist eigentlich nur, dass er ohne Computereffekte mit zwei echten Gottesanbeterinnen gedreht wurde (das sterbende Tier nimmt sich einen Puppen-Stuhl zur Verteidigung, als spielte es die Rolle seines Lebens in einem Hitchcock-Film)." Für die SZ bespricht Jürgen Moises die Ausstellung, die auch Werke von Laurie Anderson und Jeff Wall zeigt.

Bild: Onur Dülger vor dem Ford-Arbeiterwohnheim Köln, 1965, Foto: Onur Dülger, DOMiD-Archiv, Köln

Wie selbstbewusst sich Arbeitsmigranten in den Siebzigern in Deutschland auf Fotografien inszenierten, aber auch die "prekären" ökonomischen Verhältnisse, in denen jene lebte, erkennt Beate Söntgen (FAZ)  in der Ausstellung "Vor Ort: Fotogeschichten zur Migration" im Kölner Museum Ludwig: "Die Schau versammelt private Fotos, schriftliche Zeugnisse und aufgenommene Stimmen, die vom Erleben und Leben in der neuen Umgebung berichten. So unterschiedlich diese vielfältigen Schilderungen von Ankunft und Wohnsituationen, von Alltag und Festtagen auch sind, wird eines deutlich: Das Medium Fotografie wird bewusst genutzt, zur Aneignung des neuen Ortes und zur selbstbewussten Inszenierung vor der zunächst noch fremden Kulisse, um den Daheimgebliebenen ein Bild des Lebens in Köln zu übermitteln."

Außerdem: Bei Monopol fordert Raimar Stange mehr "engagierte Umwelt-Kunst". In der FAZ erzählt Stefan Trinks die Geschichte von Albrecht Dürers Kupferstich "Das Große Pferd", der bereits 1851 in die Kunsthalle Bremen gelangte und nun nach Stationen in Brandenburg, Usbekistan und Kanada wieder zurückkehrt. Besprochen werden die Ausstellung "Lyonel Feininger in Berlin" in der Berliner Galerie Parterre mit Karikaturen vom Großstadtleben (taz, Tagesspiegel) und eine Joseph-Beuys-Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die sich unter dem Titel "Von der Sprache aus" auf die Spuren des "Unbehagens mit Beuys" begibt, wie Brigitte Werneburg in der taz schreibt. Außerdem die Ausstellungen "Beuys - Lehmbruck. Denken ist Plastik" in der Bonner Bundeskunsthalle und  "Lehmbruck - Beuys. Alles ist Skulptur" im Duisburger Lehmbruck-Museum (NZZ).
Archiv: Kunst

Literatur

"Von der anregenden Kultur des kraftvollen Verrisses ist fast nichts mehr geblieben", seufzt Rainer Moritz in der NZZ, die Literaturkritik schippere mehr und mehr durch lauwarme Gewässer. "Der Bedeutungsverlust der Literaturkritik, der sich seit längerem auch darin manifestiert, dass selbst überschwängliche Rezensionen die Verkaufszahlen nur noch selten in die Höhe treiben, führt zu einer merkwürdigen Verschiebung dessen, was an Büchern gelobt wird. Wo mit feinsinnigen ästhetischen Wertungen kaum noch ein Blumentopf zu gewinnen ist, schicken sich Kritiker mehr und mehr an, Literatur auf ihre gesellschaftliche Relevanz zu befragen." So "waltet in der Literaturkritik ein unheilvoller 'Inhaltismus'. Wo Romane Aktuelles wie Rassismus, Migration, Umweltzerstörung oder Queerness verhandeln, dürfen sie automatisch auf breite Resonanz hoffen. Die vermeintliche Wichtigkeit des Themas überlagert die Frage, ob die Autorinnen und Autoren in der Lage sind, ästhetisch zu überzeugen."

Weitere Artikel: Im Literarischen Leben der FAZ sprechen die Comickünstlerin und -forscherin Lina Ghaibeh und der Comiczeichner George Khoury über arabische Comics, die sich in den letzten zehn Jahren nicht nur als Form für Erwachsene, sondern auch als Forum des politischen Protests etabliert haben. Die FAS hat ihr Gespräch mit der US-Autorin Emma Cline online nachgereicht. Gustav Seibt (SZ) und Andreas Platthaus (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Martin Mosebach zum 70. Geburtstag. Arno Widmann schreibt in der FR einen Nachruf auf den italienischen Schriftsteller und Verleger Roberto Calasso (weitere Nachrufe hier). Petra Schellen schreibt in der taz zum Tod der Schriftstellerin Jutta Heinrich. Und Tell gibt Lesetipps für den Sommer.

Besprochen werden unter anderem Ann Petrys "Country Place" (FR), Till Raethers "Treue Seelen" (taz), Daniela Kriens "Der Brand" (Tagesspiegel), der Briefwechsel zwischen Günter Eich und Rainer Brambach (Tagesspiegel), Gisela Elsners neu aufgelegter Roman "Fliegeralarm" (Tagesspiegel), George Packers Essay "Die letzte beste Hoffnung" zur Lage der USA (taz), Ida Lødemel Tvedts Essayband "Tiefseetaucher" (Intellectures), Lola Lafons "Komplizinnen" (Literarische Welt), Gaito Gasdanows Erzählungsband "Schwarze Schwäne" (SZ) und Ian McGuires "Der Abstinent" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Literaturkritik, Rassismus

Film

Bitter: Am Donnerstag stand die brasilianische Kinemathek in Flammen, das größte Filmarchiv Südamerikas, schreibt Eric Kohn auf IndieWire. Ein Kurzschluss war wohl die Ursache, das Gebäude hätte eigentlich saniert werden müssen, doch die Bolsonaro-Regierung hatte vor über einem Jahr die Mittel gestrichen. Seitdem liegt die Filminstitution brach. Auch beim Filmfestival in Cannes gab es dazu deshalb vor kurzem kritische Notizen. "Zwar ist es noch zu früh, um das tatsächliche Ausmaß des Schadens zu beziffern, doch erste Berichte direkt vor Ort zeigen, dass zwar niemand in den Flammen zu Tode gekommen ist. Aber der Brand hat einen gehörigen Teil des Gebäudes verschlungen, in dem nach Angaben von Ex-Mitarbeitern viele Archive lagern."

Kühn im Angesicht des Feindes: Scarlett Johansson als "Black Widow"

Scarlett Johansson verklagt den Disney-Konzern, in dessen Marvel-Blockbuster "Black Widow" sie gerade zu sehen ist. Hintergrund: In den USA kam der lange aus bekannten Gründen verschobene Film gleichzeitig in die Kinos und ins konzerneigene Streamingangebot - mit der Folge, dass der Film in den Kinos binnen kurzer Zeit in der Publikumgsgunst einbrach und Raubkopien in bester Qualität das Netz fluteten. Da Johansson neben den 20 Millionen Dollar Gage auch am Kinoumsatz beteiligt ist, sieht sich die Schauspielerin von der Konzernstrategie erheblich geprellt. Auf Social Media ist das Ganze längst ein von popcornessenden Zaungästen freudig beobachtetes Seifenoper-Scharmützel. Doch "ausgehandelt wird letztlich die Zukunft der Branche", schreibt Matthias Lerf im Tages-Anzeiger. Ähnlich sieht es Daniel Kothenschulte in der FR: "Für das Studio ist die neue Verwertungsstrategie von doppelter Bedeutung: Die rund 60 Millionen Dollar, die der Film am Startwochenende auf dem Streamingkanal zusätzlich zu den 158 Millionen in den Kinos einspielte, stammen von zwei Millionen Kunden und Kundinnen. Sie alle zahlten 29,99 Dollar extra, aber was noch wichtiger ist: Viele wurden neu gewonnen. Davon haben die Kinos natürlich nichts, im Gegenteil: Ohne die erfolgreichen Sommer-Blockbuster fürchtet eine ganze Kultur ums Überleben. Deshalb ist Johanssons Klage so wichtig."

Weiteres: Für die Presse empfiehlt Lukas Foerster Filme von Jean-Claude van Damme im Stream. Besprochen werden Xavier Dolans "Matthias & Maxime" (Freitag, Jungle World, mehr dazu hier), M. Night Shyamalans Horrorfilm "Old" (Standard, Freitag), Franka Potentes "Home" (SZ, mehr dazu hier) und die Netflix-Serie "Young Royals" (Welt).
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Archiv: Film

Bühne

So frisch hat man Wagner selten erlebt, jubeln die Theaterkritiker aus Bayreuth, wo der ganze "Ring" nun fürs Zwischenjahr an einem Tag gezeigt wurde. Das Highlight war natürlich Hermann Nitschs farbgewaltige "Walküre"-Performance, schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ: "Alles rinnt, strahlt, platscht, tropft, schmiert. Der Synästhetiker Nitsch, der alles aus dem Off dirigiert, übersetzt Wagners dunkle Leidenschaften und Verzweiflungen in helle Leuchtstreifen und Farbseen." Aber auch der finnische Dirigent Pietari Inkinen brilliert, hält Jan Brachmann in der FAZ fest: Er hat "Wagners Musik zur 'Walküre', wo immer es sinnvoll war, von aller Erdenschwere befreit. Man hört einen Wagner jenseits der Klangvorurteile des Massigen, eine Musik, die ohne das Imponiergehabe gehörnter Helme auskommt und trotzdem stark ist. Zartes Farbenspiel von Naturbeschwörungen, Raffinement der Psychologie, alles, was die Symphoniker Frankreichs, Russlands und Finnlands an Wagner später faszinierte, schwingt hier mit als geistige Resonanz eines europäischen Ereignisses, das nicht auf den Sonderweg deutscher Düsternis und Wucht zu reduzieren ist." Inkinens "gar nobel auf Feinheiten angelegte Arbeit ging doch zu sehr ins Behutsame", findet indes Ljubiša Tošić im Standard.

Für Judith von Sternburg (FR) ist der eigentlich "Coup" dieses alternativen "Rings" allerdings Gordon Kampes Auftragsarbeit "Immer noch Loge", basierend auf einem Text des Schriftstellers Paulus Hochgatterer. Kampe erarbeitete "wagemutig und intelligent ein Stück darüber, wie es nach dem Weltenbrand, dem Zurückstellen der Lage auf 'Rheingold'-Ursprungsniveau weitergehen könnte. Wagners Musik spielt dann offenbar keine große Rolle mehr, Kampe zitiert (fast) nicht, er schafft vor allem ein ganz eigenes, mit Richard-Strauss-Kantilenen und Paul-Dessau-Drive lockendes Werk. Umgesetzt wird es zur Uraufführung von Puppenspieler Nikolaus Habjan, dessen Erda vom Rollstuhl aus mit großer Klappe singt, vor sich am Fuß einer Rampe Richtung Teich der Käfig, in dem der verkohlte, aber untote Loge als Weltanzünder vom Dienst auf sein Urteil durch die Frauen wartet. Die Rheintöchter, eine scheint verstorben, schwippern im Teich." Im Tagesspiegel bespricht Eleonore Büning den Ring.
Archiv: Bühne

Musik

Weg vom Goth-Punk-Image, hin zur erhabenen Ikone: Billie Eilish (Universal Music)

Billie Eilishs zweites Album "Happier Than Ever" ist das Pop- und Feuilleton-Großereignis der Woche. In der SZ staunt Joachim Hentschel: "Der Gedanke fühlt sich erst absurd an, wird aber immer reizvoller, je länger man sich diese neue Musik anhört: Angesichts der schieren Intensität, mit der die Teenagerin Eilish in den vergangenen rund vier Jahren begleitet, durchleuchtet und in allen Farben repräsentiert wurde, wirkt 'Happier Than Ever' wie ein echtes Alterswerk. Sie dürfte die erste Person der Popgeschichte sein, die das mit 19 hinkriegt." Maßgeblich laut Hentschel ist auch, dass Eilish, anders als andere junge Pop-Acts, eben auch die Generation über 30 erreicht.

Sanfter als das noch jugendlich verspielte Debütalbum vor zwei Jahren ist diese Platte geworden, schreibt Beate Scheder in der taz. Insbesondere das Titelstück rage heraus, "ein fantastischer Song, der beste des Albums", während die übrigen "doch etwas herumplätschern, sich zu sehr auf die Schönheit von Eilishs Stimme verlassen." Der Song steht tatsächlich etwas neben den weiteren Stücken, meint auch Nadine Lange im Tagesspiegel, doch vielleicht ist das auch einfach "der Katharsis-Song, mit dem Billie Eilish die alten Dämonen endlich austreiben kann."



Eilish nimmt sich auch hier wieder alle Freiheiten heraus, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Dennoch klingt dieses Album "ganz anders, bestimmt von Akustikgitarre und Schlagzeugverzicht, detailfreudig ausbalancierten Orgeltemperaturen und Beats, die eine Richtung eher vor- als einschlagen. Herausstechende Refrains oder Zugeständnisse an Radio und Streamingdienste enthält 'Happier Than Ever' nicht, dynamische Momente zögert das Album immer wieder so weit wie möglich hinaus. Bei keinem der Songs kann man sich vorstellen, dass ihn irgendjemand 100-mal hintereinander hört. ... Ein vergleichbares Album, das den größtmöglichen Erwartungen an Gebrauchsfertigkeit und Playlistigkeit mit ebenso großer Gediegenheit begegnet, wäre in der aktuellen Poplandschaft höchstens noch von Lana Del Rey vorstellbar." Weitere Besprechungen in FAZ, Standard und Welt.

Mit einer in Gründung befindlichen Deutschen Popakademie und einem Preis für Popmusik, der, anders als der eingestellte Echo, nicht nur nach reiner Branchenperformance vergeben werden soll, soll der deutsche Pop besser, interessanter und kulturell signifikanter werden. Schaunmermal, denkt sich da Juliane Liebert in einer Abwägung der Lage in der SZ. Zu tun gäbe es ja reichlich: "In der deutschen Pop-Rezeption ergänzen sich zwei schädliche Tendenzen: Zum einen hält sich hartnäckig der intellektuelle Dünkel gegenüber Massenkultur" und zum anderen "ist der deutsche Mainstream, ob im Film oder der Musik, oft auch erschreckend öde", was viele Gründe hat: "Eine hierzulande verbreitete Konsenssucht spielt eine Rolle, ein Hang zur Fehlervermeidung, der die Fehler manchmal erst produziert, und ein wurstiger Wille, etwas Gutes und Relevantes zu tun, was leider regelmäßig zum Triumph des ethischen Schafsinns über den ästhetischen Scharfsinn führt."

Eine traurige Meldung in Le Monde. Der Gitarrist Jacob Desvarieux, der mit seiner Gruppe Kassav die Antillen zu einer Größe in der Weltmusik machte, ist im Alter von 65 Jahren an Covid-19 gestorben.



Weiteres: In der Presse schreibt Thomas Kramar einen Nachruf auf den österreichischen Popradio-Macher Martin Blumenau. Besprochen werden ein Auftritt von Esther Ofarim (taz), ein Konzert von Michael Wollny (FR), das neue Album der Retro-Soulband Durand Jones & The Indications (ZeitOnline) und das Debüt der Rapperin John Glacier (ZeitOnline).
Archiv: Musik