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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2002. Die NZZ porträtiert Maxim Suchanow, einen russischen Gastronomen, der auch schon als glatzköpfiger Cyrano de Bergerac geglänzt hat. Die SZ sieht in den USA den zynischsten Wahlkampf in der Geschichte der Demokratie anbrechen. In der FR feiert Raoul Schrott ewige Themen der Lyrik wie Wein, Weib und Gesang. In der taz schildert Katharina Röggla ihre Eindrücke vom Bush-Besuch. Die FAZ geißelt die Frankfurter Kulturpolitik.

NZZ, 25.05.2002

In ihrer äußerst lesenswerten Reihe "Russland, persönlich" porträtiert Maja Turowskaja heute den Gastronomen und "Kultschauspieler" Maxim Suchanow: "Maxim Suchanows Biografie ist typisch für jene mittlere Generation, die auf eigenes Risiko ins postsowjetische Geschäftsleben einstieg, nicht mit Partei-, KGB- oder sonstigem 'Fremdkapital', sondern mit selbst erarbeitetem Geld. In tiefster Breschnew-Zeit, als es äußerlich noch 'sozialistisch', aber im Innern bereits 'bürgerlich' zuging, hatte sie mit selbst gefertigten Produkten oder dem Weiterverkauf von Mangelware angefangen; solche Leute hießen damals farza (Schwarzhändler, Spekulant). Sie waren, so zeigt sich nun, viel scharfsichtigere Politökonomen als die Theoretiker der nachfolgenden kapitalistischen Revolution." Als Schauspieler brillierte Suchanow unter anderem als Cyrano de Bergerac - hässlich, "tapsig und mit Glatze ... Das Duellantentum war aus der Rolle amputiert worden. Im berühmten Balladenduell ficht er statt mit dem Degen mit einem Schrubber, den er der Putzfrau entrissen hat ..."

Frauke Meyer-Gosau erinnert sich im "Kleinen Glossar des Verschwindens" an die Schlittschuhe, die man Holländer nannte: "'Das nun wieder! Nee, Gustav!', ächzte meine Großmutter, wenn der Großvater zu Winterbeginn die Schlittschuhe und die Lederkuppe einzufetten und dabei zu erzählen begann. Wie das Eis geknackt hatte. Wie gefährlich das war. Und alles ausschließlich eine Frage des Tempos. 'Du musst einfach rasend schnell sein!', sagte er. 'Schneller, als das Eis Zeit hat, unter dir einzubrechen. Und dazu', sagte er, 'nimmst du dir ein Bettlaken' - meine Grossmutter stöhnte -, 'das spannst du hinter deinem Rücken auf - so!' Er sprang auf und demonstrierte die Bettlakenbewegung mit weit ausgespannten Armen ..."

Weitere Artikel: G. W. berichtet über eine neue Regelung für den englischen Booker Prize, um den sich künftig auch amerikanische Autoren bewerben dürfen. Roman Bucheli amüsiert sich über die deutsche "Kanon-Posse". Besprochen wird eine Jacob van Ruisdael-Ausstellung im Frans-Hals-Museum in Haarlem

Aufmacher der Wochenendbeilage Literatur und Kunst ist ein langes Interview mit dem Cellisten und Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der am Dienstag in München mit dem Musikpreis der Ernst-von-Siemens-Stiftung ausgezeichnet wird. Harnoncourt erzählt von einem Problem, das fast alle Musiker kennen: "Ich war hoch eingeschätzt als Cellist, aber ich hatte ein Problem, das war mein starkes Lampenfieber. Mit diesem Lampenfieber, habe ich mir gesagt, mache ich mein ganzes Leben die Hölle durch. Ich kenne das von andern her; ich habe gesehen, wie Adolf Busch praktisch bei jedem Konzert die ersten zehn Minuten verzittert hat, bis er sich so weit beruhigt hatte - und dann war es herrlich, wie er spielte. So war ich mir nicht sicher, wie das mit einer Solokarriere werden würde."

Weitere Artikel: Hans-Joachim Hinrichsen erläutert, warum sich die Musikwissenschaften so schwer tun mit der Geschichte der musikalischen Interpretation. Werner Oechslin erinnert an den Architekten Gottfried Semper (1803-1897), "Inbegriff einer an der Geschichte - und an 'Geschichtlichkeit' - orientierten Baukunst", der heute, wo die Moderne selbst Geschichte geworden ist, "erstaunlich aktuell" sei (mehr zu Semper hier). Evangelia Kelperi schreibt über Sexualität in der griechischen Antike. Klaus Bartels erklärt Inschriften-Texte in Rom.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Studie von Sabrina Ebbersmeyer über platonische Liebesideen in der Renaissance, eine Monografie des Erotikers Catull von Niklas Holzberg und eine Gottfried Semper-Monografie von Harry Francis Mallgrave (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

SZ, 25.05.2002

Sommeranfang in New York: Schnellboote, Hubschrauber und Düsenjäger patroullieren wieder. Andrian Kreye allerdings hat wie viele New Yorker längst begriffen, dass sich mit den neuen Terrorwarnungen aus Washington der "wahrscheinlich zynischste Wahlkampf in der Geschichte der Demokratie" anbahnt. "Nachdem die Demokraten vorvergangene Woche den Wahlkampf für die Kongresswahlen im November damit eröffneten, dass sie die Bushregierung beschuldigten, Warnungen vor dem 11. September verschlafen zu haben, schlugen die Republikaner jetzt zurück. Denn nichts ist so leicht zu manipulieren wie die Emotionen der Wähler. Und keine Emotion funktioniert so gut wie die Angst. Das wissen nicht nur Populisten wie Le Pen, Berlusconi oder Haider."

Können Glaube und Wirtschaft dieselbe Sprache sprechen? fragt Alexander Kissler zum Abschluss der SZ-Debatte über die Modernität der Kirche - und verneint: "Sobald von Kirchenseite eine öffentliche Debatte mit den Begriffen des Lean Management geführt wird, büßt die Frohe Botschaft ihre Leuchtkraft ein. Sie wird ununterscheidbar, wenn über sie im Stile eines Produktes geredet werden kann. Die Produkt- und Werbesprache ist die schlechthin substanzlose Rede und borgt sich den Schein des Wesentlichen bei der Religion." Grund genug für den gebrechlichen Johannes Paul II. nicht abzutreten: "Hire and fire ist das Prinzip bedrängter Unternehmen, nicht der Kirche."

Ferner klagt Ralph Hammerthaler über den katastrophalen technischen Zustand der Staatsoper Unter den Linden, Joachim Hentschel stellt uns Mike Skinner alias "The Streets" vor - Londons neuen Reim-Helden, Sabine Oelze beschreibt die Misswirtschaft im Kölnischen Stadtmuseum, H. G. Pflaum gratuliert dem Regisseur Frank Beyer zum 70., Helmut Mauro war beim Bachfest in Leipzig (mehr hier), "anme" berichtet von Bebauungsplänen für Ground Zero, in Cannes sah Tobias Kniebe Neues von Pierre und Luc Dardenne, Gaspar Noe und Roman Polanski, am selben Ort fragt sich Fritz Göttler, was man in Cannes eigentlich vom deutschen Kino erwartet (einen neuen Wenders offenbar). Und Stefan Koldehoff schreibt den Nachruf auf den Kunstsammler, Museumsgründer und Beuys-Gönner Hans van der Grinten.

Besprochen werden eine Ausstellung, die "Das Rätsel der Kelten" lüften will, in der Schirn in Frankfurt, "Das Fest" als polnische Theaterproduktion bei den Wiener Festwochen, Demian Lichtensteins Gangsterfilm "Crime is King", der neue Roman von Joachim Helfer, ein Buch über die Geschichte der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft sowie zwei CDs, auf denen die deutschen Synchronsprecher großer Hollywoodstars zu Popmusik Liebesgedichte aufsagen (brr! Aber dennoch in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

FR, 25.05.2002

Der Sprachweltreisende und Gilgamesch-Übersetzer Raoul Schrott (mehr hier) spricht in der FR über sein Verständnis kongenialer Lyrik-Übertragung und erklärt, dass sich der Mensch in den letzten fünftausend Jahren überhaupt nicht geändert hat. Was die Dichtung im Wandel der Zeiten betreffe, so tue sie nichts anderes, "als die ewig alten Themen immer wieder in den Vordergrund zu stellen: das sind Wein, Weib und Gesang, Natur und Tod. Jede Generation tut nichts anderes, als diese archetypischen Elemente des Erfahrens neu zu kontextualisieren, neu in ihrer Zeit zu situieren und mit dem jeweils zur Verfügung stehenden Sprachmaterial zu aktualisieren." Für den Übersetzer bedeute das, "den Text als Sprachgestus und Sprechakt zu begreifen und die Suggestivität dieses Sprechakts im Deutschen neu zu erschaffen".

Peter Iden sieht Straußens "Pancomedia" in der Fassung von Dieter Dorn und singt ein Loblied auf das Ensemble-Theater, Rolf-Bernhard Essig erzählt von Mammuts und Okapis im Eis und auf dem Esstisch, Elke Buhr verrät, was die europäische Wander-Biennale "Manifesta 4" in Frankfurt anstellt, Daniel Kothenschulte freut sich über abschließende Würze in Cannes, Christian Schlüter stellt die Arbeit des Berliner Zentrums für Literaturforschung vor, und Marius Meller schwärmt vom tausendjährigen "liber evangeliorum" des Mönchs Otfrid von Weißenburg: Nie wurde Marias spiritueller Koitus schöner beschrieben!

Besprechungen widmen sich Gerd Conradts Dokumentation "Starbuck Holger Meins", einem Fotoband von Alan Cohen, den feinen Prosaminiaturen von Paul Brodowsky sowie einer Studie zum "sozialen Vergessen" (siehe unsre Bücherschau Sonntag um 11).

Das Magazin steht ganz im Zeichen der Fußball-WM. Zu lesen ist unter anderem eine kleine Historie der WM-Quartiere "unsrer Jungs", und Pierre Littbarski verrät, warum japanische Stadionbesucher ständig den Gegner loben: "Die sind einfach harmoniebedürftig."
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TAZ, 25.05.2002

In der taz schildert die Schriftstellerin Kathrin Röggla (mehr hier) ihre Eindrücke rund um den Präsidenten-Besuch. Viel gesehen hat sie nicht in der Bush-Bubble, selbst als Akkreditierte. Höchstens Colin Powell. Der nämlich "steht dann tatsächlich vor den noch laufenden turbinen und spricht immer in die eine und in die andere richtung, als wären nur zwei kameras da. nicht im sinne von good and evil, mehr im sinne von eins und eins: dass er hier mehrfach gedient habe. und: 'in harmony.' der abrüstungsvertrag mit russland. 'all the cooperative efforts.' und dann doch ein bisschen good and evil: massenvernichtungswaffen, die uns alle bedrohen. ein irak, über den man sprechen müsse. und eigentlich ist damit inhaltlich schon alles erledigt, und bush könnte eigentlich wieder weiterfliegen, zumindest pressemäßig."

Außerdem besucht Heike Endter die Werkschau über Rosemarie Trockel in der Münchner Sammlung Goetz, in Cannes kam Cristina Nord dank Chantal Akermans Dokumentation "De l'autre cote" über Grenzgänger zwischen Mexiko und den USA doch noch in den Genuss eines guten Films.

Und in den Tagesthemen porträtiert Jan Feddersen Corinna May, unsre Frau in Tallinn, und Manuel Gogos untersucht den jüdischen Zwiespalt zwischen Friedfertigkeit und dem Willen zur Macht. Auch im taz-Mag geht's um den Grand prix d'Eurovision. Ulrike Fokken porträtiert die spanische Schlagersängerin Rosa (und hier).

Schließlich Tom.

FAZ, 25.05.2002

Gerhard Rohde hat endgültig die Nase voll von der "tollwütigen Komödie" als die sich die Frankfurter Kulturpolitik darstellt. Nach dem TAT soll es jetzt der Oper an den Kragen gehen. "Können sich Kulturdezernenten, Kämmerer und kulturpolitische Parlamentarier nicht endlich einmal en detail darüber informieren, wie ein Operntheater heute organisatorisch und künstlerisch funktioniert? Ließen sich schwierige Situationen nicht besser im vertraulichen Gespräch regeln als im administrativen Befehlston via Hauspost? Der Frankfurter Kulturdezernent muss sich fragen lassen, ob er, unabhängig von der Frage nach seiner fachlichen Kompetenz (die positiv zu beantworten einige Schwierigkeiten bereiten würde), als Persönlichkeit dem Anspruch des Amtes gerecht wird."

Der Lehrer Ekkehard Fiss erzählt vom ganz normalen Alltag eines Gesamtschullehrers: "Wenn ich die Schüler meiner neuen fünften Klasse ansehe, befällt mich Angst, dass ich wieder Kinder verliere, dass sie abdriften in gesellschaftliche oder persönliche Randbereiche und ihre Zukunft verlieren. Seit einigen Jahren macht man verstärkt hyperaktive Kinder aus, die in den meisten Fällen mit dem umstrittenen Mittel Ritalin behandelt werden; sie haben uns nun nach ihrer Grundschulzeit erreicht. Wenn die Wirkung der Pille gegen 11 Uhr nachlässt, macht sich Unruhe breit. Eine Ganztagsschule kann wegen der langen Verweilzeit bis zum Nachmittag recht schwierig für sie und ihre Mitschüler sein; wir müssen neu über den Rhythmus unseres Tagesablaufs nachdenken."
Daneben berichtet Jürgen Kaube über einen "Vorschlag der Schulminister aus den acht unionsregierten Ländern zum Bildungsstandard an deutschen Schulen. In den Abschlussklassen aller Schularten sollen danach ländereinheitliche Anforderungen in Kernfächern zum Gegenstand von Prüfungen werden."

Weitere Artikel: Beqe Cufaj erzählt, wie sich Milosevic vor dem Internationalen Gerichtshof im Haag als sein eigener Verteidiger inszeniert, während er gleichzeitig einen ganzen Stab von Anwälten beschäftigt. Thomas Wagner stellt die Manifesta 4 in Frankfurt vor: "Glaubte man den vielen Rednerinnen und Rednern ... auf der Pressekonferenz in Frankfurt, ... so scheint es sich um so etwas wie eine kleine Olympiade für den Kunstnachwuchs zu handeln." Andreas Kilb schreibt aus Cannes über Filme von Gaspard Noe und Roman Polanski. Siegfried Stadler stellt die neue Synagoge in Chemnitz vor (mehr hier), die der Architekt Alfred Jacoby entworfen hat. Dieter Koepplin schreibt zum Tod des Sammlers Hans van der Grinten. Verena Lueken hat amerikanische Zeitschriften zum Thema Sexualität und katholische Kirche durchforstet. Malt gratuliert Christopher Lee zum achtzigsten Geburtstag.

Auf der Medienseite berichtet Dietmar Polaczek, wie sich Italien an den Richter Giovanni Falcone erinnert, der vor zehn Jahren von der Mafia ermordet worden war: "Die großen politischen Fernsehdiskussionen ... verhehlen nicht, ... dass die Mafia sich in einer Phase wirksamer Reorganisation befindet und ihre Bekämpfung im vergangenen Jahrzehnt keine Fortschritte gemacht hat."

Besprochen werden eine Ausstellung mit afrikanischen Skulpturen der Sammlung Scharf im Alten Rathaus Ingelheim, ein Konzert von Pat Metheny in Frankfurt, eine Ausstellung in der Salzburger Residenzgalerie über Tulpen in der Kunst, Choreografien von Marguerite Donlon, Douglas Lee und Daniela Kurz beim Stuttgarter Ballett, Lionel Spychers Supermarktsdrama "9 mm" im Berliner Gorki Theater und Bücher, darunter der "wunderlich, wunderbare" Debütroman von Marion Poschmann "Baden bei Gewitter" (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr).

Was von Bilder und Zeiten übrig blieb: Andreas Platthaus liefert anlässlich des am Donnerstag in Erlangen beginnenden Comicsalons eine Hommage an Stephane Heuet, der Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zeichnet. Und Hans-Christof Kraus erinnert an Herbert Schöffler, Helmuth Plessner und Rudolf Smend, die zweite Blüte der Universität Göttingen in der Nachkriegszeit.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans Christoph Buch "Märkischer Konstantin", ein Gedicht von Günter Kunert vor:
"Lautlosigkeit plus Reglosigkeit: / Der morgendliche Garten im August / Frühe Hitze des Tages / Nördlich Berlin der verhoffte Süden / Zarte Rauchvertikale vom Nachbarhaus: / Der Vesuv ..."