Efeu - Die Kulturrundschau

Salve Maria

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29.06.2023. Das Van Magazin erinnert westliche Künstler, die sich in Russland derzeit nicht sehen lassen wollten, dass sie auch in China immer nur Öl im Getriebe der Macht sind. Die FAZ empfiehlt die Netflix-Doku "Eldorado - alles, was die Nazis hassen" über schwules Leben im Berlin der 1920er. Im Interview mit der Berliner Zeitung erinnert Buchautor Jens Balzer daran, dass die Technokultur der 90er sich in bankrottgegangenen Fabriken feierte. Stark beeindruckt ist die FAZ von Barrie Koskys ganz unironischer Inszenierung der Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen beim Festival von Glyndebourne.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2023 finden Sie hier

Film

Anders leben, schon vor hundert Jahren: "Eldorado" wirft einen Blick in die Geschichte queerer Lebensentwürfe und deren Unterdrückung (Netflix)

Die Netflix-Doku "Eldorado - alles, was die Nazis hassen" wirft einen Blick auf den legendären Nachtclub der Berliner Zwanziger- und Dreißigerjahre gleichen Namens, in dem queeres Leben sich ausleben konnte - Nazis und andern Deutschnationalen war das Etablissement natürlich verhasst. Warum haben solche Stoffe gerade Konjunktur, fragt sich Heike Huppertz in der FAZ. "Der 'Tanz auf dem Vulkan', der Wendepunkt, die Bedrohung der damals jungen Demokratie, die weltwirtschaftlichen und weltgeschichtlichen Verwerfungen bieten anscheinend Anlass für Analogien zur Gegenwart. Freilich auch für Kurzschlüsse. 'Eldorado - Alles, was die Nazis hassen' dagegen ist sorgfältig in Darstellung und Analyse und stellt im Exposé fest: Es finde sich 'kaum ein anderer Zeitpunkt in der Geschichte, wo Freiheit und Unterdrückung so nah zusammenliegen'. ... In neunzig Minuten, die überborden vor Quellenmaterial, Dokumenten, Einschätzungen von Experten und biografischen Darstellungen, setzt diese Gleichzeitigkeit der Vernichtungsideologie der Nazis und der Verfolgung queeren Lebens den Ton."

Harrison Ford ist wieder da als Indiana Jones. Könnte aber auch Jack Ryan sein.

Es hat schon seinen Grund, dass der neue "Indiana Jones"-Film, für den Harrison Ford mit 80 nochmal den Schlapphut aufsetzt, von Zeitreisen handelt, schreibt Perlentaucher Patrick Holzapfel: Der Film ist ja selber eine Sehnsuchtsreise in die Vergangenheit und steht damit exemplarisch für den Zustand der Filmindustrie selbst. "Man erstickt in Selbstreferentialität" und das "trägt auch zum allgemeinen Gefühl der Irrelevanz eines Mediums bei, das den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Man schaut und vergisst. Ob es den Film gibt oder nicht, ob er von gestern oder heute ist, spielt keine Rolle. Letztlich existiert er, damit sich alle an die alten Indiana-Jones-Filme erinnern können. Die Feuilletons überschlugen sich dementsprechend mit Rekapitulationen der ursprünglichen Trilogie. Das Kino kreiert keine Mythen mehr, es verwaltet die bereits erzählten." Weitere Besprechungen in FR und Welt, mehr zum Film bereits hier.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren über ihren (im Tagesspiegel besprochenen) Film "20.000 Arten von Bienen", der von einem achtjährigen Kind handelt, das seine Trans-Identität entdeckt (mehr dazu bereits hier). Andreas Busche wirft für den Tagesspiegel einen kurzen Blick auf die von Prigoschin produzierten Kriegsfilme, die wohl vor allem als Rekrutierungs-PR dienen sollen (mehr dazu bereits hier). Frankreich streitet darüber, ob Léonor Serraille als weiße Filmemacherin wirklich die richtige ist, um das Drama "Un petit frère" über eine afrikanische Familie in Frankreich zu inszenieren, meldet Matthias Lerf im Tages-Anzeiger. In der Kracauer-Essayreihe des Filmdiensts versenkt sich Morticia Zschiesche noch einmal in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now". Bert Rebhandl empfiehlt dem Wiener Publikum eine Tati-Retrospektive im Gartenbaukino.

Besprochen werden Kamila Andinis "Before, Now & Then" über das Indonesien der Fünfziger (Perlentaucher, taz), Marion Desseigne Ravels Filmdebüt "Besties" über junge Frauen in den Banlieues (ZeitOnline), die sechste Staffel der Science-Fiction-Serie "Black Mirror" (NZZ) und Lars Kraumes RomCom "Die Unschärferelation der Liebe" (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Archiv: Film

Musik

Im Klassikbetrieb zeigt sich gegenüber China eine "neue Ambivalenz", kommentiert Hartmut Welscher im VAN-Magazin. Es ist nicht lange her, da galt China noch als möglicher neuer Absatzort mit attraktiven Auftrittsorten, mittlerweile zeigt sich Ernüchterung und sogar Zerknirschung - etwa bei einigen Orchestermusikern, die weit weniger begeistert auf China-Tour gehen als die Social-Media-Auftritte ihrer Klangkörper dies glauben machen. "Von 'roten Linien' ist derzeit oft die Rede, wenn man sich mit Orchesterdirektor:innen oder Intendant:innen über Russland und China unterhält. Wo aber verlaufen sie? Ist ein Land, das ein anderes völkerrechtswidrig angreift, anders zu bewerten als eines, das im Innern Genozid begeht und mit einem Angriffskrieg unverhohlen droht? Ist Diktatur gleich Diktatur? ... Künstler:innen und Orchester, die nach China fahren, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie mit ihren Auftritten nicht Sand, sondern Öl im Getriebe der Macht sind."

Popkultur als Spiegel der Epoche, das ist im wesentlichen das Projekt, das Jens Balzer mit seiner Jahrzehnte-Trilogie an Sachbüchern verfolgt. Warum im eben erschienenen, die Reihe abschließenden Band "No Limits" über die Neunziger Musik nur noch am Rande vorkommt, erklärt er im Gespräch mit der Berliner Zeitung so: "Ich glaube, man tritt niemandem zu nah, wenn man über Techno in den 1990ern sagt: Das war jetzt als Musik an und für sich nicht so wahnsinnig interessant. Es ging darum, dass man sich freie Räume eroberte zu möglichst minimalistischen Beats. Das war Funktionsmusik. ... Die Freiräume der Techno-Szene von Berlin sind überhaupt nur entstanden, weil gerade ein Staat kollabiert war - und Millionen von Menschen arbeitslos wurden. Der Mythos vom geilen Berlin war dadurch erkauft, dass man in bankrottgegangenen Fabriken Techno feiern konnte. Es hatte eine dunkle Rückseite, die von der Techno-Szene der 1990er gerne ignoriert wurde. Viele dieser Häuser standen übrigens deshalb so lange leer, weil das alter jüdischer Besitz war." Und Freiräume, erinnert Balzer, erkämpften sich damals nicht nur Linke, sondern auch Rechte.

Außerdem: Wer den Fall Till Lindemann zu einem pars pro toto für eine Branche erklärt, die sich in den letzten Jahren jedoch deutlich gewandelt habe, verharmlose die angeblichen Taten Lindemanns, findet Michael Pilz in der Welt. Arno Lücker widmet sich in dieser Woche in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen hier Emilie Holmberg und dort Chaya Czernowin. In der NZZ gratuliert Eleonore Büning Anne-Sophie Mutter zum 60. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert des Filasteen Young Musicians Orchestra in Berlin (Tsp), ein Auftritt von Tom Jones in Frankfurt (FR), ein Konzert von Yung Hurn (Standard) und ein Bildband mit Fotografien von Paul McCartney aus den Sechzigern (SZ).
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Literatur

Oliver Zille, langjähriger Chef der Leipziger Buchmesse, gibt seinen Posten zum Ende des Jahres "aus persönlichen Gründen" ab, meldet Tilmann Spreckelsen in der FAZ. Im Streit um den Borges-Nachlass hat sich die Lage geklärt, meldet Paul Ingendaay in der FAZ. Besprochen werden unter anderem Toni Morrisons "Rezitativ" (TA), Radmila Petrovićs Gedichtband "Meine Mama weiß, was in den Städten vor sich geht" (Tsp), zwei Biografien über Richard Wagners Tochter Isolde (NZZ) und Stanka Hrasteljs "Batseba" (FAZ).
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Kunst

Und da dachte man, es gebe sie erst seit dem 19. Jahrhundert: Archäologen haben in Pompeji ein 2000 Jahre altes Wandbild mit Pizza gefunden. Mit süßem Belag. "Noch etwas Geduld, und beim Italiener um die Ecke steht eine 'Pizza Pompeji' auf der Speisekarte: mit Datteln und Granatapfel und ohne Oberhitze vom Vesuv hoffentlich nicht gar zu angebrannt", freut sich schon Dirk Schümer in der Welt. Jan Feddersen besucht in Salzburg für die taz das Museum Kunst der verlorenen Generation: Es sammelt Werke von Künstlern, die im Nationalsozialismus verfemt wurden, aber auch danach im Ausstellungsbetrieb nicht Fuß fassen konnten. Sabine Weier unterhält sich für die taz mit der Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas über die Kultur der Roma und die Ausstellung ihrer Textilcollagen im Brücke Museum in Berlin. Hans-Christian Rößler besucht für die FAZ in Madrid die frisch renovierte "Galerie der königlichen Sammlungen".

Besprochen werden die zwölf Skulpturen von Ugo Rondinone im Schirn Garten (FR), Corinna Belz' Filmporträt der Künstlers Thomas Schütte (taz), eine Ausstellung über Kreativität im Literaturhaus München (FAZ) und die Ausstellung "Plastic World" im Schirn Museum in Frankfurt (Zeit).
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Stichwörter: Rondinone, Ugo

Bühne

Szene aus Poulencs "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne. Foto: Richard Hubert Smith


Barrie Kosky kann ernst auch ohne ironische Distanz, lernt eine hoch beeindruckte Gina Thomas (FAZ) bei der Premiere von Koskys Inszenierung der Poulenc-Oper "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne: Gertrud von le Fort verarbeitete in ihrer Novelle von 1932 die Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen während der Französischen Revolution. Poulenc komponierte die Musik dazu Mitte der fünfziger Jahre, unter dem Eindruck der Naziverbrechen: "Kosky macht die Parallele zum Holocaust später auf ätzende Weise konkret, wenn die Ordensschwestern ihre Kleider ablegen, ihnen Pappschilder um den Hals gehängt und die Haare geschoren werden, bevor sie der Reihe nach, ihre Schuhe umklammernd, singend in den Tod gehen. Mit jedem Sausen des Fallbeils, dessen schauerliche Wirkung Poulenc steigert, indem er die regelmäßigen Klänge eines immer höher geschraubten, immer nachdrücklicheren 'Salve Maria' mit der Unregelmäßigkeit des Geräuschs der Guillotine kontrastieren lässt, fliegt ein Paar Schuhe aus den Kulissen über die Bühne."

Weiteres: Michael Stallknecht bleibt in der SZ unbeeindruckt vom der AR-Brille in Theater und Oper: "Das sind bislang keine Anwendungen, bei denen wirklich der Kern der ästhetischen Erfahrung neu verhandelt würde." Besprochen wird noch die Choreografie "King" von Shaun Parker in Wiesbaden (FR).
Archiv: Bühne