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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2004. In der FR sagt der Historiker Klaus Naumann eine "Rückkehr des Hobbesianischen Moments" voraus. In der SZ empfiehlt Tony Judt zur Terrorbekämpfung ein Leben, "als ob" die Demokratie nicht gefährdet werde. Die Zeit fürchtet zum wiedeholten Male Mel Gibsons Jesus-Film. Die NZZ sinniert über die Angst der Wiener vor dem Osten. Die taz sondiert pünktlich zur Leipziger Messe Trends und Tendenzen des Buchmarkts.

Zeit, 25.03.2004

In den USA musste Mel Gibsons "The Passion" im Box Office den ersten Platz räumen - für Zack Snyders Zombie-Epos "Dawn of the Dead". Die Zeit-Redaktion beruhigt das nicht und widmet dem Film noch einmal drei Artikel.

Daniel Jonah Goldhagen hat sich von Mel Gibon jedenfalls nicht bekehren lassen: "Mir waren Kreuze schon immer suspekt." Jens Jessen findet den Film ketzerisch und der Theologe Walter Schmithals findet ihn "nicht biblisch".

Weitere Artikel: In Leipzig wird heftig diskutiert, ob die 1968 gesprengte Paulinerkirche wieder aufgebaut werden soll oder neue Gebäude für die Universität wichtiger sind, berichtet Christoph Dieckmann. Anke Engelke behauptet im Interview, Quoten seien ihr wichtig, noch mehr aber interessierten sie aber "absolute Zahlen": "Ich will wissen, wie viele Leute mich auf der Straße komisch angucken werden, weil ich Penis gesagt habe." Petra Kipphoff porträtiert die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum, die gerade eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle hat. Thomas Assheuer mokiert sich über die neue Zeitschrift Cicero ("Krawallprosa aus dem rechten Winkel des Salons"). Claudia Kniess beschreibt den Kampf unserer Städte um den Titel der Kulturhauptstadt 2010.

Besprochen werden die Verfilmung von Eric Emmanuel Schmitts Roman "Monsieur Ibrahim" mit Omar Sharif, die "sensationelle" Giorgione-Ausstellung in Wien und Aufführungen von Werken Charles Ives' beim Berliner Festival MaerzMusik: "Den Geist hinter dem freundlichen Gesicht des Charles Edward Ives hat bis heute keiner eingeholt, so unabhängig und unbekümmert war er. Das konnte er sich leisten - er hat absichtlich nicht von Musik gelebt. Ives war einer der erfolgreichsten Versicherungsagenten der Ostküste, während er als (ausgebildeter!) Komponist einem Motto folgte, das im Job verheerend gewesen wäre: 'Regardless of consequences'", schreibt Volker Hagedorn.

Die Zeit präsentiert heute ihre Literaturbeilage. Den Aufmacher widmet Iris Radisch Botho Strauß' Essayband "Der Untenstehende auf Zehenspitzen" (Wir werten die Beilage in den nächsten Tagen aus.) Hingewiesen sei noch auf einen Artikel im Reiseteil: Marko Martin hat sich mit Monica Ali in der Londoner Brick Lane getroffen, von deren Bewohnern die Schriftstellerin in ihrem gleichnamigen Roman erzählt.

FAZ, 25.03.2004

Jordan Mejias beschreibt den in Washington tagenden Untersuchungsausschuss, der klären soll, ob die Bush-Regierung vor dem 11. September die Terrorbekämpfung vernachlässigte, als Volkstheater. Und mit Gewinn liest er das Buch "Against all Enemies" (kurzer Auszug) des Geheimdienstmanns Richard A. Clarke, der die Vorrwüfe gegen die Bush-Regierung zuspitzte: "Wer könnte ein Buch aus der Hand legen, in dem enthüllt wird, dass weder CIA noch FBI eine Ahnung von der japanischen Giftgassekte Aum hatten, bis ein Beamter auf die brillante Idee kam, im Telefonbuch von Manhattan nachzuschlagen? 'Fuck, they are in the phone book, on East 48th Street and Fifth', zitiert Clarke einen verblüfften FBI-Mann."

Paul Ingendaay besucht für eine Reportage auf der letzten Seite noch einmal die Orte im Bahnhof Atocha und in der Innenstadt von Madrid, wo der Opfer der Massaker gedacht wird, und schreibt eine Hymne auf die Stadt: "Die Identität Madrids ist raubeinig, volkstümlich, schnörkellos und etwas frech, so frech und grob wie die Sprache der Straße. Deshalb wachsen ihre Bewohner in Zeiten der Not zu Helden des Alltags, ohne Fragen zu stellen."

Weitere Artikel: Im Aufmacher informiert uns Frank Pergande über die Kulturpolitik der Stadt Rostock - das einst gute Verhältnis zwischen der Kultursenatorin Ida Schillen und SPD-Oberbürgermeister Arno Pöker scheint abgekühlt zu sein. "mink" empfiehlt in der Leitglosse Gabor Steingarts Buch "Deutschland - Der Abstieg eines Superstars", das jüngst in Berlin von Franz Müntefering vorgestellt wurde, also von einem der Akteure dieses Abstiegsdramas (die von uns ausgewerteten Zeitungen haben das Buch leider noch nicht besprochen). Roland Reuß, Herausgeber der umstrittenen Kafka-Ausgabe bei Stroemfeld, verteidigt die Faksimile-Ausgabe von Kafkas "Verwandlung", die jüngst von Hanns Zischler und Klaus Wagenbach kritisiert worden war. Stefan Baufeld fragt in einem Artikel zur Tötung des Scheichs Yassin, worin völkerrechtlich eigentlich der Grund der Kritik an Israel liegt, wo doch auch die USA Terroristen ohne Prozess töten, ohne auf allgemeine Empörung zu stoßen. Matthias Grünzig besucht die Leipziger Baumwollspinnerei, ein Industriedenkmal des 19. Jahrhunderts, das vor Leben tobt, seit die Räume günstig an die Bewohner Leipzigs vermietet werden - "eine Idee, die Leipzigs Realität entsporang. Viele Leipziger nämlich verfügten zwar über wenig Geld, dafür aber über viel Zeit". Andreas Rosenfelder hält Einkehr im Bonner Münster, wohin die Kirche von Mel Gibsons Jesus-Film geschockte Katholiken einlädt, damit sie wieder zu sich kommen.

Auf der Kino-Seite empfiehlt Bert Rebhandl eine Retrospektive des japanischen Filmregisseurs Hiroshi Shimizu. Und Peter Körte verabschiedet den Hollywood-Lobbyisten Jack Valenti, der in den Ruhestand geht.

Auf der Medienseite analysieren Jörg Hahn und Michael Hanfeld die Vorgänge in der Sportredaktion des Hessischen Rundfunks, die sich etwas undogmatisch sponsorn ließ.

Auf der letzten Seite berichtet Oliver Tolmein über das Kriegsverbrechertribunal in Freetown, Liberia, das - unterstützt von den UN - in diesem Frühjahr seine Arbeit aufnimmt. Und Hannes Hintermeier schreibt ein Profil des Autors Dzevad Karahasan, der am Sonntag mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird.

Besprochen werden eine Otto-Muehl-Retrospektive in Wien, eine Ausstellung mit Fotografien Linda McCartneys in Heidelberg und Julio Medems Film "Tierra".

FR, 25.03.2004

"Wenn nicht alles täuscht", schreibt der Historiker Klaus Naumann (mehr hier), "erleben wir nach den Terroranschlägen von Madrid und New York eine Rückkehr des Hobbesianischen Moments. Angesichts der Unberechenbarkeit und der potenziellen Ubiquität des internationalen Terrorismus ist der Staat auf eine seiner Ausgangsfragen zurückgeworfen: Kann er seinen Staatsbürgern noch jene Sicherheit gewähren, auf der ein Gutteil seiner Existenzberechtigung beruht? Die Antwort steht bereits fest. Er kann zwar noch in Grenzen, aber immer weniger. Und er wird es in Zukunft auch nicht viel besser können. Richard Rorty hat Recht: Der nachhaltigste Effekt des Terrorismus besteht möglicherweise nicht in den materiellen Schäden, nicht einmal in den entsetzlichen Mordtaten, sondern in der tief greifenden Erschütterung moderner demokratischer Staatlichkeit selbst."

Weitere Artikel: In der Kolumne Times Mager vertritt Gunnar Luetzow unter anderem die Ansicht, dass Berlin "mit jeder weiteren feindlichen Übernahme subkulturell genutzten Terrains durch spekulative, geschmacksunsichere und bisweilen zwielichtige Unternehmungen durchaus zu sich selbst kommt".

Besprochen werden die erste Nummer der neuen Monatszeitschrift 'Cicero - das Magazin für politische Kultur' ("Der Ton der meisten Texte - abgesehen von denen Kaminers und Billers - ist staatstragend bis kulturpessimistisch. Das könnte auch damit zu tun haben, dass eine stattliche Anzahl der Autoren die Pensionsgrenze überschritten hat.") und eine epochemachende Tilman-Riemenschneider-Doppelaustellung im Würzburger Mainfränkischen Museum und dem Museum am Dom.

Und Bücher: Frank Schirrmachers Manifest "Das Methusalem-Komplott" (das Hilal Sezgin allerdings ziemlich dürr findet) und ein Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 25.03.2004

Stephan Templ sinniert angesichts des schleppenden Wiederaufbaus der Verkehrswege zwischen Wien und osteuropäischen Städten, wie Znojmo, Mikulov, Breclav, Bratislava, Sopron und Szombathely, über den drohenden "musealen Status" der Donaumetropole und die Angst der Wiener vor dem Osten: "Der Brückenschlag zu diesen alten, baulich reizvollen Städten fällt der österreichischen Politik schwer. Die Ängste, von Billigarbeitskräften aus dem 'Osten' überschwemmt zu werden, überschatten die gesamte Diskussion. Dabei wird vollends übersehen, dass man es in diesem Teil Mitteleuropas mit einer sehr immobilen Gesellschaft zu tun hat. Nicht einmal zwischen den ärmeren, von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Teilen Ostungarns und dem wohlhabenden Westen Ungarns kommt es zu nennenswerten Wanderbewegungen."

Jonathan Fischer plauderte mit dem Hip-Hop-Unternehmer Russell Simmons, der derzeit mit seiner Kampagne "Hip-Hop, The Vote" versucht, aus Rappern Wähler zu machen ("Amerikas politische Greisen-Landschaft braucht dringend den Input der Generation Hip-Hop"), und staunt über Simmons' merkwürdiges Erfolgsrezept: "Ende der siebziger Jahre waren sogenannte shark tacks in Mode. Die Hosen für sieben Dollar glänzten sehr, du konntest einen Block weit sehen, dass sie synthetisch waren, während die Neunundzwanzig-Dollar-Modelle aus achtzig Prozent Seide und zwanzig Prozent Wolle bestanden und ihr Stoff viel besser fiel. Wir nannten diejenigen mit den teuren Hosen 'Rolls-Royce-Niggers'. Sie würden es im Leben zu etwas bringen. Daran glaubten wir felsenfest."

Andrea Köhler konnte sich auf der Whitney-Biennale 2004 in New York davon überzeugen, dass die junge amerikanische Kunst wieder "Handwerk und Material, Materie und Prozess" schätzt, statt mit antiamerikanischen und "globalisierungskritischen Gesten" aufzutrumpfen. Besprochen werden außerdem das neue Album "Fly Or Die" des Band-Projektes N.E.R.D., das dem Hip-Hop mit seiner "Monokultur der Dauerdekadenz" den Spieltrieb "sozial marginalisierter Adoleszenzfiguren" entgegensetzt, und Bücher, darunter eine Bibliographie zum Werk Golo Manns und Pierre Merots Roman "Säugetiere" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 25.03.2004

Die Leipziger Buchmesse ist eröffnet, und Gerrit Bartels sondiert Trends und Tendenzen: "Auffallend, dass wie schon 2002 die DDR bei dieser Leipziger Buchmesse hoch in den Charts steht. Zumindest literarisch ist der Aufschwung Ost keine bloße Behauptung. So könnte Christoph Hein mit seinem bei Kritikern wie Publikum erstaunlich erfolgreichen Wenderoman "Landnahme" das werden, was die auch in diesem Jahr dank ihres 75. Geburtstag allgegenwärtige Christa Wolf 2002 war: Messestar, gesamtdeutsche Integrationsfigur, Staatsschriftsteller. Im Schatten von Hein jedoch regen sich viele jüngere AutorInnen, die meist lediglich ihre Kindheit in der DDR verbrachten und sie nun offensiv erinnern oder als Subtext in ihren Büchern mitlaufen lassen."

Weitere Artikel: Diedrich Diederichsen widmet dem legendären Jazz-Musiker Cecil Taylor (mehr hier) eine Hommage zu dessen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Auf der Meinungsseite konstatiert Claudia Pinl: Genderpolitik ist out.

Besprochen werden Todd Phillips Remake von "Starsky & Hutch", der Film des spanischen Regisseurs Julio Medem "Tierra", der jetzt mit achtjähriger Verspätung in die deutschen Kinos kommt; die Verfilmung des französischen Bestsellers "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" mit einem stets gütig lächelnden Omar Sharif.

Auch der taz wartet heute mit einer Beilage zur Leipziger Buchmesse auf, die wir in den kommenden Tagen auswerten werden.

Und natürlich TOM.

SZ, 25.03.2004

Von der spanischen Politik gegenüber der ETA zu lernen, heißt siegen lernen, findet der New Yorker Professor für Europäische Studien Tony Judt: "Die beste Art, den Einfluss der Terroristen zu minimieren, ist es, deren Unterstützer auf seine Seite zu ziehen, selbst wenn dies taktische Kompromisse erfordert." Und noch etwas will Judt von Europa gelernt haben: "Wir werden auf unbestimmte Zeit mit Terroristen leben müssen. Aber es gibt eine effektive Antwort. Wir müssen, um einen Begriff der Dissidenten des ehemaligen Ostblocks zu verwenden, leben, 'als ob': als ob die Demokratie nicht bedroht wäre, als ob konstitutionelle Rechte und die Geltung der Gesetze noch immer unsere höchsten Prioritäten darstellten, als ob unsere politischen Entscheidungen und zivilgesellschaftlichen Werte nicht von denen beeinflusst werden könnten, die versuchen, sie uns zu rauben." (Hier das englische Original.)

Die litauische Schriftstellerin Renata Serelyte (mehr hier) schreibt über die Hoffnungen, die sie an den EU-Beitritt ihres Landes knüpft: "Die wichtigste Aufgabe besteht für die litauischen Bürger heute darin, sich von der sowjetischen Mentalität zu lösen. Immerhin können wir nicht leugnen, dass es in unserem Land Menschen gibt, die keinen freien Staat brauchen, die nicht einmal die Bedeutung eines Staatswesens verstehen. Sie fürchten die EU, denn sie verstehen ihre Regeln und Grundsätze nicht, und das Wichtigste: Sie haben Angst davor, dass sie nun vieles selbst machen müssen."

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann fragt sich, wie es zu erklären ist, dass etwa 60 Prozent der Israelis das Attentat auf Hamas-Gründer Scheich Jassin gutheißen, obwohl sie wissen, dass dessen Tod den Terror nicht beenden sondern weiter schüren wird. "Es geht hier um eine sonderbare Logik, der zufolge das Ziel auf beiden Seiten nur eins ist: von sich aus kein Zeichen der Schwäche, der Ermüdung abzugeben... Man darf nicht kapitulieren, man darf nicht verlieren."

Weitere Artikel: Aus London berichtet Alexander Menden von Plänen, den Parlamentskomplex mit einem Antiterror-Schutzwall aus Beton zu umgeben. Petra Steinberger gratuliert der amerikanischen Frauenrechtlerin Gloria Steinem zum siebzigsten Geburtstag. Fritz Göttler hat ein Gespräch zwischen Jan Schütte und Leon de Winter über ihre Zusammenarbeit in Schüttes Film "Supertext" aufgezeicnet, der nach einer Romanvorlage de Winters entstand. Susan Vahabzadeh berichtet, dass der mächtige Chef des amerikanischen Studioverbandes MPAA, Hollywoodlegende Jack Valenti, im Sommer zurücktreten will und klärt außerdem in einer kleinen Meldung darüber auf, wer gerade mit wem welche Filme dreht.

Besprochen werden der israelisch-palästinensische Dokumentarfilm "Route 181" von Eyal Sivan und Michel Khleifi, Francois Dupeyron Bestseller-Verfilmung "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", Gerhard Polts und Hans Christian Müllers Film "Germanikus" ("eine seltsame Kreuzung aus 'Der Schuh des Manitu', Monty-Python-Hommage und einem gesellschaftskritischen Dokumentarfilm"), Otto Kuklas Inszenierung von Werner Fritschs "Jenseits" im Zürcher Neumarkt-Theater ("Das hat alles viel - na ja - Saft, und es fallen interessante Sätze über intime Problemfelder wie den männlichen Orgasmus, wie frau sie bisher noch nicht kannte: 'Auch auf einem gut gefickten Weib ist der Höhepunkt gefakt'."), ein Konzert des kanadischen Pianisten Marc-Andre Hamelin mit Werken von Isaac Albeniz im Münchener Herkulessaal und Bücher, darunter Adriano Sacks "Eltenabend" und der Briefwechsel von Scott und Zelda Fitzgerald und neue Kinder und Jugendmedien (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).