Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2006. Necla Kelek in allen Feuilletons. Gestern nahmen sechzig Migrationsforscher ihren Mut zusammen, um sie in der Zeit zu kritisieren. Heute antwortet Kelek in taz, Welt und SZ mit einer Kritik an den Migrationsforschern. Auch die FAZ steht Kelek in dem Streit bei. Im Karikaturenstreit dominieren mutige Aufrufe zu einer zurückhaltenden Veröffentlichungspolitik. Nur der Muslim Ali S. verteidigt im Tagesspiegel den Abdruck der Karikaturen.

TAZ, 03.02.2006

In der zweiten taz kritisiert die Autorin Necla Kelek recht deutlich die 60 Migrationsforscher, die ihr gestern in einem in der Zeit veröffentlichten offenen Brief vorwarfen, in ihrem Buch "Die fremde Braut" "unseriös" vorzugehen. "Sie haben Angst um ihre Forschungsmittel, sie merken, dass sie nicht mehr unwidersprochen vom unaufhaltsamen Weg der Migranten in die Moderne sprechen können, denn inzwischen haben viele Bürger, Politiker und Entscheidungsträger gemerkt, dass diese Institute der Integrationspolitik seit Jahren einen Bärendienst erweisen. Für mich sind es gerade diese Migrationsforscher, die seit 30 Jahren für das Scheitern der Integrationspolitik verantwortlich sind. Die Politik hat viel zu lange auf sie gehört."

Im Schwerpunkt auf den Tagesthemenseiten beobachtet Reinhard Wolff, dass die Boykottaufrufe gegen muslimische Läden und die Zeitung Jyllands-Posten in Dänemark ignoriert werden. Beate Seel weiß von militanten Palästinensern, die Dänen, Deutsche und Franzosen im Nahen Osten bedrohen. Dorothea Hahn informiert, dass der ägyptische Besitzer der französischen Boulevardzeitung France Soir seinen Chefredakteur entlassen hat. Bei den Mohammed-Karikaturen ging es von vornherein um Politik und nicht um Kunst, meint Hilal Sezgin in ihrem Kommentar im Feuilleton. "Hier wurde der Schutzraum Meinungsfreiheit instrumentalisiert, um einen gesellschaftlichen Konflikt zu schüren."

Im Feuilleton porträtiert Thomas Winkler Joachim Witt, der sich der "Neuen deutschen Härte" zurechnet, nicht deutschtümelnde, sondern "deutsche" Musik macht und mittlerweile seine Platte "Bayreuth 3" vorgelegt hat. Daniel Bax stellt die kurdische Sängerin Aynur vor, die derzeit durch Deutschland tourt.

Abu Daoud, der bei dem Überfall auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München beteiligt war, behauptet gegenüber Fatima Shihab im Interview auf der Meinungsseite: "Wir planten eine friedliche Operation, bei der kein Blutstropfen vergossen werden sollte."

Besprochen wird das "solide" Album "Buchstaben über der Stadt" der Popband "Tomte".

Und Tom.

FAZ, 03.02.2006

Regina Mönch verteidigt Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali und Seyran Ates gegen die Anklage von 60 Migrationsforschern in der Zeit, sie hätten in ihren Büchern billige Klischees über den Islam verbreitet. "Wäre die Sache nicht so bitterernst, könnte man sie unter Kollegenneid abheften, doch geht es - wie bereits im Falle der Berliner Schule, die sich zur deutschen Sprache bekannte - um mehr: um Macht und Einfluss, um die Deutungshoheit darüber, wie Einwanderer leben wollen, was sie denken und glauben und wie wir sie sehen sollen. Die Briefschreiber wettern allen Ernstes gegen die Literatur dieser Autorinnen, weil sie Erfolg hat, weil sie jene Beachtung findet, die nach Ansicht der 'Migrationsforscher' eigentlich ihnen selber zusteht."

Rainer Hermann berichtet über den Stand der Meinungsfreiheit in der Türkei. Zur Zeit laufen dort mehrere Dutzend Verfahren zur Meinungsfreiheit. "Sie alle sind Wasser auf die Mühlen derer, die einen Mentalitätswandel als Voraussetzung für einen EU-Beitritt der Türkei fordern. Auf dem Prüfstand steht die türkische Justiz. Auch vielen Türken gilt sie als ein Hindernis für die Umsetzung der beschlossenen Reformen. Der Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats, der Diplomat Alpogan, hat erst jüngst von Washington aus eine dringende Fortbildung der türkischen Richter und Staatsanwälte gefordert. Dem Justizminister Cicek ist dieser öffentliche Lärm indessen nicht recht. Er will seine Justiz mit internen Maßnahmen, wie mit dem jüngsten Runderlass, auf neuen Kurs bringen. Ob die Richter und Staatsanwälte diese Maßnahme ernst nehmen, wird man bald an den Urteilen der laufenden Verfahren ablesen können."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner fragt sich angesichts der milden Reaktionen ungarischer Intellektueller auf den Fall Istvan Szabo, wann in Ungarn "eine wirklich Aufarbeitung des Erbes totalitärer Herrschaft" stattfinden wird. Hannes Hintermeier berichtet über Anstrengungen, in Bayern die Dialekte zu stärken. Angelika Heinick meldet, dass der Louvre endlich ein lange begehrtes Porträt erwerben konnte, das Ingres von Ferdinand-Philippe de Bourbon-Orleans gemalt hat. Gerhard Stadelmaier erklärt sich in der Leitglosse solidarisch mit den Zuschauern, die in Berlin türenknallend Thomas Langhoffs Inszenierung von Botho Strauß' "Schändung" verlassen haben: "Leute, die sich dagegen wehren, haben einfach recht." In der Reihe "Kunststücke" singt Eduard Beaucamp ein Loblied auf die kunterbunte Kathedrale. Andreas Kilb schreibt zum Tod der Schauspielerin und Tänzerin Moira Shearer.

Auf der Medienseite kommentiert Jürg Altwegg die Entlassung des Chefredakteurs von France Soir durch den Eigentümer Raymond Lakah. Begründet worden war dies mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen in France Soir. Doch diese Begründung nehme niemand ernst, so Altwegg, denn die Zeitung stehe zum Verkauf: "Lakah ersetzte Lefranc umgehend durch Eric Fauveau. Fauveau wird nun als Vertreter von France Soir mit dem Gericht über die Übernahme der Zeitung verhandeln und die Angebote beurteilen. Gleichzeitig ist er selber einer der Kandidaten für ihren Erwerb. In dieser Doppelrolle tritt er als Strohmann von Raymond Lakah auf."

Katja Gelinsky berichtet, wie amerikanische Kongressmitarbeiter Einträge über Parlamentarier bei Wikipedia manipulieren. Und Mark Siemons schreibt über Google und die chinesische Zensur. Auf der letzten Seite porträtiert Martin Kämpchen einen indischen Kandidaten für die Nachfolge Kofi Annans, Shashi Tharoor. Christoph Markschies, neuer Präsident der Humboldt-Universität, erklärt in einem Interview, was in seinen Augen eine moderne Universität ausmacht.

Besprochen werden eine Aufführung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" in Potsdam, Volker Koepps Reisefilm "Schattenland" und Bücher, darunter Louis Marins "Das Porträt des Königs" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 03.02.2006

Westliche Medien sind oberflächlich und wissen oft nicht, was sie anrichten. Türkische Medien sind nationalistisch und aggressiv, stöhnt die türkische Autorin Elif Shafak und illustriert ihre Einsicht mit folgender Geschichte: "Letzte Woche veröffentlichte die italienische Zeitung Corriere della Sera eine Liste mit 'unterdrückten Schriftstellern in aller Welt'. Aus der Türkei waren vier Namen ausgewählt worden: Orhan Pamuk, Yasar Kemal, Murathan Mungan und Elif Shafak. Wie viele Leser erfuhr ich erst davon, als ich die türkische Boulevardzeitung Hürriyet aufschlug, die die Nachricht in fetten Lettern verkündete. Gleich am nächsten Tag schrieb der Chefredakteur von Hürriyet einen kritischen Artikel über die vier Schriftsteller, in dem er von uns wissen wollte, warum in aller Welt wir ausgewählt worden waren und wie genau wir unterdrückt würden."

Weitere Artikel: Anlässlich des Karikaturenstreits und der Entlassung des Chefredakteurs von France Soir, der die Karikaturen veröffentlicht hatte, erinnert Tilman Krause an Voltaires religionskritisches Stück "Mahomet" (welcher Schlingensief hätte wohl den Mut, dieses Stück jetzt aufzuführen?). Stefan Kister porträtiert die Hoffnung des deutschen Regietheaters, den "27jährigen Spezialisten für dramatische Adoleszenzangelegenheiten" David Bösch, der jüngst in Zürich Marivaux' "Streit" inszenierte. Sven Felix Kellerhoff berichtet über ein positives Gutachten des Wissenschaftsrats über das Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF) in Potsdam. Alan Posener liest einige Bücher, die die Geschichte des Attentats von München 1972 und seiner Folgen akkurater erzählen als Steven Spielberg. Uta Baier meldet, dass der Louvre wegen der lukrativen Ausleihung einiger Gemälde nach Amerika Ärger mit Kunstfreunden hat.

Besprochen werden ein Konzert der Band Death Cab for Cutie, die gerade auf Tournee ist, und das Stück "Dunkel lockende Welt" von Händl Klaus.

Im Forum kritisiert Necla Kelek die Migrationsforscher, die sie in der Zeit kritisierten. Außerdem werden Leserreaktionen zur Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen dokumentiert.

Im Magazin schreibt Gernot Facius zum hundertsten Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer.
Anzeige

NZZ, 03.02.2006

In der Debatte um die "mittelmäßigen" dänischen Mohammed-Karikaturen bezichtigt "ras" die Zeitung Jyllands-Posten im Medienteil der "Provokation um der Provokation willen". Und noch schlimmer: "Während Monaten lehnte die Zeitung es ab, sich zu entschuldigen wegen der Beleidigung religiöser Gefühle. Damit schuf sie die Grundlage für eine politische Ausschlachtung der Affäre."

Außerdem stellt Villö Huszai eine Website vor, die Informationen zu 1200 militärischen Sperrzonen präsentiert, darunter einen 3D-Rundgang durch Guantanamo. Irena Ristic annonciert ein internetgestütztes zehnjähriges Programm zur Steigerung der Medienpräsenz von Europas größter Minderheit, den Roma. Anlässlich des Produktionsstopps des Roboterhundes Aibo denkt "S.B" über Androide und autonome Haushaltshilfen nach.

Jürgen Tietz macht auf einige Bauten der klassischen Moderne aufmerksam, die weltweit vom Abriss bedroht sind. Barbara Villiger Heilig ist vom Direktor des Wiener Volkstheaters Michael Schottenberg wenig überzeugt und rät zur Konzentration aufs 1000-sitzige Haupthaus. Alban Nicolai Herbst versteigert einen Auftritt im letzten Band seiner Anderswelt-Trilogie, kolportiert "köh". Eine tragende Figur soll mindestens 1000 Euro kosten. Mona Naggar besucht die Buchmesse Kairo (mehr), wo selbst das Gastland Deutschland nicht verhindern konnte, dass die nebenan stattfindenden afrikanischen Fußballmeisterschaften mehr Beachtung finden. Gemeldet wird zudem, dass die ehemalige britische Ballerina Moira Shearer gestorben ist, die durch den Film "Die roten Schuhe" aus dem Jahr 1948 bekannt wurde.

Rezensiert wird einzig und allein die Ausstellung "Die Analyse der Tyrannis" zum Autor Manes Sperber im Jüdischen Museum Wien.

Berliner Zeitung, 03.02.2006

Stephan Speicher findet, dass die in Frage stehen Karikaturen den Streit nicht lohnen: "auch unerschütterliche Rechte können verkehrt gebraucht werden. Und das ist der Fall bei besagten Karikaturen. Sie sind ja keine blitzenden Einwürfe gegen den Ungeist, keine Voltairischen Flüge der Kritik, auch wenn France Soir das gern so darstellt. Sie sind - und vor allem gilt das für den Mohammed mit einer Bombe unterm Turban - Zeugnisse einer Fremdenfeindlichkeit, die sich jetzt wundert, dass die Beleidigten beleidigt sind."
Stichwörter: Fremdenfeindlichkeit

Tagesspiegel, 03.02.2006

Im Tagesspiegel eine Gegenstimme zur allgemeinen Ablehnung der Mohammed-Karikaturen. Sie kommt von Ali S., einem muslimischen deutschen Studenten iranischer Herkunft. Er schreibt: "Während wir Muslime stets Gleichberechtigung verlangen und dem Westen Doppelmoral vorwerfen, verwandeln wir uns immer mehr selbst zu Faschisten, die für sich Sonderrechte an jeder Ecke verlangen. Wenn in Europa Karikaturen über den christlichen Propheten Jesus möglich sind, sind sie auch über den muslimischen Propheten Mohammed erlaubt. Aus welchen Gründen sollten wir eine spezielle Behandlung bekommen; ist denn unser Blut roter als das der anderen?" (Der Autor bat, seinen vollen Namen nicht im Internet zu nennen.)

Und Henryk M. Broder erzählt einen Witz.

FR, 03.02.2006

Peter Michalzik kommt glücklich aus den Münchner Kammerspielen und der "Dunkel lockenden Welt". Das dritte Stück des Schriftstellers Händl Klaus preist er als "beschwingteste, witzigste und geistreichste Causerie der Saison". Aus einer Edgar-Wallace-Parodie wird "ein großartiges und ein hochgradig absturzgefährdetes Stück, eine Komödie über ein prekäres Gefühl, das unerträgliche Gefühl schlechthin, das Sein und das Nichtsein, die sich nie trennen lassen. Über das Wesen der Abwesenheit: Wer da ist, ist weg, wer weg ist, kommt wieder. Eine Kommakomödie, wo nie jemand einen Punkt macht, wo ein Wort das andere gibt, wo man sich nach dem Mund redet, sich ins Wort fällt, wo man sich ergänzt und unterbricht. Eine durchdrehende Sprechschraube. Ein skurriler Existentialschwank für die gebildeten Stände. Und eine Krimikomödie: Wer ist denn nun tot und wer nicht?"

Vor der Darmstädter Premiere von Marlowes "Doktor Faustus" unterhält sich Judith von Sternburg mit dem Regisseur Andrej Woron über dessen optische Herangehensweise. "Die Sprache war für mich lange eine Art von Teppich, von Begleitteppich. Wenn man in ein deutsches Theater geht, merkt man sofort, dass die Sprache hier einen unglaublich hohen Wert hat. Aber ich selbst bin der letzte, der diesem Anspruch genügen kann. Meine Stärke kann nur sein, Theater eines Malers zu machen. In Polen hat das Tradition."

Weiteres: Innerhalb der Reihe "Frankfurter Positionen" erläutert der Politologe Thomas Meyer in einem Essay die "kopernikanische" Wende von der Parteiendemokratie zur dem Theater entlehnten Mediendemokratie. In Times mager registriert Harry Nutt den Einzug des "gesunden Menschenverstands" in den Rat für die deutsche Rechtschreibung.

SZ, 03.02.2006

Gestern veröffentlichte die Zeit einen Aufruf von sechzig Migrationsforschern gegen die Bücher von Necla Kelek und Seyran Ates, welche die Praxis der Zwangsheirat anprangern. Besonders Keleks Buch wird Unseriosität vorgeworfen. Im Interview mit Cathrin Kahlweit verteidigt sie sich: "Was haben all diese Migrationsforscher eigentlich all die Jahre mit ihren Mitteln und ihren Stellen getan, und was haben sie alles übersehen, so dass viele Probleme nicht erkannt wurden? Übrigens: Die These, dass ein Heiratsmarkt wegen der deutschen Abschottungspolitik entstehen musste, ignoriert völlig, dass es eben diesen Markt in der Türkei doch auch gibt... Diese Forscher verschließen die Augen vor den Problemen. Und die, die zu lange weggeschaut haben, sind für das Leid dieser Kinder mit verantwortlich."

Weitere Artikel: Im Aufmacher wendet sich Alex Rühle gegen metaphysische Heilserwartungen an das Internet: "Kann nicht mal jemand das heilshysterische Gerede von der im 'Web 2.0' nun endgültig erreichten Graswurzeldemokratie abstellen?" Marcus Jauer berichtet über Recherchen gegen den "Förderverein Berliner Schloss" in Berlin. Oliver Herwig fordert in einem Hintergrundartikel über die Minaturisierung und Elektronisierung unserer Dingwelt eine Umkehr mit Rücksicht auf die alternde Bevölkerung: "Design muss sich der Demografie anpassen." Kathrin Lauer berichtet über die widersprüchlichen Rechtfertigungsversuche des ungarischen Regisseurs Istvan Szabo, der unmittelbar nach dem Ungarn-Aufstand Spitzelberichte für die Staatssicherheit schrieb. Stefan Koldehoff erzählt die Geschichte eines spektakulären Kunstraubs einiger impressionistischer Gemälde in den siebziger Jahren, der sich jetzt aufklärt. Willi Winkler schreibt in der Rubrik "Verblasste Mythen" über "das Telegramm".

Besprochen werden Händl Klaus' Stück "Dunkel lockende Welt" an den Münchner Kammerspielen, der Kinderfilm "Zathura" und einige Bücher, darunter Kathrin Schmidts Roman "Seebachs schwarze Katzen".

Der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen wird vom SZ-Feuilleton souverän ignoriert. Auf der Meinungsseite fordert Rudolf Chimelli aber Höflichkeit gegenüber der muslimischen Kultur: "Man hat in den Gazetten schon viele Karikaturen grimmbärtiger Terroristen, gierig lächelnder Ölscheichs oder tumber Mullahs gesehen. Jedes Bild hat hoffentlich seinen Sinn, jedes seine eigene Komik, jedes für sich ist harmlos. Von einer empfindlichen Minderheit werden sie aber leicht als Stimmungsmache empfunden."