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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2004. Die FAZ erklärt, warum George W. Bush auch vielen Konservativen nicht geheuer ist. In der FR beobachtet Franzobel gutgelaunte Folterknechte, die in Mexiko den Tag der Toten feiern. Die NZZ beschreibt, wie die letzten Ruinen des Dritten Reichs verscherbelt werden.

FAZ, 01.11.2004

Matthias Oppermann erklärt uns, warum George W. Bush vielleicht gar kein Konservativer ist: Er baute im vergangenen Jahr, gegen Proteste in den eigenen Reihen, das Gesundheitsfürsorgesystem "Medicare" aus, er habe mit der Gründung des Heimatschutzministeriums bewiesen, dass er kein Gegner von big government ist, und er führe einen Krieg mit "Missionsgedanken", die bisher eher für die Linke typisch waren. Es "ist nicht zu übersehen, dass die Vereinigten Staaten in George W. Bushs Geschichtsbild ebenso die Rolle des Messias einnehmen wie das Proletariat im historischen Materialismus. Aus diesem Grund ist Bush vielen Konservativen nicht geheuer."

Was lässt Arafat in Palästina zurück? Und was kommt nach ihm? Der israelische Schriftsteller David Grossman sieht zwei Möglichkeiten: Entweder werde jene Anarchie ausbrechen, "die bisher durch Arafats symbolische Autorität mit Mühe unterdrückt wurde. Dann gäbe es einen Bürgerkrieg zwischen allen feindlichen Gruppen, vor allem zwischen Fatah-Leuten und den extremen islamistischen Organisationen". Möglich wäre aber auch, dass "gerade die Angst vor Anarchie - zumindest vorläufig - zur inneren Einigkeit führt".

Weitere Artikel: Mark Siemons war bei der feierlichen Einrichtung des Lehrstuhl für "Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung" an der Berliner Humboldt-Universität - das "katholische Volk" musste ziemlich lange auf Einlass warten, als es dann noch aufgefordert wurde, sich zu erheben, als der Bundespräsident den Saal betrat, ließ sich "in den hinteren Reihen das unverkennbar grummelnde Berliner Idiom vernehmen: 'Wat denn, wat denn? Dat is ja schlimmer als bei Erich.'" Andreas Platthaus berichtet von der Verleihung der Big Brother Awards.

Auf der Medienseite fragt sich Michael Hanfeld, wer für die neue Harald-Schmidt-Show bezahlen muss: Der ARD-Vorsitzende Plog habe bereits angekündigt, dass die ARD "dafür anderes aufgeben muss". Muss eine Sportübertragung dran glauben, oder werden sie "bei der ARD für Schmidt lieber ein Orchester aufgeben?" Souad Mekhennet hat sich das neue Video von Osama Bin Laden angesehen und hört vor allem eins daraus: weitere Terroranschläge werden folgen.

Auf der letzten Seite sucht Gustav Falke den Orient bei den Kreuzberger Türken und kämpft dabei mit Verständigungsschwierigkeiten: "Gespräche wie 'Sind die Zwillinge eigentlich Ihre Töchter?' - 'Eine meine Tochter' erfordern Geistesgegenwart." Andreas Kilb porträtiert den mexikanischen Schauspieler Gael Garcia Bernal. Und Christian Schwägerl war dabei, als Grüne Politiker im Berliner Cinemaxx zur Vorführung des Films "Genesis" luden: "Geworben wurde für diesen frisch produzierten Naturfilm in den Reihen der Grünen damit, dass er 'ohne didaktischen Zeigefinger' und zugleich 'ohne computeranimierte Bilder' auskommt, was offenbar die cineastische Entsprechung eines gentechnikfreien Lebensmittels ist."

Besprochen werden Thomas Bernhards vor dreißig Jahren zuletzt aufgeführtes Stück "Macht der Gewohnheit" am Wiener Burgtheater in der Inszenierung von Philip Tiedemann ("'Die Macht der Gewohnheit'? Der Krach des Theaters. Kein Klischee ausgelassen. Keinen Effekt gescheut. Und doch das Stück in seinem Sarge nur ein bisschen sehr viel netter drapiert, als es ist", schreibt Gerhard Stadelmaier), John Websters "Herzogin von Malfi" an der Berliner Schaubühne, Sven Unterwaldts Filmkomödie "7 Zwerge - Männer allein im Wald" und Christian Thielemanns Antrittskonzert als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Eleonore Büning nimmt es zum Anlass, Thielemann als Sonnyboy der auf Repräsentation bedachten Politiker vorzustellen, erliegt dann aber seiner Kunst und seufzt: "Thielemann, der große Unberechenbare, ist wie ein Versprechen, das nicht immer eingehalten werden kann. Aber wenn, wie diesmal, dann ist man froh, dabeigewesen zu sein."

FR, 01.11.2004

Der Schriftsteller Franzobel reist von Wien nach Mexiko, um den Tag der Toten zu erleben. Und er sieht nicht nur Mariachis auf der Piazza Garibaldi, sondern auch gutgelaunte Folterknechte. "Diese mexikanischen Tokes-Tokes-Tandler verkaufen aber keine Knöpfe und auch keine Zigaretten, sondern Stromschläge. Jawohl, Stromschläge! Für zwei, drei Dollar drücken sie einem die Metallgriffe in die Hand und jagen lächelnd 80, 90, 120 Volt durch einen durch. Wozu? Nicht einmal die Mexikaner wissen es. Wahrscheinlich entstammt dieser ins eigene Fleisch gewandte Hau-den-Lukas einer Zeit, als man noch an die Heilkraft und potenzsteigernde Wirkung der Stromstöße glaubte."

Weitere Artikel: Leoluca Orlando, langjähriger Oberbürgermeister von Palermo, hat in der Frankfurter Romanfabrik von Gadamer, Castro und natürlich der Mafia erzählt, und Christoph Schröder hat sich nicht gelangweilt. Martina Meister offenbart die delikaten Hintergründe, die toute Paris dazu veranlassen, in eine Aufführung von Marguerite Duras' "La Bete dans la Jungle" zu rennen: Fanny Ardant und Gerard Depardieu spielen mit. Adam Oleschewski berichtet in Times mager vom Leben auf dem Dorf im Allgemeinen und füchsischen Lederfetischisten im Besonderen. Auf der Medienseite resümiert Antje Kraschinski eine Berliner Tagung zur Korruption im Journalismus, und kommt unter anderem zu folgender erfrischender Einsicht. "Natürlich ist ein gut bezahlter Journalist weniger versucht, teure Geschenke anzunehmen, als ein schlecht bezahlter."

Aprospos Gentechnik: Auf der "Rundschau-Seite" beschreibt Hilal Sezgin, wie die amerikanische Firma "Allerca" allergenfreie Haustiere entwickelt: "... dazu sollen diejenigen Gene im Erbgut eliminiert werden, die für das für Allergiker kritische Eiweiß verantwortlich sind. Sind auf dem Retortenweg ausreichend viele Prototypen geschaffen, nimmt die 'Produktion' der nächsten allergenfreien Katzen den bei einer Zucht üblichen Verlauf, freut sich die Firma. Mit einer Einschränkung: Sie wird die Katzen nur kastriert oder sterilisiert liefern, sonst könnten sich andere an der Erfindung bereichern. Bestellungen werden gegen eine Vorauszahlung von 250 Dollar entgegengenommen, die dann mit den angepeilten Kosten von 3000 Dollar pro allergenfreie Katze verrechnet werden."

Besprochen werden die Uraufführung von Kathrin Rögglas "junk space" im Grazer Kristallwerk, ein Konzert mit "2raumwohnung" in der Centralstation in Darmstadt, ein Abend mit der Pianistin Helene Grimaud und dem Cincinnati Symphony Orchestra im Großen Saal der Alten Oper in Frankfurt, ein Konzert von Mardi Gras.bb im Offenbacher Hafen 2, die Choreografie "Cobalt" des Kanadiers Tedd Robinson und seiner Truppe 10 Gates Dancing am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt, das Stück "Don Camillo und seine Herde" am Volkstheater Frankfurt, und Bücher, ein Sammelband zu Feminismus und Antirassismus in der Politikwissenschaft sowie Thomas Grevens politikwissenschaftliche Untersuchung "Die Republikaner" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 01.11.2004

Die Demokratie der USA wird derzeit von Grund auf umgewälzt, konstatiert Saskia Sassen in einem Vortrag, den die taz verkürzt abdruckt. Die amerikanische Soziologin warnt davor, dass die Exekutive immer mehr Macht auf sich vereint. "Sie hat zugleich die Zahl der Regierungsdokumente, die der Geheimhaltung unterliegen, um 50 Prozent erhöht. Darüber hinaus bekommen selbst die Mitglieder des Kongresses, die berechtigt wären, geheime Dokumente einzusehen, oft nur bearbeitete Versionen zu Gesicht, in denen die entscheidenden Passagen geschwärzt sind. In diesem Ausmaß ist das eine neue Entwicklung. Die Öffentlichkeit, Journalisten wie Politiker, haben sehr viel weniger Zugang zu Regierungsinformationen."

Weitere Artikel: Harald Schmidt kommt wieder, weil nur er die Mittel hat, um der grassierenden Darstellungspolitik zu begegnen, meint Peter Unfried in der taz zwei. Bianca Kopsch schildert, wie sich vier Drehbuchschreiber entgegen aller Trends erfolgreich selbständig gemacht haben. In der "Agronauten"-Serie erzählt Petra Fischer von ihrer Arbeit in einer Versorgungseinheit der kurdischen Frauenguerilla der PKK. In seiner Netzkolumne informiert uns Niklaus Hablützel dass Sony und BMG ein eigenes Tauschnetz gründen und der Erfinder des Sasser-Virus nun Karriere bei der Gegenseite macht.

Die Besprechungen widmen sich den Arbeiten für den diesjährigen Turner-Preis, die in der Londoner Tate Britain ausgestellt sind und alle um einen "präzisen Blick auf die von der Globalisierung veränderte Welt" ringen, sowie Larbi Cherkaouis Tanzstück "Tempus fugit" im Berliner HAU-Theater.

Und Tom.
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NZZ, 01.11.2004

Die letzten Ruinen des Dritten Reiches werden verscherbelt, berichtet Irmgard Bernrieder: Das ehemalige Raketenzentrum Peenemünde und die "Kraft durch Freude"-Anlage Prora. "Für 625.000 Euro wechselte vor kurzem Block VI der Seebadanlage den Besitzer. Ein anonym gebliebenes westdeutsches Immobilienbüro bekam den Zuschlag und nennt nun zudem 60.000 Quadratmeter Wald und Wiesen entlang der schönsten Strandregion sein Eigentum... Block V will das Deutsche Jugendherbergswerk erwerben, die Verhandlungen sind nach BVA- Auskunft so gut wie abgeschlossen. Der Leiter des Deutschen Jugendherbergswerks ist zuversichtlich, Mitte bis Ende 2006 mit dem Bau der 'größten Jugendherberge im Ostseeraum' beginnen zu können. Der Bebauungsplan für die Blöcke I und II ist noch nicht rechtskräftig, doch sollen dort zu gleichen Teilen Miet-, Eigentums- und Ferienwohnungen entstehen. Block IV ist laut Raymund Karg 'Manövriermasse'."

Christian Meier entwirft in einem "Schauplatz Ägypten" das Bild einer Jugend, die zunehmend von der wirtschaftlichen und politischen Stagnation des Landes verdrossen ist: "Die sozialen Schichten sind scharf voneinander getrennt, durch Bildung, Lebensweise, Sprache. Während bis heute die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, wächst ein kleiner Prozentsatz der Ägypter in den Welten des globalen Jetsets auf. Weit entfernt von der staubigen Realität ihres Landes besuchen sie Privatschulen, bevor sie vorzugsweise im Ausland studieren. Dass Kairo eine Metro besitzt, wissen viele von ihnen vielleicht gar nicht - öffentliche Verkehrsmittel würden sie niemals benutzen."

Weiteres: Paolo Bianchi hat auf der Kunstbiennale in Sao Paulo viel Wunderschönes gesehen, aber keine Wunder. Besprochen werden Peter Brooks Dostojewski-Inszenierung in Paris sowie eine Ausstellung der Totenbilder von Walter Schels im Hygiene-Museum Dresden.

SZ, 01.11.2004

Die SZ erscheint heute nicht, das katholische Bayern feiert Allerheiligen.