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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2003. In der FAZ verabschiedet Ulla Berkewicz den Suhrkamp-Stiftungsrat mit freundlichen Worten. Die taz erklärt, wie man in Russland missliebige Politiker aus dem Weg räumt. Die SZ schildert Putins Regime als Wahlmonarchie. Die NZZ glaubt an einen europäischen Verfassungspatriotismus. Und Luk Percevals Berliner "Andromache"-Inszenierung kommt in der FR und der FAZ nicht so gut weg.

FAZ, 05.12.2003

Die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkewicz ruft den zurückgetretenen Suhrkamp-Sitftungsräten Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger, Adolf Muschg, Wolf Singer und Alexander Kluge im Interview mit Hubert Spiegel noch ein paar freundliche Sätze hinterher, zum Beispiel: "Aber im Ernst, das Wesen einer Stiftung wird nicht tangiert, wenn ihre Mitglieder wechseln." Oder: "Die Loyalitätsbekundung der Stiftungsräte als Autoren zum Verlag hat mich sehr beruhigt."

Auf Seite 3 der FAZ legt Felicitas von Lovenberg überdies einen Hintergrundbericht vor und berichtet auch über die schwierige Lage des Hauses: "Der Jahresumsatz beträgt bei über 140 Mitarbeitern knapp vierzig Millionen Euro, im letzten Jahr sollen die Zahlen rot gewesen sein. Ob die 'schwarze Null' 2003 erreicht werden kann, ist trotz des Bestsellers von Carlos Ruiz Zafon noch ungewiss."

Dietmar Polaczek zeigt sich tief beeindruckt von Anselm Kiefers Ausstattung von Strauss' "Elektra" in Neapel: "Flächen in schmutzigem Weiß, kannelierte Wände, die schäbige Betonimitation einstiger Marmorpracht. Schwarze, wie ausgebrannte Türleibungen, die ein symmetrisches Ornament bilden, die Flügel gegen den Zuschauerraum abgebrochen, abgerissen, als hätte eine Bombe die Eingeweide freigesprengt." So beschreibt er Kiefers Architektur, und versichert: "Dieser blutrünstige Palast gehört allen Zeiten und wird sich für alle Zeiten einprägen."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings resümiert die Frankfurter Poetikvorlesungen von Tankred Dorst. Kerstin Holm erzählt ein kleines Schurkenstück des im Londoner Exil lebenden Ex-Oligarchen Boris Beresowski, der - obwohl von den Russen gesucht - in seinem Privatflieger eine Stippvisite in Georgien einlegte. Wegen eines gültigen Passes auf den Namen Platon Jelenin wurde er von georgischen Behörden nicht festgenommen. Mark Siemons freut sich, dass die Literaturzeitschrift ndl beim Schwarzkopf-Verlag untergekommen ist. Gerhard Stadelmaier ist nicht begeistert von Luk Percevals "Andromache"-Inszenierung nach Racine und mit Jutta Lampe an der Berliner Schaubühne ("Sprachlos. Ein Jammer", aber Luc Perceval sei ja auch "ein Verkleinerer und Stücke-Runtermacher, ein Füllknirps"). Michael Althen kann die Sexszenen in Jean-Claude Brisseaus Film "Heimliche Spiele" nicht empfehlen ("Die Kopulationen sind arrangiert wie Tableaus, aber das Spiel ist hölzern, und das Fleisch bleibt kalt.") Christian Schwägerl resümiert die Düsseldorfer Hirnforscher-Tagung "Neuro-Visionen". Dirk Schümer besucht das Fellini-Museum in Rimini.

Auf der letzten Seite beschreibt Gerhard Rohde einige Opernhäuser in der französischen Provinz, deren Qualität ihn beeindruckte. Andreas Rossmann berichtet über eine Warnung des internationalen Rats für Denkmalpflege (Icomos): Wenn Köln allzu viele Hochhäuser gegenüber vom Dom bauen lässt, dann könnte der Dom von der Weltkulturerbeliste gestrichen werden. Und Lorenz Jäger berichtet über die Begnadigung des RAF-Terroristen Rolf Clemens Wagner.

Die Medienseite ist ganz und gar einem "Massaker" (so Michael Hanfeld) bei Pro 7 Sat 1 gewidmet, wo Haim Saban mit dem Schweizer Roger Schawinski, der von Jürg Altwegg als "Züri-Schnurre", das heißt Zürcher Schnauze porträtiert wird, einen neuen Chef installierte. Und dabei konnte Sat 1, so Stefan Niggemeier, gerade stolz auf sich sein.

Besprochen werden Ernst Kreneks Kinderoper "Das geheime Königreich" in Erfurt und einige Sachbücher, darunter Jürgen Trimborns Biografie des heute hundertjährigen Operettensängers Johannes Heesters (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 05.12.2003

Luk Perceval hat an der Berliner Schaubühne Racines "Andromache" inszeniert. "Oder: Ausgesetzt? Übersetzt? Zerschlagen? Kaltgestellt? Eingedampft?" Echte Bewunderung bringt Peter Michalzik nur für Bühnenraum auf, den Annette Kurz geschaffen hat. "Ein schwarzer endloser Raum, das All, mindestens, darin ein Meer von Flaschen, inmitten der Flaschen und Splitter sind lange Granitplatten zu einem schmalen Steg aufeinander geschichtet und frontal gegen die Zuschauer gestellt. Das ist die Spielfläche, die Schauspieler sind vom Sturz in die Scherben gefährdet, sie spielen mit abgeschlagenen Flaschenhälsen, sie drohen über ihre Röcke zu stolpern. Mehr reale Gefahr war selten im Theater. Mehr Bühne aber auch nicht, eine ungemein wuchtige Setzung, viel stärker als der Rest. Jedenfalls wirkt der wie darunter begraben."

Weitere Artikel: "Ein abgesagter Umzug, ein Wechsel in der Archivleitung und ein Nachlass, der nach Berlin geht: Zum Ende des Adorno-Jahres sorgt das Theodor W. Adorno Archiv für Schlagzeilen, die nicht so recht in die Feiertagsstimmung zum hundertsten Geburtstag passen wollen", seufzt Gottfried Oy und nimmt "alle drei Neuerungen einzeln" unter die Lupe. Daniel Kothenschulte gratuliert liebevoll dem eleganten Johannes Heester zum Hundertsten und schreibt zum Tod des Filmregisseurs Carl Schenkel ("Abwärts"). Gemeldet wird außerdem der Tod des Schauspielers David Hemmings ("Blow Up"). In Times Mager stellt Louise Brown die "Little Artists" vor: John Cake und Darren Neave haben die diesjährigen Kandidaten zum Turner Prize mitsamt ihren Werken aus Lego nachgebaut.

Besprochen wird die Schau "Partners" der New Yorker Sammlerin Ydessa Hendeles im Haus der Kunst München.

TAZ, 05.12.2003

Im Interview mit Barbara Oertel erklärt Krimiautorin Polina Daschkowa (mehr hier), wie man in Russland missliebige Politiker aus dem Weg räumt: "Indem man diese Person lächerlich macht. Das ist die beste Art. Kompromat (kompromittierendes Material), das funktioniert bei uns schon nicht mehr. Denn je mehr Dreck über jemanden ausgekippt wird, desto mehr bemitleidet man diesen Menschen. Dass jemand lächerlich gemacht wird, dafür sorgen schon unsere Wahlkampfmanager. Das zeigen ja die Kampagnen, da stehen die Politiker für Joghurt, Pepsi, Snickers. Eine gute Variante ist, einem Politiker möglichst dumme Manager zur Seite zu stellen, die versuchen, ihn in jeder Hinsicht als bestmöglichen Politiker darzustellen. Das reicht, um aus ihm einen Idioten zu machen."

Weiteres: Franz Dobler freut sich, dass Krimi-Autor Kinky Friedman, "das beste verrückte Huhn der USA", Gouverneur von Texas werden will. Erstmals gibt es in Deutschland einen Lehrstuhl für Tanzwissenschaft, Katrin Bettina Müller stellt die erste Proefessorin für Tanzwissenschaft überhaupt in Deutschland vor: Gabriele Brandstetter. Ganz oben auf dem Lehrplan steht die Frage, warum wir heute in einer "Ära von scheinbarer Virtuositätsfeindlichkeit" leben. In der Kolumne "zwischen den rillen" diskutiert Andreas Hartmann, wie politisch Musik sein muss oder darf, um politisch anregend zu sein. Auf der Rätselseite tazzwei porträtiert Jan Feddersen Johannes Heesters, der "so rein" war, "dass das Publikum sich in ihm erkennen können wollte".

Und schließlich TOM.
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NZZ, 05.12.2003

Der Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan hat mit einem Artikel auf der französischen Islamwebsite oumma in Frankreich eine heftige Debatte (mehr) über Rassismus und Antisemitismus ausgelöst, berichtet Sabine Haupt. "Der Artikel kritisiert einen angeblich mangelnden 'Universalismus' jüdischer Intellektueller sowie die Unfähigkeit gewisser französischer Publizisten, von ihrer jüdischen Abstammung zu abstrahieren und klar die Palästinapolitik Israels zu verurteilen." Heftig zurückgeschlagen hat vor allem Bernard-Henri Levy in Le point, der Ramadans ideologischen Hintergrund untersuchte: Großvater, Vater und Bruder Ramadans sind eng mit der ägyptischen Muslimbruderschaft verbunden. Im September 2002 rechtfertigte Bruder Hani Ramadan in Le Monde "das Scharia-Gebot der Steinigung mit dem Hinweis auf seine 'abschreckende' und 'läuternde' Wirkung". Davon habe sich Tariq Ramadan nie distanziert, schreibt Sabine Haupt.

Jan-Werner Müller denkt darüber nach, was Europa im Innersten zusammenhalten könnte: der Verfassungspatriotismus. Das Besondere an der EU sei, "dass sie ein politisches Experiment irgendwo zwischen Staatenbund und Bundesstaat darstellt, in dem Angleichung und Andersartigkeit ständig neu verhandelt werden müssen. Die EU hat in diesem Sinne keine abgeschlossene Identität, sondern ist ein Prozess, welcher vor allem auf ein gehöriges Mass Toleranz angewiesen ist. Somit ist laut Weiler auch ein besonderes EU-Grundprinzip die 'konstitutionelle Toleranz', welche die europäischen Länder mit ihren sehr verschiedenen politisch-rechtlichen Traditionen einander entgegenbringen müssen."

Weitere Artikel: Alexandra Kedves widmet dem israelischen Schriftsteller Etgar Keret, der kommenden Sonntag im Theater an der Winkelwiese in Zürich lesen wird, ein kurzes Porträt. Besprochen werden Luc Percevals Inszenierung von Racines "Andromache" an der Berliner Schaubühne, die kleine Schau von Arbeiten Maria Lassnigs im Kunsthaus Zürich und eine Biografie zum 100. Geburtstag des niederländischen Schauspielers und Sängers Johannes Heesters. Auf der Medien- und Informatikseite erzählt Isabelle Imhof von einem Informatiker aus Ghana, der in Zürich ausgemusterte Computer sammelt, um sie nach Afrika zu exportieren. In seinem Geburtsland will er ein Open-Source-Projekt realisieren, das der Bevölkerung den Anschluss an die Hightech-Ära ermöglichen soll.

Auf der Filmseite stellt Andreas Maurer Nuri Bilge Ceylans Drama "Uzak" vor, in dem die "Lebenskrise eines (Selbst-)Entfremdeten die wirtschaftliche und kulturelle Krise eines Landes reflektiert" wird. Daneben kommentiert Amin Farzanefar das Filmschaffen der Türkei, das "zweigeteilt wie das Land" selbst sei. Alexandra Stäheli hat sich von der auf einer wahren Begebenheit basierenden "lakonisch-fragilen Kriegsballade" "Yossi & Jagger" des israelischen Filmemachers Eytan Fox begeistern lassen, der die Geschichte einer homosexuellen Beziehung in der israelischen Armee erzählt (hier zur Homepage des Films). Dem 33. Film Woody Allens "Anything Else", eine "Romantic Comedy", mag Marli Feldvoss nur eingefleischten Allen-Fans empfehlen, denn allenfalls für sie "mag es noch hin und wieder etwas zu lachen geben". Nominationen und Neuerungen zum Schweizer Filmpreis 2004 verrät "che".

SZ, 05.12.2003

Die SZ ist heute mal wieder nicht im Netz. Wir fassen sie unverlinkt zusammen. Vielleicht probieren Sie es später noch einmal selbst hier.

Zu den Duma-Wahlen bringt das SZ-Feuilleton einen kleinen Russland-Schwerpunkt. Die Politologin Lilia Schewzowa gibt einen Ausblick darauf, was Russland noch alles in Wladimir Putins Wahlmonarchie zu erwarten hat: "Sein Ziel ist ein strenges bürokratisches Regime. Bislang erlaubte die russische Herrschaft einen gewissen politischen Pluralismus, widerstreitende Klane, Presse- und Meinungsfreiheit, sogar Kritik an der Regierung. Von nun an aber wird das Regime mit einer monolithischen Mannschaft operieren, werden die Bürokratie und die Strukturen der Gewalt wachsen. Zwar wird selbst Putin keinen Polizeistaat einführen... Vereinzelt aber wird der Kreml sehr wohl repressive Maßnahmen ergreifen, und dies schafft eine neue Situation: Das Klima der Angst kehrt zurück. Schon heute mildern Politiker, Journalisten und Analytiker ihre Sätze ab und schauen sich misstrauisch um, wenn sie die Regierung kritisieren."

Der Schriftsteller Wladimir Woinowitsch (mehr hier) liefert dazu Eindrücke aus dem Wahlkampf. Besonders bemerkenswert der Fernsehclip von Putins Partei "Einiges Russland", "in dem das Korn in dichten Ähren wächst, wohlgenährte Kühe kalben und fette Fische laichen. Eine Sau hat gerade geworfen und grunzt faul. Geräuschvoll saugen die Ferkel an ihren Zitzen - im Hintergrund eine Karte Russlands, die Nationalhymne erklingt."

Andrian Kreye erinnert daran, wie und warum Franklin D. Roosevelt vor siebzig Jahren die Prohibition abschaffte. Christoph Schlingensief probt in Wien, und wie Helmut Schödel berichtet, scheint die Stadt zu genießen, wieder mal das Schlimmste befürchten zu dürfen. Jacqueline Henard berichtet von der Verleihung des Meister-Eckart-Preises an Claude-Levi Strauss. Susan Vahabzadeh verabschiedet den Filmemacher Carl Schenkel. Fritz Göttler schreibt zum Tod von David Hemmings und den Nachruf auf Gottfried Gruben liefert Aenne Ohnesorg. Ralf Hertel lehrt uns Neudeutsch auf Englisch - gemäß dem neuen Muret-Sander, der jetzt eben auch "machtgeil" (power-mad), "Blutgrätsche" ("scything tackle), "und "Samenraub" (spermicide) aufführt. Hübsach auch eine Meldung aus dem Suhrkamp Verlag, wonach Verlagschefin Ulla Berkewicz ein "Missverständnis" des zurückgetretenen Stiftungsrats "bedauert". Ihm sei nämlich nicht die Aufgabe zugekommen, den Verlag zu beraten, sondern den Vorstand der Stiftung.

Besprochen werden eine Schau von Arno Schmidts Fotografien in Celle, Luk Percevals Inszenierung der "Andromache" frei nach Racine oder auch Euripides, der Mitschnitt des legendären "Festival au Desert", eine Ausstellung über den Erfinder im Europäischen Patentamt, Josef Anton Riedls Klangaktionen in München, Karl-Markus Gauß' "brillante" Chronik "Von nah, von fern" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).