Efeu - Die Kulturrundschau

Einfühlung ins Tier

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22.03.2023. Die SZ hat herausgefunden, welche Architekturbüros sich für Saudi-Arabiens groteskes Wüstenprojekt Neom in der saudi-arabischen Wüste hergeben, darunter etliche, die Nachhaltigkeit predigen. Der Guardian erlebt in der National Gallery einen kunsthistorische Schock: Cézanne war moderner als van Gogh. Die FAZ interpretiert die Missklänge in der russischen Propagandamusik. Außerdem erinnert sie an das Schwellenjahr 1997, als junge Designer die Haute Couture übernahmen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2023 finden Sie hier

Architektur

Das Tageslicht haben sie leider vergessen, sonst ist alles öko: The Line.

In einer verdienstvollen Recherche für die SZ legt Till Briegleb all die Architekturbüros offen, die sich am grotesken Wüstenprojekt Neom beteiligen: Mit der Linealstadt The Line soll unter anderem ein 170 Kilometer langer, 500 Meter hoher und 200 Meter breiter Wolkenkratzerhorror in die saudi-arabische Wüste geschlagen werden. Briegleb nennt es mit Blick auf die Architekten das "größte Bordell der Welt". Dass die Zaha Hadid Studios dabei sind wundert ihn so wenig wie Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au, aber er hat weitere Beteiligte recherchiert, die damit lieber hinterm Berg halten: "Etwa Thom Mayne von Morphosis, der sich die Spiegellinie ausgedacht haben soll, die jedem Vogel in dieser Gegend das Genick brechen wird. Aber dass auch stets humanistisch argumentierende Entwurfsverfasser wie Ben van Berkel von UN Studio, Francine Houben von Mecanoo, Rem Koolhaas, David Adjaye oder Delugan Meissl dem Ruf folgten, dazu dezidiert im ökologischen Segment der Architektur beschäftigte Büros wie Lava aus Stuttgart oder Massimiliano Fuksas, der in Interviews die dringende Kehrtwende zur Nachhaltigkeit fordert, beschreibt leider sehr deutlich die herrschende Doppelmoral in jener gefeierten Architektenszene, der es am Ende doch nur um die Selbstdarstellung als Künstler von Weltruhm geht."

Besprochen wird eine Ausstellung der italienischen Architektin Francesca Torzo im Innsbrucker "Aut. Architektur und Tirol" (deren sinnliche Raffinesse Standard-Kritikerin Ivona Jelcic sehr anspricht).
Archiv: Architektur

Design

Irving Penns Foto eines Entwufs von Rei Kawakubo aus dem Jahr 1996. Bild: Palais Galliéra.
Wir wussten es noch nicht, aber das Jahr 1997 war ein Schwellenjahr in der Geschichte der Mode. Bernard Arnault legte mit dem Engagement sehr junger Designer wie John Galliano oder Alexander McQueen in Häusern wie Dior und Givenchy den Grundstein für sein Modeimperium (das sich heutzutage mit der obszönen Inszenierung von Logos begnügt). Aber damals gab es tatsächlich eine Menge Bewegung, notiert Marc Zitzmann in der FAZ anhand der Schau "1997 Fashion Big Bang" im Pariser Palais Galliéra: "Manche legten den Grundstein für neue Looks: Tom Ford für den nicht geschlechtsspezifischen Pornochic (mit seinem durch Aphroditen wie durch Apollos getragenen G-String für Gucci), Raf Simons für den adoleszenten Look bei Männern (mit einer Bande ranker Skater und Surfer in seinem ersten Defilee). Andere setzten den Akzent aufs Konzeptuelle. Martin Margiela spielte in seiner 'Stockman'-Kollektion mit dem Non-finito, indem er auf ausgehöhlte Mannequin-Büsten einen halben Rock oder Pullover heftete. Hussein Chalayan stieß mit seiner Kollektion 'Between' eine Reflexion zum Thema 'Identität' an."
Archiv: Design