Efeu - Die Kulturrundschau

Vom Sinn des Abenteuers

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2022. Das Van Magazin fragt sich angesichts des "Diversity"-Mottos des Lucernce-Festivals: Ist ein solchermaßen "exotisierter Extraraum" nicht auch eine Form von Othering? So lange Fatwas und Hassprediger herumgeistern, ist die Meinungsfreiheit in Gefahr, erinnert Najem Wali in der FAZ. Außerdem entdeckt eine hingerissene FAZ in einer Dürener Ausstellung die Künstlerin Vera Molnar als frühe Pionierin der Computerkunst. In der SZ erklärt der Startenor Piotr Beczala, wo man besser nicht singen lernt: bei einem Gesangslehrer. Der Filmdienst erinnert an die Filme, die 1972 zu den Olympischen Spielen in München entstanden sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2022 finden Sie hier

Musik

Hannah Schmidt denkt im VAN-Magazin über das "Diversity"-Motto des diesjährigen Lucernce-Festivals nach. Dass viele nicht-weiße Musiker und Komponisten lieber Kontinuität und Selbstverständlichkeit in der Programmierung statt solcher Schlaglichter vorzögen, lässt sie nicht unerwähnt - wie auch den Umstand, dass es, sobald es einmal nicht um den Festivalschwerpunkt gehen, altbekannte Namen aus dem Repertoire regnet. Problematisch wird es bei den Werken von Florence Price: "Die Musik einer Schwarzen Frau ist an diesem Ort vom ersten Moment an als 'anders' markiert - anders als das, was man vermeintlich kennt - dabei ist ihre Musik spätromantisch, klassisch, sinfonisch und voll tänzerischer Raffinesse. Price zitiert hier und dort Melodien amerikanischer Indigener, einige ihrer Tänze erinnern klanglich an den Stil Dvořáks, Coplands oder Korngolds. ... Ist nun das Motto an sich nicht auch eine eher problematische Kennzeichnung, die zwangsläufig Othering und Tokenism nach sich zieht, ja beides sogar im selben Moment vereint? Schafft man mit der Betitelung 'Diversity' nicht vielmehr einen exotisierten Extraraum?"



Geldwäsche, Erpressung, Menschenhandel und illegale Prostitution - das sind die Vorwürfe, die einer kriminellen Sekte in Buenos Aires gemacht werden. Einer Sekte, zu der argentinischen Zeitungen zufolge angeblich auch Plácido Domingo seit vielen Jahren Kontakt habe, was mitgeschnittene Telefonate nun auch belegen sollen, wie Hartmut Welscher im VAN-Magazin berichtet. "Am Medienecho auf den Fall lässt sich beobachten, wie unterschiedlich die Verdachtsberichterstattung bei prominenten Protagonist:innen ausfällt und wie tendenziös dabei teilweise mit den Fakten umgegangen wird. Die großen argentinischen Zeitungen befassen sich ausführlich mit den Ermittlungsergebnissen, Hintergründen und Netzwerken der Sekte. Die Telefonate mit Domingo werden dabei erwähnt, jedoch stets auch seine strafrechtliche Unschuld. ... Ganz anders hingegen ein Kommentator in der Washington Post, der den Fall als Verlängerung und Bestätigung der Vorwürfe gegenüber Domingo von vor drei Jahren sieht - obwohl es bei Domingos Verbindungen zu Sektenmitgliedern bisher keine Hinweise auf Machtmissbrauch oder sexuelle Belästigung gibt" - "und kurzerhand eine Ende von Domingos Bühnenpräsenz fordert."

Weitere Artikel: Der Labelbetreiber Jason Grier erzählt in der taz, warum er mit dem Musiker Ariel Pink nicht mehr zusammenarbeiten kann, nachdem dieser am "Sturm auf das Kapitol" teilgenommen hatte. Eleonore Büning hat sich für das VAN-Magazin mit dem Geiger und Dirigenten Reinhard Goebel getroffen. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker in dieser Woche hier Philippa Schuyler und dort Alice Mary Smith. Im Standard porträtiert Karl Fluch Lourdes Leon, die nun in die Stapfen ihrer Mutter Madonna tritt:



Besprochen werden ein Auftritt der Sopranistin Lisette Oropesa in Salzburg (Standard), das gemeinsame Album von Danger Mouse und Black Thought (Standard, mehr dazu hier), Oehls Album "Keine Blumen" (ZeitOnline) und eine DVD-Kollektion mit allen von den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann eingespielten Bruckner-Sinfonien (SZ),
Archiv: Musik

Literatur

Salman Rushdie ist nicht alleine, erinnert der Schriftsteller Najem Wali in der FAZ. "So lange Fatwas und Hassprediger herumgeistern", ist die Meinungsfreiheit in Gefahr und jene, die dafür eintreten: "Betrachtet man die Zahl der Opfer von Fatwas, stellt man fest, wie gefährlich es für diejenigen ist und war, die Meinungs- und Kunstfreiheit verteidigen. Schon viele bezahlten mit ihrem Leben dafür." Etwa der ägyptische Publizist und politische Aktivist Farag Fouda. "Auch der ägyptische Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfuz blieb nicht von Vorwürfen der Blasphemie und Gotteslästerung verschont. Am 14. Oktober 1994 wurde er von zwei jungen Männern unweit seines Hauses in Kairo auf offener Straße in den Hals gestochen. Zum Glück war das Messer stumpf. Mahfuz überlebte, aber wie bei Salman Rushdie wurde er schwer verletzt. Auch in seinem Fall hatten im Vorfeld die Gelehrten der Azhar und die Muslimbruderschaft den Weg für den Anschlag frei gemacht. Sie hatten es schon 1959 geschafft, den Vorabdruck von Kapiteln aus Mahfuz' Roman 'Die Kinder unseres Viertels' in der Tageszeitung al-Ahram und die Erscheinung des Buchs in Ägypten zu verhindern. Der Roman kam dann 1962 in Beirut heraus, blieb aber selbst noch nach dem Attentat auf Mahfuz bis 2016 in Ägypten auf dem Index."

Paul Auster spricht in der NZZ ausführlich über Stephen Crane, den Schriftsteller, dem er gerade mit einer umfangreichen Biografie ein Denkmal gesetzt hat. "Er erzählt, wie er Cranes 1897 entstandene Novelle 'Das Monster' entdeckte", berichtet Thomas David von seiner Begegnung mit dem New Yorker Schriftsteller. "Deren komplexe Darstellung der Monstrosität des amerikanischen Rassismus überwältigte Auster ebenso wie die fragmentarische, die literarische Moderne antizipierende Erzählweise. ... 'Das Wunder bestand darin, dass all dies von jemandem geschrieben wurde, der so jung war', sagt Auster. 'Wie konnte jemand, der nur 28 Jahre alt wurde, ein solches Werk hinterlassen?' In der Biografie bezeichnet er Crane als 'Amerikas Antwort auf Keats und Shelley, auf Schubert und Mozart'."

Im ZeitOnline-Interview erinnert sich der kürzlich auch in Deutschland wiederentdeckte Schriftsteller und Drehbuchautor Gianfranco Calligarich an die Zeit in Rom in den Siebzigern: "Wir haben die Nächte plaudernd an Brunnen verbracht. Kinofilme begannen um 23 Uhr, wir kamen um ein Uhr aus den Vorstellungen und dann hat jemand gefragt: Was machen wir heute Abend? Wir gingen oft zur Piazza Navona und saßen dort bis drei oder vier Uhr. Der Sinn der Arbeit wurde überholt vom Sinn des Abenteuers, dem Sinn des Vergnügens."  Auf der Piazza Navona bekam er auch den Zuschlag für seinen ersten Roman, dort traf er sich mit Natalia Ginzburg. "Sie sagte: Schöner Roman. Wir plauderten etwa zwei Stunden und dann sagte sie: Du brauchst es niemandem mehr schicken."

Weitere Artikel: In den von Markt genommenen Merchandise-Produkten zum Kinderfilm "Der junge Häuptling Winnetou" finden sich zumindest in Spuren schwarze Pädagogik und neorechtes Denken, meint Dirk Knipphals in der taz: Wichtig ist ihm daher, "daran zu erinnern, worum es hier in der Sache erst mal geht: um verantwortungsvolle Verlagsarbeit". In der NZZ setzt der Schriftsteller Sergei Gerasimow sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Gerrit Bartels lustwandelt für den Tagesspiegel durch die Leseräume Prousts. In der SZ erinnert Gustav Seibt an Johann Christoph Sachse, ein Diener in der Weimarer Bibliothek, dessen autobiografischen Schriften Goethe populär machte. Die Lyrikerin Nora Gomringer meditiert in der "10 nach 8"-Reihe auf ZeitOnline über ihren Körper, ihre Superkräfte ("das Mehr-Werden") und Body-Positivity ("trügerisch"). Die Berliner Zeitung spricht mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann, der nun auch einen Roman geschrieben hat.

Besprochen werden unter anderem die aktuelle Ausgabe des "Literarischen Quartetts", das sich diesmal mit Salman Rushdies "Satanische Verse" befasst (NZZ), Theresia Enzensbergers "Auf See" (taz), Durs Grünbeins Lyrikband "Äquidistanz" (Standard), Lisa Eckhardts "Boum" (Dlf Kultur), Anna Kims "Geschichte eines Kindes" (FR, taz), Sigrid Nunez' "Eine Feder auf dem Atem Gottes" (FR), Alexander Granachs Autobiografie "Da geht ein Mensch" (NZZ), Charles Lewinskys "Sein Sohn" (NZZ), Behzad Karim Khanis "Hund, Wolf, Schakal" (SZ) und Adeline Dieudonnés "23 Uhr 12" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Vera Molnar, Interruptions. Plotter drawing. 1968-69. Foto: DAM


FAZ-Kritiker Georg Imdahl entdeckt in einer Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum in Düren die Künstlerin Vera Molnar, eine frühe Pionierin der Computerkunst. "Mit ihrem Mann hatte Molnar 1974 ein Programm in 'Fortran', einer Programmiersprache der Gründerzeit, geschrieben, um die Redundanz und Monotonie eines Rasters aus kleinen Quadraten 'zu brechen' - dies ohne jede persönliche, 'romantische' Handschrift. Berechnet wurden in ihren Programmen die Abweichung, der Zufall, das Unberechenbare. Dem Auge hat es in Blättern mit Titeln wie 'Sehr kleine Unordnung' und '2500 Trapeze A' einiges zu bieten. Die Vierecke drehen sich leicht aus dem Raster, scheinen aufs Blatt gesprenkelt, ein 'leichtes Zittern', so Molnar, ergreife Besitz von ihnen durch die 'Simulation von menschlicher Ungeschicklichkeit', die sie in das Programm injiziert habe. In der Sprache der Kybernetik bestand die Aufgabe darin, den Quadraten 'nicht die gleiche Erscheinungswahrscheinlichkeit zuzuweisen'. All diese Blätter sind in ihrem reduzierten Formenangebot überraschend vital, von einem anonymen Geist animiert, ausgesprochen schön." Acht Jahre später sollte die japanische Designerin Rei Kawakubo diesen anonymen Geist erneut loslassen, indem sie einige Schrauben ihrer Strickmaschinen löste, so dass das Strickmuster ihrer Pullover Unregelmäßigkeiten oder sogar Löcher aufwiesen.

Ernst Ludwig Kirchner, Doris mit Halskrause, um 1906. © Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid. Ausschnitt


Was für ein wagemutiger Visionär Karl Ernst Osthaus war, der Gründer des Folkwang Museums, erkennt Alexander Menden in der Ausstellung "Expressionisten am Folkwang: Entdeckt - verfemt - gefeiert" zum hundertsten Geburtstag des Museums. Osthaus sammelte früh expressionistische Werke, die dann bald als "entartet" galten: Zwischenzeitlich war die Sammlung "aufgrund der Beschlagnahme von rund 1400 als 'entartet' eingestuften Werken durch das NS-Regime - das größte Einzelkonvolut dieses Kahlschlags überhaupt - in alle Winde verstreut. Manche konnten zurückerworben werden, viele landeten in Privat- oder anderen Museumssammlungen. Der Nachvollzug der komplizierten Provenienz der gezeigten Arbeiten ist spannend."

In der Welt berichtet Gesine Borcherdt von drei irakischen Künstlern, die ihre Werke aus der Berlin Biennale abgezogen haben: aus Protest gegen das Werk des französischen Künstlers Jean-Jacques Lebel, der dort Bilder von Gefangenen in Abu Ghraib zeigt und sich so angeblich deren Traumata aneignet. Sprecherin der drei ist die Kuratorin Rijin Sahakian, die im Artforum die "tiefe Verstörung" beklagt, die Lebels Werk ausgelöst hat. Kurator Kader Attia ließ sich von dem Protest nicht beeindrucken und erinnerte daran, dass Lebel "das Thema Trauma durch Kolonisierung ein persönliches Anliegen ist. Er teilt Erfahrungen von Mord, Folter und Vergewaltigung in seiner eigenen Familiengeschichte in Algerien. ... Um Wandel zu erzeugen, braucht man Diversität und Dialog statt Abgrenzung und Beschuldigung. Weil Attia das weiß, zeigt er das Werk von Lebel und lässt sich nicht beirren. Und so geht es jetzt wie so häufig in den Debatten dieser Jahre um viel mehr als nur um Abu Ghraib - nämlich um die zunehmende Unfähigkeit, über Konflikte zu sprechen und die Haltung der Gegenseite zu akzeptieren."

Weiteres: In der Berliner Zeitung plädiert Ingeborg Ruthe für den Erhalt der Rieckhallen und damit des Hamburger Bahnhofs in Berlin, über deren Schicksal das Berliner Abgeordnetenhaus am Montag entscheiden soll. Besprochen werden die Ausstellungen "Zeichnen im Zeitalter Goethes" im Deutschen Romantik-Museum Frankfurt (FR) und "Aufbrüche. Abbrüche. Umbrüche. Kunst in Ost-Berlin 1985-1995" in der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank (BlZ)
Anzeige
Archiv: Kunst

Film

Filmische Archäologie: "1972" von Sarah Morris

Rüdiger Suchsland erinnert im Filmdienst an die Filme, die 1972 zu den Olympischen Spielen in München entstanden sind - und wie der antisemitische Terrorakt, der die Spiele überschattete, im Kino Nachhall fand. Neben Genrefilmen findet sich auch der Film "1972" "der britischen Videokünstlerin Sarah Morris aus dem Jahr 2008, der wohl am ehesten als archäologisch zu bezeichnen ist. Morris lässt darin ausführlich Georg Sieber zu Wort kommen, den Polizeipsychologen der Münchner Polizei. Er war vom IOC und der Münchner Polizei angestellt worden, um Gefährdungsszenarien zu entwerfen und die Sicherheitsdienste vorzubereiten. Eines seiner Szenarien war eine nahezu exakte Vorhersage: Sieber warnte schon lange vor der Eröffnung der Olympischen Spiele am 26. August 1972 genau vor dem, was dann tatsächlich passierte. Er wurde nicht gehört."

Außerdem resümiert Rüdiger Suchsland auf Artechock das Filmfestival von Locarno. Besprochen werden Amjad Abu Alalas Regiedebüt "Mit 20 wirst du sterben" (SZ, unsere Kritik hier), Adrian Goigingers Bergdrama "Märzengrund" (SZ), Pan Nalins "Last Film Show" (Standard) und die zweite Staffel von "Raised by Wolves" (ZeitOnline).
Archiv: Film
Stichwörter: Olympische Spiele 1972

Bühne

Helmut Mauró unterhält sich für die SZ mit dem Tenor Piotr Beczala, der in Salzburg einen öffentlichen Meisterkurs gab. Den besten Unterricht im Singen bekommt man allerdings nicht bei einem Gesangslehrer, erklärt ihm Beczala. "'Ein Gesangslehrer hat einen entscheidenden Nachteil: dass er selber singt', sagt Beczala. 'Das heißt, er vergleicht, was er bei seinem Studenten erreichen will, mit sich selber.' Und nachdem es eher selten ist, dass ein Gesangsprofessor auch auf der Bühne glänzt, werden mit dem Unterricht auch Zweifel tradiert, Probleme, Unsicherheiten. Bei Beczala geht es dagegen um die reine Stimmtechnik, 'um den Motor, der laufen muss, der die nötige Leistung bringen soll'. Beczala liebt Auto-Vergleiche. 'Das Musikalische liegt beim Sänger, der Lehrer muss sich um die Technik kümmern. Das bietet das Ausbildungssystem in den östlichen Staaten, Polen, Russland, Litauen besser, da gibt es auch bessere Gesangsprofessoren, die sich nicht selber in den Vordergrund stellen, sondern wirklich versuchen, etwas mit dem Studenten zu erreichen.'"

Weiteres: Ralph Bollmann schickt der FAS ein Stimmungsbild aus den deutschen Theatern, die in der neuen Saison zaghaft anfangen, Besucher zu umwerben: "Auf ihrem jüngsten Jahrestreffen im Mai beschlossen die Intendanten, sich künftig stärker dem 'Audience Development' zu widmen." Für die taz erkundet René Hamann die Theaterprogramme für den Herbst.

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Shakespeares "Julius Caesar" beim Lausitz Festival (nachtkritik, FAZ) und Constanza Macras' Choreografie "Hillbrowification" auf der Ruhrtriennale (nachtkritik).
Archiv: Bühne