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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.03.2007. In der Welt nimmt Michael Kleeberg Abschied von Jacques Chirac in seiner Eigenschaft als ideeller Gesamtspießer Frankreichs. In der SZ macht sich Per Olov Enquist Sorgen um die schwedischen Altbuben. Die NZZ hat Österreich beim Gebrauch seines besonderen Deutsch in Brüssel betreten. Die FR liest die Überwachungsberichte von Milan Kundera. In der FAZ erklären die Historiker Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel, warum sich Nazis und Kommunisten sehr wohl vergleichen lassen.

Welt, 16.03.2007

Mit Erleichterung nimmt der Schriftsteller Michael Kleeberg die Nachricht von Jacques Chiracs Abschied von der Politik auf: "Unser Klischeebild von den Franzosen zeigt philosophierende Lebenskünstler mit filterlosen Zigaretten, aber eine sehr viel typischere und häufiger vorkommende Spezies ist der französische Spießer. Er ist ein Mann mit Wurzeln auf dem Land, wo er sich auch am wohlsten fühlt. Er isst und trinkt und meckert gerne, versucht, wenn es ohne Risiko geht, seine Frau zu betrügen, misstraut den Ausländern und ist ein bisschen feige und rassistisch, aber stolz darauf, sich durchwursteln und dem verhassten Staat ein Schnippchen schlagen zu können. In den Fünfzigern und Sechzigern liehen Bourvil seiner naiven und Louis de Funes seiner zynischen Ausprägung ihr Gesicht. In seiner erfolgreichen Präsidentschaftskampagne von 1995 und seither - besonders auffällig während der Fußball WM 1998 - inszenierte Jacques Chirac sich als der ideelle Gesamtspießer Frankreichs. Vielleicht keine imponierende Rolle, aber eine, mit der der Erfolg kam."

Weiteres: "Peinlichkeit und Ödnis" hat Ulrich Weinzierl in Falk Richters Inszenierung von Shakespeares "Julius Caesar" an der Wiener Burg erlebt. Uwe Schmitt stellt die amerikanisch-arabische Comedy-Truppe "Axis of Evil" vor, deren Witze aber offenbar nicht immer zünden.

Besprochen werden der bereits auf der Berlinale geschmähte Sandalenfilm "300", ein Kompendium zur mehr oder weniger fruchtbaren Verbindung von Drogen und Kunst und eine Aufführung von "Simon Boccanegra" in Valencia.

TAZ, 16.03.2007

Es gibt viel Mist in den politischen Blogs, räumt Robert Misik im Meinungsteil unter dem Titel "Mob 2.0" ein. Die Begeisterung für das Selbstverwirklichungspotenzial des Internets will er sich aber nicht verderben lassen. "Selbst der Netz-Reaktionär marschiert nicht im Gleichschritt, sondern tippt seine eigene Botschaft ins Netz. Und selbst wenn sie sich nur marginal von der Botschaft seines Nebenmannes unterscheidet, so ist es doch seine Subjektivität, die der Typ einspeist. Der User ist immer zuerst Individuum, nicht nur Atom einer Stockmasse. Web-Skeptiker monieren, die Loblieder auf die Vielen, die sich im Web 2.0 beteiligen, auf die Partizipation der großen Zahl, sei nur eine modische Variante des altbekannten, fragwürdigen Lobs der Masse. Aber das geht am Umstand vorbei, dass die Menge im Netz letztlich doch nicht als Masse agiert, sondern jeder für sich." Außerdem unterhält sich Berd Pickert mit dem Neocon Max Boot mit den Perspektiven seiner Denkart in Zeiten des Irak-Debakels.

Im Feuilleton präsentiert Michael Willembücher einen neuen Ansatz in der Migrationsforschung, der den Ausgewanderten als Entrepeneur und Gescheiterten zugleich betrachtet. Tilman Baumgärtel meldet sich aus dem SMS-verrückten Manila. In der zweiten taz preist Alexander Schoppmann im Interview mit Georg Löwisch seine für Herbst geplanten Raucherflüge nach Tokio an. "Die Luft wird besser sein als bei Nichtraucherflügen. Da wird die Luft immer bloß umgewälzt. Wir werden Frischluft von außen zuführen und damit den bestgelüfteten Raum der Welt schaffen." Der polnische Bildungsminister Roman Giertych will die Erwähnung Homosexueller im Unterricht verbieten, berichtet Martin Reichert.

Besprechungen widmen sich James Murphys Album "Sound Of Silver" und einer Box mit fünf CDs der scheidenden Band Blumfeld.

Schließlich Tom.

FAZ, 16.03.2007

Im Gespräch auf der letzten Seite betonen die Historiker Jörg Baberowski ("Der rote Terror") und Anselm Doering-Manteuffel, dass man den Nationalsozialismus und den Stalinismus sehr wohl vergleichen sollte: "Im Historikerstreit wurde gar nicht verglichen. Was daran lag, dass die Deutschland-Historiker von der osteuropäischen Geschichte, speziell von der Sowjetunion, keinen blassen Schimmer hatten. In der Tat hat sich nach der Öffnung der Archive und nach der Rückkehr Osteuropas in den europäischen Erinnerungsraum etwas geändert. Jetzt wird klarer, dass beide Regime auch ganz ähnliche Herausforderungen mit ähnlichen Gewaltmechanismen hatten. Das haben wir bezeichnet mit dem Begriff des Strebens nach Ordnung, nach Eindeutigkeit. Beide Regime haben ähnliche Techniken des Mordens eingesetzt, um die selbstgeschaffenen Probleme zu überwinden. Insofern kann aus dem Vergleich eine neue Einsicht gewonnen werden."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru informiert darüber, dass sich die Hamas mit dem Verbot eines angeblich erotische Wörter enthaltenden Märchenbuchs an palästinensischen Schulen Ärger eingehandelt hat. Christian Geyer kommt dem Klima in der Verteidigung gegen seine Liebhaber mit Thomas von Aquin. Patrick Bahners meditiert über ein Bamberger Schuldbekenntnis der Katholischen Kirche. Von Versuchen, Adolf Hitler postum die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen, berichtet Martin Otto. In der Glosse wundert sich "L.J." über die neuesten Wendungen des politisch Korrekten und Inkorrekten. Beate Tröger war dabei, als Lisa St Aubin und der Ex-Guerillero Oswaldo Barreto Miliani ihren biografischen Roman "Deckname Otto" vorstellten, dessen Gegenstand Miliani ist. Martin Lhotzky war auf einer Tagung, bei der es um die Frage ging, wie europäisch die Oper ist.

Eher nicht, jedenfalls extrem kurz und vernichtend, bespricht Gerhard Stadelmaier eines vornamenlos bleibenden Regisseurs Richter "Julius Caesar"-Inszenierung am Wiener Burgtheater: "Schauspieler! Chargen! Wiener! hört mich an: Beweinen will ich Shakespeare, nicht begraben. Das habt schon ihr besorgt." Besprochen werden eine Antwerpener Ausstellung mit altniederländischen Diptychen, ein Frankfurter Konzert von Bonnie "Prince" Billy, ein gemeinsames Konzert der Hip-Hop-Helden P. Diddy und Snoop Dogg in Berlin und Martin Koolhovens Film "Schnitzelparadies".

Auf der Sachbuchseite werden ein Band zu Forscherkarrieren von Kunsthistorikern nach 1945 und ein Bildband zu Hitlers Lieblingsfotografen Walter Frentz besprochen. Buchrezensionen gibt es zu Willem Jan Ottens Roman "Specht und Sohn" und zu Hitonari Tsujis Roman "Warten auf die Sonne" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 16.03.2007

Die Überwachungsberichte von Milan Kundera sind jetzt in Tschechien frei gegeben worden, weiß Arno Widmann. "Bis zu dreizehn orthographische Fehler in sieben Zeilen Bericht hat man finden können. Auch die Alltagsschwierigkeiten der Staatsorgane waren in den sozialistischen Ländern so unterschiedlich nicht. Einmal fand eine Observierung ein vorzeitiges Ende, weil Kundera mit seinem kleinen Auto einen Müllwagen hatte überholen können, der breite, graue Volga der Prager Agenten das aber nicht schaffte. Die Berichte halten akribisch fest, dass Kundera hundert Gramm russischen Salat bestellte, dass seine Frau beim Metzger auf der Myslikova zwei Würste kaufte, sie vermitteln aber keine Vorstellung von dem, was in Milan Kundera in dieser für ihn so wichtigen Zeit vorgeht. Die Mächtigen wissen nur, sie ahnen - er ist ihr Feind. Sie haben Recht damit."

In Polen werden mit dem neuen Gesetz auch Journalisten aufgefordert, eine frühere Mitarbeit im Geheimdienst zu melden, informiert Knut Krohn. Harry Nutt begrüßt in einer Times mager die zurückkehrenden Kontaktbereichsbeamten der Berliner Polizei.

Besprochen werden eine Schau zum 150. Geburtstag des Zeichners Max Klinger in Leipzig und die neue CD von Pole, "Steingarten".

NZZ, 16.03.2007

Paul Jandl schildert eindringlich, mit welchem Heroismus die Österreicher vor den EU-Gremien und in den Übersetzungskompendien der EU die Besonderheiten ihres Deutsch verteidigen müssen: "Große Unruhe gab es bei einem EU-Plenum, in dem ein österreichischer Beamter davon sprach, dass in seiner Heimat illegale Grenzgänger 'betreten' worden seien. Die Folge war ein halbstündiger Tumult, weil allgemein befürchtet wurde, dass in Österreich die Menschenrechte buchstäblich mit Füssen getreten würden. Die Sache ließ sich aufklären: Wird jemand 'betreten', so ist er ertappt."

Weitere Artikel: Andrea Köhler freut sich, dass die nach dem 11. September eingeschränkte Informationsfreiheit in den USA durch ein Gesetzesvorhaben im Repräsentantenhaus wieder gelockert werden soll. Joachim Güntner kommentiert eine Initiative niedersächsischer SPD-Politiker, die Hitler im nachhinein die einst in Braunschweig zuerkannte deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen wollen ("Das ist so albern, dass man nicht einmal darüber lachen kann"). Cord Aschenbrenner resümiert ein Berliner Symposion über die Geschichte des Verkehrs.

Besprochen werden Shakespeares "Julius Cäsar" in Falk Richters Inszenierung am Wiener Burgtheater und CDs, darunter eine Einspielung von Carl Philipp Emanuel Bachs "Sonaten für Kenner und Liebhaber" durch den Pianisten Jean Goverts, neue Alben der Soulsängerinnen Amy Winehouse und Joss Stone, eine CD von Ry Cooder und weitere CDs in Kurzbesprechungen, außerdem Sachbücher, darunter das bisher nur auf englisch erscheiene "The Lone Wolf and the Bear - Three Centuries of Chechen Defiance of Russian Rule" (Leseprobe) von Moshe Gammer.

Auf der Medienseite untersucht Heribert Seifert die erneuerten Webseiten einiger deutsche Medienhäuser (unter besonderer Beachtung der Welt): "Es herrscht wieder Aufbruchstimmung in der Medienszene, zumindest im Internet-Bereich. Hierhin fliessen die Investitionen und zunehmend auch Werbeeinnahmen." In einem zweiten Artikel berichtet "ras" zugleich über Schweizer Medien im Netz. Außerdem stellt der Medienwissenschaftler Frank Habann "Strategien ökonomisch nachhaltiger Medienförderung" vor. Und set meldet, dass Google "neue Richtlinien betreffend die Privatsphäre ihrer Kunden" veröffentlichen will.

SZ, 16.03.2007

Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist fragt sich, was man mit all den "Altjungs" machen soll, Junggesellen, meist Bauern, die in Nordschweden vergeblich auf eine Frau warten. "Das Prinzip der starken Frauen liegt noch immer über diesem Land wie der nächtliche Nebel über dem Sumpf. Doch die meisten dieser dominanten Frauen ziehen fort, und die Männer suchen nach ihnen aus unterlegener Position. In den Gesprächen zwischen den Geschlechtern herrscht ein Ton von erstaunter Bitterkeit. Schnell erkennt der 'Altjunge' die Hoffnungslosigkeit seiner Lage: Es gibt nur wenige erreichbare Frauen in seiner Gegend, die auf unangenehme Weise durchsichtig ist."

Weitere Artikel: Dmitri Zakharine hebt die Bedeutung der Sauna in der russischen Politik hervor. Christian Kortmann unterstützt das Anliegen, die zehn wegweisenden Computerspiele in die Library of Congress aufzunehmen. Norman Foster hat seinen Bebauungsvorschlag für das Gelände des ehemaligen Rossija-Hotels am Roten Platz auf Befehl des Oberbürgerneisters Luschkow noch moskauerischer gemacht, meldet Sonja Zekri. Christian Kortmann weiß, dass China knuffige Pandabären zur Imageaufbesserung einsetzt. Die Ungarn haben in einer Meinungsumfrage selbst das frei erfundene Volk der Piresen abgelehnt, kolportiert Kathrin Lauer. Michael Frank schreibt zum Tod des Schauspielers und politischen Aktivisten Herbert Fux.

Langsam gewinnen die Frauen selbst in Saudi-Arabien an Boden, beobachtet Stefan Weidner im Literaturteil auf der Buchmesse in Riad. "Dass die Frauen in diesem Jahr nur an fünf Nachmittagen nicht auf die Messe durften, ist ein Quantensprung in Richtung Gleichberechtigung. Vergangenes Jahr durften sie nur an zwei Tagen kommen, in den Jahren davor nur an einem einzigen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit den "Amerikabildern" des dänischen Fotografen und USA-Reisenden Jacob Holdt im Essener Folkwang-Museum (einige sind auf seiner Seite zu sehen), ein "typischer" Liederabend von Christoph Marthaler, diesmal über den Dramatiker Maurice Maeterlinck in Gent, das neue Album der Stooges "The Weirdness", Ernst Klees aufklärerisches "Kulturlexikon zum Dritten Reich" swowie Bodo Kirchhoffs Novelle "Der Prinzipal" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).