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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2004. Eine Schande! ruft die FR den Politikern zu angesichts des Rücktritts Reinhard Rürups von der Leitung der Topografie des Terrors. In der Welt erklärt uns Leon de Winter, wie wir die Islamisten glücklich machen. In der SZ stellt Richard Chaim Schneider fest: Juden leben in Europa nicht mehr sicher. Die taz bewundert das Konsenslektorat bei Wagenbachs. In der NZZ erklärt Shlomo Avineri, warum ein palästinensischer Patriot Scheich Yassin hätte töten müssen. Die FAZ feiert die Frankfurter Ausstellung zum Auschwitz-Prozess.

FR, 27.03.2004

Der Historiker Reinhard Rürup hat den Berliner Kultursenator Thomas Flierl um die Auflösung seines Vertrages als wissenschaftlicher Leiter des Ausstellungszentrums "Topografie des Terrors" gebeten. Grund für Rürups Rücktritt ist die unendliche Verzögerung der Bauarbeiten des von Peter Zumthor geplanten Dokumentationszentrums. Zumthor hatte vor elf Jahren den Architekturwettbewerb gewonnen. Seitdem ist nichts mehr geschehen. Gleichzeitig wurden Mittel für die Topografie gestrichen. Ulrich Clewing kommentiert den Rücktritt Rürups mit Bitterkeit: "Während dieser ganzen Zeit hat sich Rürup als Paradebeispiel eines Intellektuellen erwiesen, der, was seine eigene Befindlichkeit angeht, über ein überdurchschnittlich hohes Maß an Abstraktionsvermögen verfügt. Dass dieser sachliche, zähe, in seiner Art prinzipiell äußerst verbindliche Mann nun den Brocken hinschmeißt mit dem Hinweis, er sei 'die unendliche Geschichte' leid, ist eine Katastrophe ersten Ranges. Mehr noch: Es eine Schande für alle übrigen Beteiligten." Reinhard Rürups Begründung für seinen Rücktritt finden Sie hier.

Richard Wagner macht darauf aufmerksam, dass im Kosovo auch fünf Jahre nach der Nato-Intervention nichts seine Ordnung hat: "Kosovo ist heute ein von den Vereinten Nationen legitimiertes Protektorat des Westens, vor allem der EU. Ein Protektorat wird eingerichtet, wenn es keine für alle Beteiligten akzeptable Lösung gibt. Es erscheint aber auch als eine Notlösung, mit der alle unzufrieden sind, weil es ihre jeweiligen Ziele blockiert. Die jüngsten Ausschreitungen, bei denen Kirchen brannten und Menschen zu Tode kamen, verweisen von neuem auf das albanische Maximalziel: den von Serbien unabhängigen Staat."

Weitere Artikel: Sehr zwiespältige Gefühle entwickelt Thomas Winkler in seinem Porträt der ganz unironischen Münchner Gitarrenrock-Band "Sportfreunde Stiller". Aber immerhin: "Pro Album gelingen ihnen problemlos drei, vier Stücke, die jeder, aber auch wirklich jeder beim allerersten Hören mitsingen kann." Nett, und zwar viel zu nett findet Peter Iden Tom Kühnels Basler "Orestie". Nach einem langen Opern-Wochenende kann Hans-Klaus Jungheinrich Paris einen "Mangel an Urbanität" keinesfalls nachsagen. Auf ihrer Reise durch Indien hat Renee Zucker diesmal in Auroville haltgemacht.

Welt, 27.03.2004

Die "Europäer sind außer Stande, das apokalyptische Wesen des Islamismus zu erfassen", erklärt ein sehr wütender Leon de Winter in der Literarischen Welt. Statt dessen versuche man, diese Leute zu beruhigen. Aber "wann sind die Islamisten denn zufrieden? EU-Kommissionspräsident Romano Prodi erklärte nach dem Madrider Massenmord: 'Es ist klar, dass der Kampf gegen den Terrorismus nicht mit Gewalt gewonnen wird.' Im Geiste Prodis könnten wir folgendermaßen vorgehen: Zunächst einmal machen die Franzosen ihr Kopftuchverbot rückgängig, und wir lassen europäische Moslems, wenn sie Wert darauf legen, nach den Regeln der Scharia leben. Darüber hinaus könnten auch wir uns den Regeln der traditionellen Scharia unterwerfen und als Dhimmis, geduldete Ungläubige, und Bürger zweiter Klasse unter islamischer Führung leben. Wenn wir dann auch noch Israel auflösen und die Juden liebevoll in unserer Mitte aufnehmen, haben wir uns der Entsprechung von Bin Ladens Wünschen schon ein gehöriges Stück genähert. Ein glorreiches islamisches Reich wird erstrahlen, und der Herr wird zufrieden von Seinem himmlischen Thron auf uns herabblicken."

"Europa muss Nordafrika helfen", fordert der Historiker Michael Wolffsohn auf den Forums-Seiten. Denn "nicht vom Osten des Mittelmeeres droht uns Gefahr, vom Süden: aus Algerien, Marokko (Stichwort Madrid, 11. März 2004, und Grüße vom mangels Beweisen freigesprochenen, aber genüsslich schweigenden Abdelghani Mzoudi) und Tunesien ... Jene drei Europa nächsten arabischen Staaten gleichen, wie die meisten ärmeren arabischen Gemeinwesen, einem Pulverfass: Bevölkerungsexplosion, Wirtschaftskrise, Armut, Unzufriedenheit, die sich jedoch nicht frei ausdrücken kann."

SZ, 27.03.2004

Nüchtern sieht Richard Chaim Schneider (mehr zum Beispiel hier) der entsetzlichen Tatsache ins Auge: "Es ist im Augenblick nicht leicht, in München oder Berlin, in Istanbul oder Paris, in Athen, Rom oder London Jude zu sein; Juden leben in Europa nicht mehr sicher." Dann wagt er sich auf den schmalen Grat zwischen Verteidigung Israels gegen antisemitische Anwürfe und scharfer Kritik an der Politik Scharons: "Aber warum können Mitglieder der israelischen Armee ihren Hass an palästinensischen Zivilisten austoben, ohne mit ernsten Konsequenzen rechnen zu müssen? Welcher Sadismus ist da mit im Spiel? Ist das die normale Fratze des Krieges? Weshalb ist ein demokratischer Staat wie Israel nicht in der Lage, solcher Auswüchse Herr zu werden?"

Im Interview erklärt Reinhard Rürup, warum er die Leitung der "Topografie des Terrors" abgegeben hat: "Ich war mir immer bewusst, dass dies ein Projekt ist, zu dem Krisen gehören, und wir haben einige Krisen erlebt. Aber nun sieht es so aus, dass uns elf Jahre nach dem Bauwettbewerb, in dem der Zumthor-Entwurf gewonnen hat, mindestens weitere vier Jahre Wartezeit ins Haus stehen und selbst danach ist nicht sicher, ob gebaut wird. Ursprünglich wollte ich dieses Amt übernehmen, bis ich 65 Jahre alt bin. Heute bin ich 70 und will darüber nicht 80 Jahre werden. Die Arbeit soll ja weitergeführt werden, nur nicht mit mir."

Weitere Artikel: Aus Spanien berichtet Peter Burghardt, dass die Abwahl Aznars von den Intellektuellen als Befreiung erlebt wurde - wenngleich der Peruaner Mario Vargas Llosa ausgerechnet in der linken Zeitung El Pais Aznar verteidigte: Dieser "habe Spanien einen Fortschrittsschub und eine Bedeutung verschafft, wie sie das Land 'seit dem Goldenen Zeitalter' nicht mehr genossen habe, also seit den Zeiten des Don Quijote". Helmut Kerscher gratuliert Jutta Limbach zum Siebzigsten.

Die logische Konsequenz der illegalen Download-Jugendkultur ist es, warnt Tobias Kniebe, dass der Musikmarkt sich auf die älteren Semester konzentrieren wird, was über kurz oder lang nichts anderes bedeutet als dass "junge Menschen nur noch das hören können, was ihren Eltern gefällt." Christian Seidl hat - wie zur Bestätigung - ein Kraftwerk-Konzert als "Party der 40-Jährigen" erlebt. Fritz Göttler rückt die nun mit vierzig Zusatzstunden auf DVD edierte Alien-Tetralogie in die Nähe von T.S. Eliots "The Waste Land". Und im Medienteil gibt es ein unterhaltsames Interview mit den Kult-Stars Horst Tappert und Fritz Wepper.

Besprochen werden die Ausstellung zum Auschwitz-Prozess in Frankfurt, die Filmkomödie "Im Dutzend billiger", eine Willi-Baumeister-Retrospektive im Münchner Lenbachhaus, Andreas Kriegenburgs Zürcher Puntila-Inszenierung - vielleicht hätte sich sich vorher betrinken sollen, meint Christine Drössel, ein Konzert der br-Symphoniker unter Riccardo Muti - "endloser Jubel", notiert Joachim Kaiser, und Bücher, darunter Helmut Böttigers Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und eine Hör-CD, die die Lyrikern Friederike Kempner feiert (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende hat Heribert Prantl unter dem Titel Robin Hood 2004 einen großen Besinnungsaufsatz zum Thema "Soziale Gerechtigkeit" verfasst und schreibt das Erwartbare: "Wenn Ungleichheit ein bestimmtes Maß übersteigt, geht sie über in Unfreiheit. Diese Gefahr ist größer als vor 150 Jahren - und den Eintritt dieser Gefahr hat der Staat zu verhindern. Das Recht auf soziale Gerechtigkeit ist insofern ein Recht der Bürgerinnen und Bürger auf ein staatliches Agieren, das ein Übermaß an Ungleichheit mit geeigneten Mitteln abwehrt."

Außerdem: In einer Erzählung schreibt Wolfgang Hilbig über seine Geburtsstadt Meuselwitz und nennt sie nicht beim Namen. Christoph Bartmann hat eine Liste von 44 Dingen, die wir - also er - "nie wieder auf einer Theaterbühne sehen möchten". Punkt 18: "Kartoffelsalat". Claus Heinrich Meyer erklärt, wie man in die Berliner Siegessäule reinkommt.
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TAZ, 27.03.2004

Zum vierzigsten Verlagsjubiläum macht Anne Kraume einen Hausbesuch bei Wagenbach (Website), genauer gesagt: bei Verlegerin Susanne Schüssler und stellt fest, dass es hier einen ganz eigenen Traditionalismus gibt: "Es mag erklärtes und oft formuliertes Ziel bei Wagenbach sein, keine Bücher zu verlegen, die den Status quo in der Gesellschaft beibehalten wollen - aber eigene Traditionen und Rituale werden sehr ausführlich gepflegt. Zum Beispiel gibt es noch immer das Prinzip des Konsenslektorats - jeder von den vier Lektoren, zu denen auch Susanne Schüssler und Klaus Wagenbach gehören, muss der Entscheidung für oder gegen ein Buch zustimmen."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels hat auf der Leipziger Buchmesse mit Zensurdiskussionen und Preiverleihungen nur bedingt Spaß gehabt. In der Staatsgalerie Stuttgart ausgestellte Werke aus der Sammlung Scharpff nutzt Gabriele Hoffmann, um das Sammlerehepaar vorzustellen. Jan-Hendrik Wulf porträtiert die mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnete Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Blue End", das Konzert von Kraftwerk in Berlin ("Nichts altert so schnell wie die Zukunft. Als sich gegen Ende des Kraftwerk-Konzerts am vergangenen Donnerstag im Berliner Tempodrom noch einmal der Vorhang öffnete und die berühmten Roboter mit den aufgeschraubten Köpfen der vier Musiker für 'Die Roboter' auf der Bühne stehen, wirken sie als hätte sie jemand für die Tour aus einem Museum geholt", Schreibt Tobias Rapp), und Bücher, darunter Dorota Maslowskas Debütroman "Schneeweiß und Russenrot", Benjamin Prados Roman "Als einer von uns Laura Salinas töten wollte" und Michel Winocks großer Theoriegeschichtswälzer "Das Jahrhundert der Intellektuellen" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Im tazmag beschreibt Heide Oestreich ein neues islamisches Selbstbewusstsein von Musliminnen in Deutschland: "Aus den Befragungen ergibt sich der Eindruck, dass eine feministische Koranlektüre unter den Musliminnen weiter verbreitet ist, als die orthodoxen männlichen Wortführer glauben machen. Letztere beherrschen allerdings die öffentlichen Diskurse und verteidigen dort wortreich die ungleichen Rechte von Männern und Frauen."

Schließlich Tom.

NZZ, 27.03.2004

Im Feuilleton diskutieren der Jerusalemer Politikwissenschaftler Shlomo Avineri und Micha Brumlik, Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, die Tötung des Hamas-Chefideologen Scheich Yassin. So konstatiert Avineri: "Scheich Yassin hätte nicht von Israel umgebracht werden dürfen. Seine Tötung wäre die Aufgabe eines palästinensischen Patrioten gewesen - genauso wie es einst gute deutsche Patrioten waren, die 1944 versuchten, Hitler zu ermorden."

Brumlik dagegen stört sich an der immer wieder ins Spiel gebrachten antijudaistische Formel von der "alttestamentarischen Mentalität der Rache", meint aber: "Die Rhetorik der 'targetted killings' versucht darüber hinwegzutäuschen, dass sich der israelische Staat mit der Tötung terroristischer Ideologen oder Praktiker längst jenseits des Menschen-, Völker- oder auch nur innerstaatlichen Rechts bewegt. Mit dem Begriff der 'gezielten Tötung' soll der Eindruck von Überlegtheit, Rationalität, Zweckmässigkeit und Verhältnismässigkeit erweckt werden."

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Zürcher Schauspielhaus und Michael Hanekes Endzeitfilm "Le temps du loup".

Literatur und Kunst wartet heute mit einer Fülle von Rezensionen auf, etwa zu Edmond Audrans Operette "La Poupee", zu Sebastian Haffners "scharfsinnigen und zugleich amüsanten" Feuilletons "Das Leben der Fußgänger", Karlheinz Stierles Petrarca-Monografie, dem Werk des österreichischen Romanciers Franz Nabl, Neuerscheinungen zu Rilke und Stefan Freys Kalman-Biografie und (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 27.03.2004

Die FAZ beschenkt uns heute und druckt in ganzer Länge Heinz von Lichbergs Ur-"Lolita", deren Fund Michael Maar Anfang der Woche vorgestellt hatte. Wir zitieren den vielsagenden Anfang:

"Irgend jemand warf den Namen E.T.A. Hoffmann ins Gespräch. Musikalische Novellen. Die junge Hausfrau Beate legte die Orange, die sie hatte schälen wollen, wieder auf den Teller zurück und sagte zu dem jungen Dichter: 'Halten Sie es für möglich, daß diese Dinge, die ich wirklich selten genug lese, mich nächtelang nicht schlafen lassen? Mein gesunder Verstand sagt mir doch, daß alles Phantasie ist, und dennoch...'
'Weil es eben keine Phantasie ist, gnädigste Gräfin!'
Der Legationsrat lächelte gutmütig: 'Aber Sie wollen doch nicht sagen, daß Hoffmann diese Ängstlichkeiten erlebt hat!'
'Genau das behaupte ich', entgegnete der Dichter, 'er hat sie erlebt! Natürlich nicht mit Händen und Augen. Aber weil er ein Dichter war, erlebte er das, was er schrieb - oder vielmehr er schrieb nur das, was er geistig durchlebte.'" Mehr am Kiosk.

Michael Jeismann feiert die "großartige" Frankfurter Ausstellung zum Auschwitz-Prozess im Haus Gallus: "In Berlin, auf der Holocaust-Großbaustelle, das wird nun im Kontrast zu dieser Ausstellung sofort augenfällig, geht es um etwas ganz anderes, um Staatssymbolik, die sich selbst Zweck genug ist und, so steht zu befürchten, große, aber vage Gefühle weckt. Die Erinnerung an das Schwurgerichtsverfahren des Auschwitz-Prozesses dagegen handelt von Präzision: von der Präzision der Juristen, der Aussagen, der Berichterstatter."

Weiteres: Jürgen Dollase wünscht sich statt ständiger kulinarischer Neuheiten eine echte Reformation der Spitzenküche."hhm", "rik" und "vw" schicken Notizen von der Buchmesse. Wilfried Wiegand gratuliert dem Filmregisseur Peter Schamoni zum Siebzigsten. Martin Kämpchen meldet Empörung in Indien: Der Nobelpreis des Nationaldichters Rabindranath Tagore wurde gestohlen. Jordan Mejias blättert durch amerikanische Zeitschriften. Ulrich Morgenstern widmet sich ausführlichst der deutschen Folkmusik, dem Liedgut "demokratischen Charakters".

Besprochen werden eine Rembrandt-Ausstellung in der Wiener Albertina, Tom Kühnels Inszenierung der "Orestie", das neue Stück "Baby" der Helsinki Dance Company, Sam Shepards "Liebestoll" in Heidelberg. Auf der "Schallplatten und Phono"-Seite widmen sich Besprechungen neuen Bach-Einspielungen von Till Fellner ("wie gewachsen") und Martin Stadtfeld ("eher etwas genialisch") und David Byrnes neuem Album "Grown Backwards".

Bücher werden natürlich auch besprochen, darunter Botho Strauß' "Der Untenstehende auf den Zehenspitzen", Tobias Meißners Geschichte über Kampf, Zufall und das Gegenteil von Nichts "Das Paradies der Schwerter", Frank Schätzings Roman "Der Schwarm" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt heute Walter Hinck Ulla Hahns Gedicht "Dieser Sommer" vor:

"Dieser Sommer lehrt mich
meine Narben zu lieben
mich zu schmücken mit Würgemalen am Hals..."