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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.06.2004. Warum soll man sich über die Flick-Sammlung aufregen, wenn ganz Deutschland in erschütternder Kontinuität zum Dritten Reich steht, fragt die Zeit. Die NZZ hört das Musikleben in Bagdad erwachen. In der taz polemisiert Adam Michnik sehr scharf gegen ein "Zentrum gegen Vertreibungen". In der FAZ meint Susan Neiman: Deutschland sollte stolz auf Schröder sein. Die SZ findet die heutige Avantgarde von einem panisch anmutenden Drang zum vermeintlichen Kanon angetrieben.

Zeit, 03.06.2004

Wer dem jungen Flick wegen der Präsentation seiner Sammlung auf die Finger klopft, verkennt nach Jens Jessen die Dimension des Problems: "Die Bundesrepublik als ganze steht in einer erschütternden Kontinuität zum 'Dritten Reich' und den Folgen des Zweiten Weltkriegs, die durch nichts mehr aufzulösen ist, und diese Kontinuität ist es, die in den Gewissen der unschuldig Nachgeborenen wühlt und schwärt und hier und da immer wieder nach Ausdruck drängt, auch bei eigentlich untauglichen Anlässen wie der Flick-Sammlung und der fast gleichgültigen Frage, ob sie nun ausgestellt werden soll oder nicht."

Weitere Artikel: Der Philosoph Klaus Theweleit und der Freiburger Trainer Volker Finke unterhalten sich im Aufmacher über die Frage, wie viel der Zustand des deutschen Fußballs über den Zustand der deutschen Gesellschaft aussagt - beide plädieren für "flache Hierarchien". Peter Kümmel macht sich in der Leitglosse Gedanken über die Kommissarinnen im besten Alter, die die deutschen Abendprogramme bevölkern ("Die Primetime-Kommissarin ist die Agentin des Bewusstseinswandels. Sie redet nicht viel. Aber sie hält die stürzende Welt von unten.") Claus Spahn hat sich während der Münchner Musikbiennale einige überkomplexe Opern der "Zweiten Moderne", etwa von Adriana Hölzsky und Brian Ferneyhough angehört. Die Autorin Irene Dische (mehr hier) setzt ihre "Storys aus dem wahren Leben" fort. Ulrich Greiner gratuliert dem Theaterkritiker und Ex-Intendanten Günther Rühle zum Achtzigsten. Hanno Rauterberg schreibt zum Tod des Malers Werner Tübke. Der Stadtforscher Dieter Hoffmann-Axthelm, der seinerzeit Peter Zumthors Entwurf für die "Topographie des Terrors" mit auswählte, plädiert gegen einen "hastigen Neuanfang" bei der Ausschreibung eines neuen Architektenwettbewerbs für das Gelände. Mirko Weber porträtiert Hellmut Rilling, den Chef der Gächinger Kantorei.

Besprochen werden Andreas Veiels Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" und eine große Tamara-de-Lempicka-Retrospektive in London.

Aufmacher des Literaturteils ist Verena Auffermanns Besprechung von Undine Gruenters nachgelassenem Roman "Der verschlossene Garten". Für das Dossier hat Richard Chaim Schneider eine Reportage ber die erstarkende jüdische Gemeinde in Ungarn verfasst.

TAZ, 03.06.2004

Sehr scharf polemisiert Adam Michnik auf der Meinungsseite im Inteview mit Gabriele Lesser gegen Erika Steinbach und das von ihr geforderte Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. "Erika Steinbach fordert von uns Polen, dass wir endlich unsere Schuld gegenüber den Deutschen anerkennen. Das ist so, als würde man von den Juden eine Entschuldigung dafür fordern, dass sie die Nazis so geärgert hätten, dass diesen keine andere Wahl blieb, als die Juden zu ermorden. Wo sind eigentlich die Grenzen des Absurden?"

Harry Potter?! "Gut ein Dutzend Kollegen, alle wunderbar als linksintellektuell einzuordnen, alle belesen, schütteln den Kopf", schreibt Stefan Alberti, für den diese Art Harry-Potter-Ignoranz etwas Schizophrenes hat. "Die Reihe... ist so ungefähr das politisch Korrekteste, was man sich vorstellen kann. Vor allem die Titelfigur: belastender familiärer Hintergrund (Waisenkind), traumatisiert in frühester Jugend (miese Pflegeeltern sperren ihn ins Kabuff unter der Treppe), als Hochbegabter isoliert (Mitschüler bewundern oder fürchten ihn wegen seiner Zauberkräfte). Als Negativgestalten gibt es faschistoide Rasseideologen, die sich als Zauberer von den nichtmagischen Menschen, den so genannten Muggeln, abgrenzen. Dazu kommt eine gute Potter-Freundin, die zur muggelstämmigen Minderheit gehört. Und schließlich - ab Band 5 - eine Schwarze als Teamchefin der Schulmannschaft. .... Eigentlich wären also alle Ansprüche erfüllt. Das Problem ist bloß: Die Bücher sind gut geschrieben."


Weitere Artikel: Ute Hermanns hat die brasilianische Regisseurin Eliane Caffe interviewt. Besprochen werden Andres Veiel Langzeitdokumentation über vier Schauspielschüler "Die Spielwütigen", Alfonso Cuarons Verfilmung des dritten J.K. Rowlings-Romans "Harry Potter und der Gefangene von Askaban"; Natasha Arthys Film "Alt, neu, geliehen und blau" und Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft Remix 2".

Und natürlich Tom.

FR, 03.06.2004

"Nur wenige Medien teilten ihren Lesern mit, dass der Fall Kaplan eigentlich nur eine Inszenierung war", schreibt Peter Nowack auf der Medienseite. "Denn Kaplan hielt sich aller längst nicht nur auf die Springerpresse beschränkten Medienspekulationen zum Trotz weder im Untergrund noch im Ausland auf. Er hatte nicht einmal gegen ein Gesetz verstoßen.... So war es auch nicht verwunderlich, dass er nach seiner termingerechten polizeilichen Meldung am Dienstag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, wenn auch mit strengeren Meldeauflagen. Im Gegensatz zu dem Rauschen im deutschen Blätterwald haben die türkischen Medien betont sachlich über den Fall Kaplan berichtet. Sie halten den Anführer des Kalifenstaates eher für einen armen Irren als für einen gefährlichen politischen Gegner. Doch das Ziel des Pfingsttheaters um den Operettenkaplan aus Köln hat in Deutschland sein Ziel schon erreicht. Das Zuwanderungsgesetz soll noch weiter verschärft werden."

Andere Themen: Thomas Medicus berichtet über einen Filmworkshop des Regisseurs Fred Kelemen mit lettischen Filmstudenten in Riga. Der Anzeigenteil der Pariser Obdachlosenzeitung L'Intinerant (Der Wandernde) gibt Rudolf Walther allerei Anlass, über die Freiheit nachzudenken; Peter Iden schließlich gratuliert Günther Rühle zum achtzigsten Geburtstag;

Eine einsame Besprechung gilt Simon McBurneys Inszenierung von Shakespeares "Mass für Mass" am Royal National Theatre in London.
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NZZ, 03.06.2004

Schweizer Privatleute haben dem Bagdader Konservatorium Instrumente geschenkt. Es fehlt aber immer noch an vielem. Inga Rogg berichtet in einem "Schauplatz Bagdad" über das wieder erwachende Musikleben im Irak und über eine kleine Meisterklasse, die der Schweizer Pianist Timon Altwegg am Konservatorium gab: "Das Musikzimmer ist ein kahler, mit Bodenfliesen ausgekleideter Betonraum, in dem die frühsommerliche Hitze schon nach wenigen Minuten drückend ist. Der verstimmte Flügel ist zwischen eine Reihe von Metallschränken und die Plasticstühle für die Zuhörer gezwängt. Umso rührender ist die Inbrunst, mit der die 'Meisterschülerinnen' ihr Können darbieten."

Joachim Güntner mag sich nicht darüber aufregen, dass Amazon hohe Rabatte von Verlagen wie Diogenes verlangt. Bedrohlicher scheint ihm die von Amazon in den USA schon angebotene "Search inside the book"-Funktion, die es erlaubt, elektronisch in den Büchern zu blättern und zu suchen und dem Sortimentsbuchhandel den letzten Wettbewerbsvorteil raube: "Kommt 'Search inside the book' auch auf die deutschsprachigen Websites, so wird allein diese Option den Markt mächtig durchrütteln. Zum Schaden des klassischen Buchhandels. "

Beprochen werden die Ausstellung "Mörike und die Künste" in Marbach, Wagners "Ring" in der Stuttgarter Produktion auf DVD, Konzerte des von Lars Vogt gegründete Kammermusikfestival "Spannungen" auf CD sowie einige weitere CDs in Kurzbesprechungen und einige Bücher, darunter Thomas Medicus' Buch über seinen Großvater, den Wehrmachtsgeneral Wilhelm Crisolli (mehr hier), und Sandor Marais Roman "Die Nacht vor der Scheidung".

FAZ, 03.06.2004

Ungewohnte Töne: "Sagt Schröder danke schön!", hört Susan Neiman (mehr) jetzt öfter, wenn sie in Amerika ist. Die Ablehnung des Irak-Kriegs zeugte von Mut, nicht von Opportunismus, meint sie, und fragt sich, "ob den Deutschen bewusst ist, was die jetzige Regierung für Deutschland im Ausland vollbracht hat. Fischers Bemühungen im Nahen Osten und Schröders entschiedene Ablehnung des ungerechtfertigten Krieges sind nicht nur bekannt und geschätzt. Sie sind Ereignisse, die zu einem neuen Deutschland-Bild beitragen."

Weitere Artikel: Der Sprachwissenschaftler und Mundartkundler Horst Haider Munske hofft mit der FAZ auf die Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Eduard Beaucamp gratuliert dem Feuilletonisten Günther Rühle zum achtzigsten Geburtstag. Rainer Blasius referiert eine Potsdamer Tagung zur Ostfront im Ersten Weltkrieg. "L.J." sinniert über die Konjunkturzyklen von Helden, Toten und Opfern. "Und so begann Bush 2003 einen Krieg gegen den Irak, weil Saddam in den achtziger Jahren Massenvernichtungswaffen verwendet und 1990 Kuweit besetzt hatte." Die FAZ zitiert zum letzten Mal und auf der letzten Seite aus Richard A. Clarkes "Against All Enemies". Kerstin Holm stellt uns Nelly Wassiljewna Motroschilowa vor, die noch quicklebendige große Dame der russischen Philosophiegeschichte, während Marta Kijowska sich der polnischen Autorin Maria Nurowska und dem Spion Ryszard Kuklinski widmet. (Mehr zur neueren polnischen Literatur hier.)

Außerdem: "Der Staat ist darauf angewiesen, dass ihm die ethischen Voraussetzungen für sein Gelingen von außen zukommen", glaubt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof. In einem ganzseitigen Essay im Politikteil verlangt er deshalb vom Staat, für Glaube und Religion zu sorgen.

Besprochen werden Marco Tullio Giordanas zum "Kultfilm" avancierte mehr als sechstündige Familienchronik "La meglio gioventu", der neue Harry-Potter-Film "Der Gefangene von Askaban" ("Wenn es so weitergeht, verspricht die Sache tatsächlich irgendwann noch richtig interessant zu werden", frohlockt Michael Althen), die "ungemütlich atemraubende" Uraufführung von Friedrich Schenkers "Johann Faustus" auf Hanns Eislers Libretto in Kassel, eine Ausstellung zur römischen Malerei um 1300 in den Kapitolinischen Museen, und Bücher, darunter Mario Vargas Llosas "formal misslungener" Roman über Flora Tristan und Paul Gauguin "Das Paradies ist anderswo" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Außerdem Poesie mit Jan Wagners "der schläfer im wald":

"er ist den tiefen schlaf noch nicht gewöhnt -
lang hingestreckt auf einer lichtung liegt er..."

SZ, 03.06.2004

Die Avantgarde sehe momentan nicht besonders modern aus, sondern sei in alte Kleider geschlüpft, befindet Thomas Steinfeld. Er sieht Werke der Hoch- und Trivialkultur von "Troja" bis Richard Powers' Roman "Der Klang der Zeit" von einem "zuweilen panisch anmutenden Drang zum vermeintlichen Kanon" vorangetrieben: "Wenn es ein Motiv gibt, dem gegenwärtig alle Künste folgen, von der Literatur über die Bildende Kunst bis zur Musik, dann lautet dieses: Rettet die Bestände! ... Gebt mir etwas, woran ich mich festhalten kann. Denn ich habe nichts mehr. Gegen solche existentielle Not nehmen sich die Bedrängnisse der klassischen Moderne - Ich-Verlust, Identitätskrise, Lebensrisiko - beinahe harmlos aus. Avantgardistischer als die Zerstörung einer Tradition, als die Enttäuschung lang gehegter Erwartungen, als der Widerspruch zum Widerspruch ist der Versuch, all dieses Verlorene wieder aufzubauen."

Weitere Artikel: Michael Struck-Schloen feiert den grandiosen Umbau eines einhundert Jahre alten Saalbaus zu einer modernen Philharmonie in Essen; Lothar Müller schmunzelt über die Aufregung des 82jährigen Ray Bradbury, der Michael Moore beschuldigt, den Titel seines Romans "Fahrenheit 451" gestohlen zu haben; Alex Rühle lästert über das Athener Olympia-Chaos; Henrik Bork berichtet von der Eröffnung einer kleinen Bibliothek mit rund 4000 deutschen Büchern des Goetheinstitutes in Pjöngjang/Nordkorea; Andrian Kreye schreibt, dass die amerikanische Waffenlobby jetzt zunehmend Frauen und Kinder als Kunden zu akquirieren versucht und Roswitha Budeus-Budde hat sich mit der Programmleiterin von dtv-junior, Anne Schieckel, über die Situation auf dem Jugendbuchmarkt unterhalten.

Besprochen werden: Andres Veiels Dokumentarfilm über vier Schauspielschüler "Die Spielwütigen", (außerdem gibt es ein Interview mit Veiel); eine Manoel de Oliveira-Retrospektive im Münchner Filmmuseum; Marc Ottikers Hacker-Film "1/2 Miete"; Alize Zandwijks Inszenierung von Anton Tschechows 'Iwanow' am Thalia Theater Hamburg; und Bücher, darunter Annette Dorgerlohs Monografie über das Künstlerehepaar Reinhold und Sabine Lepsius und Lutz Hachmeisters Hans-Martin-Schleyer-Biografie (mehr ab 14.00 Uhr in unserer Bücherschau des Tages").