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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.12.2004. Thema Nummer 1 ist natürlich der Tod Susan Sontags. Die SZ feiert sie als stärkste Anwältin Europas in den USA. Die FAZ bringt einen ihrer letzten Texte. Die Zeit verabschiedet sich von den Verheißungen der digitalen Kunst, an die sie aber sowieso nie geglaubt hatte. In der NZZ singt Karl Schlögel ein Loblied auf den Nomaden. In der FR watet Richard Wagner durch die Untiefen der heutigen Mediengesellschaft.

SZ, 30.12.2004

"Man ist ein Intellektueller, weil man sich im Diskurs bestimmten Maßstäbe der Redlichkeit und Verantwortlichkeit verpflichtet weiß (oder wissen sollte). Das ist der einzige unabdingbare Beitrag von Intellektuellen: ein Begriff von Diskurs, der nicht nur instrumentell, konformistisch ist", zitiert die SZ die verstorbene Autorin Susan Sontag, der beinahe die ganze erste Feuilletonseite gewidmet ist.
"Eine Figur, die mit dem Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks in Europa zu verschwinden begann, schien in Susan Sontag, der Amerikanerin, wiederzukehren: der Intellektuelle als Dissident", schreibt Lothar Müller in seinem Nachruf. "Mit Susan Sontag verliert Europa seine stärkste Anwältin in Amerika", ruft ihr deutscher Verleger Michael Krüger Susan Sonntag nach.

Weiteres: Burkhard Müller befasst sich aus Anlass des bevorstehenden Schiller-Jahres mit Friedrich Schillers Jenaer Antrittsvorlesung. Auf der Filmseite lassen die Kritiker Lust- und Frustmomente des zuende gehenden Kinojahres Revue passieren. Robin Detje kommentiert mit leichter Häme den Rückzug Christoph Heins von seiner zukünftigen Intendanz des Deutschen Theaters: "Hein sieht sich 'am geistigen Klima gescheitert', und nicht etwa auch ein wenig an sich selbst."


Besprochen werden Edgar Wrights Film "Shaun Of The Dead", Bruce LaBruces Film "The Raspberry Reich" ("Punk, Porno, Politik, es ist alles drin in diesem Film", gibt Fritz Göttler zu Protokoll), Patrice Lecontes 'kokettes Kammerspiel des Verschweigens' "Intime Fremde", eine Fra-Carnevale-Schau in der Mailänder Pinacoteca di Brera, zwei e.o.plauen-Ausstellungen in Plauen, nämlich im Vogtlandmuseeum und in der galerie e.o.plauen, und Bücher, darunter Stefan Fädrichs Nichtraucherbuch "Luft" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 30.12.2004

Die New York Times bringt ein ganzes Dossier zu Susan Sontag mit dem aktuellen Nachruf von Margalit Fox und vielen Kritiken über ihre Bücher.

Zeit, 30.12.2004

Die Zeit schickt uns mit einem Spezial zur digitalen Kunst ins Neue Jahr. Ganz begeistert von den Möglichkeiten digitaler Musik ist der Komponist Pierre Boulez, den Christof Siemes und Claus Spahn in seinem Forschungsinstitut Ircam besucht haben: "Heute können Sie mit technischen Mitteln den Klang im Raum bewegen, wie Sie wollen. Der Klang erfährt eine andere Realität, er wird gegenrealistisch. Ein anderes beispiel: Als ich vor zwanzig Jahren mein Stück "Repons" zu schreiben begann, habe ich mit zwei Klavieren angefangen. Eins wollte ich in Mikrointervallen umstimmen. Als dann der Computer kam, habe ich gesehen, dass ich diese mühsame Skordatur mit einem einzigen Knopfdruck erreichen kann. Man kann Skalen haben, wie man sie will und so viele man will. Das geht mit der Technik viel besser und führt viel weiter. Oder wie ich es für die Geige gemacht habe in meinem Stück "Antheme 2". Dort gibt es so schnelle Wechsel zwischen Pizzikato und dem Spiel mit dem Bogen, dass sie kein Mensch ausführen kann. Da habe ich mich mit der Sampling-Technik beholfen. Die Elektronik erweitert die technischen Möglichkeiten der herkömmlichen Instrumente. Man kann plötzlich Sachen machen, für die die menschlichen Hände zu grob sind."

Skepsis dagegen bei Jens Jessen, der nach zehn Jahren "hysterischer Zukunftserwartung" meint: "Mit einem gewissen Willen zur boshaften Verallgemeinerung könnte man den Weg, den die computergestützte Kunstproduktion in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat, als Weg von der avantgardistischen Provokation zur kommerziell gezähmten Standardanwendung beschreiben."

Auch Katja Nicodemus bilanziert enttäuscht, was das Kino aus dem Computerfilm bisher herausgeholt hat: "Tatsächlich ist das digitale Kino von den wahnhaften, halluzinativen Bild-Dimensionen, den freudianischen Metamorphosen, die sich seine kühnsten Pioniere einst erträumten, weiter entfernt denn je. Eher befindet es sich in einer Phase der Regression: Ermöglichte die Technik zu Beginn die Umsetzung einer wild vorausgaloppierenden Fantasie, scheint nun die Fantasie mehr schlecht als recht der Technik hinterherzutrotten. Könnte es sein, dass das digitale Kino von Anfang an traditioneller war, als die hochfliegende Rhetorik seiner Macher und Produzenten glauben machen wollte?"

Weiteres: Thomas Assheuer will den Kunsttheoretikern nicht glauben, die mit Computerbildern unsere Sinnkrise kurieren wollen. Evelyn Finger stellt den Choreografen Merce Cunningham vor, der sein Ensemble nach Software-Regeln tanzen lässt. Hanno Rauterberg stellt den Architekten Patrik Schumacher vor, der dank des Computers "das Kästchendenken, den hysterischen Ordnungswahn der Minimalisten" hinter sich lassen konnte. Malte Henk schildert, wie die Internetkunst ins Museum gekommen ist. Und Claudia Herstatt berichtet vom Kunsthandel im Internet.

Für den Aufmacher des Literaturteils hat sich Martin Mosebach ein Gespräch dem "kaltherzigen" Stalinisten Peter Hacks ausgedacht. Das Dossier widmet sich der Flutkatastrophe. Außerdem auf den vorderen Seiten Fritz J. Raddatz' Nachruf auf Susan Sontag.
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NZZ, 30.12.2004

Der Historiker Karl Schlögel singt ein Loblied auf einen neuen Menschen: den Migranten, den Nomaden, der "sich anschickt, die Reflexe, die der Mensch sich in der Kultur der Sesshaftigkeit und des Ackerbaus antrainiert hat, abzustreifen". "Migranten sind beweglich. Sie sind - wie das Beispiel der Hugenotten, der Juden, der Armenier, der Inder in Ostafrika oder der Hongkong-Chinesen zeigt - die Avantgarde der Innovation und Modernisierung. Refugee mentality ist ein Plus, nicht ein Defekt. Die Migranten sind es vor allem, die Innovationen, risikoreiche Unternehmen initiieren. Auf sie ist die Rolle, die Max Weber den Protestanten bei der Entstehung des modernen Kapitalismus zugeschrieben hatte, übergegangen. In ihnen mischt sich die Situation des Neu-und-ganz-von-unten- anfangen-Müssens, des Traditionsbruchs, mit dem Improvisierenkönnen, mit der Fähigkeit, eine Zeitlang in Provisorien leben zu können."

Weiteres: Andrea Köhler schreibt den Nachruf auf die Autorin Susan Sontag, die Ikone des intellektuellen Amerika. Christian Kortmann widmet sich dem Playback, mit dem sich merh und mehr Stars von Madonna bis Britney Spears auf der Bühne begnügen und wozu Elton John bekanntlich sagte: "Jeder, der auf der Bühne zum Playback die Lippen bewegt und das Publikum dafür 75 Pfund zahlen lässt, sollte erschossen werden!" Besprochen werden Cesar Airas Roman "Die Mestizin" und eine Studie über Uri im 19. Jahrhundert (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 30.12.2004

"Natürlich ist es ungerecht, Chaplins große Filmgroteske mit anderen Filmen zu vergleichen, die vor gänzlich anderen Voraussetzungen sich mit dem Darstellungsproblem herumgeschlagen haben", schreibt Gertrude Koch in einem Text über Charlie Chaplins Hitler-Groteske "Der große Diktator", die jetzt restauriert wieder in die Kinos kommt. "Schlingensief und Syberberg waren zumindest klug genug, es auch mit der Groteske zu versuchen, und es bedurfte offenbar erst der Verdumpfung der Berliner Republik, um Hitler nicht durch Mimikry übertrumpfen zu wollen, sondern durch Einfühlung sich geschmeidig zu machen. Mit Schauspieltechniken, die statt falscher Bärte mit einer Art gefühlsechtem Ganzkörperkondom sich ganz ins Innere des "Führers" (so heißt Hitler hier meistens) einschieben wollen, wird der historische Kadaver medial beschworen, ohne dass man diesen selbst je zu sehen bekäme."

"Der Schwung, mit dem sie in ihren Texten Literatur, Theater, Kunst oder Kino auseinander nahm und in den Kontext kultureller Produktion stellte, hat sie nur teilweise zur Ausnahmefigur der US-amerikanischen Kritik gemacht. Denn da war immer mehr: das Anrüchige eines New Yorker Bohemelebens, das sie im Alter - ja, sie hat Drogen genommen! - beatnikhafter aussehen ließ als zu ihren eigenen Beatnikzeiten; ihre ernste und doch mädchenhafte Schönheit, die auf unzähligen Porträts von FotografInnen wie Irving Penn, Richard Avedon und Annie Leibowitz selbst in Modemagazinen von Vogue bis Mademoiselle zirkulierte", schreibt Harald Fricke in seinem Nachruf auf Susan Sontag.

Weiteres: "Mit seinem Rückzug hat Christoph Hein auch seinen Anhängern bewiesen, dass er letztlich der Falsche war", kommentiert Esther Slevogt den Rückzug des Schriftstellers von seiner Intendanz am Deutschen Theater. "Gescheitert ist vor allem der Berliner Kultursenator Thomas Flierl bei seinem Versuch, mit seiner Besetzungspolitik aus dem altbekannten Intendantenkarrussell auszuscheren und ein neues inhaltliches Profil für das größte Theater in Berlin nicht nur über prominente Namen, sondern auch über intellektuelle Redlichkeit herzustellen", schreibt Katrin Bettina Müller zum gleichen Thema auf der Meinungsseite.

Besprochen werden: Patrice Lecontes Spielfilm "Intime Fremde" und Trey Parkers und Matt Stones Animationsfilm "Team America".

Und Tom.

FR, 30.12.2004

"Wer die politische Klasse anführt, gibt in der Gesellschaft längst nicht mehr den Ton an. Er versucht vielmehr, unter weitgehendem Verzicht auf politische Parolen, bei 'Beckmann' aus seinem Privatleben zu erzählen oder sich zum Fußballstammtisch zu bekennen", schreibt der Schriftsteller Richard Wagner in einer polemischen Gegenwartsanalyse. "Wenn jetzt die Dreißig- bis Fünfzigjährigen die Mitte der Gesellschaft besetzen, ist diese Mitte trotz aller Gegenbeteuerungen unpolitisch eingerichtet. In der Wohlfühlgesellschaft, in der Welt der Ich-AGs, wird man nach seinen Auftritten beurteilt. Auftritte gelten als Statements... Der Mainstream hat alles dem Privaten zugeordnet und damit einer selbstgebastelten Leitkultur die entsprechende Autorität verliehen. Diese Leitkultur gibt sich jung und positiv. Mit ihrem positiven Denken verabschiedet sie sich sichtbar von den Achtundsechzigern. Ihr wichtigstes Diskursinstrument sind, nach der epochalen Blamage des Marxismus, die Kulturwissenschaften. Der Klassenkampfbegriff wird von den Kulturwissenschaften zeitgemäß aus den Lebensgrundlagen weggelasert."

"Sie war, wie sich ein letztes Mal nach dem 11. September 2001 bestätigt hat, die moralische Instanz Amerikas - Anwältin einer intellektuellen, durchdachten, reflektierten Moral", schreibt Peter Michalzik in seinem Nachruf auf Susan Sontag. "Sie war, ein großes Paradox, Amerikanerin und Skeptikerin. Wahrscheinlich machte sie diese Mischung zur maßgeblichen Essayistin des ausgehenden 20. Jahrhunderts - mit einer leichten und trotzdem gravitätischen, weil von Denkanstrengung und Gefühlsdurchlässigkeit gesättigten Sprache."

Weitere Artikel: Thomas Medicus zeigt sich wenig überzeugt von Christoph Heins Argumenten, mit denen er gestern in Berlin seinen Rückzug von der zukünftigen Intendanz des Deutschen Theaters begründet hat. Der Theaterregisseur Andreas Kriegenburg hat mit Wilhelm Roth über seine Frankfurter Theaterfassung des Lars-von-Trier-Romans "Die Idioten" gesprochen. Daniel Kothenschulte widmet die Kolumne Times Mager der Flutkatastrophe in Südostasien.

Besprochen werden: Edgar Wrights Horrorkomödie "Shaun Of The Dead", Hella Joofs spirituelle Komödie "Oh Happy Day", Matt Stones und Trey Parkers Animationsfilm "Team America" und Bücher, darunter Sir Alfred Mehranis Bericht seiner 15-jährigen Existenz als Staatenloser auf dem Pariser Flughafen "Der Terminal Mann" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau).

FAZ, 30.12.2004

Der Tod Susan Sontags wird auch in der FAZ groß aufgemacht. Hier lesen wir einen im Deutschen bislang unveröffentlichten Text der Autorin, die Dankesrede zur Verleihung des Literary Award der Los Angeles Library vom 7. April. Sontag trägt dort eine recht konventionell klingende Definition der Aufgaben des Schriftstellers vor: "Seriöse Schriftsteller setzen sich konkret mit moralischen Problemen auseinander. Sie erzählen Geschichten. Sie evozieren unser Menschsein in Erzählungen, mit denen wir uns identifizieren können, auch wenn uns die Figuren fremd sind. Sie regen unsere Phantasie an. Ihre Geschichten erweitern und vertiefen unser Mitgefühl. Sie bilden unsere moralische Urteilskraft aus."

Den Nachruf schreibt Henning Ritter: "Heute gelesen, erscheinen Susan Sontags literarisch-philosophische Porträts als ein Zeitbild, wie die Filme der 'Nouvelle Vague'."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier begrüßt in der Leitglosse sehr, dass der Schriftsteller Christoph Hein von seiner Absicht zurückgetreten ist, "sich vom Berliner Kultursenator Flierl die Intendanz des Deutschen Theaters aufschwatzen zu lassen". Moskau-Korrespondentin Kerstin Holm sagt zur Feier des sechzigsten Jahrestags des Sieges über die Nazis ein "üppiges Bukett von Paraden und Konferenzen, Salutschüssen und Militärmusikfestivals" an. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des englischen Jazzrockmusikers Dick Heckstall-Smith. Verena Lueken besucht eines der kleinsten Goethe-Institute der Welt in Wellington, Neuseeland. Andreas Rossmann feiert die Neupräsentation des Kölner Praetoriums, in welchem die Beweise für eine Existenz Kölns in der Antike gesammelt werden

Auf der Kinoseite zieht Andreas Kilb eine Kinojahresbilanz des Jahres 2004 von Mel Gibson bis Michael Moore. Für Bert Rebhandl war 2004 ein (weiteres) Jahr des chinesischen Films. Der nekrophilen Neigung dieser Zeitung entspricht man mit einer nochmaligen Verbeugung vor den Toten des Jahres. Michael Althen besingt das "Wunder der DVD", die zu so vielen schönen Editionen im Schrank des Rezensenten führt. Ferner wird ein "Kaleidoskop der besten Momente im Kino 2004" präsentiert

Auf der Medienseite beklagt Michael Hanfeld eine mangelnde Koordination von karitativen Organisationen bei Spendenaufrufen im Fernsehen, wie sie jetzt nach der Katastrophe im Indischen Ozeans erneut zu beobachten sei. Robert von Lucius schreibt über die Eroberung des finnischen Zeitungsmarktes durch schwedische und norwegische Konzerne. Edo Reents durchblättert die Zeitschrift LP, die sich an alle verbliebenen Freunde des Tonträgers wendet. Und Henrike Rossbach stellt den deutschen Ableger des Galeriennetzwerks und Online-Kunstmagazins Artnet vor.

Auf der letzten Seite erinnert Frank-Rutger Hausmann ohne erkennbaren Anlass an den Umstand, dass Carl Orffs musikalische Dampfmaschine "Carmina Burana" bei ihrer Uraufführung von 1937 nicht nur positive Aufnahme fand. Lorenz Jäger widmet sich dem nun durch Raumsonden erkundeten Saturnmond Titan. Und Andreas Rossmann bedauert, dass auf der Düsseldorfer Königsallee nun auch noch das letzte Kino geschlossen wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung bonapartistischer Devotionalien in der Pariser Fondation Napoleon, Sandra Nettelbecks Kinderfilm "Sergeant Pepper", die Ausstellung "raumfürraum" mit einer Auswahl aktuellster Kunst in der Kunsthalle und dem Kunstverein Düsseldorf, eine Ausstellung über die "Brücke" und die Moderne im Bucerius Kunst Forum, Hamburg und eine Ausstellung über "Sturmszenen von Salieri bis Berio" in der Mailänder Scala.