Efeu - Die Kulturrundschau

Drama des Nichtgelingens

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21.06.2022. Empörung mit Verzögerung nach der Entdeckung eines antisemitischen Wimmelbildes auf der Documenta: "Die Documenta fördert Propaganda im Goebbels-Stil", twittert etwa die israelische Botschaft, die Feuilletons atmen schwer und die Documenta selbst ist traurig über "die Unmöglichkeit des Dialogs". Der Osten wird immer noch aufs Skurrile reduziert, stöhnt die NZZ über Leander Haußmanns "Stasikomödie". ZeitOnline empfiehlt statt Valium die Berieselung mit misogynen Ressentiments von Drake.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2022 finden Sie hier

Kunst

Documenta-Drama nächster Akt: Das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi zeigt in der Nähe des Fridericianums ein neun mal zwölf Meter großes, an ein Schlachtengemälde erinnerndes Wimmelbild, zu sehen sind unter anderem ein Schwein mit Davidstern, auf dessen Helm "Mossad" steht und die Karikatur eines orthodoxen Juden, mit Raffzähnen und SS-Runen auf dem Hut.

Die SZ, bisher ein eiserner Verteidiger Ruangrupas, stöhnt auf, versucht aber nicht, die Sache schön zu reden: "Die Frage, ob auf der Documenta Antisemitismus einen Platz hat, ist mit dem Werk von Taring Padi aufs Übelste beantwortet", schreiben Jörg Häntzschel, Catrin Lorch und Nele Pollatschek in der SZ und recherchieren, weshalb das Riesenwerk bisher übersehen wurde: Es war erst am Freitag gegen 17 Uhr installiert worden, weil es eingerissen war und an den Rändern von einem Sattler verstärkt werden musste: "Die Fragen, die sich nun stellen, sind unangenehm bis unwürdig, und sie sind von großer Tragweite, weit über die Kunstwelt hinaus. Ist das skandalöse Riesenbild aus Canvas tatsächlich gerissen? Haben sich wirklich deutsche Restauratoren im Auftrag der Weltkunstschau über ein Werk gebeugt, das Juden mit blutroten Augen, geschliffenen Zähnen, SS-Runen oder mit Schweinefratzen zeigt, um es dann hissen zu lassen? Warum sind die Kuratoren, die veranstaltende Documenta GmbH oder die Stadt Kassel nicht eingeschritten? Kontrollverlust oder ein vorsätzlicher Anschlag auf die Weltkunstschau?"

Entdeckt hat die Bilder der Twitter-Nutzer Thorsten Sommer (nicht mal 200 Follower) und löste einen Sturm aus. Twitter hat die Bilder dann teilweise wegen Bedenklichkeit gesperrt:


"Die Documenta fördert Propaganda im Goebbels-Stil", twittert etwa die israelische Botschaft, Meron Mendel sagt gegenüber der Berliner Zeitung: "Dass im Zentrum der Documenta Juden diffamiert und beleidigt werden, darf von den Kuratoren nicht übersehen werden. Das verwundert auch insofern, dass man in der Folge der vorherigen Vorwürfe immer wieder beteuert hatte, alles genau geprüft zu haben und keinen Antisemitismus zu tolerieren." Und auch Claudia Roth erkennt jetzt die "antisemitische Bildsprache". Und die Deutsch-Israelische Gesellschaft legt die Sache der Staatsanwaltschaft vor.


"Die Künstler von Taring Padi waren am Samstag bei einer ekelhaften BDS-Demonstration dabei. Alles mit Ansage", schreibt Ulf Poschardt in der Welt und fragt: Wer übernimmt jetzt die Verantwortung? "Richtig blamiert sind einige der deutschen Großkritiker, die sich die antikapitalistische Folklore als so eine niedliche Völkerschau des Globalen Südens mit der klassischen paternalistischen Geste hübsch gesehen haben. Heiter finden die das, oder als eine Utopie für alle, so, als hätte der EineWeltLaden von nebenan die wichtigste Kunstmesse des alten Westens kuratiert."

Elke Buhr, gerade noch wie viele andere empört über die Steinmeier-Rede ("Nirgendwo auf der Documenta wird das Existenzrecht Israels in Frage gestellt", unser Resümee), fragt heute bei Monopol: "Wie konnten die Organisatoren das zulassen?" Im Tagesspiegel seufzt Nicola Kuhn: "Was nun passiert ist, bestätigt die Skeptiker der vergangenen Monate. Ruangrupa und die Documenta-Geschäftsführer waren gewarnt. Sie hätten alles dafür tun müssen, dass ihnen kein antisemitisches Motiv durchgeht. Der schon vor Eröffnung spürbare Gegenwind mag seinen Ursprung auch darin haben, dass man sich die Kunst, schon gar nicht die Welt, von einem hierzulande unbekannten Kollektiv aus Jakarta erklären lassen wollte." "Abhängen", fordert nicht nur Stefan Trinks in der FAZ.

Die Documenta lässt derweil in einer Pressemitteilung verlauten, dass sie die Arbeit nun verhüllen wird: "Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment."

Ebenfalls in der SZ entdeckt Kia Vahland auf der Documenta in Filmarbeiten des Kollektivs "Subversive Films" aus Brüssel und Ramallah weitere Propaganda-Werke: Japanische Pro-Palästina-Filme aus den Siebzigern. "In einem heute unfassbaren Revolutionskitsch werden etwa wild geschnittene Bilder aus US-Western assoziiert mit den Palästinensern, diese also implizit als moralisch angeblich überlegene Ureinwohner verherrlicht." Kommentiert wird das nicht, "es geht offensichtlich nicht darum, diese Propaganda zu entlarven und Möchtegern-Revoluzzern in den Industrieländern den Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie diese schon vor einem halben Jahrhundert ihre Wünsche nach erhabener Ursprünglichkeit auf die Palästinenser projiziert und dabei Ressentiments gegen Israel geschürt oder willig in Kauf genommen haben. Das wäre ein aufklärerisches Projekt gewesen. ... Das aber wurde verpasst. Und da fragt sich dann doch, ob das Oberkollektiv Ruangrupa kuratiert, also die Arbeiten mit ausgewählt und begleitet hat. Wenn ja, haben sie das genau so gewollt. Und wenn nein: ist es ohnehin ein Fehler."

Außerdem: Mit dem "Hotel Continental" eröffnet am Freitag in einer alten Berliner Piano-Fabrik eine Plattform für ukrainische und belarussische Künstler:innen, berichtet Tom Mustroph in der taz. Besprochen wird die Joseph-Rebell-Ausstellung im Unteren Belvedere in Wien (Standard).
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Literatur

Ralph Trommer resümiert in der taz den Comicsalon Erlangen, wo sich mehrere Ausstellungen Comiczeichnerinnen widmeten, etwa  Birgit Weyhe. "Der soziologische Blick der in Ostafrika aufgewachsenen Deutschen lässt sie die eigene Familiengeschichte in grafischen Fragestellungen und Experimenten erkunden wie auch migrantische Schicksale in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten. Zeichnerisch eher roh, jedoch politisch am Puls der Zeit sind die feministischen Comics der Schwedin Liv Strömquist, die einen Bogen vom Frauenleben im Mittelalter zum heutigen Selfie-Imperium Kylie Jenners ziehen. ... Die Comics der Französin Catherine Meurisse runden den weiblichen Block mit einer breit gefächerten Schau ab: 'L'humour au sérieux' (zu dt. "Der Humor, ernstgenommen") zeigt ihre Entwicklung seit ihren Anfängen als Karikaturistin beim Satiremagazin Charlie Hebdo."

Die Schriftstellerin Amélie Nothomb ist stolz darauf, keinen Computer zu besitzen, verrät sie der FR. Das hält sie allerdings auch nicht davon ab, ein wahres Disziplintier zu sein: Ab vier Uhr morgens wird für vier Stunden geschrieben, später geht es im Verlag weiter. "Vielleicht bin ich die Reinkarnation eines mittelalterlichen Kopisten-Mönchs (lacht). Ich bin an meinem 105. Roman. Wobei nur 30 publiziert sind. ... Mit geht es beim Schreiben nicht in erster Linie um die Publikation, sondern darum, etwas aufzuklären, das sich mir zuerst entzieht. Manchmal denke ich beim Durchlesen: Schau an, das würde ich gerne mit jemandem teilen. Dann wird es publiziert. Sonst nicht." Das Schreiben ist nahtlos: "ich werde von meinem neuen 'Kind' schwanger, während ich das vorhergehende etwa zur Hälfte ausgetragen habe. Das erlaubt es mir, dauernd im Schöpfungsprozess zu bleiben. Und es ist nebenbei gesagt ein exzellentes Mittel, die Inspiration zu wahren und Ideen zu haben."

Weiteres: Die Zeit bringt eine Postkarte von Mithu Sanyal, die sich als Stipendiatin gerade in Heinrich Bölls Cottage in Irland befindet. Gerrit Bartels hat für den Tagesspiegel nachgeblättert, wie Proust in der "Recherche" über Sex schreibt.

Besprochen werden unter anderem die Werkausgabe Mechtilde Lichnowsky (SZ), Maddalena Fingerles Debütroman "Muttersprache" (taz), Luz' Comic-Adaption von Virginie Despentes' "Vernon Subutex" (Tsp), Christoph Brummes "Im Schatten des Krieges" (Tsp), Angela Köckritz' "Freude" (FR), Jordan Raditschkows "Die Schleuder" (NZZ), Leo Damroschs neue Casanova-Biografie (TA), Ulinka Rublacks Buch "Die Geburt der Mode. Eine Kulturgeschichte der Renaissance" (taz) und Peter Sloterdijks "Wer noch kein Grau gedacht hat" (FAZ).
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Film

"Drei Jahrzehnte nach der Wende wird in Deutschland immer noch viel Aufwand betrieben, um den Osten aufs Skurrile zu reduzieren. Ist es nicht Wahnsinn, so hat es doch Methode", stellt Claudia Schwartz in der NZZ fest. Den Anlass für diese Betrachtung bietet ihr Leander Haußmanns aktueller Film "Stasikomödie", über den sie nur mit dem Kopf schütteln kann - für sie ein symptomatischer Film, dass Westdeutschland die DDR nicht verarbeitet habe. Der Film bewege sich "weniger in der Tradition der satirischen Entlarvung à la Chaplins 'The Great Dictator', wie er sich das in einem Interview selber schönredet. Viel eher bedient er mit dem Opportunismus der seichten bundesrepublikanischen Filmkomödie der Achtziger den allgemeinen Unwillen, sich mit dem Osten zu beschäftigen." Die Filmkritik schreibe derweil "Sätze, die weit über eine Kinoleinwand hinausreichen. Die DDR? Längst vergessen. Das Nachdenken über ein Unrechtsregime? Nicht mehr aufgeschoben, sondern aufgehoben."

Weitere Artikel: In der FAZ plaudern die Filmemacherin Florian Gallenberger und Alexandra Maria Lara, die Doppel-Spitze der Deutschen Filmakademie, darüber, dass sie gerne Filme drehen und sich in der deutschen Filmpolitik aber vielleicht doch einmal was ändern sollte. Besprochen werden Baz Luhrmanns "Elvis"-Biopic (Standard, mehr dazu bereits hier), Dario Argentos "Dark Glasses" (Jungle World, unsere Kritik hier) und die Sitcom "How I Met Your Father" (TA).
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Bühne

Szene aus "Das Augenlid ist ein Muskel". Bild: Arno Declair

"Die großen, gesellschaftsrelevanten Themen sind zurück", freut sich Nachtkritikerin Stephanie Drees in ihrem Resümee der Lange Nacht der Autor:innen am Deutschen Theater. Etwa in Alexander Stutz' Stück "Das Augenlid ist ein Muskel": "Es ist mit Abstand der sinnlichste, intimste Text unter den drei Uraufführungen - und harter Tobak. Aaron, ein Mann in seinen Zwanzigern, hat als Kind über viele Jahre hinweg sexuelle Gewalt erlebt. Der zehn Jahre ältere Cousin hat ihn im Keller der Großmutter missbraucht, auf einer alten Matratze, immer und immer wieder. Aaron versucht, auf einem Post-it den Eltern das Unaussprechliche zu erzählen, doch die sind vor allem damit beschäftigt, die brüchige Ehe zu kitten. Aaron wird klar, als er erwachsen ist: Alle Erwachsenen wussten es." Für taz-Kritiker Tom Mustroph ist das Highlight des Jahrgangs indes Enrico Lübbes Inszenierung von Raphaela Bardutzkys "Fischer Fritz".

Besprochen werden Philipp Stölzls Inszenierung von Puccinis "Turandot" an der Berliner Staatsoper (SZ),  der "Tanzkongress" in Mainz (FR) und Ersan Mondtags "Geschwister" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (Tagesspiegel, FAZ).
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Musik

Auch das neue Drake-Album "Honestly, Nevermind" erzählt wieder ein "Drama des Nichtgelingens", stellt auf ZeitOnline Daniel Haas fest, bei dem sich Erleichterung breit macht, was eigene gescheiterte Beziehungen betrifft. Allerdings hat der Kritiker dabei zuweilen den Eindruck, "dass sich der Künstler diesmal zu sehr gefällt in seiner Rolle des von der Romantik enttäuschten Liebhabers. Dass er misogyne Ressentiments bewirtschaftet, auch wenn er sie süßlich in die Welt säuselt. Reiß dich mal zusammen, möchte man ihm dann zurufen. Fang doch lieber mal einen neuen Rapper-Beef an." Auch musikalisch ist das alles eher chillig von der schlechten Sorte:"Loungemusik, in der die Stimmen wie Hobbits klingen, die sehr viel Valium genommen haben. ... Drake macht Nieselregen-Loungemusik. Musik, die den ganzen Tag mitläuft, ohne dass sie oder sich etwas verändert. Es geht uns nicht gut und Drakes Musik sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Nichts wird besser, nichts wird schlechter. Nieselnieselniesel." Auch Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels beschleicht bei diesem von Dance-Pop durchtränkten Album zuweilen "zarte Langeweile", was auch mit "der mitunter weinerlichen Dezenz in Drakes Stimme" zu tun hat. Dennoch "lassen Stücke wie eben 'Falling Back', 'Texts Go Green' mit seinen karibischen Einsprengseln, das kantige 'Massive' oder das mit einem Flamenco-Hauch versehene, ebenfalls schön house-klöppelnde 'Tie That Binds' Lethargie gar nicht erst groß aufkommen. Im Grunde müsste man Drake nur bestärken darin, diese Offenheit musikalisch noch weiter auszudehnen."



Außerdem: Andreas Platthaus berichtet, von der FAZ online nachgereicht, von einer Hommage an den Cellisten Julius Klengel auf dem Südfriedhof in Leipzig. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Jazzproduzenten Matthias Winckelmann. Das hatten wir am Samstag übersehen: Die taz am Wochenende hat mit Nick Mason, dem Schlagzeuger von Pink Floyd, ein großes Gespräch geführt. Auf ZeitOnline spricht FKA Twigs über Liebeskummer und ihre melancholische Ader. Ihr aktuelles Stück, auf dem sie beides verarbeitet:



Besprochen werden Billie Eilishs Auftritt in Frankfurt (FR, FAZ), eine von René Jacobs dirigierte Weber- und Bach-Aufnahme, die Welt-Kritiker Manuel Brug begeistert mit der Zunge schnalzen lässt, ein Konzert der Pet Shop Boys (FR), ein Abend mit Green Day in Wien (Standard), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Schumanns Symphonien der Münchner Philharmoniker unter Pablo Heras-Casado (SZ) und das neue Album von Florence + The Machine (taz). Wir hören rein:

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