Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2020 - Musik

Mit einer etwas wirren Instagram-Ansprache hat Cardi B "wie es sich für ein lebendes Gesamtkunstwerk gehört, ganz nebenbei das Genre des Corona-Pop erfunden", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Und der geht mittlerweile, nunja, viral: "Nur einen Tag später hatte der Brooklyner Produzent und Meme-Künstler iMarkkeyz aus dem Video das Hip-Hop-Stück 'Coronavirus" gemixt: ein paar Wortfragmente, etwas Bass und ein abgebrochener Trapbeat. 2 Minuten 30 Sekunden für die heimische Covid-19-Playlist. ... Der Song schlug sofort in den internationalen Charts ein, zuerst übrigens in Bulgarien und Brasilien. Seit Ende der Woche steht er auch in den Top10 von iTunes."



Außerdem: Im Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem scheidenden Musikverein-Direktor Thomas Angyan über die Zukunft seines Hauses, das hofft, dass der neue Leiter Stephan Pauly ab Herbst das noch von Angyan mitgeplante Saisonprogramm umsetzen kann. Alexandra Ketterer hat sich für den Tagesspiegel mit dem Rapper Zebra Katz getroffen. Christiane Peitz schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Geiger Hellmut Stern. Jens-Christian Rabe (SZ) und Samir H. Köck (Presse) schreiben Nachrufe auf Kenny Rogers. Im Tagesspiegel gratuliert Gunda Bartels dem Musicalkomponisten und -texter Stephen Sondheim zum 90. Geburtstag. In seinem Klassikblog für die Welt gibt Manuel Brug kommentierte Streamingtipps. Besprochen wird das neue Album von The Weeknd (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2020 - Musik

Die NZZ widmet ihre Wochend-Seiten komplett Ludwig van Beethoven. Die Kraft seiner Musik rührt vom "geistigen Ausdruck ihrer eigenen Zeit", schreibt Hans-Joachim Hinrichsen: Ohne Schiller, Goethe und Kant, die Beethoven las, verehrte und bewunderte, ist Beethoven weder zu haben, noch zu verstehen, was insbesondere auch für das Spätwerk gilt, "ein Universum des Humors, den man sich freilich nicht als Spaßbereitschaft im Alltagssinne vorstellen darf, sondern als die schwer errungene philosophische Heiterkeit einer tieferen Einsicht in die Conditio humana. Sie ist daher auch eher traurig als lustig und betrachtet die Unversöhntheit der Kontraste als Bedingung der eigenen Existenz. ... Ein Perspektivenwechsel also, der nicht das endliche Wesen Mensch und dessen Gebrechlichkeit idealistisch ins Übersinnliche erhebt, sondern umgekehrt die erhabene Idee des Unendlichen mit der unaufhebbaren Brüchigkeit des Endlichen realistisch versöhnt. Darin liegt die tiefe Humanität auch noch des sperrig wirkenden Spätwerks."

Außerdem im Beethoven-Schwerpunkt der NZZ: Michael Stallknecht hat nachgesehen, wie die Literatur Beethovens Opern aufgefangen hat. Christian Wildhagen hört Beethovens "Lebewohl"-Sonate. Corinne Holtz erinnert an die Klavierbauerin Nannette Streicher, die daneben noch lange Zeit Beethovens Haushalt besorgte. Corina Kolbe hat sich angesehen, was passiert, wenn man Beethovens "Fidelio" im Gefängnis mit Insassen aufführt. Und Wolfgang Stähr hört Beethovens Neunte.

Weitere Artikel: Früher gab es Razzien, jetzt sorgt sich die Politik um den Fortbestand der Berliner Clubs: In der Coronakrise zeige sich, zu welchem zentralen Bestandteil des öffentlichen Lebens und welchem Wirtschaftsfaktor die einst aus dem widerständigen Underground entstandene Clubszene geworden ist, schreibt Jana Janika Bach in der NZZ. Die Frage, wer welchen welcher Kultur zugeordneten Stil künstlerisch nutzen darf, erreicht auch Spanien: Dort wehren sich Gitanos dagegen, dass die spanische Musikerin Rosalía ihre Musik mit Flamenco-Elementen anreichert, berichtet Reiner Wandler in der taz. Adrian Schräder sammelt in der NZZ Streamingangebote fürs Zuhausebleiben. In der SZ gratuliert Andrian Kreye dem Supertramp-Gründer Roger Hodgson zum 70. Geburtstag. 100 Jahre alt wird der Oboist Helmut Winschermann, dem Clemens Haustein in der FAZ gratuliert.

Besprochen wird eine Schönberg-Aufnahme von Isabelle Faust (SZ) und die neue CD "Myopia" von Agnes Obel ("so viel Bedeutung, so viel Schwere. Wie kann Musik das schultern", fragt sich FR-Kritiker Thomas Stillbauer und hofft auf eine baldige Rückkehr der Musik in die derzeit leeren Konzertsäle). Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2020 - Musik

Morrissey war mal ein Säulenheiliger der Popkritik, hat sich in den letzten Jahren die Sympathien aber durch Flirts mit dem rechten Rand verscherzt - dabei sind seine Aussagen in diese Richtungen "niemals dezidiert politisch, sondern immer subjektiv kasuistisch, streng individualistisch und auch schlicht wirr", meint Christoph Schröder in seiner ZeitOnline-Besprechung des neuen Morrissey-Albums "I Am Not a Dog on a Chain", dessen Verbrechen eher darin besteht, schlicht uninteressant zu sein: Wenn der Künstler hier "zu belanglosem und ödem Synthiegedudel Lyrics beisteuert, die bestenfalls banal, noch häufiger allerdings vollkommen sinnfrei sind, ist das kein Versagen, dem mit Ideologiekritik beizukommen wäre." Die Synthies hält Karl Fluch im Standard immerhin noch für das Zeichen einer "ästhetischen Neuorientierung", nur inhaltlich sei das alles mal wieder eher unausgegoren.

Schwer betroffen von der Coronakrise sind auch die Plattenläden, die nun geschlossen sind - auch weil sich ein großer Bestand ausliegender Platten nicht ohne weiteres schnell desinfizieren lässt. Für die taz hat sich Lars Fleischmann sich bei Georg Odijk und Frank Dommert vom Kölner Plattenladen A-Musik erkundigt, wie die Lage ist. Immerhin: "Der Mail-Order-Versand läuft weiter; wir haben genug zu tun. Wir machen das weitestgehend als Zwei-Mann-Betrieb; Aushilfen bleiben jetzt zu Hause", andererseits ist "die Nachfrage vergleichsweise schlapp. Dabei fahren DHL und ähnliche Lieferdienste weiter Post aus. Es ist wichtig, dass dies bei den Kund*innen ankommt. Für uns ist Mail-Order generell das zweite Standbein - und dass es da weiterläuft, ist derzeit für unsere Existenz essenziell."

Weiteres: In seiner Standard-Kolumne Unknown Pleasures erinnert Karl Fluch an die Solo-Musik von Money Mark, die er neben seiner Haupttätigkeit den den Beastie Boys produziert hat. Besprochen werden das neue Album von CocoRosie (Tagesspiegel), eine Gundula-Janowitz-Edition (Presse), das Debüt von My Ugly Clementine (Presse) und der erste via United We Stream übertragene Berliner Clubabend aus dem Watergate (Tagesspiegel).

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2020 - Musik

Der Heilige der Askese: David Bowie im März 1972 (Bild: Taschen Verlag/Mick Rock)


Dietmar Dath sieht für die FAZ den großen Bildband "The Rise of David Bowie" durch, der zahlreiche Fotografien von Mick Rock aus den Siebzigern versammelt und überantwortet sich gerne dem Sog, der von dieser Zeitreise ausgeht: Dieser Mick Rock war ein echter Archivar und das, "obwohl alles, womit er es zu tun hatte, nur vom Verbrennen jeder Vergangenheit, Kulturgeschichte und Tradition in absoluter Gegenwart handeln wollte. Manchmal zeigt er seinen Helden, der sich der Lust so ausgeliefert hat wie die Heiligen der Askese, auch im Konzert, vor vielen Menschen. Wenn man das betrachtet, erlebt man einen kleinen Schock: Wie leer der Saal wirkt, gemessen an der Dichte der Zeichen, mit denen Bowie vollgepackt ist, mit Bedeutung, mit souveräner Spinnerei! Wahrscheinlich konnte man, wenn man dabei war, hören, wie sein Aussehen hallt."

Die Sopranistin Christina Landshamer erzählt im VAN-Gespräch, wie es ist, wenn man in der Bayerischen Staatsoper ein Konzert vor leerem Saal gibt. An Desinfektionsmittel und Abstand herrschte kein Mangel, erfahren wir. Und: "Es ist schon komisch. Man kommt raus, sieht vier Kameras und einen leeren Saal. Ich habe nachher gemerkt, dass ich fertiger war als nach 'normalen' Konzerten. Die Resonanz und der Dialog mit dem Publikum, die einen sehr beflügeln können, fallen weg. Ich musste also die ganze Energie und Konzertspannung alleine aus mir schöpfen, das laugt mehr aus als sonst. ... Ich habe daran gedacht, dass es ein bisschen ist wie früher bei den Rundfunkorchestern, die in einem leeren Studio spielten und es wurde live im Radio übertragen. In gewisser Weise sind wir also zurück zu den Wurzeln gegangen."

Außerdem: In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker in dieser Woche über Lili Boulanger. Die Berliner Clubs haben mit United We Stream eine Streaming- und Spendenplattform gestartet, meldet Das Filter. Für die Klassikfans hilfreich ist dieser Katalog an Streaming-Hinweisen, den das VAN-Magazin zusammengestellt hat. Und ein Podcast-Tipp: Für BR Klassik befasst sich Igor Levit 32 mal mit Beethoven. Levits Onlinekonzerte während der Corona-Krise finden Sie weiterhin hier.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2020 - Musik

Ist ja schön, dass immer mehr Konzerthäuser und Kultureinrichtungen jetzt aufs Netz setzen, meint Reinhard J. Brembeck in der SZ. Allerdings vermisst er beim Konzertabend zuhause doch ein bisschen den Zwang zur Etikette. Im Saal darf man höchstens sanft entschlummern, doch "von anderen unbeobachtet hat der Hörer schon ganz andere Möglichkeiten: laut schreiend gegen Langeweile und Missdeutungen aufbegehren, aus dem Zimmer rennen, den Ton oder die ganze Übertragung abschalten". Außerdem werde da "kein Konzert übertragen, sondern eine unter aseptischen Studiobedingungen abgehaltene Probe. ... Der Staatsopernabend macht auch deshalb nicht glücklich, weil er die Sehnsucht nach einem Konzert erweckt. Eine Sehnsucht, die auf lange Zeit hinaus nicht zu erfüllen sein wird." Wer sich davon dennoch nicht abhalten lassen will, findet bei Manuel Brug in der Welt zahlreiche Empfehlungen und Hinweise.

Wer nun im Social Distancing zu Hause sitzt und dabei vom Wunsch gepackt wird, endlich mal der eigenen kreativen Ader zum Ausdruck zu verhelfen, für den hat SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert gute Neuigkeiten: "Moog und Korg haben ihre Synthesizer-Apps anlässlich der Pandemie kostenlos zugänglich gemacht. Wer mag, kann die Minimoog Model D iOS-App von Moog und die iKaossilator-App von Korg für iOS und Android derzeit umsonst herunterladen und seine eigenen Quarantänesongs aufnehmen."

Weitere Artikel: Im britischen Spectator empfiehlt Oliver Soden ein Buch des amerikanischen Kunst- und Architekturkritikers Philip Kennicott, "Counterpoint. A Memoir of Bach and Mourning", das die heilende Wirkung der Goldberg Variationen beschreibt. Im Freitag schreibt Maximilian Schäffer einen Nachruf auf Genesis Breyer P-Orridge von Throbbing Gristle (weitere Nachrufe bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2020 - Musik

Igor Levits allabendlich um 19 Uhr gegebene, im Vorfeld auf Twitter angekündigte Onlinekonzerte mögen equipment-bedingt keine großartigen Klangerlebnisse sein, schreibt Alex Rühle in der SZ, "aber das ist egal. Worauf es ankommt, ist, dass da einer Kunst macht, um zu trösten. Um während dieser unfreiwilligen Vereinzelungserfahrung ein Gemeinschaftsereignis zu erzeugen. Der Chaconne in Turnschuhen hörten über 200 000 Leute zu. Bach hat sie komponiert, nachdem er 1720 von einer dreimonatigen Reise zurückgekehrt war und auf der Türschwelle erfuhr, dass seine Frau wenige Tage vor seiner Rückkehr gestorben war. ... Man muss das nicht wissen, die Musik klingt auch ohne das Wissen darum wie ein erlösendes Gebet." Alle bisherigen Konzerte kann man hier noch sehen.

Die Band Bohren & Der Club of Gore zählt "zu den großen Unbekannten der hiesigen Musikszene", die aber von einer treuen Fanschar abgöttisch geliebt wird, schreibt Max Dax in der SZ und begeistert sich für das neue Album der Mülheimer Band, die man nur nach einem oberflächlichen Höreindruck als Jazzband charakterisieren würde: "Die Musiker mäandern in den Untiefen der Langsamkeit, bremsen alles ab, was sich bewegt, komponieren Stillstand. Bohren beherrschen die schwere Kunst wie kaum eine zweite Band, wenigen Noten eine solche Autorität und Präsenz zu verleihen, dass man sich dieser intensiven Spannung kaum zu entziehen vermag." Dax schwärmt vor allem auch von diesem Video, seitdem hat die Band noch ein weiteres herausgebracht:



Kann schon sein, dass Streaming und die damit einhergehende Analyse von Erfolgssongs sich auf die Struktur von Popsongs auswirken, die ihren Refrain zusehends nach vorne in den Songbeginn verlager, schreibt Markus Ganz in der NZZ. Doch auch unkonventionelle Arbeiten haben "heute bessere Chancen ein internationales Publikum zu finden. Denn die Algorithmen fördern auch Songs unbekannter Musikerinnen und Musiker zutage, sie sind bis zu einem gewissen Grad blind gegenüber Prominenz. Songwriter, die längerfristig bestehen und über den Mainstream hinauswachsen möchten, sollten sich deshalb nicht irgendwelchen Streaming-Normen beugen. Vielversprechender sind der eigene Ausdruck, das besondere Profil."

Außerdem: Ueli Bernays meditiert in der NZZ über physische Präsenz und körperliche Grenzerfahrung bei Livekonzerten im Lichte des Künstlers im Zeitalter seiner holografischen Reproduzierbarkeit. Jan Kedves (SZ) und Luke Turner (The Quietus) schreiben Nachrufe auf Genesis P-Orridge (mehr dazu bereits hier). Pophistoriker Simon Reynolds gibt in seinem Blog Lese- und Podcast-Tipps fürs Social Distancing.

Besprochen werden neue Beethoven-Veröffentlichungen (SZ), Doglegs Album "Melee" (Pitchfork) und Jay Electronicas "A Written Testimony" (Pitchfork).

Und falls Ihnen bei all dem Social Distancing völlig langweilig werden sollte: Diese tolle Website gestattet es, sich für jedes Land dieser Welt dekadenweise durch die größten Gassenhauer zu hören - warum heute nicht mal japanische Hits aus den 60ern hören?

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.03.2020 - Musik



"Das ganze Land macht auf seine Weise aus der Ausgangssperre ein Fest, die italienische Fantasie zur Überwindung der Isolation sorgt für die schönsten Nachrichten und Bilder dieser Tage", schreibt Christiane Peitz, die für den Tagesspiegel eigentlich Links zu Streams sammelt, die das eingeschlafene Kulturleben zu überbrücken helfen sollen, sich dann aber an den tollen Videos aus Italien, bei denen Menschen vom Balkon aus singen, nicht sattsehen kann: "Unter dem Hashtag #andratuttobene finden sich zahllose anrührende Szenen und Videos im Netz, ob auf Instagram oder Twitter. ... Die Macht der Musik bricht sich Bahn. Krise, Ausnahmezustand, Isolation? Es ist der Gesang, diese alterierte Form des Sprechens und der Kommunikation, auf den viele in dieser besonderen Situation zurückgreifen, ein fast archaischer Akt." Für die FAZ in Mailand vor Ort ist Karen Krüger: "Ganz Italien würde sich in diesen Tagen des Eingeschlossenseins gern umarmen, aber jetzt, da das nicht mehr geht, schließen sie sich einem patriotischen Karaoke an. ... Die Menschen singen Lieder, in denen sich die italienische Seele wiederfindet."

Die Popkritik trauert um Genesis P-Orridge, Gründer von Throbbing Gristle und Psychiv TV, zwei Initialzündungen von Industrial nach Punk: "Existenzphilosoph, Krachkaiser, Sexguru: In der Popmusik der letzten Jahrzehnte hat es keine zweite Figur gegeben wie ihn", schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline: Mit der Band Throbbing Gristle machte es sich der Musiker, der sich später einem dritten Geschlecht zuordnete, "zur Aufgabe, den von William S. Burroughs so benannten staatlich-gesellschaftlichen 'Kontrollprozess' anzugreifen, der Gilles Deleuze wenig später zu seiner Theorie der 'Kontrollgesellschaften' inspirierte", schreibt Ulrich Gutmair in der taz, dem das Projekt allerdings irgendwann zu sektenartig wurde: "Ihre Ambivalenzen und dunklen Seiten erzählen uns davon, wie der Wille zur Überschreitung und zur radikalen Freiheit jederzeit Gefahr läuft, missbraucht zu werden." Weitere Nachrufe im Tagesspiegel und im Standard. Ein sehr schön wehmütiges Stück von Psychic-TV ist dieses hier:



Igor Levits im Zuge der Coronakrise online gestreamte Abendhauskonzerte wärmen das Herz von Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hanssen: "Diejenigen, die den Livestream verfolgen, sind dem Pianisten extrem dankbar für seine Aktion. ... Neben dem Bildschirmausschnitt, der den spielenden Levit zeigt, strömen ununterbrochen bunte Herzchen in die Höhe."



Außerdem: Für den Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Berliner Jazzsänger Erik Leuthäuser. In der NZZ berichtet Florian Bissing vom Taktlos-Festival in Zürch, das unter dem olfaktorischen Eindruck von reichlich Desinfektionsmittel stattfand. Für die Freitext-Reihe auf ZeitOnline sieht Michael Ebmeyer Reinhard Meys Songtexte nach Spuren ungenehmer Ideologie durch. Na mmerhin: "Mey mag kein überzeugender Linker sein, aber ist auch kein Rechter."

Besprochen werden Anna Calvis Album "Hunted" (Pitchfork), der von Juliane Streich herausgegebene Band "These Girls: Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte" (Tagesspiegel) und Brad Mehldaus Konzert in der Elbphilharmonie, nach dem das Hamburger Spielhaus in den Corona-Winterschlaf ging (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2020 - Musik

Für den Tagesspiegel hat sich Ulrich Amling das vor leerem Saal, aber via Internet mit für die Welt offenstehenden Toren gegebene Konzert der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle angesehen: "Die menschenleeren Saalterrassen lassen die Philharmonie weit expressionistischer als gewohnt erscheinen, die Kameratotale bietet bizarre Ausblicke." Darüber hinweg tröstet spätestens die zweite Konzerthälfte mit Béla Bártok: "Glühend ist die Bártok-Interpretation, virtuos und tief, voller Anspielung auf Werke, die man eigentlich kennen müsste. Konzentration, kein Lächeln. Nach dem letzten Ton ist die Philharmonie wirklich verwaist."

Das Konzert kann man beim Dlf Kultur nachhören.  Und wer sich dieser Tage zurückzieht, aber das Kulturleben vermisst, für den haben die Berliner Philharmoniker für die kommenden 30 Tage ihre Digital Concerthall gratis geöffnet:

Weiteres: Stephanie Grimm spricht in der taz mit Caribou über dessen neues Album. In der Welt porträtiert Elmar Krekeler den Violinisten Daniel Hope, der sich auf einer Aufnahme der Musik der Belle Epoque widmet. Frederik Hansen beugt im Tagesspiegel den Kopf über Beethovens Partituren. Dlf Kultur wiederholt eine Lange Nacht von Beate Bartlewski über den sowjetischen Pianisten Swjatoslaw Richter. In der FAZ gratuliert Laurenz Lütteken dem Musikhistoriker Ludwig Finscher zum 90. Geburtstag. Manuel Brug gibt bei der Welt Klassik-Streamingtipps für die Selbstquarantäne. Und: Auf Twitter hat Igor Levit gestern sein zweites Corona-Hauskonzert gegeben:

Besprochen werden das neue Album von Porridge Radio (Pitchfork), das Debüt des österreichischen Musikers Asril (Standard), Werner Lindemanns Buch "Mike Oldfield im Schaukelstuhl", in dem der Vater des Rammstein-Sängers Till Lindemann über sein Verhältnis zu seinem Sohn nachdenkt (SZ), und ein Boxset mit Aufnahmen der bürgerrechtsbewegten Soul- und Gospelband Staple Singers aus den Sechzigern (Standard). Wir hören mit diesem Mix ein bisschen in diese wärmende Musik:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2020 - Musik

Große Trauer bei SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck: Wenige Stunden vor dem dritten Teil aus Andris Nelsons' Münchner Beethoven-Sinfonien-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern musste das Konzert wegen der Coronavirus-Lage abgesagt werden. Ein Trauerspiel, denn die ersten zwei Konzerte waren für ihn das reinste Glück: "Die Wiener, Nelsons liegt da genau auf ihrer Linie (oder sie auf seiner?), bringen das Kunststück fertig, den übermenschlichen Anspruch Beethovens mit menschlichem Maß auszusöhnen. Titanentum und Häuslichkeit, Wahnwitz und Geborgenheit, Entfesselung und Innigkeit: All das ist gleichzeitig hörbar. So entwerfen Nelsons und die Wiener via Beethoven ein modernes Menschenbild. Dieser Idealmensch, egal ob Frau oder Mann, ist kraftvoll, klug und oft hinreißend witzig, er ist agil, rücksichtsvoll, draufgängerisch, auch schwärmerisch, visionär und liebevoll. Nie zeigt er sich fanatisch, nie driftet er in die Vereinzelung ab" - er ist "ein diesseitiger Realist."

Ein schöner Internet-Moment war das gestern Abend um 19 Uhr: Igor Levit hat das erste seiner, wie er ankündigt, möglichst täglichen Onlinekonzerte gegeben, mit denen er den derzeit weitgehend brach liegenden Kulturbetrieb abfedern will:



Außerdem haben gestern Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker ihr gestriges Konzert vor leerem Saal, aber gratis vor der Weltöffentlichkeit des Internet gegeben - hier kann man es nachhören. Auch weitere Kultureinrichtungen verlagern sich ins Netz - Bernd Graff hat für die SZ die wichtigsten Anlaufstellen gesammelt.

Außerdem: Juliane Liebert hat sich für die SZ mit King Krule getroffen. Julian Weber schreibt in der taz einen Nachruf auf den DJ und Musiker Bernd Hartwich. Das Tonhalle-Orchester setzt wegen eines bestätigten Coronavirus-Falls seinen Konzertbetrieb aus, meldet die NZZ.

Besprochen werden ein Konzert von Mitsuko Uchida in Berlin (Tagesspiegel) und Malakoff Kowalskis neues Piano-Album "Onomatopoetika" (taz). Ein Video:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2020 - Musik

Für VAN hat sich Volker Hagedorn unter Musikern im Klassikbetrieb umgehört, was deren katastrophale finanzielle Lage betrifft: Etwa ein Drittel der rund 15.000 Profi-Musiker befinde sich "auf dem steilen Weg in die Altersarmut." Auch in der Ausbildung sieht es trist aus: "Während etwa an der Zürcher Hochschule ein Lehrauftrag nach sechs Jahren in eine Stelle überführt und zuvor quasi auf Professor*innenniveau bezahlt wird, kam eine Sängerin, die seit 20 Jahren Lehrbeauftragte für Stimmbildung in Bayern ist, zuletzt auf 798 Euro im Monat. An der Uni Würzburg gibt es 25 Euro für 45 Minuten Unterricht. ... Mit einer Höchststundengrenze wird allenthalben verhindert, dass Lehrbeauftragte eine Stelle einklagen können. Dann nämlich kämen sie in den Genuss des Arbeitsrechts, das vorerst ausgehebelt ist: Honorare werden verfügt wie Halteverbote."

Ins Berghain kommt man eh kaum rein, jetzt kommt endgültig keiner mehr rein: Der Berliner Club schließt als Vorsichtsmaßnahme wegen des Coronavirus vorerst seine Pforten. Viele weitere Clubs erwägen dasselbe, schon jetzt ist ein Besucherrückgang von 30 Prozent zu verzeichnen, erfahren wir von Plutonia Plarre und Ulrich Gutmair in der taz. Finanzielle Puffer haben die Clubs kaum: "Die Berliner Clubcommission, in der 200 Berliner Clubs organisiert sind, hat sich Mittwoch mit dem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister gewandt. Sie fordert, kurzfristig einen Rettungsfonds für die von Umsatzeinbußen betroffenen Clubs und Musikspielstätten einzurichten. Für den Fall, dass es zu Zwangsschließungen von Clubs 'von nur vier Wochen' komme, solle ein Rettungspaket in Höhe von mindestens 10 Millionen Euro die Existenz der Clubs sichern."

Außerdem: Matthias Pasdzierny spricht in VAN mit dem Komponisten Marcus Schmickler über dessen Beethoven-Projekt, das sich an Mauricio Kagels Film "Ludwig van" aus dem Jahr 1970 abarbeitet. Dass RTL sich nun von Wirrkopf Xavier Naidoo getrennt hat, nachdem dieser sich vor kurzem mit rechtsaußen-kompatiblen Singsang an die Öffentlichkeit gewandt hatte, kommt schon reichlich spät, meint Carolina Schwarz in der taz: Schließlich verbreite der Mannheimer Sänger seit Jahren "antisemitische, rassistische, homofeindliche und verschwörungstheoretische Ansichten." Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem Pianisten Herbert Schuch darüber, Beethoven zu spielen. Arno Raffeiner staunt in der NZZ darüber, dass ein ausgeprägter Normalo wie Caribou im Pop so große Erfolge feiert. Arno Lücker schreibt in der Komponistinnenreihe des VAN-Magazins über Elisabeth von Herzogenberg. Jan Paersch porträtiert in der SZ den Londoner Jazzschlagzeuger Moses Boyd. Eine Hörprobe aus dessen neuen Album "Dark Matter", das von Byte.FM zum Album der Woche gekürt wurde:



Besprochen wird ein Auftritt von Fred Wesley (Presse). Außerdem erscheint die Zeit heute mit einer kleinen Musikbeilage.