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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.12.2004. Die FAZ freut sich über die Freilassung eines kubanischen Dissidenten. Die NZZ feiert die schwerelos bunten Bilder der Grausamkeit in David Markischs Roman über Isaak Babel. In der Berliner Zeitung ruft Oliver Stone den Anke-Westphälischen Frieden aus. In der FR fordert Jamal Tuschik eine bessere Integration der Ostdeutschen. Die Welt besucht das neue Museum für moderne Kunst in Istanbul.

NZZ, 14.12.2004

Franz Haas feiert den grandiosen Roman "Babels Wandlung" von David Markisch als einen meisterhaften Beitrag "zum gigantisch monströsen Zeitmosaik der Sowjetunion". "Es geht darin um die Höllenfahrt Isaak Babels vom sowjetischen Musterautor zum Opfer der stalinistischen Säuberungen. Brillant und sehr frei wird dieses Leben und Sterben nacherzählt, von einem Autor, dessen eigene Biografie ein gutes Stück sowjetischer Gruselgeschichte enthält: Geboren 1939 in Moskau als Sohn von Perez Markisch, dem Autor eines jiddischen Versepos über den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion, der 1952 als Verräter hingerichtet wird. Mit der Familie nach Kasachstan verbannt, kann David erst 1972 nach Israel ausreisen, wo er jetzt lebt und auf Russisch schreibt. Von klein auf vertraut mit dem politischen Terror, geschult an Isaak Babels schwerelos bunten Bildern der Grausamkeit und Lebensfreude, schreibt David Markisch eine fabelhafte Prosa von schreckensstarrer Leichtigkeit."

Auch der Rest ist heute klassisches Rezensionsfeuilleton: Paul Jandl hat eine Ausstellung mit kinetischer Kunst im Grazer Kunsthaus besucht, die "mit einigem Witz" die Kontinuität der Maschinenkunst von den fünfziger Jahren bis in die Gegenwart präsentiert. Andrea Köhler stellt die Aufsehen erregende Oskar-Schindler-Biografie des Historikers David M. Crowe vor, die kräftig an dem von Spielberg kreierten Image kratzt. "Gleichwohl muss auch Crowe zuletzt einräumen, dass Oskar Schindler ein 'halbwegs anständiger Mensch gewesen ist'." Und Christoph Funke hat in Marius von Mayenburgs "Eldorado" an der Berliner Schaubühne eine "leise, nachdenkliche Inszenierung" erblickt.

Weiter werden besprochen: Eine Ausstellung zum Schaffen des österreichischen Architekten Günther Domenig im Austrian Cultural Forum in New York, eine Schau über "De Haagse Stijl" in Den Haag, eine Ausstellung mit afrikanischer Gegenwartskunst in Berlin und eine "Belshazzar"-Inszenierung in Zürich. Und Bücher: Kurzgeschichten des Syrers Sakarija Tamer, eine Biografie von Minna Wagner sowie Paul Nizons Journal "Das Drehbuch der Liebe" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 14.12.2004

Passend zur Jahreszeit denkt Till Briegleb über ein besonderes Theatergenre nach: Das obligatorische Weihnachtsmärchen für Kinder. Im Bochumer Schauspielhaus beobachtete er etwa bei E. T. A. Hoffmanns "Nussknacker", wie "800 Kinderstimmen die Versuche der Schauspieler, etwas Spannung aufzubauen, mit kollektiven Regieanweisungen niederbrüllen. 'Du musst den Simurg rufen', skandieren sie, während der Nussknacker noch den Verzweifelten mimt." Ansonsten aber gelte: "Im Grunde genommen sind Kinder ein extrem dankbares Publikum, weil sie all das beklatschen, was der Zeitgeschmack tabuisiert hat, Theaterleuten aber immer noch großen Spaß macht: Bühnenzauber, Rampengesaue, kitschige Gefühle, tolle Helden, Mitklatschlieder und Happy-End. Nervende Reflexion und unentschiedene Charaktere, die zwar pädagogisch wertvoll, aber anstrengend sind, versauern zu Weihnachten im Theaterverlag."

Weitere Artikel: Andreas Becker stellt in der Berliner Vorweihnachtszeit eine Trendwende zu Ungunsten von Gyros und empfiehlt den Kauf von Bruchkeksen im Tempelhofer Fabrikshop von Bahlsen. Jan-Hendrik Wulf las die Zeitschrift Widerspruch, die sich dem aktuellen Gesundheitsbewusstsein widmet ("Ist Wellness die Verblendung der Unfreien und die Sorge um sich längst neoliberal?"). Und auf der Medienseite verweist Columbia Carla Palm die Fans von "Sex and the City" auf die Serie "Desperate Housewifes", die bei uns bisher allerdings nur auf Premiere 3 zu sehen ist.

Besprochen wird die Inszenierung von "Ohne Leben Tod" nach Heimito von Doderer und Gustav Mahler am Berliner HAU-Theater.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 14.12.2004

Im Interview mit Anke Westphal spricht Regisseur Oliver Stone über sein Schlachten-Schinken "Alexander", den Krieg als Seinszustand und pazifistisches Wunschdenken. Das Gespräch beginnt allerdings folgendermaßen: "Mister Stone, in Ihrem neuen Film 'Alexander' - Moment mal, Ihr Name ist Westphal - das ist ja interessant! Haben Sie schon mal was vom Westfälischen Frieden gehört? Der 1648 geschlossen wurde? - Gewiss doch - . und der den Dreißigjährigen Krieg beendete und ein neues politisches System in Europa begründete? Auch der achtzigjährige Krieg der Niederländer um ihre Unabhängigkeit wurde mit dem Westfälischen Frieden beendet! Er bildete die Grundlage aller nachfolgenden Friedensschlüsse bis zur Französischen Revolution! 1648 - also damals gab es ungeheure Hoffnung für Europa: Nie wieder Krieg. Und 1652 herrschte schon wieder Krieg!"
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FR, 14.12.2004

Jamal Tuschik denkt über einen "kulturellen Dissens" in der Bundesrepublik nach, der nicht nur zwischen Migranten und Deutschen herrsche, sondern auch zwischen West- und Ostdeutschen. Allerdings: "Dass jemand, der in Deutschland aufwächst, nicht (west)deutsch sozialisiert wird, weil Forderungen aus den Ursprungsgesellschaften der eingewanderten Eltern und Großeltern dagegen wirken, ist eine Eigentümlichkeit bei ethnischer Differenz."

Frank Keil berichtet von einem spannenden (und offenbar gelungenen) Experiment der Kunsthalle Kiel: Dort durften Mitarbeiter - von der Putzfrau über Kassenpersonal bis zur Sekretärin - die Bestände raumweise neu zusammenstellen und hängen; dem Direktor blieb in der Ausstellung "Seehistory: der demokratische Blick" mit verschmähten Noldes, Richters oder Kirchners nur "The Beautiful Rest".

Weitere Artikel: In Times mager müht sich Daniel Kothenschulte redlich, sich und uns die letztlich dann doch nur amüsante Klage griechischer Anwälte gegen Oliver Stones Film "Alexander" zu erklären. Und auf der Medienseite berichtet Henning Hoff über den jahrelangen Kampf des Guardian gegen den Vorwurf, "antiisraelische, ja antisemitische" Berichterstattung zu betreiben.

Besprochen werden eine Architekturausstellung über die "Baustelle Slowenien" in der Berliner Akademie der Künste, der Musiktheaterabend "Ohne Leben Tod" am Berliner HAU-Theater und schließlich Michel Foucaults Vorlesungen über die "Geschichte der Gouvernementalität" aus den Jahren 1977/78 (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 14.12.2004

Boris Kalnoky hat sich in Istanbul umgetan, wo gerade mit viel Symbolik das Museum für Moderne Kunst eröffnet wurde, was sich allerdings weniger der Kulturpolitik als dem Mäzen Bülent Eczacibasi verdankt. Trotzdem: "Türkischer Witz und türkische Schwermut sind in den Werken des Museums immer dabei, oft Hand in Hand. So in der köstlichen Videoarbeit 'Der Weg nach Tate Modern' von Sener Özmen und Erkan Özgen (lebt und arbeitet in Diyarbakir). Zwei Machos in schwarzem Anzug reiten da Don Quichotesk auf Esel und Pferd durch kurdische Schluchten und Wüsteneien, auf der Suche nach ... tja, nach dem, was wohl auch Erdogan mit seinem Auftritt bei der Eröffnung erreichen wollte. Man will nach Europa." Vor gut einer Woche hatte Ministerpräsident Tayyip Erdogan bereits das erste armenische Museum der Türkei eröffnet: "Eine schöne Geste - und ein beschönigendes Museum, in dem die Frage nach der Tragödie des armenischen Volkes in der Türkei nur so behutsam gestellt wird, dass am Ende dabei herauskommt: Wir sind alle Türken. Friede, Freude, EU."

FAZ, 14.12.2004

Das Schicksal der 75 kubanischen Dissidenten, die im vergangenen Jahr zu Isolierhaft von bis zu 20 Jahren verurteilt worden waren, hat die hiesige Kulturszene nicht besonders gekümmert. Nun hat die Regierung dieses sympathischen Landes einige der Dissidenten freigelassen, berichtet Walter Haubrich auf der letzten Seite des FAZ-Feuilletons. Unter den Freigelassenen ist der Lyriker Raul Rivero: "Spanien und die meisten anderen Länder der Europäischen Union haben Dissidenten zu Empfängen in ihre Botschaften in Havanna eingeladen. Castro stellte daraufhin die Kontakte zu diesen Ländern ein. Zwar hat Fidel Castro immer wieder politische Häftlinge freigelassen, doch nie unter Druck. Zu weiteren Konzessionen oder gar zur Einleitung einer Demokratisierung ist der kubanische Diktator nicht bereit."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus liest einige von Michael Foucault im Jahr 1979 gehaltene und jetzt wiederveröffentlichte Vorlesungen und stellt mit Erstaunen fest, dass der Philosoph ausführlich über Ludwig Erhards Ordoliberalismus der Nachkriegszeit dozierte, den er irrigerweise als siegreiche Spielart des Liberalismus ansah. Christian Geyer erinnert in der Leitglosse angesichts aktueller Politik-Affären um Stromvergünstigungen daran, dass auch Ernst Jünger einst die Stromkosten erlassen werden sollten - zum Dank für seinen hundertsten Geburtstag. Oliver Jungen resümiert eine Tagung zur Lage der Kulturwissenschaften in Konstanz. Jürg Altwegg berichtet, dass die Franzosen laut einer Umfrage nur ein einziges deutsches Buch auf ihre Liste der hundert beliebtesten Bücher wählten - Patrick Süskinds "Parfüm". "Rh." meldet, dass das Goethe-Institut trotz seiner Sparnöte neue Niederlassungen in Asien und Osteuropa gründen will. Frank Pergande schreibt zum Tod des Karat-Sängers Herbert Dreilich ("Über sieben Brücken..."). Jürgen Kaube lauschte einem Vortrag Dieter Henrichs am Weimarer Nietzsche-Kolleg.

Auf der Medienseite unterhält sich Judith Lemke mit dem ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner. Gina Thomas berichtet, dass der Londoner Evening Standard der Zeitungskrise mit einer kostenlosen Ausgabe begegnen will.

Auf der letzten Seite besucht Jörg Bremer archäologische Fundorte und Museen in Jordanien. Und Andreas Platthaus schreibt ein begeistertes Porträt über den Trickfilmer Brad Bird, dem wir die so erfolgreichen "Unglaublichen " verdanken.

Besprochen werden eine Ausstellung des Freskenmalers Peter Cornelius im Münchner Haus der Kunst, Michael Mayers Film "Ein Zuhause am Ende der Welt", das Queen-Musical "We will Rock you" in Köln, zwei Jugendopern Mozarts in Amsterdam und in Mannheim und Rene Polleschs Stück "Stadt ohne Eigenschaften" in Stuttgart.

SZ, 14.12.2004

Mit großem Bahnhof verabschiedet die SZ die Pro7-Serie "Sex and the City", deren letzte Folge heute zu sehen ist. Im Feuilleton-Aufmacher deutet Andreas Bernard die Serie als "wortreiche Feier nicht der promiskuitiven, sondern der normierten Sexualität". Auf der Seite 3 versichert uns Cathrin Kahlweit, dass es auch nach dem Ende der Serie "im Fernsehen nicht prüder zugehen wird". Auf der Medienseite darf Pro7-Programmleiter Thomas Schultheis versuchen, das Phänomen zu erklären, während die deutsche Stimme von Carrie, Irina von Bentheim, für ihre Radiosendung "Sex nach Neun" bei RBB wirbt.

Weitere Artikel: Alexander Kissler fasst einen Auftritt des australischen Philosophen Peter Singer in Heidelberg zusammen, der auf einer Veranstaltung des Deutsch-Amerikanischen Instituts seine Kritik am "Rassismus der Menschwürde" noch einmal radikalisiert habe. Johannes Willms beklagt die Verschleppung der Neugestaltung der Pariser Hallen. Bernhard Wittek beschreibt den Emanzipationsprozess der Goethe-Institute, der 1964 mit einem Auftritt von Rudolf Augstein am Pariser Institut seinen Anfang nahm. Adrienne Braun porträtiert den Schweizer Dramatiker Andri Beyeler, den derzeit erfolgreichsten Autor des Jugendtheaters. "jal" informiert über seltsame Koalitionen gegen ein Blasphemieverbot in Dänemark. Thomas Meyer resümiert eine Berliner Tagung über den Romanisten Erich Auerbach. Und in der "Zwischenzeit" diagnostiziert Hermann Unterstöger den weiteren Verfall des Genitivs ("Man hat den Eindruck, dass schon ein einziger Genitiv derart erschöpft, dass man danach nur auf dem Ruhekissen eines Dativs wieder zu sich selbst finden kann"). Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf den "Karat"-Sänger Herbert Dreilich.

Besprochen werden Steven Soderberghs Gaunerstück "Ocean's Twelve", Thomas Ostermeiers Inszenierung von Marius von Mayenburgs "Eldorado" an der Berliner Schaubühne, eine Choreografie von Lewis Carrolls "Alice" in München, eine Ausstellung über Peter Szondi im Marbacher Literaturarchiv, Mark Schlichters Film "Cowgirl" mit Alexandra Maria Lara in der Hauptrolle und Bücher, darunter der neue Roman von Gabriel Maria Marquez "Erinnerung an meine traurigen Huren" und Anne Zielkes Novelle "Arraia" (siehe dazu unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr)