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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.01.2003. In der SZ legt Jeremy Rifkin dar, warum die Biowissenschaftler als die Künstler des Neuen Jahrtausends gelten sollten. In der FAZ greift der irakische Autor Hussain Al-Mozany arabische Kollegen an, die sich mit Saddam Hussein gemein machen. Die NZZ benennt die Defizite der chinesischen Architektur. Die taz fürchtet Fundamentalismus in Bosnien-Herzegowina.

SZ, 03.01.2003

Viel drin heute: Jeremy Rifkin (hier mehr) stellt uns die Künstler des neuen Jahrtausends vor, die Biowissenschaftler. "Mit ihren praktisch unbegrenzten Möglichkeiten, den Körper umzukonstruieren und neu zu erfinden, DNS über Artgrenzen hinweg zu bewegen, die genetische Vergangenheit zu tilgen und die genetische Zukunft zu programmieren, bringen die neuen Genetiker die Biologie des Lebens auf Augenhöhe mit dem neuen proteischen Geist. Dachte man sich das Leben früher als das Werk Gottes und in jüngerer Zeit als einen von der 'unsichtbaren Hand' der natürlichen Zuchtwahl gelenkten Zufallsprozess, so wird es heute als künstlerisches Medium mit ungeahnten Möglichkeiten imaginiert." Rifkin befürchtet, dass die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft nur eine neue Designer-Eugenik legitimieren soll und erinnert an den Unterschied zwischen Kunst und Kunsfertigkeit.

Der israelische Araber Sayed Kashua (mehr hier) ist der erste muslimische Autor, der seine Romane auf Hebräisch schreibt, berichtet Richard Chaim Schneider. "Warum er nicht auf Arabisch schreibe? 'Wo soll ich dann veröffentlichen? Und wer soll das dann lesen?', fragt er, ein wenig überrascht über die Frage. Es sei doch klar, dass in den arabischen Ländern Zensur herrsche, außerdem schreibt er ja für seine 'Landsleute', also für die Israelis. Und überhaupt: Hebräisch sei seine Sprache. Natürlich spricht er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter Arabisch, aber schreiben, denken, sich ausdrücken? Natürlich nur in der Sprache der Juden."

Weiteres: Der Historiker und Friedenspreisträger Fritz Stern (mehr hier) spricht in seiner in Auszügen abgedruckten Rede anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Universität Breslau über die an sich recht gute Idee einer westlichen Zivilisation, die allerdings erst verwirklicht werden müsste. Wolf Lepenies beschreibt ein beunruhigendes Phänomen, die Entsäkularisierung der amerikanischen Politik, sichtbar am "kruden Manichäismus" von Bush, Ashcroft & Co, der eschatologischen Überhöhung des Kampfes und dem festen Glauben an Prädestination (die eigene). Jörg Häntzschel bedauert in der neunten Folge der Internet-Reihe das World Wide Web, das die Stadt nicht wie vorausgesagt ersetzt, sondern sich nur derer Metaphern bedient hat. "midt" berichtet von der Aufregung in England um eine Fernseh-Dokumentation über chinesische Underground-Künstler, in der ein gewisser Zhu Yu vor laufender Kamera ein angeblich echtes Baby verzehren soll. Gottfried Knapp widmet sich den Vor- und Nachteilen des kostenfreien Museumbesuchs. Wolfgang Schreiber verabschiedet die verstorbene Sopranistin Carla Henius. Und Willi Winkler schreibt zum Tod der britischen Schriftstellerin Mary Wesley.

Auf der Medienseite antwortet Hans Leyendecker auf Franz Josef Wagners SZ-Attacken in der Bild-Zeitung: "'Sie schreiben Sätze, die ich nicht denke', teilen Sie der SZ mit, und dieses Lob freut uns nun wirklich außerordentlich. Denn wir möchten auch im neuen Jahr nicht so denken, wie Sie schreiben."

Besprochen werden Josee Dayans Film "Diese Liebe" mit Jeanne Moreau als Marguerite Duras, Vera Nemirovas Sektion von Emmerich Kalmans Erfolgsoperette "Gräfin Mariza" in Wien, zwei Ausstellungen zum Werk von Jessica Stockholder in Duisburg und Düsseldorf, und eine Menge Bücher, darunter John Rawls Abschlussband seiner Theorientrilogie, "Das Recht der Völker", Peter Webers schmaler Band mit "Bahnhofsprosa", Bodo Kirchhoffs Hannelore-Elsner-Hommage "Mein letzter Film" und ein Fotoband voller "Xtreme Houses" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf Seite 3 beweist die SZ überdies, dass sie die Phänomene erst wahrnimmt, wenn sie in Amerika auftauchen. Wolfgang Koydl schickt eine lange Reportage über Slow Food America. Gab es so etwas jemals über Italien, wo die Slow-Food-Bewegung schließlich entstand?

NZZ, 03.01.2003

Philipp Meuser betrachtet die monumentalen Defizite der chinesischen Architektur am Beispiel der Dreimillionenstadt Dalian, die neben Shenzhen und Schanghai mit jährlich mehr als 20 Prozent die höchsten Wachstumsraten zu verzeichnen hat. Tolle Aussichten für Architekten eigentlich, meint Meuser, nur leider fehle in der chinesischen Stadtentwicklung gänzlich an der qualifizierten Auseinandersetzung mit Schlüsselthemen wie Bestandserneuerung und Nutzungsmischung: "Bei der Gestaltung der Gebäude scheinen sich die Architekten ihre Anregungen in den internationalen Hochglanzmagazinen zu suchen. Der chinesische Stilmix geht so weit, dass Repliken des französischen Klassizismus und des amerikanischen Neotraditionalismus neben japanischem High-Tech und kanadischer Blockhaus-Architektur in dichter Nachbarschaft stehen. In Sichtweite des Jahrhundertparks, der 1998 zum Hundertjahrjubiläum der Stadt eröffnet wurde, entsteht derzeit sogar eine exklusive Wohnanlage in der Form von Neuschwanstein."

Weitere Artikel: Samuel Herzog wundert sich, dass Paul Virilio eine ganze Reihe von modernen Kunstwerken heranzieht, um in der von ihm kuratierten Pariser Ausstellung "Ce qui arrive" seine These zu untermauern, dass die Welt an ihrer eigenen Technik zugrunde gehen wird - wo doch für Virilio die "Gottlosigkeit der zeitgenössischen Kunst" immer schon "die Greuel der modernen Verwüstungen" begrüßt habe. Jefferson Chase erinnert an Country-Legende Hank Willams. Gemeldet wird der Tod des italienischen Schauspielers und Liedermachers Giorgio Gaber.

Auch ein Text, der "mehr Rohstoff als Vollendung" ist, dessen Veränderbarkeit konstitutiv ist, kann Literatur sein, meint Birgit Schmid auf der Film-Seite und plädiert dafür, die literarische Identität des Drehbuchs endlich anzuerkennen. Und Andreas Maurer stellt den Tiefenpsychologen und Filmwissenschaftler Keith Cunningham vor, der seit zwei Jahrzehnten das Handwerk des Drehbuchschreibens lehrt.

Besprochen werden die Ausstellung zu Erich Wassmer "Ricco - inszenierte Wirklichkeiten" im Kunstmuseum Bern sowie das Neujahrskonzert des Zürcher Kammerorchesters ("feierlich, aber auch feurig").

FR, 03.01.2003

Wie in einem Spiel fühlt sich Krystian Woznicki beim Betrachten der Welt, wie sie bei CNN oder dem Transformation War Game des amerikanischen Militärs dargestellt wird. Alles hängt mit allem zusammen und blinkt noch dazu, wie schon bei Buckminster Fullers (das gleichnamige Institut) Vision für die Weltausstellung 1967 in Montreal. "Das Ziel des Spieles war es, vorhandene Ressourcen der Erde im Sinne einer ökologisch sinnvolleren und sozial gerechteren Weltordnung neu zu verteilen. Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik sollten mitspielen und Vorschläge machen, die auf einer vollständig mit Leuchtdioden verkabelten Weltkarte von der Größe eines Fußballfeldes in Echtzeit visualisiert werden sollten."

Marcia Pally schickt uns mal wieder einen Flatiron-Letter: "Meine Lieblingsschlagzeile der Achtziger war 'Kopflose Leiche in Oben-Ohne-Bar'. Danach kam nichts mehr, bis zur vergangenen Woche, die man 'Hirnlose Köpfe in Fass ohne Boden' überschreiben sollte. Hirni Nr. 1, Harvey Pitt, sollte als Vorsitzender der Security and Exchange Commission (SEC) die Wall Street sauber halten. (...) Dann fügte der Dezember der Hirni-Hitliste drei weitere Namen hinzu: Henry Kissinger, Bernhard Law und Trent Lott, die alle zurücktreten mussten, als man versteckten Dreck entdeckte. Fast möchte man wieder an die Gerechtigkeit glauben."

Außerdem: Rudolf Maria Bergmann schwärmt vom schönen Q-Bus (mehr hier), mit dem das Architektenbüro Kreis, Schaad, Schaad den Wettbewerb der gemeinnützigen "Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser" gewonnen hat. Gelobt sei die Schweiz und ihre nützlichen Vereine! Michael Rutschky sieht im neuen Geiz keine Askese, sondern nur eine perfide Selbstverfeinerung des Konsumismus. In Times mager sinniert "schl" über den Tod und Michael Jackson, dessen Babys man jetzt in einem Computerspiel immer wieder vor dem drohenden Fenstersturz bewahren kann. Gemeldet wird, dass Mankell mehr Bücher als Bohlen verkauft, dass Thomas Flierl ein Konzept für die Opernreform in Berlin vorlegen will und dass der chilenische Autor Antonio Skarmeta (mehr hier) sich über den "Hansepreis für Völkerverständigung" freuen darf.

Auf der Medienseite stellt uns Iris Hilberth ein in diesen schweren Zeiten unerhörtes Projekt vor, die Rosenheimer Nachrichten, ein neues Anzeigenblatt mit journalistischem Anspruch: "Überparteilich, unabhängig, modern".

Besprochen werden die Ghettoschmonzette "8 Mile" mit einem gezähmten Eminem, Paolo Magellis Inszenierung der "Sommergäste" von Maxim Gorki in Mühlheim und als CD der Woche Marc Soustrots Bonner Neuaufnahme von Beethovens "Missa solemnis".
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TAZ, 03.01.2003

Erich Rathfelder wirft einen besorgten Blick auf den wachsenden Nationalismus in Bosnien Herzegowina, der durch die Ermordung einer katholisch-kroatischen Familie durch einen Muslim an Heiligabend einen neuen Höhepunkt erreicht hat. "Schon seit einigen Jahren verdichten sich die Hinweise, dass arabische Organisationen fundamentalistisches Gedankengut unter den bosnischen Muslimen verbreiten. So haben saudi-arabische Organisationen seit dem Ende des Bosnienkrieges (1995) dort mehr als 100 neue Moscheen und Gemeindehäuser gebaut, die bis heute unter ihrer Kontrolle geblieben sind - sehr zum Verdruss des größten Teils der traditionellen islamischen Gemeinschaft Bosniens. (...) Auch auf serbischer Seite habe sich mit der 'Tschetnikbewegung' eine Gruppe gebildet, die wie die muslimischen Fundamentalisten auf eine Destabilisierung des Landes abzielt."

Ansonsten wird rezensiert, und zwar eine Ausstellung im Pariser Centre George Pompidou zum Vermächtnis des obsessiven Denkers und Semiotikers Roland Barthes, zwei neue Alben des Türkhop aus Kreuzberg sowie die Platten der zu Pop-Starlets gewandelten Nashville-Sirenen Shania Twain, Faith Hill und LeAnn Rimes.

Und schließlich TOM.

FAZ, 03.01.2003

Der im deutschen Exil lebende irakische Autor Hussain Al-Mozany (mehr hier) beschuldigt einige seiner arabischen Kollegen, sich mit Saddam Hussein gemein zu machen und wirft ihnen sogar Bestechlichkeit vor. Namentlich greift er zum Beispiel Edward Said und den syrischen Dichter Adonis an. Und über den palästinensischen nationaldichter Mahmud Darwisch schreibt er: "Der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch brachte es fertig, einen der treuesten von Saddams Zechgenossen, Latif Nasif Jassim, als 'Minister der Dichter' zu bezeichnen, in einer Zeit, in der die großen irakischen Dichter Al-Gawahri, an-Nawab und Sadi Yusuf schon im Exil lebten. Er bewunderte die 'Schönheit der trauernden irakischen Frauen'. Aber der sonst so beredte Geist hüllt sich Schweigen, wenn es um die Verbrechen Saddams an den irakischen Intellektuellen geht - unter denen doch manche Freunde Darwischs waren." Einige neuere Artikel von Edward Said über die USA, Israel und den Irak finden sich hier.

Weitere Artikel: Eleonore Büning hat sich tatsächlich alle Silvester- und Neujahrskonzerte der Berliner Orchester angehört und lobt beonders die vom Rundfunk-Sinfonieorchester dargebrachte Neunte von Beethoven unter Marek Janowski: "Das Solistenquartett ... sang wie aus einem Munde. Freude!" Petra Kolonko besucht das "Archiv der Autonomen Region Tibet" in Lhasa, wo die Chinesen Dokumente aus der tibetanischen Geschichte aufbewahren, die sie zumeist bim Aufstand von 1959 geraubt haben und die nun beweisen sollen, dass Tibet eigentlich nie unabhängig war. Ein bereits absehbares Problem bei der Eröffnung der Frauenkirche in Dresden im Jahr 2005 spricht "bat." an: "Eintausendachthundert Menschen wird die rekonstruierte Frauenkirche fassen. Doch schon jetzt ist klar, dass rund achtzigtausend Gäste zur Einweihung 2005 kommen wollen." Dietmar Polaczek freut sich über die Wiedereröffnung der restaurierten Ca' Pesaro (Bilder), des "vielleicht schönsten Barockpalastes" in Venedig. Werner Jacob reüsmiert ein Cottbuser Symposion zur Lage der Architekturkritik in Deutschland. Nils Aschenbeck fürchtet, dass das berühmte Spannbetondach der in den fünfziger Jahren von Roland Rainer entworfenen Stadthalle von Bremen einer Renovierung zum Opfer fallen wird. In einer Meldung erfahren wir zuguterletzt, dass das Weihnachtsgeschäft des Buchhandels offenbar nicht brillant war.

Auf der letzten Seite berichtet Dietmar Dath über die Entdeckung einer "Beowulf"-Übersetzung von J.R.R. Tolkien durch den Sprachwissenschaftler Michael Drout (mehr dazu hier). Andreas Rossmann teilt mit, dass Gerard Mortier das Kulturprogramm der Olympischen Spiele 2012 in Düsseldorf leiten soll - falls das Los überhaupt auf diese spezielle Weltmetropole fällt. Und Jens Schlieter macht uns in einem Hintergrundtext mit den boethischen Einstellungen des Buddhismus vertraut. Auf der Medienseite stellt Freddy Langer die Superman-Serie "Smallville" vor, die in RTL läuft. Heike Huprtz schildert den Erfolg der Serie "Trading Spaces", die sich mit den Schwierigkeiten von Eigenheimbauern auseinandersetzt. Tilman Spreckelsen hat das renovierte Börsenblatt gelesen. Und Michael Ludwig erzählt, wie in der Ukraine zensiert wird.

Besprochen werden der dänische Kinderfilm "Kletter-Ida" und einige Sachbücher, darunter einige Bände über den Begriff des Eurozentrismus und ein Lexikon der Gender Studies (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).