Efeu - Die Kulturrundschau

Unterkomplexes oder gar Unsinniges

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18.11.2023. Die Zeitungen fragen sich, wie es nach dem Rücktritt der Findungskommission für die documenta weitergehen soll: Ohne radikale Neuerfindung wird das ihr Ende sein, meint Zeit Online. Die FAZ gratuliert dem in Deutschland immer noch viel zu unbekannten Comickünstler Alan Moore zum Geburtstag. Eine Entdeckung hätte auch Camille Laurens hierzulande längst verdient, meint die FAZ. Die Nachtkritik sieht die Geschichte einer Heilung mit Emel Aydogdus Inszenierung von "Wir wissen, was wir könnten und fallen synchron" in Bonn.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2023 finden Sie hier

Kunst

Gestern meldeten die Zeitungen, dass die Findungskommission der Documenta nun geschlossen zurückgetreten ist (unsere Resümees). Nun wird wohl darüber diskutiert, den Termin der nächsten Messe nach hinten zu verschieben, meldet Jörg Häntzschel in der SZ. Im lnterview sagt der Geschäftsführer Andreas Hoffmann: "Der Termin habe für ihn derzeit 'nicht die höchste Priorität', sagte er. Wichtiger sei, dass die documenta sich jetzt wirklich neu aufstelle. Vorläufig steht die Documenta mit vollkommen leeren Händen da."

Die documenta ist am Ende, meint auch Hanno Rauterberg auf Zeit Online, außer, sie wagt einen radikalen Neubeginn. Rauterberg glaubt auch, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein westliches "Überlegenheitsdenken" eingeschlichen habe, dass sich nun räche: "Die documenta wurde zu einer Bühne, auf der sich der deutsche Westen als besonders polyglott und aufgeklärt präsentierte. Der Begriff der Weltkunstausstellung wurde geprägt. Und damit verband sich die Idee, dass hier alles zu sehen, alles zusammenkommen würde: alles von Rang und Bedeutung, aus aller Herren Länder. Unübersehbar, wie sehr diese Vorstellung von kolonialistischen Leitideen geprägt war: der Westen, der allmächtig aufgreift und zusammenträgt, was ihm wertvoll und wichtig erscheint und damit dem Rest der Welt seinen Kanon aufdrückt. Während sich die Bundesrepublik ansonsten mit außenpolitischen Ambitionen zurückhielt, trieb sie ihren ökonomischen Geltungsdrang spätestens seit den Wirtschaftswunderjahren voran - und ebenso verstand sie sich darauf, ihre kulturelle Deutungshoheit zu retablieren, vor allem dank der documenta." In der FAZ fragt sich Tobias Lehmkuhl, wie es nun mit der documenta weitergehen soll.

Eine geplante Ausstellung von Ai Weiwei in der Londoner Lisson Gallery wurde nach einem Tweet des Künstlers zum Nahost-Konflikt verschoben, berichten René Hofmann und Peter Richter in der SZ. Er beklagt hier unter anderem eine pro-israelische Einseitigkeit der Berichterstattung, was auch daran liege "dass das Schuldgefühl rund um die Verfolgung der Juden mitunter gegen die 'arabische Welt' gerichtet werde." Ziemlicher Unsinn, meinen die Kritiker. Das gibt Ai in gewisser Weise sogar selber zu: "In einer Erklärung gegenüber The Art Newspaper hat Ai eingeräumt, dass es 'zu seinem eigenen Besten' und ihm sehr willkommen sei, wenn die Galerie seine neue Ausstellung nun lieber aus der Schusslinie zu erwartender Debatten nimmt. Dass er sich in dem Post zu Aussagen hinreißen ließ, die mindestens in der Nähe zu antisemitischen Tropen angesiedelt sind, gibt er dabei implizit sogar zu - eingebettet in eine Reflexion darüber, wie der Hang zur Verkürzung auf Social Media leider oft Unterkomplexes oder gar Unsinniges gebäre."

Weiteres: Eine Recherche der FAZ hat ergeben, dass die Erben des Kunstsammlers Erich Marx bedeutende Werke aus dessen Nachlass verkauften. Die Privatsammlung soll im neuen Museum der Moderne in Berlin gezeigt werden, das gerade gebaut wird. Eigentlich ein ziemlicher Skandal, findet Niklas Maak, aber die Stiftung Preußischer Kulturbesitz scheint sich daran nicht zu stören: "Es sei 'sichergestellt, dass die Künstler weiter mit hochkarätigen Werken in der Sammlung vertreten sind'. Die gediegene Formulierung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier tatsächlich ein Spitzenwerk im soliden zweistelligen Millionenwert abgezogen und eines der wichtigsten öffentlichen Häuser wie ein Kunstsupermarkt behandelt wurde."

Besprochen werden die Ausstellung "Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei" in der Alten Pinakothek München (NZZ), die Ausstellung "Kiki Smith. From My Heart." in der Pinakothek der Moderne in München (FAZ) und die Ausstellung "Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft Sammlung der Nationalgalerie 1945 - 2000" in der Neue Nationalgalerie Berlin (SZ, Welt am Sonntag).
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Literatur

In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Alan Moore zum 70. Geburtstag. Der Comicmeister, der die Welt der Comics seit den Achtzigern wie kein zweiter geprägt hat, ist seit einigen Jahren vor allem als Schriftsteller tätig und in Deutschland auch weiterhin von breiteren Kreisen noch zu entdecken. Seit er sich von Comics abgewendet hat, ist "Moore nebenbei ein anziehend retromodernistischer Schriftsteller geworden, mit Prosa von Versqualitäten, erstmals zur geschichtsübergreifenden Beschwörung von Vergangenheit und Ewigkeit seiner Heimat Northampton eingesetzt in 'Voice of The Fire' (1996), ausspekuliert zum kontrapunktisch perfekt durchkomponierten Riesenorchester-Roman dann in Gestalt von 'Jerusalem' (2016) - Satz für Satz ein Textkosmos seltsamster Schönheiten, vom Entzücken am 'fairy-fungus' (Feenpilzchen) bis zum Entsetzen übers Erlöschen der Sterne ("... Arcturus and Algol either snuffed like candles or else relocated by a constantly expanding universe to somewhere out beyond...", denn allem, was es gibt, droht immer und überall 'the death of day', das Nichtsein)." Moores Roman "Jerusalem", sein Opus Magnum, in dem er sich in Joyce'schem Ausmaß seiner Heimatstadt Northampton widmet, kündigt der junge Carcosa-Verlag für Herbst 2024 auf Deutsch an.

Auch die französische Schriftstellerin Camille Laurens harrt in Deutschland noch einer größeren Entdeckung. In ihrem Heimatland ist sie voll etabliert, Teil der Prix-Goncourt-Jury und zählt zu den Vorreiterinnen der Autofiktion, auch wenn sie diese Zuweisung ablehnt, wie wir aus Elena Witzecks FAZ-Porträt erfahren. "Andere hätten ihr das Etikett verpasst. Damals schon, so erinnert sie sich, habe die Autofiktion schlechte Presse bekommen, wurde wie später in Deutschland als selbstbezogen und konformistisch abgetan. Die Tatsache, dass alle Autoren auf persönliches Erleben, ihre eigene Erfahrung zurückgreifen, sei dabei völlig außer Acht gelassen worden. 'Das sind Romane', sagt Laurens, 'ihre Handlung korrespondiert nicht exakt mit der Realität. Sie haben ihre eigene Temporalität, ihren eigenen Puls.' In Amerika fordern Bestsellerautorinnen wie Jeannette Walls heute totale Ehrlichkeit beim Schreiben ein und stellen die Überzeugungskraft von ausgedachten Geschichten infrage. In Frankreich haben jene Romane, die man der Autofiktion zuordnet, oft eine sinnliche Komponente, einen spielerischen Anteil. 'Basteln' nennt Camille Laurens es: aus einer vorhandenen Basis etwas Neues schaffen. Ist Erinnerung nicht sowieso immer trügerisch?"

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Weitere Artikel: Barbara Machui führt in "Bilder und Zeiten" der FAZ durch Leben und Werk der schwarzen Schriftstellerin Suzanne Césaire, deren "avantgardistische lyrisch-surreale Texte" sich aktuell mit der vor kurzem veröffentlichten Essaysammlung "Die große Maskerade" wiederentdecken lassen. In seinem neuen, eben auf Spanisch erschienenen Roman "Le dedico mi silencio" (der wohl auch sein letzter sein wird) erzählt Mario Vargas Llosa von der "Bedeutung der kreolischen Musik" für Peru, verrät Michi Strausfeld in der NZZ. In der FAZ sorgt sich Andreas Platthaus um den Fortbestand des unter Sparzwang ächzenden Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums im brandenburgischen Rheinsberg. Marcus Müntefering spricht für den Freitag mit der Krimiautorin Val McDermid. Helmut Frielinghaus erinnert sich in der NZZ daran, wie er sich einst seine Übersetzungen von Vladimir Nabokov in persönlichen Lesungen abnehmen ließ. Für die FAS hat Peter Geimer Sophie Semin-Handkes neue, auf deutschsprachige Literatur spezialisierte Buchhandlung in Paris besucht. Für "Bilder und Zeiten" der FAZ porträtiert Tilman Spreckelsen den immens erfolgreichen Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel. Marion Löhndorf schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die britische Schriftstellerin A. S. Byatt, an die auch Sigrid Löffler im Gespräch mit Dlf Kultur erinnert.

Besprochen werden unter anderem Colson Whiteheads "Die Regeln des Spiels" (taz), Durs Grünbeins "Der Komet" (FR), Juri Andruchowytschs Essay "Der Preis unserer Freiheit" (FR), Jane Campbells "Kleine Kratzer" (taz), Pedro Lemebels "Torero, ich hab Angst" (FAS) und Angelika Klüssendorfs "Risse" (FAZ).
Archiv: Literatur