Efeu - Die Kulturrundschau

Körperlose Wesen in roten Gewändern

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13.01.2022. Stromae hat in den französischen Fernsehnachrichten über seine Depression, nein, nicht gesprochen. Nils Minkmar ist in der SZ von seinem Auftritt tief gerührt. Welt-Kritiker Manuel Brug fühlt sich in Block B, Reihe Fünf, Platz 1 der Elphi jetzt durchaus wohl. Die Zeit bringt ein Gespräch mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der überraschend für eine Inszenierung nach Hamburg ausreisen durfte. Die Zeit fürchtet auch einen kulturpolitischen Skandal bei der Documenta. Der Freitag kommt auf die Krise der Filmbranche zurück, wie sie sich im aktuellen Golden-Globes-Debakel darstellte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2022 finden Sie hier

Musik

Nils Minkmar ist in der SZ tief gerührt von Stromaes Auftritt in den französischen Nachrichten, wo der Sänger zu seinem Comeback die Frage nach seiner langen, wohl depressionsbedingten Auszeit mit einem gesungenen Lied beantwortete - natürlich eine abgesprochene Aktion. Jetzt diskutiert Frankreich rege, ob mit diesem Coup nicht Dämme eingerissen werden - doch gehen solche Vorwürfe fehl, denn die Sache hat historischen Ereignischarakter: "Indem sich der Sänger direkt an das Publikum wendet, in die Kamera singt, vertraut er ihm. Seine erste Zeile ist eine Spiegelung, er beschreibt eine Grunderfahrung: 'Ich bin nicht allein damit, allein zu sein.' Dann entfaltet sich dieses durchweg meisterlich geschriebene Lied, eigentlich ein klassischer Chanson, dessen schwarze, brisante Themen mit einer hypnotisierenden, balladenhaften Melodie kontrastieren. Stromae und die Redaktion machen damit etwas, das im Fernsehen selten geworden ist: Sie gehen ins Risiko. ... Stromaes Lied ist, dies als Erstes, große Kunst."



Block I, Reihe Vier, Sitz 24 dürfte wohl der bekannteste Sitzplatz der jüngeren Feuilletongeschichte sein. Hier saß Welt-Kritiker Manuel Brug vor fünf Jahren bei der Eröffnung der Elbphilharmonie und war schier fassungslos, was sich ihm auf diesem Platz akustisch bot (unser Resümee). Jetzt, zum ersten großen Bestehensjubiläum, hat er seinen lieben Frieden mit dem Haus gemacht (und ist sehr froh, dass der Sitz wegen der Coronamaßnahmen derzeit gesperrt ist): Auf der Position Block B, Reihe Fünf, Platz 1 sitzt er nun "schön frontal schräg und halbnah zum Podium, genau spiegelbildlich zum Intendantendienstsitz auf der anderen Saalseite. Und? Kannste nicht meckern." Zumal in fünf Jahren Elbphilharmonie ohnehin "das Sehen (und Gesehenwerden) fast wichtiger wurde als das Hören. Hier erlebt man Akustik ganz besonders mit den Augen." So ist "Elphi" dann doch "eine Musikmaschine von exzellenter Strahlkraft und wirklich ein Hamburger Kulturkraftwerk der allerschönsten Art" geworden. Damit dürfte dann auch die Presseabteilung des Hauses endgültig versöhnt sein.

In der FAZ sammelt Jürgen Kesting in einem einzigen Satz (wenngleich unter Zuhilfenahme zahlreicher Semikola) die schönsten Übertreibungen zum Jubelfest der Elbphilharmonie, nur um am Ende selbst in den Chor der Gratulanten einzustimmen und sich von Beethovens "Fidelio" mitreißen zu lassen: "Wer ein solches Haus errungen, / Stimm' in unsern Jubel ein, / nie wird sie zu hoch besungen, / hehrster Ort der Kunst zu sein."

Außerdem: Hanspeter Künzler porträtiert für die NZZ Cat Power, die mit "Covers" gerade ein neues Album vorlegt. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über Gisbert zu Knyphausens "Seltsames Licht". In der SZ legt Jakob Biazza den ARD-Jahresrückblick von Dieter Nuhr und das neue Album der Antilopen-Gang nah beisammen. Besprochen wird Gina Schwarz' Album "All Alone 2020" (Standard).
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Stichwörter: Elbph, Stromae, Chanson

Film

Die Waffen der Frau: gnadenlose Selbstermächtigung in "Scream 5"

Mit seinen vier smarten "Scream"-Filmen hat Wes Craven das Horrorkino auf die Meta-Ebene geholt und ihm den Spiegel vorgehalten - und noch dazu die Fans für ihr lebenslang angesammeltes unnützes Wissen belohnt. Ein paar Jahre nach Cravens Tod versucht nun "Scream 5" das Erfolgsrezept nochmal aufzutischen - und scheitert auf ganzer Linie, meint Andreas Busche im Tsp: "Keiner, der sich nur ein bisschen mit dem aktuellen Hollywoodkino auskennt, kann noch darüber lachen, wenn die Figuren erklären, wie blöd das Publikum eigentlich sei, sich wieder und wieder aufgekochten Quark wie 'Matrix Resurrections' oder 'Ghostbusters: Legacy' vor die Nase setzen zu lassen. 'Scream 5' verkauft die Formeln des modernen Franchisekinos tatsächlich als smarten Insider-Witz. Dabei wissen wir längst, welches kommerzielle Kalkül dahintersteckt, wenn heute sogenannte legacy actors aus dem Original (Arquette, Campbell, Cox) für Reboots benötigt werden. Als 'Requel' erklärt Mindy dem doofen Publikum den Film, in dem es gerade sitzt." Mehr Freude hatte NZZ-Christian Saehrendt, der eine "packende, nervenaufreibende Reflexion über das Böse" sah: "Weibliche Selbstermächtigung in Form von Wehrhaftigkeit und Coolness war selten so gnadenlos wie hier."

Im Freitag kommt Barbara Schweizerhof nochmal auf die Krise der Filmbranche zu sprechen, wie sie sich im aktuellen Golden-Globes-Debakel (unsere Resümees hier und dort) darstellt - die Preise wurden in diesem Jahr in der Öffentlichkeit per Twitter-Thread bekannt gegeben und erwiesen sich einmal mehr "als überaus geschmackvolle Auswahl der bereits als Oscar- und Emmy-Kandidaten gehandelten Favoriten, verstärkten aber genau damit eine Furcht, die unter den Kino-Liebhabern um sich zu greifen beginnt. Das Kassenergebnis dieser Oscar-Favoriten ist nämlich dabei, Negativrekorde zu unterschreiten. Die Ursachen dafür sind vielfältig und mit dem Stichwort Covid allein nicht abgetan. Mit dem falschen Glamour einer Veranstaltung wie der Golden Globes aufgeräumt zu haben, wirkt in diesem Kontext einerseits wie schlechtes Timing - Kinos in aller Welt hätten davon vielleicht profitiert -, andererseits fühlt es sich auch so zeitgemäß wie nie an. Aufs Wesentliche zurückgeworfen, im Prozess der Neubewertung und Umstrukturierung."

Zumindest in einer Hinsicht scheinen sich die Globes in diesem Jahr allerdings nicht als Vorbote der Oscars anzubieten: Die finden nämlich (wie im übrigen auch die Berlinale) tatsächlich statt und erstmal seit einiger Zeit wieder mit Moderation, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ.

Besprochen werden Ninja Thybergs pornobranchenkritischer Spielfilm "Pleasure" (taz), das Buch "Was wir filmten" über ostdeutsche Filmfrauen (Tsp), Pablo Larraíns "Spencer" mit Kristen Stewart als Prinzessin Diana (Welt, Tsp, FR, taz, mehr dazu bereits hier), Pawo Choyning Dorjis Bergdorfdrama "Lunana", mit dem Bhutan ins Rennen um den Oscar geht (SZ), Robert Guédiguians "Gloria Mundi" (SZ, FR), Joel Coens "Macbeth" (NZZ) und die dritte Staffel der HBO-Serie "Succession" (NZZ). Außerdem erklären uns die Kritikerinnen der SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen.
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Literatur

Dank Cancel Culture hat Norman Mailer wieder Konjunktur, beobachtet Claudius Seidl von der FAZ: Nachdem publik wurde, dass Random House in den USA zum anstehenden 100. Geburtstag des Essayisten von der Veröffentlichung eines Sammelbandes dann doch abgesehen hat - angeblich, weil ein Verlagsmitarbeiter wegen Mailers Essay "The White Negro" Einspruch erhoben hatte -, wird über Mailer in literarischen Kreisen nun wieder rege diskutiert und ein geschäftstüchtiger Verlag hat sich die Anthologie längst ins eigene Portfolio geholt. Sollte es aber tatsächlich Einwände gegeben haben, wäre dies für Seidl "ein Skandal, ein Fall von schockierender Ignoranz", denn "dieser Essay ist geradezu das Gegenteil eines rassistischen Textes. ... Im Kern handelt der Text davon, dass jetzt, nach dem Holocaust und angesichts der Bedrohung der ganzen Menschheit durch Atomwaffen, endlich auch weiße Leute eine Erfahrung machten, die den schwarzen Amerikanern schon immer geläufig sei: dass die banalsten alltäglichen Verrichtungen, ein Schritt vor die Tür, das Überqueren der Straße, eine tödliche Gefahr bedeuteten. Der Hipster, schreibt Mailer, sei der Weiße, der von den Schwarzen gelernt habe, angesichts hoffnungsloser Zukunftsaussichten mit Würde die reine Gegenwart zu erleben."

Außerdem: Für die SZ hat Marlene Knobloch Ronja von Rönne besucht, die mit "Ende in Sicht" gerade ihren zweiten Roman veröffentlicht hat. Besprochen werden Michel Houellebecqs "Vernichten" (Freitag), Svealena Kutschkes "Gewittertiere" (online nachgereicht von der FAZ), Candas Jane Dorseys Krimi "Drag Cop" (Presse), Stan Sakais Comicreihe "Usagi Yojimbo" (Tsp) und Luo Lingyuans "Sehnsucht nach Shanghai" (FAZ).
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Bühne

In der Zeit unterhalten sich Peter Kümmel und Christine Lemke-Matwey mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der überraschend für eine Inszenierung nach Hamburg ausreisen durfte. Angst habe er nicht, höchstens um seinen 88-jährigen Vater: "Man will, dass ich nach Russland zurückkehre - also mache ich das. Ich finde es wichtig, sich an Regeln und Gesetze zu halten. Das schützt mich, und es schützt die Menschen, die mir geholfen haben, zu überleben - und die auch diese Reise ermöglicht haben, durch Unterschriften oder die richtigen Papiere. Vor diesen Menschen habe ich eine Verantwortung, und die nehme ich ernst. So wie ich in der Kunst Verantwortung trage für alle, die mit mir arbeiten. Ich bin kein Rockstar, der seinen Fuß über die Grenze setzt und sagt: Fuck off!"

Weiteres: In der neuen musikzeitung unterhält sich Konstantin Parnian mit Lukas Kleitsch und Simon Scriba vom studentischen Kollektiv "Operation der Künste" über ihre Inszenierung von Viktor Ullmanns in Theresienstadt geschriebene Oper "Kaiser von Atlantis", das sie mit Werken jüdische Komponistinnen kombiniert haben. Besprochen werden Bellinis "Zaira" in Gießen (FR) und Martin Grubers "Große Show" am Werk X in Wien (nachtkritik).
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Stichwörter: Serebrennikow, Kirill

Kunst

Laurie Anderson, Hsin-Chien Huang, Chalkroom, 2017, courtesy of the artist. Foto: Ron Blunt


Von Laurie Anderson lässt sich FAZ-Kritiker Christoph Weissermel jederzeit ihre Träume erzählen. Sie ermuntern zu eigenen Geschichten, lernt er beim Besuch ihrer Ausstellung "The Weather" im Hirshhorn Museum in Washington vor ihrer Arbeit "Salute", eine Installation aus dem Jahr 1974, "die die Fortsetzung des Traumes mit anderen Mitteln auf sinnlichere Weise weiterspinnt: Zu beiden Seiten eines dunklen Ganges schwenken Roboterarme rote Fahnen. Mal schwungvoll, mal zögerlich ... Es ist ein apokalyptisch anmutendes Ballett, das hier zum Soundtrack der Ausstellung aus elektronischen Klängen, Stimmen, Streichmusik und Donnergrollen aufgeführt wird - körperlose Wesen in roten Gewändern, elegant und martialisch zugleich. Diese Ambivalenz der möglichen Deutungen ist es auch, die in Andersons Schaffen immer wieder eine entscheidende Rolle spielt."

Die Documenta 15 hat ein Problem: eine ganze Reihe eingeladener Künstler unterstützt nicht nur die Israel-Boykottbewegung, sondern ist offen antisemitisch, so der Vorwurf. In der Zeit schüttelt Thomas E. Schmidt den Kopf: "Kaum erklärlich ist es, dass die Debatten des vergangenen Jahres um die Israelfeindlichkeit der identitären Linken im Kunstbetrieb und der Postkolonialisten von den Documenta-Planern einfach ignoriert wurden. Das Ganze wird sich nun, dazu ist wenig Fantasie nötig, zu einem kulturpolitischen Skandal auswachsen." Aus die neue Kulturministerin Claudia Roth wird sich äußern müssen, meint Schmidt, sonst könnte es bald vorbei sein mit der Documenta, die ihn auch künstlerisch in den letzten Jahren wenig überzeugt hat.

Zum Tod des Kinderbuch-Zeichners Ali Mitgutsch schreiben in der FR Judith von Sternburg, in der FAZ Tilman Spreckelsen, in der taz Eva-Christina Meier, in der Welt Elmar Krekeler und auf Zeit online Johannes Schneider. Der Dlf Kultur hat sein großes Interview mit dem Künstler von 2014 aus dem Archiv geholt und wieder online gestellt.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Songs of the Sky. Photography & the Cloud" im C/O Berlin (taz) und Mounira al-Solhs Selbstporträt-Ausstellung "13 April, 13 April, 13 April" im Museumsquartier Osnabrück (taz).
Archiv: Kunst