Efeu - Die Kulturrundschau

Eigentlich alles in Butter

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01.07.2022. Am Mittwoch hatte Kassel zur Diskussion über Antisemitismus in der Kunst geladen - "Schlimmer könnte es kaum laufen", resümiert die SZ, die ihr halbes Feuilleton heute der Aufarbeitung des Skandals widmet. "Wer den 'globalen Süden' bestellt, muss ihn auch als das akzeptieren, als was er sich tagtäglich, jahraus, jahrein beweist, unter anderem als antisemitisch", schreibt Bazon Brock an Sabine Schormann. Ebenfalls in der SZ erzählt Jacques Herzog, weshalb es leichter ist, Großprojekte in undemokratischen Ländern durchzubekommen. Die Berliner Zeitung wünscht dem deutschen Film mehr Wagemut.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2022 finden Sie hier

Kunst

Am Mittwochabend hatten Documenta und die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank nun also zur Podiumsdiskussion mit dem Titel "Antisemitismus in der Kunst" geladen. Auf der Bühne nahmen Adam Szymczyk, Hortensia Völckers von der Kulturstiftung des Bundes, die Philosophin Nikita Dhawan als Vertreterin der postkolonialen Theorie, Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank und Doron Kiesel als Repräsentant des Zentralrats der Juden Platz. Sabine Schormann und Ruangrupa saßen indes im Publikum. Ernüchtert resümiert Johannes Schneider (ZeitOnline) die Podiumsdiskussion, bei der viel aneinander vorbei geredet wurde: "Wo die einen auf Singularität bestehen und die anderen die Anerkenntnis derselben auch performativ verweigern, indem sie immer maximal schnell 'other urgent discussions' (Ade Darmawan) ins Spiel bringen, also nur leicht verklausuliert nach anderen -ismen und ihren Opfern fragen, gibt es dauerhaft wenig zu klären. Und ein Kompromissmodell, das Antisemitismus einen wirklichen Sonderstatus unter den Diskriminierungsformen einräumt und Israel einen Sonderstatus unter den westlichen Staaten, scheint in der postkolonialen Theorie, wie sie sich derzeit in der Debatte um die documenta zugegebenermaßen eher volkstümlich vermittelt, ebenso wenig vorgesehen wie intersektionales Empowerment beim Zentralrat der Juden in Deutschland."

"Schlimmer könnte es kaum laufen", meint auch Nils Minkmar in der SZ und fordert "personelle und strukturelle Konsequenzen": "Der Abend wurde (...) untermalt mit den großen Hits aus der Ressentimentkiste: Würden die Juden sich nicht darüber beschweren, hier mit Schweinekopf und SS-Abzeichen karikiert zu werden und mitten auf dem Friedrichsplatz im Herzen der Documenta ausgestellt oder angeprangert zu werden, wäre eigentlich alles in Butter. Der 'globale Süden' könnte gefeiert werden, die Institutionen würden zufrieden schnurren und Deutschland hätte Weltniveau." "Ruangrupa hätte nun die Chance gehabt, mit zwei gebürtigen jüdischen Israelis wie Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland und Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank aus Frankfurt öffentlich zu diskutieren", kommentiert Andreas Fanizadeh in der taz den "verstörenden Abend". In der Welt bleibt für Jakob Hayner eine Frage offen: "Was bedeutet es für das Selbstverständnis einer Gesellschaft, wenn Antisemitismus sich in einer Form äußert, die in sich selbst als aufgeklärt empfindenden Kreisen offensichtlich als ehrbar gilt, sobald nur der 'kulturelle Kontext' stimmt?" Und: "Wie muss eine Documenta neu organisiert werden, damit so ein Eklat sich nicht wiederholt?" fragt Lisa Berins in der FR nach dem Abend. Ebenfalls in der FR schreibt Sandra Danicke zu der Diskussion. In der FAZ schreibt Claudius Seidl. Und Stefan Trinks staunt, dass Claudia Roth offenbar bereits im Januar Sabine Schormann zu externer Expertise geraten habe, ein halbes Jahr später aber gegenteilig argumentierte.

In der SZ hält Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, fest: "Antisemitische, rassistische oder anderweitig gruppenbezogen menschenfeindliche Diffamierungen können sich (...) nicht auf die Meinungs- oder Kunstfreiheit beziehen. Sie verstoßen gegen den Konsens, der diese Freiheiten ermöglicht. Deshalb haben auch konkrete Positionen des BDS in künstlerischen Programmen nichts zu suchen, ganz gleich, ob sie allesamt oder nur im Einzelfall als antisemitisch betrachtet werden.

"Liebe Frau Schormann, bitte auf keinen Fall zurücktreten", schreibt Bazon Brock in einem bisher unbeantworteten Brief an die Documenta-Leitung, den die SZ heute abdruckt. Verantwortlich seien diejenigen, die die absolut autonome künstlerische Leitung bestellt haben: "Wer den 'globalen Süden' bestellt, muss ihn auch als das akzeptieren, als was er sich tagtäglich, jahraus, jahrein beweist, unter anderem als antisemitisch. Es ist lächerlich und anmaßend, wenn man, wie die Ministerin es tat, uns Jakarta als beispielhaft für gelungene künstlerische Intervention in sozialen Fragen vorstellt, ohne die Realität, die dahintersteht, anzuerkennen. Alle diese Staaten des 'globalen Südens' sind nicht nur religiös fundamentalistisch ausgerichtet, sondern verglichen mit der Sozialstaatlichkeit Westeuropas lassen sie asoziale Haltungen geradezu als selbstverständlich gelten."

In zweiten Text, einem ganzseitigen Essay, beklagt Brock den "Missbrauch" des Paragrafen 5.3 GG: "Paragraf 5.3 des Grundgesetzes stellt ausdrücklich Künstler und Wissenschaftler mit ihren Arbeitsresultaten 'frei', will sagen, dieser Paragraf entzieht sie der Zensur kultureller Kollektive, und damit auch und vor allem fundamentalistischen Absolutheitsansprüchen von Religionen und Weltanschauungen. Wenn man, wie heute gedankenfaul oder in vollster Absicht, Kunst und Wissenschaft für kulturelle Tätigkeiten hält, also Kunst- und Kulturträger nicht strikt unterscheidet (...), liest man Paragraf 5.3 GG gegensinnig als: Freiheit von Kulturkollektiven. So glauben viele heutzutage ernsthaft, im Namen von Identitätsansprüchen künstlerische und wissenschaftliche Arbeitsresultate zensieren zu dürfen oder gar zu müssen. Die Radikalität der Auseinandersetzung nimmt erheblich zu, wenn wir auf der diesjährigen Documenta die überaus schlichten Kulturleistungen, die vom Kuratorenkollektiv Ruangrupa vorgestellt werden, als Kunst präsentiert bekommen. Wenn wir uns dagegen jetzt nicht verwahren, wird es keine nächste Documenta geben, denn dann haben die Kulturen der Welt endgültig die Macht über die Künste und die Wissenschaften zurückerobert."

Die Initiative 5.3 GG Weltoffenheit hatte nach dem Skandal übrigens zur "Fortsetzung und Intensivierung dieses Dialogs" aufgerufen. In der Welt kommentiert Alan Posener: "Statt sich zu fragen, ob man mit diesem 'Dialog' den Re-Import des Antisemitismus fördert und finanziert, statt auch nur ein selbstkritisches Wort zu verlieren, will man die gemachten Fehler 'intensivieren'. Es gibt ein Ausmaß gewollter Blindheit und verschwurbelter Selbstgerechtigkeit, das schwer erträglich ist."

"Die jüdische Doomsday Clock läuft mit doppelter Geschwindigkeit", schreibt wiederum Nele Pollatschek im Feuilletonaufmacher der SZ: "Für Nichtjuden geht es bei Antisemitismus um Moral, für Juden um Überleben. Nichtjuden können sagen: 'Nie wieder!', Juden müssen beständig fragen: 'Schon wieder?'"

In der Berliner Zeitung setzt Harry Nutt zu einem Documenta-Rundgang jenseits all des Trubels an, um festzustellen: "Die Documenta Fifteen erweist sich (…) als verwinkelter Lehrpfad durch eine vermeintlich globalisierte Welt, in der die Marginalisierten nun verstärkt um Aufmerksamkeit bitten. Dagegen ist wenig einzuwenden, und das bringt in Kassel durchaus bemerkenswerte Ergebnisse zu Vorschein. Das plakative Versprechen der ganz anderen Kunstpräsentation zerrinnt beim Rundgang jedoch in der Mühsal, den Überblick zu behalten."
Archiv: Kunst

Literatur

Der Comiczeichner Luz hat das Attentat auf Charlie Hebdo überlebt, weil er an dem Morgen verschlafen hatte. Am selben Tag erschien "Das Leben des Vernon Subutex" von Virginie Despentes, das Luz jetzt zu einer Graphic Novel verarbeitet hat. "Vernon Subutex" ist ein sehr politisches Buch, sagt er im Interview mit der Welt. "Aber das Attentat war eine Zäsur, und ich konnte 'Vernon Subutex' lange nicht lesen. Als ich dann endlich den ersten Band beendet hatte und den langen Monolog von Vernon las, habe ich mich gefragt, wann Virginie das eigentlich geschrieben hatte: 'Ich bin ein einsamer Mann, ich bin 55 Jahre alt, meine Kehle ist seit meinem Krebs durchlöchert, und ich rauche Zigarre, während ich am Steuer meines Taxis sitze, bei offenem Fenster, und mir völlig egal ist, welche Grimassen meine Kunden ziehen … Ich bin ein Penner auf einer Bank hoch oben auf einem Hügel, in Paris.' ... Dieser Monolog gab mir das Gefühl von 'Je suis Charlie', von Zugehörigkeit. Plötzlich wusste ich, dass 'Vernon Subutex' das Buch ist, an das ich glauben will. Ich glaube an Geistesverwandtschaft."

Weiteres: Julia Franck löst Christian Döring als Programmleiterin der Anderen Bibliothek ab, meldet Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung. Bei Tell macht Sieglinde Geisel einen page-98-Test bei Sibylle Bergs Roman "RCE - #RemoteCodeExecution".

Besprochen werden Roberto Savianos "Aufschrei" (NZZ), Christoph Brummes Tagebuchaufzeichnungen aus der Ukraine, "Im Schatten des Krieges" (FR), Khaled Khalifas Roman "Keiner betete an ihren Gräbern" (FR), der Bildband "Second Nature" von Işık Kaya und Thomas Georg Blank (FAZ), der Briefwechsel 1954-1978 von Hans Blumenberg und Hans Jonas (FAZ) und Walter Isaacsons "Der Codebreaker" über die Erfindung der Genschere (FAZ).
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Architektur

Herzog & de Meuron haben das neue Paketposthallen-Areal in München entworfen. "Heute ist das iconic object die Stadt", antwortet Jacques Herzog im großen SZ-Gespräch mit Laura Weissmüller und Sebastian Krass auf die Frage, ob die Zeit der Ikonen vorbei sei. Dass für das Projekt kein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, geht für ihn in Ordnung. Großprojekte seien in undemokratischen Ländern wie Russland oder China leichter durchzubekommen: "In nicht demokratischen Ländern sind die Wege kürzer. Aber es entsteht auch dort nur gute Architektur, wenn das Gegenüber - die Auftraggeber - einen ernsthaften und kohärenten Dialog anbietet. Das haben wir so auch erlebt. (...) Ich vergleiche oder beschönige keinesfalls irgendeines dieser politischen Systeme. Schon gar nicht bevorzuge ich irgendeinen dieser Orte, wenn ich an die Freiheit im Alltag denke, die wir hier in Europa leben dürfen. Wir sprechen hier aber davon, wie sich Politik und Gesellschaft in der gebauten Welt ausdrücken und was unter welchen Bedingungen entsteht. Und radikale Schönheit von Architektur entsteht häufig eben auch in bei uns verpönten, undemokratischen Gesellschaften."
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Film

Der deutsche Film hat gewiss ein Marketing-Problem, aber vor allem "fehlen wagemutige Filme", meint Christian Bräuer, Chef der Yorck-Kinos in Berlin, im Interview mit der Berliner Zeitung. "Ich glaube, dass wir in der Kinofilmproduktion einen Paradigmenwechsel brauchen. Wir haben eine Förderlandschaft, die sich letztlich auf das Finanzieren von Produktionen beschränkt. Was fehlt, ist der Blick für das Publikum. Für wen wird dieser Film gemacht? Und es fehlt die Einsicht, dass Kino Kinogeschichten braucht. Oft werde ich in Bezug auf eingereichte Drehbücher gefragt, ob das Thema passt. Falsche Frage! Wichtig ist, ob die Dramaturgie passt. Und ob die filmische Umsetzung die große Leinwand braucht. Bei den Stoffen fehlt uns ganz offensichtlich Originelles, Kreatives, und da fehlt auch die Vielfalt, die wir in der Gesellschaft haben. Damit sich da etwas ändert, müssen wir bei den Förderungen Strukturen hinterfragen. Ansonsten verliert der deutsche Film weiter den Anschluss."

Weiteres: Maria Wiesner gratuliert in der FAZ Dan Aykroyd zum Siebzigsten. Besprochen werden die Filmkomödie "Nicht ganz koscher" von Stefan Sarazin und Peter Keller, die beim Münchner Filmfest mit dem Fritz-Gerlich-Preis 2022 ausgezeichnet wurde (filmdienst), die Diana-Doku "The Princess" (Tsp) und "Der beste Film aller Zeiten" von Gastón Duprat und Mariano Cohn (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Joachim Lange unterhält sich für die nmz mit Roland Schwab über dessen Neuinszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" in Bayreuth. In der FAZ schreibt Andreas Rossmann zum Tod des im Alter von 89 Jahren verstorbenen Theaterregisseurs Hans Hollmann.

Besprochen werden Helena Tulves und Nina Gühlstorffs Oper "Wölfe. Dokumentarische Naturoper aus Mecklenburg" am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (taz, nmz), Michael Sturmingers Inszenierung "Molière oder der Heiligenschein der Scheinheiligen" nach Michail Bulgakow bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf (nachtkritik), Luigi Dallapiccolas Oper "Ulisse" in Frankfurt (nmz) und ein Tanzabend in der Neuen Aula der Essener Folkwang Universität (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

In der taz empfiehlt Louisa Zimmer wärmstens rumänische Popmusik in Gestalt des Samplers "Future Nuggets: Sounds of the Unheard From Romania, Vol. 4" den das gleichnamige Bukarester Label-Kollektiv herausgebracht hat: Viele Künstler des Labels "zeigen sich von verschiedensten Musikströmungen beeinflusst, wie Ing. Roman von Elektro-Folk, Horus von Minimal Techno oder Plevna und Goldish von groovigem Psychedelic Rock. Bei fast allen Tracks des Samplers schimmern jedoch am deutlichsten die Einflüsse des Manele hervor. So wird ein Turbofolk-Genre genannt, das türkische, griechische, serbische, bulgarische und arabische Elemente mit zeitgenössischem Pop mischt. Seit den 1980ern spielt es vor allem in der marginalisierten Roma-Community Rumäniens eine wichtige Rolle. In den Texten von Manele-Songs geht es meist um Geld, Liebe, Sex, aber auch Geld, Korruption und Macht. Das Genre setzte sich im Mainstream nach Ende des Ceaușescu-Regimes durch, bis 1989 war es verboten und wurde nur im Untergrund gespielt. Der kommerzielle Manele-Sound von heute nutzt neben westlichen Einflüssen des Pop und Rock auch HipHop- und Reggaeton- und weitere Dancefloor-Einflüsse."

Hier eine Kostprobe von Sarra:



In der NZZ berichtet Florian Bissig vom Heavy-Metal-Festival "Out in the Green", wo ihn der Auftritt der schwedischen Band Sabaton reichlich für den coronabedingten Ausfall von Metallica entschädigte: Mit einem Panzer auf der Bühne, auf dem der Schlagzeuger thronte! "Die Band kennt tatsächlich nur ein Thema: den Krieg. Dabei hat sie sich auf den Ersten Weltkrieg spezialisiert, den die fünf Musiker mit historischer Detailkenntnis besingen, gekleidet in Camouflage-Hosen. Auch in ihren Videoclips inszenieren sie sich in Posen des Kämpfens, Tötens und Sterbens. Doch live weichen falsches Pathos und Kriegskitsch einer unbeschwerten Spielfreude und Partylust. Die wuchtigen Riffs und hymnischen Refrains im klassischen Heavy-Metal-Stil brachten Bewegung in die Menge. Der Sänger Joakim Brodén, eine comicartige Figur mit Brustpanzer, Glatze und Pilotenbrille, plauderte, prostete und scherzte fröhlich mit dem Publikum. Und der vollbärtige Wikinger am Bass strahlte und lächelte immer wärmer. Man konnte die Kerle geradezu liebgewinnen."

Außerdem: Bei laut.de berichtet Manuel Berger vom Roskilde Festival. Besprochen werden Jochen Distelmeyers Album "Gefühlte Wahrheiten" (laut), das neue Album von Grim 104, Imperium (Zeit online), ein Konzert von 50 Cent in Frankfurt (FR, FAZ), das Doppelalbum "Amaryllis/Belladonna" der Jazzgitarristin Mary Halvorson (taz), ein Konzert von Nick Cave und seinen Bad Seeds in der Berliner Waldbühne (taz, Tsp) und das Konzert von Billie Eilish in Berlin (Berliner Zeitung, Tagesspiegel)
Archiv: Musik