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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2004. In der Welt erinnert Ralf Dahrendorf in erhabener Trockenheit an eherne Prinzipien des Liberalismus. Die Zeit ermittelt, wie Kalkutta über Bombay denkt. In der taz meint der Kritiker Klaus Kreimeier: die taz soll Bilder fressen, nicht zensieren. Die FAZ und die Berliner Zeitungen rufen: "Tschüss, Thielemann".

Zeit, 19.05.2004

Palmengesänge lässt Katja Nicodemus erklingen, voller Begeisterung über Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei" und feixt über die filmische Ohrfeige, die Weingartner damit den Bürgern von Cannes verpasst habe. "Es ist ein utopischer Film, doch macht er sich nicht zum Erziehungsberechtigten seiner Zuschauer. Er formuliert Fragen, die sich jeder stellt oder gestellt hat. Er durchbricht die wohlige Lethargie des Geldes mit irritierendem Frohsinn und mit einer surrealistischen Subversionskraft, die man verloren glaubte, seit Luis Bunuel bei den Chaplins zu Hause den allzu bürgerlichen Weihnachtsbaum zertrampelte."

Thomas Groß schickt Eindrücke aus Kalkutta, wohin ihn eine vom Goethe Institut und der GTZ veranstalte Konferenz "Does Culture Make a Difference?" verschlagen hat: "Kalkuttas Ruf in der Welt ist schlecht, so schlecht, dass der Elendsreport sich als führende Berichtsform durchgesetzt hat. Vorhölle, Moloch, Pestbeule Indiens - die Stadt scheint dazu verurteilt, alle Schrecknisse des armen Südens in sich zu konzentrieren. Aber das ist nur der Blick von außen. Im Innern hat sich eine ganz andere Wahrnehmung erhalten, ein romantisches, fast zärtliches Verhältnis zur lokalen Tradition. Nicht dass die Lage als unproblematisch empfunden würde, das hieße, das Offensichtliche leugnen: den komatösen Verkehr, die schimmelnden Fassaden, das Heer der Flüchtlinge vom Land, deren provisorische, auf dem Bürgersteig errichtete Behausungen immer weiter ans Zentrum heranrücken. 13 Millionen Menschen sollen es inzwischen sein, alles platzt aus den Nähten. Doch im gebildeten Kalkutta sagt man sich: Slums gibt es anderswo auch, der größte Indiens liegt in Bombay."

Weiteres: Über das Theater, das Leben und das Alter plaudert Iris Radisch mit dem "dienstältesten Theatermacher der Welt", mit George Tabori, der dieser Tage neunzig wird und freimütig einräumt: "Also, mit dem Sex, das ist vorbei. Darüber müssen wir uns nicht unterhalten. Ich hatte einen Onkel, der hat mit 92 Jahren ein Kind fabriziert. Wie er das geschafft hat, weiß ich nicht." Evelyn Finger berichtet von Karl Schlögels gutgemeintem Europafest am europäischsten aller Orte, der A 12 bei Frankfurt an der Oder, dort, wo laut Schlögel die "Armeen des zivilen Austausches" in Strömen kriechen. Leider wollten die Trucker nicht so recht mitfeiern - und schon gar nicht mit den polnischen Kollegen.

Jörg Lau hat den irakischen Kulturminister Mufid al Dschasairi in Berlin getroffen.und sich berichten lassen, wie die Iraker über die Folterbilder von Abu Ghraib denken: "Die Menschen seien durch die Diktatur in eine moralische Lethargie verfallen, 'abgestumpft und müde durch die Routine gewaltsamer Repression unter Saddam'. Sie litten viel mehr, sagt er, unter der Ineffizienz der Verwaltung und der Unsicherheit durch die zahlreichen Terror- und Sabotageakte." In der Leitglosse kommentiert Thomas E. Schmidt den "Partisanenkampf im Internet". Michael Mönninger zeichnet nach, wie in Frankreich die Folterbilder aus Abu Ghraib diskutiert werden. Wolfgang Kemp erzählt vom Hamburger Trendtag, auf dem die Trendforscher darüber nachdachten, wie man den hedonic lag, die Zufriedenheitslücke des Verbrauchers,schließen könne. Denn: "Mehr vergleichen und sich größeren Angeboten aussetzen, paralysiere und mache unglücklich." Michael Allmaier findet Anke Engelkes Late-Night-Debüt flau, womit er wohl auch im Trend liegt. Und Claudia Herstatt hält fest, dass russische Sammler den Kunstmarkt erobern: "Die Russen sind die neuen Japaner".

Besprochen werden die Berliner Ausstellung zum Ersten Weltkrieg (über der Jens Jessen eine "seltsame Biedermeierlichkeit" liegen sieht), Luc Bondys und Martin Crimps Sophokles-Aktualisierung "Cruel and Tender" in London und Neues von der amerikanischen Band Animal Collective.

Die Zeit präsentiert außerdem heute eine Literaturbeilage, inklusive einer achtseitigen Leseprobe von Martin Walsers neuem Roman "Der Augenblick der Liebe".

Hinzuweisen ist noch auf einen Essay von Peter Bender über die Weltmacht USA.

Welt, 19.05.2004

Der Kampf gegen den Terrorismus sei kein Krieg, schreibt Ralf Dahrendorf in einem kurzen Essay, der in ein paar trockenen Sätzen an die ehernen Prinzipien des Liberalismus erinnert. "Auf die Zerstörung der liberalen Ordnung ausgerichteter Terrorismus stellt diese Ordnung auf die Probe. Vor allem dann, wenn man - so wie ich - die Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Ländern akzeptiert, wenn es darum geht, Völkermord oder die mörderische Unterdrückung von Minderheiten und Oppositionsgruppen zu verhindern. Diese Intervention darf jedoch niemals mit den Methoden derjenigen arbeiten, gegen die sie sich richtet."

Tagesspiegel, 19.05.2004

Für die Berliner Zeitungen ist natürlich der ruhmlose Abgang Christian Thielemanns als GMD an der Deutschen Oper das Thema Nummer 1. Frederik Hanssen kann ihn im Tagesspiegel nicht nur bedauern. "Dass der Mensch Christian Thielemann ein Einzelkämpfer ist, erwies sich als fatal: War er nicht da, lief das Haus weitgehend auf Autopilot, man hangelte sich von Abend zu Abend, mit Kapellmeistern und Gesangssolisten, die das künstlerische Betriebsbüro nach Maßgabe des vorhandenen Etats zusammengesucht hatte. Daniel Barenboim, Claudio Abbado oder Simon Rattle dagegen unterhalten globale Netzwerke, umgeben sich mit Künstlerfreunden und Assistenten, die den vom Chef gelegten roten Faden auch während dessen Abwesenheit weiterspinnen können. Christian Thielemann dagegen musste nach jeder Rückkehr wieder bei null anfangen." Nüchtern auch das Resümee Klaus Georg Kochs in der Berliner Zeitung: "Als Musikchef besetzt Thielemann nur eine Nische, der Mann, der ein Haus entwickeln könnte, ist er nicht."
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FR, 19.05.2004

"Ganz beiläufig werden hier Debatten geführt, wie sonst nur im französischen Kino", feiert Daniel Kothenschulte den deutschen Cannes-Beitrag "Die fetten Jahre sind vorbei" von Hans Weingartner. "In dieser alten Spielerstadt ist ein großer Wurf gelungen.Weingartner gelingt es, ein Thema in Film zu fassen, das in der Luft liegt, aber selbst für professionelle Analytiker schwer zu greifen ist: die Wut und die Utopie jener wild versprengten Jugendbewegung, die unter dem Stichwort der Globalisierungskritik nur notdürftig umrissen ist. "

Auf der Medienseite: "Vielleicht kann aus der Sendung noch was werden", hofft Oliver Gehrs, der Anke Engelkes Late-Night-Show ansonsten atemberaubend gescheitert fand, "wenn Engelke alle Gagschreiber fristlos entlässt, auf ihre Grimasse-lastigen Monologe zum Auftakt verzichtet, Gesprächsführung übt und viel mehr Filmchen zeigt. Ansonsten wird es schwer."

Ralf-Carl Langhals findet, dass es auf dem diesjährigen Heidelberger Stückemarkt eher muffig zugegangen ist; Jörg Plath blickt auf hundert Jahre Piper-Verlag und einige anlassbezogene Jubiläumspublikationen zurück. Georg-Friedrich Kühn vertritt in der Kolumne Times Mager die Ansicht, dass man Christian Thielemanns Ausscheiden als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin auch als Chance begreifen sollte.

Besprochen werden Tobi Baumanns Edgar-Wallace-Parodie "Der Wixxer" und die Ausstellung "Airworld - Design und Architektur für die Flugreise"im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein.

TAZ, 19.05.2004

"Wir meinen, Bilder zu betrachten, aber wir fressen sie längst." schreibt Klaus Kreimeier auf der Meinungsseite. "Wir schieben sie uns ins Hirn, wie wir uns Schokolade, Popcorn, Erdnüsse oder Kekse zwischen die Zähne schieben." Er hält sich auch mit Kritik an der taz nicht zurück: "Bildvermeidungsstrategien laufen in die Irre. Mit moralischem Pathos feierte die taz am letzten Donnerstag ihre Vogel-Strauß-Politik, als sie anstelle eines Fotos vom Mord am Amerikaner Nicholas Berg eine große weiße Fläche auf der Frontseite brachte. Noch die Inszenierung der weißen Fläche, die ja in der Regel auf einen Zensurfall verweist, evoziert die Existenz dieses Bildes, das wir nicht sehen dürfen und umso beharrlicher mit unserer Fantasie umkreisen."

In der tazzwei porträtiert Philipp Mausshardt ausführlich den Rolling-Stones-Keyboarder Chuck Leavell, der nebenbei - oder vielleicht auch hauptberuflich - einer der weltgrößten Baumfetischisten ist.

Außerdem: Cristina Nord schwärmt in ihrem heutigen Cannes-Report von Apichatpong Weerasethakuls Wettbewerbsfilm "Sud Pralad", in dem ein Schamane sich in einen Tiger verwandelt: "Aber die Augen des Tigers, da bin ich mir sicher, werden mich noch anschauen, wenn die Goldene Palme längst vergeben ist." Besprochen werden Robert Altmans Ballettfilm "The Company", das Album des Berliner Rappers Sido "Maske" ("das beste Album der deutschen Rap-Geschichte".)

Und TOM.

SZ, 19.05.2004

"Die Diskussion über die Folter bezieht ihre prekäre Legitimation aus dem Wahrheitsmechanismus, der mit der Folter verbunden sein soll", schreibt Ulrich Raulff aus aktuellem Anlass. "Niemand, der sich für 'robuste Verhörmethoden' ausspricht, wird zugeben, dass die Folter ein System ist, das immer nur sich selbst hervorbringt, Qual um der bloßen Qual willen. Auch die jetzt einsetzende Diskussion muss an der 'Wahrheitstüchtigkeit' der Folter festhalten. Wer bereit ist, die Folter zu denken, lässt sich auf einige der ältesten Gleichheitsrechnungen der menschlichen Natur ein. Er unterstellt, dass es Beziehungen zwischen der Wahrheit, der Sprache und dem Schmerz gibt, die vielleicht einer Neuregelung fähig und bedürftig, insgesamt aber nicht aberwitzig sind."

Andere Themen: Alexander Kissler reagiert mit Unverständnis auf Belgiens künftige Regelung der aktiven Sterbehilfe, der zufolge bereits Kinder ab 12 Jahren das Recht haben werden, ihren eigenen Tod zu verlangen. Anlässlich seines neunzigsten Geburtstages wurde George Tabori von Benjamin Henrichs interviewt. Reinhard J. Brembeck kommentiert Christian Thielemanns Rücktritt als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin. Gottfried Knapp beobachtet sehr lesenswert bei Museen den Trend, in Schlösser zurückzukehren. Patrick Roth hat mit der Schauspielerin, Tänzerin und Produzentin Neve Campbell u.a. über Robert Altmans von ihr geschriebenen, produzierten und gespielten Tanzfilm "The Company" gesprochen. Susan Vahabzadeh berichtet aus Cannes über neue Filme und den beliebten Sport des Palmenweissagens. Ijoma Mangold gratuliert dem Piper-Verlag zum hundersten Geburtstag;

Besprochen werden: Meg Stuarts neues Stück "Forgeries, Love & Other Matters" am Schauspielhaus Zürich, Michel Gondrys Film "Vergiss mein nicht!", Franziska Tenners Film "No Exit", Marleen Gorris Film "Carolina" und ein geschichtsphilosophischer Vortrag des Berliner Philosophen Michael Theunissen über das Schicksal in der Münchener Siemens-Stiftung. Außerdem das Cello-Festival in Manchester, das Theaterstück "Die Helden von Bern", am Pfalztheater/Kaiserslautern, das ursprünglich das "Konkurrenzdrehbuch" von Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" gewesen ist und Bücher, darunter vier neue Publikationen zum Ersten Weltkrieg (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 19.05.2004

Das Aufmacherbild zeigt einen Brühwürfel. Der ganzseitige Text besteht ausschließlich aus den Titeln von Sabine-Christiansen-Palavern und anderen Talkshows, die im Grunde Woche für Woche gleich lauten: "Deutschlands Abstieg - Wer rettet den Sozialstaat?" Die Feuilletonredaktion schreibt einleitend dazu: "Wer es bis zu letzten Zeile durchhält, bedarf womöglich des ärztlichen Beistands."

Weitere Artikel: "Tschüs, Thielemann" ruft Eleonore Büning dem im Streit scheidenden GMD der Deutschen Oper Christian Thielemann zu, dessen Abgang für sie "nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte kulturpolitischer Katastrophen" ist. Gemeldet wird, dass Pipers Verlagsarchiv nach Marbach geht. Der israelische Autor Amos Oz kritisiert scharf die Siedler, die die ganze israelische Gesellschaft zum Opfer ihrer ideologischen Politik machten. Thomas Wagner kommentiert den Streit zwischen Salomon Korn und dem Kunstsammler Friedrich Christian Flick um die geplante Präsentation der Flick-Sammlung in Berlin und die Vergangenheit der Familie Flick. Lorenz Jäger unternimmt einen gelehrten Ausflug in Geschichte der deutschen Ilias-Übersetzungen. Andreas Kilb nimmt sich in seiner Cannes-Kolumne das "Ladykillers"-Remake der Coen-Brüder vor. Edo Reents gratuliert Joe Cocker zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite betreibt Michael Hanfeld eine ausführliche Exegese der ersten Late-Night-Show von Anke Engelke. Jürg Altwegg erzählt "warum ein Kirchenblatt im Tessin seine Auflage fälschte". Markus Wehner stellt die weißrussische Journalistin Swetlana Kalinkina von der Belorusskaja Delowaja Gazeta vor, und Kerstin Holm würdigt die Arbeit der russischen Journalistin Julia Latynina - beide wurden mit Bucerius-Preisen für "Junge Presse Osteuropas" ausgezeichnet.

Auf der letzten Seite stellt Reiner Burger das von Peter Daetz im sächsischen Lichtenstein geschaffene Zentrum für internationale Holzbildhauerkunst vor. Gina Thomas schreibt ein kleines Profil des Bostoner Literaturhistorikers Christopher Ricks (Karikatur), der die prestigeträchtige Poetik-Professur in Oxford erhalten hat. Und Anton Thuswaldner berichtet von der Verleihung des Meraner Lyrikpreises.

Besprochen werden Wolf Bunges Inszenierung von Goldonis "Impresario von Smyrna" in Cottbus, Meg Stuarts Choreografie "Forgeries, Love and other matters" in Zürich, Charlie Kaufmans verzwickter Liebefilm "Vergiss mein nicht!" (den Michael Althen "ein bisschen zu clever, um richtig romantisch zu sein" findet) und Kleists "Hermannsschlacht" im Theater Oberhausen.

NZZ, 19.05.2004

Martin Walder resümiert das bisherige Geschehen in Cannes, ohne schon einen klaren Favoriten zu benennen. Christoph Funke wirft einen Blick zurück auf das Berliner Theatertreffen. Sieglinde Geisel verfolgte das von Karl Schlögel initiierte Fest und Kolloquium"Checkpoint Europa" an der Grenze zu Polen. Matthias Wegner gratuliert dem Piper-Verlag zum Hundertsten.

Besprochen werden "Der Bürger als Edelmann" von Lully und Moliere in Luzern und einige Bücher, darunter ein neuer Band der Jacob-Burckhardt-Ausgabe und Rujana Jegers Debutroman "Darkroom".