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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2006. Die taz erwartet mit Grausen eine Bush-kritische CD von Neil Young. Ein Unbehagen am Kapitalismus beobachtet die NZZ in der polnischen Literatur. In der Welt berichtet Wolf Lepenies von der Grande Guerre zwischen französischen Historikern. Die FR fragt sich, ob Stasi-Vorwürfe veröffentlicht werden sollten, selbst wenn sie wahr sind. Die SZ feiert die erneuerte Innerlichkeit Benedikt XVI.

TAZ, 19.04.2006

Tobias Rapp graust es auf den Tagesthemenseiten ein wenig vor einer demnächst erscheinenden Bush-kritischen CD von Neil Young: "Young, der im vorigen Herbst 60 Jahre alt wurde, soll mit einem hundertköpfigen Chor, einem Rocktrio und einer Trompete 'Impeach The President, he's lying' singen, und es sollen sich Rap-Einlagen gegen George W. Bush auf der Platte finden, zu denen der Chor im Hintergrund 'Flip-Flop' murmelt - die Beleidigung, mit der die Republikaner im Präsidentschaftswahlkampf John Kerry als Opportunisten verunglimpft hatten. Die Aufnahmesession sei ein spirituelles Erlebnis gewesen, schrieb eine der Sängerinnen in ihrem Blog, von wo aus die Nachricht ihren Weg zu den Agenturen fand, am Ende sei kein Auge trocken geblieben."

Weitere Artikel: Im Kulturteil erinnert Benno Schirrmeister in einem informativen Artikel an den Bildhauer Waldemar Grzimek, dem im Bremer Gerhard Marcks Haus eine Ausstellung gewidmet ist. Auf der Meinungsseite unterhält sich Fritz von Klinggräf mit dem Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb über die Deutschen und Napoleon. In tazzwei schildert Daniel Bax Eindrücke von einer stark besuchten Koran-Lesung vor frommem Publikum im Berliner Tempodrom. Und Silvia Liebermann meldet, dass Michael Jackson einen Teil der ihm gehörenden Rechte an Beatles-Songs verkaufen muss, um sich finanziell zu sanieren. Liebermann schreibt auch einen Hintergrundbericht über den dernier cri in Hollywood: Man bekennt sich zum Umweltschutz. Auf der Medienseite schließlich berichtet Gabriele Lesser über den von Springer betriebenen Verdrängungswettbewerb auf dem polnischen Zeitungsmarkt.

Besprochen werden Francois Ozons Spielfilm "Die Zeit, die bleibt" ("schwerer ideologischer Kitsch", findet Diedrich Diederichsen) und Bohdan Slamas Film "Die Jahreszeit des Glücks" (mehr hier).

Schließlich Tom.

NZZ, 19.04.2006

Ein aufgestautes Unbehagen gegenüber Kapitalismus und Marktwirtschaft will Gerhard Gnauck in der polnischen Literatur ausmachen und führt (leider nicht online) als Beleg die jüngsten Erfolgsromane von Dawid Bienkowski und Slawomir Shuty ins Feld: "Für die heutigen Twens in Polen sind Bezeichnungen wie 'Generation Nichts' in Umlauf, nicht erst seit dem Erscheinen von Bienkowskis Roman. Die Angehörigen dieser starken Jahrgänge erleben eine Gesellschaft, welche die höchste Arbeitslosenquote und zugleich die längste Wochenarbeitszeit in der EU auf sich vereinigt. Den postsozialistisch verwahrlosten öffentlichen Raum beherrschen Shopping-Malls und Supermärkte, an deren Kassen sich Lehrerinnen am Nachmittag zu ihren umgerechnet 300 Euro Monatsgehalt ein Zubrot verdienen. Diese neue Welt eignet sich nicht zur romantischen Verklärung; eher schon zur grotesken Verzerrung, die als Gesellschaftsdiagnose wie ein Kassandraruf klingt."

Weiteres: Hans-Joachim Müller lobt eine Ausstellung des dänischen Malers Per Kirkeby im Aargauer Kunsthaus ("eine assoziative Ausstellung, die nicht behauptet, dem Maler auf die Schliche gekommen zu sein"). Für Thomas Binotto mag "Zaina" - ein Orient-Filmmärchen des algerischen Regisseurs Bourlem Guerdjou - stellenweise etwas glatt sein, vermittelt ihm aber dennoch einen guten Einblick in die Kultur der Berber.

Besprochen werden Peter Hersches Barockgeschichte "Musse und Verschwendung", Julien Greens Erzählungen "Fremdling auf Erden", Pat Shipmans Romanbiografie "Mit dem Herzen einer Löwin" und Alois Hotschnigs Erzählungen "Die Kinder beruhigte das nicht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 19.04.2006

Wolf Lepenies berichtet, dass unter französischen Historikern nun auch ein heftiger Streit um den Ersten Weltkrieg ausgebrochen ist - La Grande Guerre: "Im Mittelpunkt stehen die 'Poilus' - diejenigen, wie ein französischer Historiker sich ausdrückte, 'die in der Scheiße steckten'. Was motivierte sie dazu, unter unmenschlichen Bedingungen durchzuhalten und zu kämpfen? Während eine Historiker-Gruppe von einer 'Kultur des Krieges' spricht, in der Patriotismus, Hass auf den Erbfeind und eine Kreuzzugsmentalität die überwältigende Mehrzahl der Soldaten zu Anhängern der Kriegspropaganda machten, behauptet eine andere, die meisten Soldaten hätten im 'Großen Krieg' eher widerwillig gekämpft; ihr Mut sei erzwungen worden. Die Landser hätten die 'bonne blessure' herbeigesehnt, die hilfreiche Verwundung, die sie auf immer von der Front entfernen würde."

Weiteres: Josef Engels unterhält sich mit Regisseur David Zucker über Hollywood-Parodien, sein "Scary Movie 4" und republikanische Witze über George Bush. Eckhard Fuhr informiert über jüngste Versuche, weitere Geschmacklosigkeiten in Sachen Berliner Buddy Bären zu verhindern. Florian Stark weist darauf hin, dass Kevin Spacey als Intendant des Old Vic Theatres in London schon allein deshalb unter Druck gerät, weil er Arthur Millers Stück "Resurrection Blues" eine Woche früher als geplant vom Spielplan nehmen musste. Thomas Kielinger gratuliert der National Portrait Gallery in London zum 150. Geburtstag.

Gemeldet wird, dass ein Unternehmen aus Udine die erste Designer-Jeans für strenge Muslime entworfen hat: Das Modell "Al-Kuds", das mit hoher Taille, weiten Beine und großen Taschen besonders fürs Gebet geeignet sein soll.

Besprochen werden die Uraufführungen bei der Münchner Ballettwoche und das in Wien aus der Mottenkiste geholte Schauspiel "Der Evangelimann" (das Ulrich Weinzierl nur dank der vorzüglichen Solisten ertragen hat).

Auf den Forumsseiten plädiert George Weidenfeld für eine harte Haltung gegenüber der palästinenschen Hamas-Regierung und dem Iran: "Das Argument, dass die islamischen Staaten im Nahen Osten religiös und auch weltanschaulich gespalten seien, ist wohl wahr, doch in der Terrorszene geht es eher zu wie in den Bandenkriegen der Mafia. Man schlägt sich, man verträgt sich, kämpft um die Beute, doch man ist vereint im Hass auf den Westen."
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FR, 19.04.2006

Daniel Kothenschulte berichtet über den Fall Jenny Gröllmann, eine Schauspielerin und frühere Ehefrau von Ulrich Mühe (der Stasi-Offizier in "Das Leben der anderen"). "In einem Filmbuch, das jetzt nicht mehr verbreitet werden darf, bezichtigt er seine frühere Ehefrau, den einstigen DDR-Filmstar Jenny Gröllmann, eine Stasi-IM gewesen zu sein. 'Ich habe die Dokumente der Birthler-Behörde gesehen, die Jenny Gröllmann belasten. Ich weiß nicht, wie man so etwas bestreiten kann, vor allem, wenn die Akte 250 Seiten lang ist', sagte der Autor und Regisseur des Films, Florian Henckel von Donnersmarck in der 3-Sat-Sendung Kulturzeit und fügte hinzu: 'Die Vergangenheit darf nicht geleugnet werden, wie es in diesem Fall geschieht.'" Das sieht Kothenschulte offenbar anders. Er fragt sich "ob die Vorwürfe, selbst wenn sie sich als wahr erweisen sollten, in jedem Fall an die Öffentlichkeit gehören". Jenny Gröllmann behauptet, nie für die Stasi gearbeitet zu haben.

In Frankfurt findet ab 21. April das Festival "Union des Theatres de l'Europe" statt. Gezeigt werden Inszenierungen aus Riga, Barcelona, Rom, London, Budapest, Porto und Frankfurt. Brigitte Fürle, Dramaturgin am Schauspiel Frankfurt, überlegt im Interview, was ihr am deutschen Theater fehlt: Es ist vor allem der "leise, poesievolle Umgang mit Theater", sagt sie. "Ich kann Ihnen in Deutschland nicht so schnell und ohne nachzudenken Theater nennen, die Ihnen eine solche Poesie bieten, wie es der Kanadier Robert Lepage oder der Lette Hermanis tun. Das sind Geschichtenerzähler. Vielleicht ist das auch ein deutscher Komplex: Man traut sich nicht mehr, Geschichten zu erzählen, und fürchtet sofort einen Gefühlsfaschismus."

Weiteres: In Times Mager macht sich Christian Thomas Gedanken über die Bedeutung der Dachkonstruktionen deutscher WM-Stadien. Besprochen werden die Ausstellung "SportsGeist - Dichter in Bewegung" in der Münchner Monacensia und im Lübecker Buddenbrookhaus, die Aufführung der Mozart-"Fragmente" an der Deutschen Oper Berlin ("Als Theater bleibt es papierenes Konzept, wachsbleich", findet Georg-Friedrich Kühn) und Bücher, darunter ein Gedichtband des junge ukrainische Dichter Serhij Zhadan, Eva Demskis Roman "Das siamesische Dorf" und ein Band von Eric Gujer über den "Kampf an neuen Fronten. Wie sich der BND dem Terrorismus stellt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 19.04.2006

Alexander Kissler denkt zum einjährigen Amtsjubiläum über Benedikt XVI. und die Wandlungen des Joseph Ratzinger nach. Dessen "erneuerte Innerlichkeit könnte politische Sprengkraft entfalten und eine Brücke bilden zur säkularen Welt. Wenn niemand über den Glauben und seine Formen verfügen kann, ist dieser von jedem gleichermaßen erkennbar. Mit jedem Menschen, gleich welcher Religion, Weltanschauung oder Klasse, kann und sollte also das Gespräch über die Grundlagen des je eigenen Menschseins gesucht werden."

Weitere Artikel: Jens Bisky freut sich über einen ernsthaften Vorschlag zur vorläufigen Gestaltung des Berliner Schlossplatzes: ein Labyrinth. "Das Kleinteilige, der Fluch des Gestaltlosen wäre vermieden." Klaus Birnstiel informiert über Neil Youngs Rückkehr zum politischen Protestsong. Auf der Schallplattenseite wird der Kora-Virtuose und Grammy-Gewinner Toumani Diabate vorgestellt, außerdem neue Alben von Loose Fur, Donald McCollum sowie Deutsch-Pop-Produktionen unter anderem von Blumfeld, Britta und Deichkind. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem ehemaligen Sänger und Gitarristen der Gruppe Television Tom Verlaine.

Besprochen Francois Ozons Film "Die Zeit die bleibt" (in Cinemascope - dem "idealen Format, sagt Ozon, um den Horizont zu filmen, die Position des Liegens, den Tod"), eine Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart anlässlich des 100. Geburtstags von Anton Stankowski, einem Pionier der Gebrauchsgrafik in Deutschland, Debussys "Pelleas" unter dem Dirigat von Simon Rattle bei den Salzburger Osterfestspielen, Choreografien von Davide Bomba, Michael Simon und Jacopo Godani im Rahmen der Ballettwoche an der Bayerischen Staatsoper und Bücher, darunter der Roman "Die Reise über den Hudson" von Peter Stephan Jungk und eine Studie über die "Rivalen von Rom" Bernini und Berromini (siehe dazu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 19.04.2006

Einen Riesenboom auf dem Markt der Ratgeberliteratur für junge Eltern verzeichnet Jörg Thomann im Aufmacher: "Viele derjenigen, die, wie es heute nicht unüblich ist, im stolzen Alter von Anfang, Mitte Dreißig ein Kind bekommen, haben zuvor nicht eine einzige Windel gewechselt oder einen Brei zubereitet, da es keine kleinen Geschwister, Nichten oder Neffen zum Üben gab."

Weitere Artikel: Christian Geyer erzählt in der Leitglosse, wie er sich einmal mit Kardinal Ratzinger über die Transsubstantiationslehre unterhalten hat. Arnold Bartetzky berichtet, dass die städtischen Wohnungsgesellschaften in Leipzig ihre zum Teil erhaltenswerten Bauten schon deshalb gerne abreißen, weil sie dafür vom Bund eine lukrative Soli-Pauschale erhalten. Martin Thoemmes lauschte einem Wilflinger Symposion über den Zeitbegriff der Gebrüder Jünger. Martin Kämpchen meldet, dass indische Ehen künftig vom Standesamt registriert werden müssen - eine Maßnahme gegen Zwangsverheiratungen und Mitgifterschleichung. Matthias Hannemann berichtet, dass der ehrwürdigen deutschen Bibliothek in Helsinki von finnischer und deutscher Seite die Mittel gestrichen werden.

Auf der Medienseite präsentiert Melanie Mühl Recherchen der Organisation Reporter ohne Grenzen, die belegen, dass Yahoo Daten von Menschenrechtlern an die chinesischen Behörden auslieferte, so dass einige von ihnen schwere Gefängnisstrafen erhielten (heute Abend werden Dokumente bei Arte gesendet, mehr hier). Andreas Platthaus beschreibt in einer Leitglosse, wie ein Fernsehreporter bei einer Übertragung eines Spiels von Alemannia Aachen einige unflätige Sprechchöre der Fans geflissentlich überhörte. Gemeldet wird, dass die norwegische Orkla-Mediengruppe verkauft werden soll - möglicherweise an Heuschrecke David Montgomery.

Für die letzte Seite besucht Oliver Jungen eine Prager Ausstellung über Kaiser Karl IV.. Katja Gelinsky lauschte einem Washingtoner Vortrag der Historikerin Kathleen McCarthy, die nachwies, dass entgegen Berichten Tocquevilles das bügerliche Vereinswesen unter besonderer Berücksichtigung der Frauenvereine im Europa des 19. Jahrunderts stärker entwickelt war als in den USA. Und Rolf Thomas porträtiert den Gitarristen Thorsten Wingenfelder, der mit "360 Grad Heimat" ein offensichtlich ansprechendes deutschsprachiges Album vorlegte.

Besprochen werden Francois Ozons Film "Die Zeit, die bleibt", die "Bestmannoper" von Alex Nowitz und Ralph Hammerthaler in Osnabrück, die eine musikalisch-szenische Auseinandersetzung mit der Nazizeit wagt, eine Vivienne-Westwood-Retrospektive in Düsseldorf, Reinhard Keisers Oper "Der hochmütige Croesus" in der Inszenierung von Jakob Peters-Messer in Wiesbaden und eine Paul-Klee-Ausstellung in New York.