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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2002. In der SZ wirft Ulrich Beck dem Verfassungsgericht in seinem Urteil zum Zuwanderungsgesetz einen "klinischen Wirklichkeitsverlust" vor. Die NZZ sucht die Authentizität im Pop. Die FAZ schildert das dramatische Versagen der spanischen Regierung bei der Ölflut. Die taz fragt nach den Chancen eines Kinos jenseits von Hollywood.

SZ, 19.12.2002

Der Soziologe Ulrich Beck (mehr hier) kommentiert das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz. Er diagnostiziert hierzulande einen "klinischen Wirklichkeitsverlust" in Bezug auf das Fremde, der sich inzwischen in einer Art "institutionalisiertem Rassismus" manifestiere. "Das ist einer der Gründe, warum allein der öffentliche Gebrauch des Wortes 'Einwanderung', geschweige denn 'Einwanderungsland' in Deutschland politisch alarmistisch wirkt, als handele es sich um Landesverrat. Wer darauf aufmerksam macht, dass etwa in München Menschen aus mehr als hundert Nationen leben, und sich erdreistet, dieses nicht als eine Bedrohung, sondern einen Reichtum zu werten, sieht sich schnell der naiven Multikulti-Euphorie verdächtigt. (...) Dass nun mit der Karlsruher Entscheidung wegen rein verfahrenstechnischer Erwägungen diese Jahrhundertreform des nationalen Blicks gekippt wurde, leistet der Wirklichkeitsverleugnung Deutschlands, auch wenn die Richter dies nicht gewollt haben, in fataler Weise Vorschub."

Weitere Artikel: Für die SZ ist Alex Rühle angetreten, dem "literarischen Energiewirbel" Walter Höllerer zum Achtzigsten zu gratulieren. Einen "Nachruf zu Lebzeiten" schickt Laura Bieger aus Los Angeles, wo nur 16 Monate nach seiner "bombastischen" Eröffnung das Guggenheim-Museum wieder geschlossen werden soll. Und Fritz Göttler hat das traurige Schicksal des Moskauer Filmmuseums zu beklagen, dem kurzerhand der Strom abgedreht wurde. Christian Seidl porträtiert die französische Gruppe Noir Desir, die "ersten Superstars der Antiglobalisierungsbewegung". "sus" berichtet über eine Klage amerikanischer Filmstudios gegen Videoproduzenten, die ihre Filme "verstümmeln. Michael Diers bringt im "Testbild" eine Werbefotografie, die Mänaden und die Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist (mehr hier) zusammen, und "wink" räsoniert über die "Kriegskunst der Fugger" resp. die Nachricht, das amerikanische Verteidigungsministerium wolle "deutsche Journalisten dafür bezahlen, dass sie ordentlich die Kriegstrommel rühren". Gemeldet wird schließlich die Nominierung des "tropikalistischen" Starmusikers Gilberto Gil (mehr hier) zum brasilianischen Kulturminister, und Folge 156 des Star-Album ist heute Candice Bergen gewidmet.

Besprechungen: Mit einer Kritik und in einem Interview mit Jim Jarmusch, einem der beteiligten Regisseure, wird der Episodenfilm "Ten Minutes Older" gewürdigt ("Freundinnen haben sich beschwert, dass ich nur Filme für Jungs mache"); besprochen wird auch Dominique Cabreras Film "Milch der Zärtlichkeit" (La lait de la tendresse humain). Kritiken lesen wir außerdem zur Ausstellung der Scherenschnitte von Henri Matisse in der Frankfurter Schirn und eine Schau im Frankfurter Architekturmuseum, die den Schriftsteller und Journalisten Heinrich Hauser als Fotografen und Filmemacher zeigt; gesehen haben die SZ-Kritiker die Uraufführung von Wanda Golonkas Antigone-Projekt im Schauspiel Frankfurt und die Erstaufführung von Marc von Hennings Stück "Blaubarts Küche" im Stuttgarter Theater im Depot. Rezensiert wird eine Studie zur "Rechtslage des geistigen Eigentums". (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

FR, 19.12.2002

Roland H. Wiegenstein gratuliert dem Schrifsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer (mehr hier) zum 80. Geburtstag, Höllerer habe "so manchem die Liebe zur deutschen Literatur vermittelt, der sich dessen womöglich nicht versah. Denn dieser Gelehrte ist ja einer, der sich aufs Prokrustesbett akademischer Germanistik nie hat fesseln lassen, ganz gleich, ob er selbst als Poet ihm entkam oder andere Poeten zur Hilfe holte." Der Lyrik-Anthologie "Transit" bescheinigt Wiegenstein jedenfalls größtmögliche Wirkung: "Kaum je nachher wurden Gedichte (und was für schwere waren darunter!) so sehr zu etwas, was unmittelbar eingriff in den Gefühlshaushalt derer, die dabei waren."

Weitere Artikel: Georg-Friedrich Kühn resümiert den letzten Stand der Berliner Opernreform (wenn das nur endlich ein Ende hat!). "schl" kommentiert in der Kolumne Times mager den Stopp des Zuwanderungsgesetzes durch das Bundesverfassungsgericht. Gemeldet wird schließlich noch (dpa), dass Marcel Reich-Ranicki wieder ein Büro in der FAZ bezieht und dies für "einen symbolischen Akt" hält. Symbolisch wofür?

Besprechungen: Vorgestellt werden die Ausstellung britischer Kunst des 20. Jahrhunderts "Blast to Freeze" im Kunstmuseum Wolfsburg, eine Schau mit Scherenschnitten von Henri Matisse in der Frankfurter Schirn, der Disney-Film "Sweet Home Alabama" mit Reese Witherspoon und Christoph Loys Inszenierung von "La Boheme" in Brüssel. Und dann noch eine CD, die Manfred Krug mit Weihnachtsliedern besungen hat - freilich "leicht angejazzt, vergospelt, südamerikanisch verfärbt". Bücher: rezensiert werden ein Sammelband mit Kritiken zu Büchern, Bildern und Filmen von Peter Handke, eine kritische Ausgabe von Wilhelm Heinses Roman "Hildegard von Hohethal", der neue Roman von Stefan Beuse und eine Erzählung von Michael Köhlmeier. (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

NZZ, 19.12.2002

Auf der Suche nach der Authentizität im Pop hat sich Ueli Bernays auf einen recht langen Gedankengang durch den Mainstream begeben, zusammen mit dem hartnäckigen und unbestechlichen Freak. "Der Freak wirkt wenig chic und wenig poppig, dafür ist er Popexperte. Wenn er behauptet, Jimi Hendrix sei der grösste Rock-Gitarrist, Bob Dylan reif für den Nobelpreis, Johnny Rotten der schönste Punk und Chuck D. der intelligenteste Rapper, hat er wohl Recht. Sein Glaubenssatz aber, wonach Können und Glaubwürdigkeit noch immer das Maß aller Popmusik seien, irritiert jeden, der sich in der Popmoderne von Relativismus und Zynismus hat anstecken lassen. Was versteht der Freak vom Business?" Er hat Eminem, Moby, Missy Elliot gehört.

Weitere Artikel: Hoo Nam Seelmann erklärt, wie die Empörung über den neuen James Bond die Koreaner eint (die Nordkoreaner sind doof, böse und hässlich, die Südkoreaner müssen Sex vor dem Buddha ertragen). Markus Jakob berichtet vom Literaturfest in Barcelona, auf dem der betrunkene Peruaner Alfredo Bryce Echenique auf den stocknüchternen Polen Ryszard Kapuscinski traf. Paul Jandl beklagt das bevorstehende Aus der Wiener Wittgenstein-Ausgabe, denn dem Cambridge Wittgentsein Archiv werden die österreichischen Förderungen entzogen. "sda" meldet, dass Iris Radisch den Jury-Vorsitz von Klagenfurt übernimmt

Besprochen werden eine "Figaro"-Inszenierung in Genf, eine Aufführung von Ernst Kreneks "Jonny spielt auf" in Wien und jede Menge Bücher, darunter Konstantin Paustowski Erinnerungen, eine neue Ausgabe von Büchner-Briefen, Lydia Mischkulnigs "wilder" Roman "Umarmung", Klaus Krachts Groethuysen-Biografie "Zwischen Berlin und Paris" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 19.12.2002

Im Aufmachertext unterhält sich Manfred Hermes mit Atif Ghani, Soziologe und Produzent der unabhängigen Londoner Filmfirma Take Away Productions. Anlass des Gesprächs war die Berliner Tagung "The Transcultural Turn in European Cinema: London and Berlin in Focus", auf der debattiert wurde, "ob und wie sich ein ethnisch spezifisches Kino jenseits nationaler Grenzen definieren kann." Zum Beispiel das British Asian Cinema (von Briten mit Herkunft aus Indien, Pakistan, Sri Lanka), das offenbar die Nachfolge des schwarzen und schwulen britischen Kinos der Neunzigerjahre antritt. Ghani meint dazu: "Filme wie 'Masala', 'Monsoon Wedding' oder 'Bend It Like Beckham' haben gezeigt, dass es einen Markt für ein Kino jenseits von Hollywood gibt. Dass es ein Interesse an Erfahrungen gibt, die mit Migration, Fremdheit, Assimilation und den Kämpfen um Behauptung in den städtischen Zentren zusammenhängen. Ich sehe darin die Bereitschaft, ethnische Diversität als Tatsache anzuerkennen, dass es kein Zurück gibt zu einer homogenen, nationalen Kultur. Zur allgemeinen Überraschung spielten diese Filme außerdem große Summen ein."

Auch ansonsten viel Film: Dietmar Kammerer stellt die zweite Staffel von "The Hire" vor, jener "Autowerbespots mit Hollywood-Ambitionen", die BMW(s) ins rechte Licht setzen sollen und nur im Internet (hier) zu sehen sind. Nach Ang Lee und Guy Ritchie wurden diesmal unter anderen John Woo und Joe Carnahan verpflichtet. Besprochen werden der Episodenfilm "Ten Minutes Older" mit Beiträgen von sieben Regisseuren, darunter Aki Kaurismäki, Werner Herzog, Jim Jarmusch, Spike Lee und Chen Kaige. Den Zusammenhang zwischen den einzelnen Beiträgen sieht der Rezensent lakonisch darin, dass man nach jedem "zehn Minuten älter" sei. Des weiteren lesen wir eine Kritik der Verfilmung des Romans von Harry Mulisch: "Die Entdeckung des Himmels" von Jeroen Krabbe mit Stephen Fry in der Hauptrolle.

Vorgestellt wird schließlich noch die Ausstellung "Snupiekult Future Art Project for Mother & Baby" mit Arbeiten der polnischen Künstlerin Mariola Brillowska im Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder).

Und hier TOM.

FAZ, 19.12.2002

In einer eindringlichen Reportage schildert Paul Ingendaay die Lage an Abschnitten der galizischen Küste - "man brauchte ein Messer und viel Geduld, um auch nur einen Quadratmeter zu reinigen" - und vor allem das schockierende Versagen der spanischen Zentral- und Provinzregierungen. Der Schluss des Artikels: "Madrid verstehe das Meer einfach nicht, sagt Lois Castrillo, der Bürgermeister von Vigo, der den galizischen Nationalisten (BNG) angehört. Er selbst sieht das Meer von der großen Fensterfront seines Büros aus. 'Madrid will von seiner atlantischen Seite nichts wissen.' Doch da ist noch mehr. Madrid glaubt, das Spanien der Büros sei mächtiger als das Spanien der Elemente. Madrid glaubt, die Galizier seien nicht nur duldsam, sondern auch dumm. Und diese Annahmen könnten sich rächen."

Weitere Artikel: Patrick Bahners kommentiert das Karlsruher Urteil zur Bundesratsentscheidung über das Zuwanderungsgesetz. Michael Gassmann besucht das baden-württembergische Haus der Geschichte. Rainer Hermann würdigt die Arbeit des Athener Goethe-Instituts, das auf dem Balkan neue Netze knüpft. Harald Hartung gratuliert Walter Höllerer zum Achtzigsten. "igl" berichtet über die Verleihung des Verdienstkreuzes an Marcel Reich-Ranicki. Gina Thomas schildert den Kampf der Briten um den Verbleib des "Porträts von Omai" von Joshua Reynolds in Großbritannien (es droht, nach einem Verkauf in die wilde Schweiz abzuwandern). Andreas Rossmann berichtet über den Fund von Fotos und anderer biografischer Materialien über Daniil Charms. Uwe Ullrich berichtet über einen Architekturwettbewerb für die unmittelbare Nachbarschaft der Dresdner Frauenkirche.

Auf der Kinoseite resümiert Florian Borchmeyer das Filmfestival von Havanna. Und Andreas Kilb freut sich, dass das Filmmuseum Berlin den Nachlass von Hildegard Knef erwerben konnte. Auf der Medienseite bespricht Alexander Bartl einen Dokumentarfilm über Andreas Baader, der heute Abend im SWR läuft. Heike Hupertz erzählt, wie Al Gores Abgang im amerikanischen Fersnehen inszeniert wurde. Und Jürg Altwegg fürchtet, dass sich der Sender Canal Plus durch den Kauf der Übertragungsrechte für den französischen Fußball endgültig ruiniert. Auf der letzten Seite erinnert Christoph Albrecht an Horatio H. Kitchener, der Kolonialkriege für die Briten führte, die wiederum Bushs Krieg gegen den Terror vorweggenommen haben sollen. Und Andreas Rosenfelder beantwortet in einem Artikel, der ohne jeden Absatz auskommt, die selbstgestellte Frage, was die Amerikaner an Gerichtsdramen finden.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Gemälden von Schildermalern aus Accra im Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Umbertide (Umbrien), der Film "Sweet Home Alabama", eine Aufführung der Oper "Eugen Onegin" in der südrussischen Stadt Krasnodar (die FAZ hat für vieles Platz!), Ausstellungen der Künstlerin Isa Genzken in Mönchengladbach und Köln und das Tanzstück "tsaikovski, p.i." beim Scapino Ballet in Rotterdam.