Efeu - Die Kulturrundschau

Heimgesuchte Gegenwart

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24.02.2024. Die FR hofft auf einen Berlinale-Bären für Nelson Carlos de Los Santos Arias' Querschläger "Pepe". Die taz unterhält sich mit der iranischen Filmemacherin Farahnaz Sharifi über die Beschlagnahmung ihres privaten Archivs. Die SZ kommt völlig erschlagen aus "The Zone of Interest", Jonathan Glazers Film über den Auschwitzkommandanten Rudolf Höß. In der taz diagnostiziert Viktor Jerofejew eine tödliche Epidemie der Dummheit in Russland. In der FAZ stellt Artur Becker den polnischen Lyriker Krzysztof Siwczyk vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2024 finden Sie hier

Film

Ein Bär für ein Nilpferd? Die Berlinale macht es vielleicht möglich

Der Berlinale-Wettbewerb ist gelaufen, heute Abend werden die Bären vergeben. Gut möglich, glaubt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, dass Nelson Carlos de Los Santos Arias' formal völlig durchgeknallter Querschläger "Pepe" (unser Resümee) das Rennen macht. Weniger positiv fällt sein Urteil über den Wettbewerb aus, den letzten, den Carlo Chatrian als künstlerischer Leiter bestreitet: "Einzelne Filme auszusuchen, die formal sogar extremere Positionen besetzen als die eigentliche Sektion für Experimente, das Internationale Forum, wird die Banalitäten nicht kaschieren, in denen der Wettbewerb zugleich in diesem Jahr ertrinkt. ... Nicht von ungefähr klingt dieses Programm mit der falschen Postkartenschönheit von 'Shambhala' aus, einem mit chinesischer Beteiligung in Nepal gedrehten Folklore-Stück. Die problematische Rolle, die die Weltmacht in dieser Region spielt, mag sich beim Zuschauen nicht ausblenden lassen." Chatrian "verabschiedet sich mit einem glanzlosen und künstlerisch weitgehend obskuren Programm, nach dessen Inansichtnahme eine weitere Leitung des Festivals kaum vorstellbar gewesen wäre. Eine kuratorische Linie war nicht erkennbar, Entdeckungen blieben aus."

Rüdiger Suchsland berichtet auf Artechock vom Rand der Erschöpfung, die mit den Herausforderungen eines solchen Festivals einhergehen. Wer wird gewinnen? Die Filme von Dresen und Glasner schon mal nicht, dessen ist er sich auch deshalb so sicher, weil Christian Petzold in der Jury sitzt, "denn er möchte die Berlinale-Preise wenn, dann schon am liebsten für sich selbst und seine Freunde behalten - aber bestimmt bin ich da viel zu voreingenommen." Gewinnen dürfte wohl eher: "Mati Diop. Assayas nicht. Der Österreicher einen großen Preis, aber nicht den Hauptpreis. Für deutsche Filme höchstens ein Schauspielpreis für 'Sterben'." Dieser Jahrgang zeigt eine von den Geistern der Vergangenheit heimgesuchte Gegenwart, beobachtet derweil Suchslands Artechock-Kollege Axel Timo Purr.

Standard-Kritiker Marian Wilhelm attestiert dem Wettbewerb auch in der zweiten Festivalwoche "einen wilden Mix". Der Filmdienst erklärt ohne Autorenzeile (wir vermuten: Felicitas Kleiner) das "Glück der Begegnungen zwischen fremden Kulturen" zum bestimmenden Thema dieses Wettbewerbs. Die Encounters, der von Chatrian ins Leben gerufene Zweit-Wettbewerb mit eher experimentelleren Filmen, "frönten in diesem Jahr einem magischen Realismus", hält Christiane Peitz im Tagesspiegel fest. Doch das Profil der Sektion "will sich auch im fünften Jahrgang nicht recht erschließen, versammelt sie doch auch reichlich Solitäre und vor allem Produktionen, die ebenso gut im Panorama, im Forum oder im Wettbewerb aufgehoben wären."

Menschen, die nicht mehr in Teheran leben: "My Stolen Planet"

Silvia Hallensleben spricht für die taz mit der iranischen Filmemacherin Farahnaz Sharifi, die im Berlinale-Panorama ihren Essayfilm "My Stolen Planet" zeigt. Der Film handelt von der Beschlagnahmung ihres Archivs mit privaten Aufnahmen aus dem ganzen Land durch das Teheraner Regime. Mit diesem Archiv war es ihr darum gegangen, "Geschichte zu retten. Denn sie wollen, dass wir vergessen, was wir waren und was wir früher hatten. Wenn du die Bilder dieser Vergangenheit sammelst, rettest du diese Geschichten und Menschen können studieren, was wir waren und wo wir hingehen." Die Aufnahmen sammelte sie in Second-Hand-Läden im ganzen Land. "Damals wusste ich nicht, was ich damit anfangen würde, ich wusste nur, dass ich das Material liebe. Eines Tages habe ich den Händler gefragt, woher die Filme kommen. Und er sagte mir, dass die meisten von Menschen sind, die ihre Wohnungen und Häuser in Teheran verkauft haben. Sie sind nicht mehr dort."

Mehr von der Berlinale: Die besten Filme des Festivals findet man eh in den Nebensektionen und am besten in den Publikumsvorstellungen, findet Jörg Gerle im Filmdienst. Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von einer Gesprächsveranstaltung mit Martin Scorsese, die man hier auch online sehen kann. Aus dem Festival besprochen werden weiterhin Min Bahadur Bhams Wettbewerbsfilm "Shambala" (taz), Antonella Sudasassi Furniss' Wettbewerbsfilm "Memorias de un cuerpo que arde" (taz), Travis Wilkersons Encounters-Film "Through the Graves the Wind Is Blowing" (Tsp), Thomas Arslans Thriller "Verbrannte Erde" (ZeitOnline), André Téchinés "Les gens d'à côté" mit Isabelle Huppert (taz), Nathan Silvers Liebeskomödie "Between the Temples" mit Jason Schwartzmann (Tsp), Rose Glass' Sportliebesfilm "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (taz) und die von Paramount nach Fertigstellung aus dem Programm geworfene Serienadaption des "Zeit Verbrechen"-Podcasts (taz). Auch gut für eine abschließende Schau des Festivals: der Kritikerspiegel auf critic.de.

Familienidyll vor den Mauern von Auschwitz: Sandra Hüller in "Zone of Interest"

Abseits der Berlinale bestimmt der kommende Kinostart von Jonathan Glazers gleichnamiger, wenngleich loser Verfilmung von Martin Amis' Roman "The Zone of Interest" das Film-Feuilleton. Der in Cannes ausgezeichnete, mit Sandra Hüller besetzte Film schildert das Leben der Familie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß in unmittelbarer Nähe zum Massenmord an den Juden, ohne diesen ins Bild zu setzen. "Was dort geschieht, nimmt die Zuschauer trotz der künstlichen Distanz in einen unerträglichen Würgegriff", schreibt David Steinitz in der SZ. "Natürlich sind jenseits der Gartenmauern die großen grauen Gebäude zu sehen, manchmal auch Flammen und vor allem: der Rauch aus den Schornsteinen. Und natürlich sind auch mitten im Azaleen-Gartentraum von Frau Höß die Geräusche zu hören", nämlich "ein vielstimmiger Chor des Tötens und des Sterbens, ein gewaltiges, auf- und absteigendes Mahlen, Brummen, Summen, Wummern. Dieser Klang von Auschwitz (...) liegt wie eine unsichtbare Grabplatte über den Bildern der fröhlich im Gartenschwimmbecken planschenden Höß-Kinder und der Eltern in ihren Liegestühlen."

Die in Holocaustdramen oft vorherrschende Opferperspektive wollte Glazer hier bewusst durchbrechen, erklärt er im SZ-Gespräch: "Wir sollten auch die Täter im Blick haben, sonst machen wir es uns zu leicht. Man vermeidet das gerne, wohl aus Angst, was wir entdecken könnten. Wir fürchten uns davor, in den Tätern ganz normale Menschen zu sehen. Menschen wie uns. Aber das waren sie. Und genau das ist das Monströse. Dass ganz normale Menschen zu so etwas fähig sind. ... Ich teile Claude Lanzmanns Standpunkt, dass dieser Horror nicht dargestellt werden kann. Ich glaube aber nicht, dass wir den Holocaust als etwas Monolithisches, Unantastbares betrachten sollten, über das man nicht sprechen kann." Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Schauspieler Christian Friedel, der in dem Film Rudolf Höß spielt. Fernanda Thome erzählt in der taz davon, wie sie ihren Ehemann Lukas, der als Assistenz bei der Produktion angeheuert war, nach Oświęcim begleitete.

Weiteres: Nastassja Kinski verklagt den NDR darauf, ihre im Alter von 15 Jahren gedrehten Nacktszenen aus dem Tatort "Reifeprüfung" von 1976 zu entfernen, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Markus Ehrenberg blickt im Tagesspiegel-Kommentar mit Sorge auf den kriselnden Serienmarkt.
Archiv: Film

Literatur

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Stefano Vastano spricht für die taz mit Viktor Jerofejew über Putin, Russland, den Krieg und Jerofejews neuen Roman "Der große Gopnik", in dem der Exil-Russe seinen Präsidenten mächtig aufs Korn nimmt. Gopnik bedeutet auf Russisch "kleiner Ganove", erfahren wir. Es ist "ein Roman über die menschliche Unvollkommenheit. Putins wahnwitzige Idee ist, dass Russland durch die Bestrafung des ukrainischen 'Verräters' vollkommener wird. Unsere Unvollkommenheit hingegen besteht darin, dass wir uns trotz aller digitalen Technologien weniger gut kennen als im alten Griechenland. Kurz gesagt, wir leben nicht nur in einem Zeitalter der Kriege, Diktaturen und Covids, sondern werden auch von einer tödlichen Epidemie der Dummheit heimgesucht. Und was ist Putins Diktatur anderes als der Triumph der Dummheit und der radikalen menschlichen Unvollkommenheit?"

In der digitalen "Bilder und Zeiten"-Beilage der FAZ empfiehlt der Schriftsteller Artur Becker den deutschen Übersetzern die Lyrik des hierzulande kaum bekannten Polen Krzysztof Siwczyk. Dessen Gedichte und Essays erzählen insbesondere in jüngsten Jahren mit "realitätsbesessener Präzision schmerzvoll und eindringlich von unserem endlichen Dasein, dessen Freuden, Niederlagen und Lieben. ... Allerdings gibt es in dieser beunruhigenden Lyrik etwas, das deutlich zur Sprache kommt: die totale Entblößung des Individuums, der Verlust der Singularität, der Verlust des individuellen Charakters, des egomanischen Ichs. Stattdessen werden lauter Personen ohne Eigenschaften, lauter 'Niemande' beschrieben, deren Austauschbarkeit zur Norm geworden ist."

Außerdem: Thomas Combrink erinnert im "Literarischen Leben" der FAZ an das Buch "Reise in Polen", für das sich Alfred Döblin vor 100 Jahren auf die Spuren des jüdischen Lebens in Osteuropa begeben hatte. Ines Maria Eckermann streift für den Tagesspiegel durch die belgische Comicszene. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Abschiedsvorlesung der Romanistin Patricia Oster-Stierle über den Roman "L'homme que j'ai tué", mit dem Maurice Rostand 1921 für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich plädierte. Edo Reents (FAZ), Gustav Seibt (SZ) und Michael Hesse (FR) schreiben Nachrufe auf den Thomas-Mann-Forscher Hermann Kurzke. Gina Thomas schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Verleger Nicholas Jacobs. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Leon de Winter zum 70. Geburtstag. Dlf Kultur durchstreift in einer "Langen Nacht" die Literatur der Niederlande.

Besprochen werden unter anderem Yevgenia Belorusets' "Über das moderne Leben der Tiere" (Standard), Montserrat Roigs "Die Frauen vom Café Núria" (taz), Danya Kukafkas "Notizen zu einer Hinrichtung" (FR), Ken Mertens "Ich glaube jetzt, dass das die Lösung ist" (Freitag), Ilona Hartmanns "Klarkommen" (taz), der von Charles Linsmayer herausgegebene Band "19/21 Synchron Global. Ein weltliterarisches Lesebuch von 1870 bis 2020" (NZZ), Joy Williams' "In der Gnade" (SZ) und Egon Bondys "In Straßenbahnen" (FAZ).
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