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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2007. In der Berliner Zeitung spricht Christian Petzold über die unglaubliche Radikalität der Nina Hoss. Die NZZ schildert den Bildungshunger der Südkoreaner, der ganze Familien zerreißt. In der Welt fürchtet Viktor Jerofejew, dass den Russen die alten Träumen von der Heiligen Rus wieder zu Kopf steigen. Die SZ schildert türkische Reaktionen auf Silvester Stallones Plan, Franz Werfels "Vierzig Tage des Musa Dagh" zu verfilmen.

Berliner Zeitung, 14.02.2007

Im Interview mit Ralf Schenk spricht Regisseur Christian Petzold über seine Arbeit mit Nina Hoss. Ihr neuer Film "Yella" läuft heute auf der Berlinale. "Wir beide mögen den Begriff der 'italienischen Probe"', den Jean Renoir erfunden hat. Das heißt, dass man sich vor den Dreharbeiten gedanklich und emotional leert, von der Menge an vorher angesammelten Reflexionen befreit. Aus dieser Leere heraus beginnt man vorsichtig neu zu formulieren, Ideen zu haben. Da ist Nina unglaublich radikal. Alle sinnlosen Gesten, alles Geschwätz ist ihr völlig zuwider. Man muss gemeinsam etwas finden, was den Kern der Spannung freilegt. Es war spannend zu beobachten, wie Nina und Devid Striesow das Drehbuch von allen Sätzen befreiten, die nicht mehr nötig waren."

Welt, 14.02.2007

Angesichts des Reichtums, den Wladimir Putin Russland beschert hat, konstatiert der Schriftsteller Viktor Jerofejew, dass die Dinge in Russland "gar nicht so schlecht" wären, "wenn Putin eine Möglichkeit finden würde, sich auf die demokratische Elite Russlands zu stützen, die während der Perestrojka entstand, doch er sieht in ihnen offenbar die Verantwortlichen für Chaos und Prestigeverlust unter Jelzin." Weswegen er fatalerweise im Kampf gegen Oligarchen, Mafia und Korruption, lieber auf seine alten KGB-Genossen und die orthodoxe Kirche setze. "Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass in Russland immer stärker antiwestliche Kräfte die Oberhand gewinnen, die von einer Wiederherstellung des Russischen Imperiums träumen. Das hat zu einem wilden Umsichgreifen des Nationalismus geführt, zum Glauben an die Einzigartigkeit des russischen Geistes - im Grunde also zu einem neuen Messianismus und einer neuen Utopie, die auf den alten Träumen von der Heiligen Rus basiert. Der russische Kult hemmungslosen Gebets und hemmungsloser Ausschweifung, also das Ideal Rasputins, die Verbindung von Gotteshaus und Wirtshaus, der inbrünstige Dienst an der Heimat und zugleich der Genuss ungehinderter Machtausübung - das sind Tugenden, die heutzutage nicht wenigen hoch gestellten russischen Seelen zu Kopf steigen."

Weiteres: In der Randglosse notiert Matthias Heine, dass zum diesjährigen Berliner Theatertreffen weder die Volksbühne noch das Schauspiel Stuttgart eingeladen werden. Uwe Wittstock hat sich in Wiesbaden bei Heidi Klums Model-Wettbewerb Prix de Beaute vergnügt. Paul Badde meldet, dass in Italien wieder einmal Tagebücher von Mussolini entdeckt wurden. Besprochen werden Volker Löschs Inszenierung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" in Düsseldorf und eine Tintoretto-Retrospektive im Prado in Madrid.

Auf der Berlinaleseite berichtet Holger Kreitling von Paul Schraders "The Walker", der im Wettbewerb außer Konkurrenz lief. Jörg Taszman stellt die ungarische Filmemacherin Marta Meszaros vor, die die "Berlinale Kamera" erhält. Cosima Lutz wirft einen Blick auf die Reihe "Magnum in Motion", die Dokumentarfilme der Fotoagentur präsentiert.

TAZ, 14.02.2007

Alexander Cammann schwärmt in der Rubrik "Schriften zu Zeitschriften" mit kleinen komparatistischen Seitenhieben auf die deutsche Vanity Fair von dem Fußballmagazin 11 Freunde: "Auch Laien müssen konzedieren, dass das Team nicht bloß dem Rundleder hinterherjagt, sondern voller Emphase einen Kosmos erschließt. 'Schaut her, so macht man ein Magazin': Das demonstriert die weltmeisterliche 63. Ausgabe, deren Dieter-Hoeneß-Cover mit dem berühmten bluttriefenden Kopfverband jeden Til Schweiger deklassiert."

Weiteres: Antja Lang-Lendorff porträtiert den Schriftsteller Rudolf Lorenzen, dessen Erzählungen aus den 60er- und 70er-Jahren gerade im Verbrecher-Verlag erschienen sind: "Kein Soll mehr und kein Haben". Katrin Bettina Müller informiert über die Auswahl zum nächster Berliner Theatertreffen. Und in tazzwei erzählt Bettina Gaus, wie es beim Filmegucken in der Jury des Grimme-Preises so zugeht.

Besprochen wird die Studie "Nach dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung" von Elke Brüns. (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Auf den Berlinaleseiten unterhält sich Andreas Busche mit dem Filmemacher Charles Burnett, dessen Independent-Film "Killer of Sheep" aus den 70er Jahren noch einmal auf der Berlinale gezeigt wird, über die Bedeutung des schwarzen Kino. "Wir waren damals eine kleine Gruppe, die viel gemeinsam hatte; nicht so sehr hinsichtlich des Stils, sondern weil wir uns alle Gedanken darüber machten, wie man das Leben von Afro-Amerikanern am besten abbilden könnte. Wir fühlten, dass unser Image durch Hollywood verzerrt wurde. Was wir heute in den schwarzen Communities sehen - die Gewalt, der Hang zur Selbstzerstörung - ist nicht zuletzt Hollywoods Einfluss geschuldet. Den Menschen unserer Generation wurde ihr Platz in der Geschichte schlicht verweigert. Wir mussten also selbst raus, um diese Geschichte zu finden und festzuhalten."

Besprochen werden unter anderem Paul Schraders Wettbewerbsfilm "The Walker", Jeff Garlins John-Waters-Film "This Filthy World" und Jeff Nichols Forumsbeitrag "Shotgun Stories".

Schließlich Tom.
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FR, 14.02.2007

Michael Rutschky gratuliert Alexander Kluge zum 75. Geburtstag und schreibt: "Vor allem erwies sich Alexander Kluge als Cicerone aus dem Labyrinth des universalen Verblendungszusammenhangs, weil er neben der Literatur und der Theorie einen dritten Ort eröffnete, wo man sich wenigstens probehalber mal unverzweifelt aufhalten könnte, das Kino. Ins Geschichtsbuch gehört, dass die Adepten der Frankfurter Schule, tief verzweifelt und ohnmächtig angesichts des umgreifenden Schuldzusammenhangs, unglaublich oft ins Kino gingen, dreimal die Woche mindestens."

Klaus Walter erkennt eine Renaissance des Folk und fragt sich, ob es sich dabei um neue Ufer oder neues Biedermeier handele. "Plötzlich hofieren diese von Postmoderne und digitalem Kapitalismus imprägnierten Leute wieder Autorensubjekte vom Müllhaufen der Geschichte. Oder was hätte man vor fünf Jahren mit einem großstadtflüchtigen Schotten gemacht, der sich so vorstellt: 'Natürlich habe ich Folk im Blut, Schotten sind sehr stolz auf ihre traditionellen Songs.' Der hätte hundertmal schreiben müssen: 'Ich werde nie mehr die Wörter Natur, Folk, Blut, Stolz und Tradition in einem Satz verwenden.'"

Weiteres: In Times mager geißelt Thomas Stillbauer einmal wieder allerlei Unbilden des öffentlichen Nahverkehrs. Besprochen werden die Ausstellung "Asmara - Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne" im Deutschen Architektur Museum Frankfurt, eine Inszenierung des "Besuchs der alten Dame" ausdrücklich nach Dürrenmatt durch Volker Lösch am Düsseldorfer Schauspiel und Bücher, darunter Peter Handkes Vorwintergeschichte "Kali" und der Roman "Fritz" von Thorsten Becker. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 14.02.2007

Hoo Nam Seelmann schildert in einem "Schauplatz Südkorea" den ungeheuren Bildungshunger der Südkoreaner. Inzwischen ziehen Mütter mit ihren Kindern für einige Jahre ins (meist englischsprachige) Ausland, damit sie zweisprachig aufwachsen - und die Väter können sie nur noch in den Ferien besuchen: "Alles begann in den neunziger Jahren bei der kleinen Oberschicht, breitete sich aber rasch über die Mittelschicht aus. Es gibt kaum eine verlässliche Statistik darüber, aber Umfragen legen nahe, dass bei Familien mit Monatseinkommen über 8000 Franken inzwischen jede fünfte getrennt lebt. Manche Politiker äußern sich gar besorgt über den enormen Devisenabfluss."

Weitere Artikel: Christoph Egger zieht eine eher enttäuschte erste Zwischenbilanz der Berlinale. Uwe Justus Wenzel resümiert ein Symposion über die "Dialektik der Säkularisierung" an der Universität Bochum. Besprochen werden (in kurzen Notizen) neue CDs und einige Bücher, darunter ein Band mit Erzählungen von den Färöer Inseln (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 14.02.2007

Regina Mönch schildert im Aufmacher die immer stärkere Tendenz der Berliner zur Privatschule und die Kehrseite dieser Entwicklung: "Die Zahl der Schulen, die nur noch Migrantenkinder mit Sprachnöten unterrichten, wächst, und die anderen in solchen Vierteln sind rasch überfüllt." In der Leitglosse mokiert sich Eberhard Rathgeb über die EKD, die sich laut einem Zukunftspapier als "Kirche der Freiheit" aufstellt. Dazu führt er auch ein Interview mit Bischof Christian Knuth, der zentralistische Tendenzen der EKD unter Bischof Wolfgang Huber beklagt. Franziska Bossy greift den Streit zwischen Übersetzern und Verlegern um eine angemessene Honorierung von Übersetzungen auf und findet die in NZZ (hier) und Perlentaucher (hier) aufgestellte Behauptung, Übersetzer verdienten kaum mehr als 1.000 Euro im Monat, bestätigt. Jürgen Richter berichtet über Fortschritte beim Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek. Irmtraud Schaarschmidt-Richter schreibt zum Tod des Ostasien-Forschers Dietrich Seckel.

Auf der Berlinale-Seite werden der Film der Gebrüder Taviani über den Völkermord an den Armeniern, die Verfilmung der "Lady Chatterley" sowie Filme von Paul Schrader (mehr hier) und Andre Techine (hier) besprochen. Für die Medienseite sprach Ulrich Friese mit dem Chef des Wall Street Journals Gordon Crovitz, der fest an die Zukunft der Zeitung glaubt. Ralf-Peter Märtin beklagt, dass in 3sat eine ältere Dokumentation lief, in der inzwischen längst widerlegte Vorwürfe gegen Reinhold Messner erhoben werden. Für die letzte Seite besucht Claudia Bröll das Saint Martins College in London, die wohl berühmteste Modeschule der Welt. Paul Ingendaay berichtet, dass der traditionelle Karneval von Teneriffa, der nach Klagen lärmgeplagter Anwohner gefährdet war, nun doch wieder stattfinden darf. Und Eleonore Büning porträtiert den Dirigenten Marek Janowski, der dem gefährdeten Rundfunksinfonie-Orchester Berlin wieder eine Spitzenposition erkämpfte.

Besprochen werden ein Konzert Colin Meloys und der Decemberists in Köln, eine Ausstellung über die Erfindung der Einfachheit im Biedermeier in Wien, eine Ausstellung mit Landschaftsfotografien Detlef Orlopps in Köln und die erste Ausstellung im neu eingerichtete Düsseldorfer Kunstort "Kunst im Tunnel".

SZ, 14.02.2007

Kai Strittmatter weiß über Pläne von Silvester Stallone zu berichten, der den Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel verfilmen will. Thema ist der türkische Völkermord an den Armeniern. Stallones Vorhaben und seine Aussage, die Türkei habe das "85 Jahre lang totgeschwiegen", hatten bereits Folgen: "In der Türkei wurde er über Nacht zum Feind erklärt. Kritiker verrissen seinen 'Rocky Balboa' und Rechtsnationale prophezeiten Stallone solchen Ärger, dass der Aufruhr um Mel Gibsons 'The Passion of Christ' dagegen zahm erscheinen? werde."

Dazu passend bereitet Christiane Schlötzer auf die Uraufführung von "Das Haus der Lerchen" der Brüder Taviani bei der Berlinale vor, ebenfalls eine Verfilmung der armenischen Tragödie mit Moritz Bleibtreu in einer Hauptrolle.

Auf der Berlinale sah Fritz Göttler De Niros CIA-Film "Der gute Hirte", den er letztlich etwas "rhetorisch" findet. "Die Geburt des amerikanischen Dokumentarfilms aus dem Geist der Spionage, das ist eine virilioeske Vorstellung, die der Film immer mitklingen lässt." Tim B. Müller schreibt dazu einen Beitrag über die historische Vorlage der Hauptfigur, Will Donovan, und den amerikanischen Geheimdienst als Stofflieferant für Romane und Filme. Tobias Kniebe schließlich sah die Wettbewerbsbeiträge von Bille August und Andre Techine.

Weiteres: Alexander Menden berichtet über Rekordpreise, die Arbeiten des anonymen Graffitikünstlers Banksy erzielen, der die Käufer dafür auf seiner Website als "Trottel" verhöhnt. Jens Bisky war dabei, als Hans Magnus Enzensberger in Berlin die neuen Fellows der American Academy begrüßte. Sonja Zekri informiert über den Vorschlag, Anna Politkowskaja posthum den Friedenspreis des Deuschen Buchhandels zu verleihen (der Perlentaucher dokumentiert den entsprechenden Aufruf Gerd Koenens und Norbert Schreibers).

Die Schallplattenseite widmet sich heute dem Thema Klavierwelten. Reinhard J. Brembeck porträtiert den Hammerpianisten Ronald Bräutigam und seine Beethoven-Interpretationen. Wolfgang Schreiber stellt Boris Berezovskys Einspielung des Zyklus "Ludus tonalis" von Paul Hindemith vor. Helmut Mauro empfiehlt die CD-Reihe des Klavierfestivals Ruhr, und Jörg Königsdorf berichtet über das Konzept des Festivals "Raritäten der Klaviermusik" in Husum.

Besprochen werden heute ansonsten nur Bücher, darunter Alexander Kluges "Geschichten vom Kino", eine Studie der Neurobiologin Louann Brizendine über "Das weibliche Gehirn" und in einer neuen Rubrik namens "Aufsatz" eine Studie über "Leonidas und die Thermopylen". (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).