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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2003. In der SZ benennt der schwedische Autor Lars Gustafsson die einzige "wirklich progressive Kraft" in der Welt: die Vereinigten Staaten. Die FR kritisiert die Kulturministerin Christina Weiss als Kulturwirtschaftsministerin, jdenfalls immer wenn's ums Kino geht. Die taz tanzt zu The Darkness. Die FAZ stellt den chinesischen Fotografen Li Zhensheng vor, dessen Fotos überall gezeigt werden, nur nicht in China.

SZ, 07.11.2003

Der schwedische Dichter Lars Gustafsson (mehr hier) findet ein paar deutlich Worte zum USA-Bild einer europäischen Linken, die sich "in Ermangelung besserer Argumente" in eine Art "systematischer Negativität" eingeschlossen habe: "Die einfache und für manche peinliche Wahrheit lautet, dass es auf der ganzen Welt heute nur eine wirklich progressive Kraft gibt: die Vereinigten Staaten."

Die Politologin Margareta Mommsen (mehr hier) sieht Russland am Scheideweg stehen, seit sich Präsident Putin mit der Verhaftung des Öl-Tycoons Michail Chodorkowskij zum "Staatskapitalismus mit stalinistischem Antlitz" bekannt hat." Aber, meint Mommsen auch: Dank der Yukos-Affäre ist die Politik ins Land zurückgekehrt. Russlands demokratische Kräfte konsolidieren sich: In einem offenen Brief appellierten Schriftsteller wie Wladimir Woinowitsch und Boris Akunin an die demokratischen Parteien, eine 'einige demokratische Front' zu bilden: 'Der gemeinsame Feind kommt näher.'"

Weiteres: Petra Steinberger bemerkt eine wachsende Unzufriedenheit des amerikanischen Militärs mit der Regierung. Streitpunkt ist offenbar, dass George Bush zu große Distanz zu den Toten und Verletzten des Irakkrieges hält. Gerhard Fischer berichtet über die Aufregung in Finnland, die ein Buch über die Kollaboration mit den Nazis ausgelöst hat. Der Geschäftsführer des Carlsen Verlags, Klaus Kämpfe-Burghardt, klärt uns über die logistischen Anstrengungen bei der Auslieferung von "Harry Potter V" auf. In einem Interview mit Hans Leyendecker bestreitet der Chef der Degussa, Utz-Hellmuth Felcht, dass die Informationen über den Betonverflüssiger von der Firma selbst gestreut wurden. Christian Seidl erinnert an den Musiker, Komiker und Autor Ary Barroso, der heute hundert Jahre alt geworden wäre und dem wir die schöne Samba "Brazil" verdanken (mehr hier). Christine Brinck fordert für die deutschen Unis das Recht, ihre Studenten auszuwählen. Henning Klüver berichtet von Verwsuchen Berlusconis, Einfluss auf die Biennale zu nehmen.

Besprochen werden die Schau von Ydessa Hendeles Sammlung im Haus der Kunst in München, der Saisonauftakt an der New Yorker Met mit Neil Shicoffs durchaus als politisch zu verstehender Oper "La Juive", Sandra Strunz' Bühnenfassung von Karen Duves "Regenroman" für das Staatstheater Hannover, Jim Falls Teenie-Komödie "Popstar auf Umwegen" und Bücher, darunter zwei Neuerscheinungen zu Leben und Arbeit von Konrad Lorenz sowie Kinderbücher (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 07.11.2003

Rüdiger Suchsland hat beim ersten "Deutsch-Französischen Filmtreffen" in Lyon gelernt, auf welch tönernden Füßen die Anti-Hollywood-Allianz steht: Einmal mehr, meint Suchsland, machte Christina Weiss "den Eindruck, dass sie sich in Filmfragen vor allem als Kulturwirtschaftsministerin versteht, als Verkäuferin stromlinienförmiger, für die globalen Märkte tauglicher Ware, nicht als Anwältin einer Kunst, die provoziert, herausfordert und, mag sie auch schwerer verkäuflich sein, andere Mehrwerte produziert. Ihr gegenüber Jean-Jacques Aillagon, der Gaullist, der auf dem Stuhl Andre Malrauxs genau solche 'Industrialisierung der Kultur' kritisiert, ihren Eigenwert und Diversität verteidigt und dafür plädiert, anstehende medienpolitische Entscheidungen eben als politische Weichenstellung zu begreifen."

Weiteres: Harry Nutt kommentiert die neueste Entwicklung im Mahnmal-Streit: "Die Wucht, mit der die teils explosiven, teils harmlosen Nachrichten aus dem Auftragsbuch der Bauherren des Mahnmals auf den Markt der Meinungen geworfen werden, zeigt nur zu deutlich, dass die Idee und Konzeption eines Gedenkortes an den Holocaust noch nicht in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist." Florian Malzacher hat sich beim Spielart-Festival vom neuen polnischen Theater irritieren lassen. In einem kurzen Drama rettet Moritz Rinke Deutschland, wenn auch auf Kosten von Koteletts, Kirschkuchen und Sozialdemokratie. Hilal Sezgin versetzt sich und uns in Erinnerung an Konrad Lorenz, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, ins "Bullerbü der Biologie". Den Platz von Times mager nutzt Thomas Medicus, um eine Plakatkampagne des Fritz-Bauer-Instituts anzukündigen, die Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus vorstellen wird. Besprochen wird das Deep-Purple-Konzert in Frankfurt.

TAZ, 07.11.2003

Susanne Messmer weiß, zu welcher Platte man glücklich in der Küche tanzen kann: zu "Permission To Land" von The Darkness: "Old und New British Heavy Metal auf der einen Seite, Gary Glitter und Queen auf der anderen. Mal klingen sie geerdet und bräsig, Stimme, Gitarre und Schlagzeug halten denselben baumstarken Rhythmus, es geht ums Wegrennen und Freisein, um Liebe auf Steinen und mit sich selbst, der gute, alte Kern des Rockrebellentums. Dann auf einmal aber hebt es plötzlich ab - im dazugehörigen pompösen Videoclip kommt an diesen Stellen das Raumschiff ins Spiel -, Justin Hawkins anbetungswürdige Falsettstimme überschlägt sich, die Gitarre wird immer hysterischer, süßer die Chöre nie klangen, Brust raus, Bauch rein - okay, Vollgas."

Tobias Rapp plaudert mit Richard Weize, dem Macher von Bear Family Records über die guten alten Zeiten, als Bill Haley noch vom NDR-Rundfunkorchester gespielt wurde und man heimlich Plattenlabels über den Buchladen der Mutter betreiben konnte. Auch Jörg Sundermeier seufzt wehmütig beim Hören von Rocko Schamonis "Best of"-Album: "Diese Platte kommt aus einer unendlich schönen Zeit", nur leider ist die vorbei.

Und allen, die es noch nicht wussten, erklärt Christian Semler, was es mit der Beteiligung der russischer Juden an der Oktoberrevolution auf sich hat: Zum einen stand der Großteil der politsch aktiven Juden zunächst auf Seiten der Menschewiki, was sich aber zwangsläufig änderte: "Im Verlauf des Bürgerkrieges, der der Oktoberrevolution folgte, wurden von konterrevolutionären Kräften in der Ukraine und anderen Teilen des Reiches blutige Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung organisiert. Zwischen 1917 und 1921 kam es zu über 1.200 Pogromen in Städten und 'Schtetls', denen 60.000 Juden zum Opfer fielen, während hunderttausende fliehen mussten und Hab und Gut verloren. Es bedarf keines besonderen Scharfsinns, um herauszufinden, dass in dieser lebensbedrohenden Situation die Bolschewiki, die Rote Armee und die Sondereinheiten der Tscheka von den Juden als Rettung angesehen wurden."

Schließlich TOM.
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NZZ, 07.11.2003

Jeroen van Rooijen widmet sich einer Ausstellung der "beiden niederländischen Exoten" des Modedesigns Viktor & Rolf im Pariser Musee de la Mode et du Textile. Die beiden "sind heute Teil des Fashion-Establishments, verkaufen sich aber nach wie vor wie zwei Studenten, die gerade eben erst in die Modewelt gestolpert sind", schreibt er anerkennend.

Weitere Artikel: Andrea Köhler berichtet über einen Fall von Kindsmisshandung, der die USA bewegt. "Oper ist mehr als Gesang" verrät uns der Theaterwissenschaftler Robert Braunmüller. Claudia Schwartz verabschiedet den Berliner Palast der Republik. Klaus Bartels räsonniert über das Stichwort "Putsch" und zitiert einen Chronisten der Basler Mundart: "Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen vorübergehenden Regenguss einen Putsch nennt und demgemäss die eifersüchtigen Nachbarstädte jede närrische Gemütsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune oder Mode der Zürcher einen Zürichputsch nennen. Da nun die Zürcher die Ersten waren, die geputscht, so blieb der Name für alle jene Bewegungen." Besprochen werden die erste umfassende Schau des indischen Künstlers Anish Kapoor (mehr) im Kunsthau Bregenz sowie drei Ballett-Uraufführungen in Mainz.

Auf der Filmseite berichtet Jürg Zbinden vom spannungslosen letzten Teil der Matrix-Trilogie "The Matrix Revolutions", der zudem noch mit "nachgerade stümperhaften" Kulissen ausstaffiert ist und jegliche Art "cooler Gadgets" vermissen lässt. Isabelle Imhof zeichnet ein Porträt des Waliser Dichters Dylan Thomas, dessen "Engagement in der Filmindustrie kaum bekannt" ist. Und Andreas Maurer bespricht Gus Van Sants Film "Elephant", der an die Schulhausmassaker in den USA erinnert und allein das Gefühl der "Einsamkeit" zulässt.

Die Medien- und Informatikseite widmet heute zwei Artikel dem Grid-Computing: Gregor Henger erklärt uns, was das überhaupt ist, nämlich nahezu unbegrenzte Rechenleistung aus der Steckdose. Und set. schildert ein Beispiel konkreter Anwendung: das Pharmaunternehmen Novartis betreibt bereits ein Grid mit 2.700 PCs. Ausgebaut werden soll es auf 25.000 bis 30.000 Rechner. Hingewiesen sei noch auf einen Artikel von Marc Zitzmann, der an die Gründung der Liberation vor dreißig Jahren erinnert.

FAZ, 07.11.2003

Petra Kolonko stellt den Fotografen Li Zhensheng (mehr hier) vor, einst offizieller Fotograf der chinesischen Kulturrevolution, der heimlich auch die Infamie der Epoche dokumentierte. Sein Bildband, mit Fotos, die aus dieser Zeit herübergerettet wurden, ist jetzt auch auf deutsch erschienen. In China konnte Li die Fotos noch nicht zeigen: "Der Kommunistischen Partei ist zur Zeit an Vergangenheitsbewältigung nicht gelegen. Die Kulturrevolution wurde Ende der siebziger Jahre als 'Fehler Maos' und 'zehn Jahre Chaos' bezeichnet, damit galt das Kapitel als abgeschlossen. Weitere Nachforschungen werden von offizieller Seite nicht ermutigt. Hunderttausende Opfer wären zu erklären und unglaubliche ideologische Volten einer Kommunistischen Partei, deren Genossen heute Villen und Luxuslimousinen besitzen dürfen." Hier einige Fotos.

Recht sarkastisch äußert sich der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp über Privatfirmen, die von Politikern eingesetzt werden, um Studiengänge zu evaluieren, und die damit ordentlich Geld verdienen: "Die Hochschule, der ich - noch unakkreditiert - angehöre, hat der Firma SAP ihre administrativen Steuerungsmechanismen überlassen, McKinsey hat ihr mit dem Segen des Senats das 'Reform'-Konzept verpasst, und ACQUIN sorgt für die Qualitätssicherung. Hier wäre ein NewPublic-Management-Preis fällig."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier führt uns in der Leitglosse auf dreißig Zeilen in das Genre der "beleidigenden Kürze" ein, ohne diesmal irgendjemand zu beleidigen. Monika Osberghaus sieht Deutschland im Potter-Fieber ("Eulenbacken müssen die Leute in einer thüringischen Buchhandlung, in einer anderen in Sachsen gar aus Teig geformte Spinnenbeine essen.") Lorenz Jäger gratuliert Joni Mitchell zum sechzigsten Geburtstag. Edo Reents schreibt zum Tod von Bobby Hatfield, dem Sänger der "Righteous Brothers" (Condolences and Rememberances).

Auf der Medienseite zeigt sich Jörg Thomann empört über den Schlagersänger Enrique Iglesias, der sich in der Bunten wie folgt über die Inspirationsquellen zu seiner neuen, recht trüb getönten CD äußert: "Viele der Lieder habe ich in Ostdeutschland geschrieben, als ich bei 'Wetten, dass . . ?' aufgetreten bin. Ich fand es da so finster und deprimierend, dass nur depressive und düstere Songs dabei herauskamen."

Auf der letzten Seite legt Martin Kuhna einen Reisebericht aus Swastika vor, einem weltabgelegenen kanadischen Dorf (545 Einwohner), das sich einst - noch lange vor Hitler - nach einem Glückssymbol der Indianer benannte - dem Hakenkreuz. Alexandra Kemmerer liest ein Dossier in der Zeitschrift Foreign Affairs, das sich - zum Trost der heutigen US-Regierung - mit den Schwierigkeiten der Besatzung Deutschlands auseinandersetzt (Allen W. Dulles klagte zum Beispiel seinerzeit über den Männermangel, worüber die heutigen Irak-Besatzer wahrscheinlich eher froh wären). Und Dirk Schümer freut sich über die restaurierte Moses-Statue des Michelangelo in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli.

Besprochen werden ein Dokumentarfilm von Kirby Dick und Amy Ziering Kofman über Jacques Derrida, eine Cy-Twombly-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne, die Freiburger Ausstellung "Dubiose Systeme 4" des Basler Konzeptkünstlers Till Velten, die nach Auskunft des Rezensenten Martin Halter die "Schnittmengen zwischen Kunst und Spuk, normaler und paranormaler Kreativität" sucht.