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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2007. Die taz erklärt, warum Muslime ausgerechnet in den USA so gut integriert sind. Die Welt warnt vor einem Generalangriff auf den Islam. In der SZ erzählt der Autor Ishmael Beah von seiner Zeit als Kindersoldat in Liberia. Die FR problematisiert den Begriff des "Existenzrechts" Israels. Die FAZ ist ernüchtert von der Kunstbiennale in Venedig: die Künstler halten dem Boom nicht mehr Stand und liefern nurmehr Bewährtes.Alle würdigen den wilden Konservativen Martin Mosebach, der in diesem Jahr den Büchner-Preis erhält.

TAZ, 08.06.2007

In einer Post aus New York erklärt Marcia Pally, warum Muslime in den USA so gut integriert sind: "Wir haben es in den USA schon mit so vielen Religionsgemeinschaften zu tun gehabt, dass eine Gruppe mehr nur eine Gruppe mehr ist: keine große Sache. Der amerikanische Pluralismus ist nicht aus reiner Tugend, sondern aus der Notwendigkeit heraus geboren: Wir mussten so viele Einwanderer wie möglich anziehen, die bereit waren, die Mühsal der Besiedlung des Landes und später der Industrialisierung auf sich zu nehmen. Diese zufällige Großzügigkeit führte zu einer pluralistischen Übereinkunft: Immigranten hatten zum ökonomischen und politischen Erfolg beizutragen. Dafür durften sie nicht nur ihren eigenen Glauben beibehalten, sondern auch ihre Sitten und Gebräuche als Gemeinschaft. Natürlich gab es Vorurteile; aber mit wachsender Partizipation verloren diese in der Regel an Bedeutung."

Im Kulturteil schreibt Brigitte Werneburg einen bewegten Nachruf auf ihren am Mittwoch verstorbenen Kollegen Harald Fricke. Rene Hamann hat sich das Konzert der Smashing Pumpkins in Berlin angehört. In einer "achse der re-issues" bespricht Thomas Winkler Alben von Prefab Sprout, Blue Öyster Cult und Sebadoh.

Und Tom.

NZZ, 08.06.2007

Auf der Medien- und Informatikseite stellt Karl Lüönd den Gründer der Schweizer Internetzeitung Onlinereports.ch, Peter Knechtli, vor. "Onlinereports war von Anfang an journalistisch motiviert und profitierte von seiner Alleinstellung, wie der Medienberater Manfred Messmer betont: 'Onlinereports dient nicht als Ergänzung zu einem Printmedium. Knechtli hat als Erster erkannt, dass man im Internet mit relativ bescheidenen Mitteln als Journalist zum Ich-Verleger werden kann. Damit hat er eine konkrete Alternative zu all den Plänen und Luftschlössern für eine Konkurrenz zur BaZ (Basler Zeitung) geschaffen.'"

H. Sf. ist beeindruckt vom Verlauf der von Ralph Giordano ausgelösten Debatte um die Kölner Moschee: "So steht am Ende der Aufregung über Giordanos Intervention und gerade ein Jahr nach dem Alarmruf über 'no-go areas', die Fremde angeblich nur unter Lebensgefahr betreten dürften, ein bemerkenswertes Vertrauen in die Aufgeklärtheit und in die zivilisierten Umgangsformen im Lande. Ein solches Vertrauen und nicht die Abhängigkeit vom Panik-Sensorium multikultureller politischer Korrektheit ist eine gute Voraussetzung, endlich mit der gelassenen, aber durchaus konfliktfreudigen Auseinandersetzung über die gemeinsame Zukunft einer Einwanderungsgesellschaft zu beginnen."

Weiteres: pd/ras berichten in einem mit Zahlen gespickten Artikel von der dynamischen Entwicklung des Zeitungsmarktes in Asien, der "äußerst beweglich" auf die digitalen Medien reagiert habe. S. B. berichtet über Napsters Versuch, den Internet-Vertrieb von Musik auch auf das Mobilfunknetz auszudehnen. Christiane Zintzen denkt über die ausschlaggebenden Kriterien für den Hörspielpreis der Kriegsblinden nach, mit dem jetzt Schorsch Kamerun ausgezeichnet wurde (Sendetermin hier, Download hier).

Im Feuilleton beschreibt Mona Naggar den Wettkampf, den die arabischen Emirate gerade um den Titel des größten Kulturförderers austragen. Abu Dhabi zum Beispiel hat mit großem Aufwand seine Buchmesse professionalisiert. Doch ob es sich damit als "Buch- und Verlagszentrum in der arabischen Welt etablieren wird", so Naggar, "hängt von der Entwicklung des arabischen Buchmarktes und Verlagswesens ab, die nicht zuletzt am Niedergang des arabischen Geisteslebens kranken". In der Reihe "An der Klimafront" erzählt der sibirische Autor Juri Rytcheu, wie Schamanen und Meteorologen in seiner Heimat gleichermaßen über das Wetter rätseln. Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie erhält den britischen Orange-Literaturpreis, lesen wir in einer Meldung.

Besprochen werden die Ausstellung mit französischen Meisterwerken aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth" an der Mailänder Scala, eine CD des bestgealterten Mann im Popzirkus, Nick Lowe, der Film "Shut Up & Sing" über die Dixie Chicks und Bücher, darunter Tom Segevs Buch über den Sechstagekrieg (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 08.06.2007

Zum vierzigsten Jahrestag des Sechstagekriegs problematisiert Marie-Luise Knott den Begriff des "Existenzrechts" Israels: "Während der Begriff des 'Existenzrechts' in der Logik der gegeneinander abgeschotteten Parallelwelten verharrt, muss tatsächlich ein Ringen um beidseitige Anerkennung (und auch die Anerkennung von Grenzen) über politische Verhandlungen erfolgen. Am Ende der Verhandlungen aber werden beide Parteien einander anerkennen müssen. Bei derartigen Verhandlungen würden Grenzen festlegt, Rechte für Juden wie Nicht-Juden definiert und politische Rahmenbedingungen der Region mitgedacht werden - und so möglicherweise die Existenz Israels in festen Grenzen langfristig gesichert werden können."

Weitere Artikel: Ina Hartwig würdigt den designierten Büchner-Preisträger Martin Mosebach ("ein emphatischer Bekenner, nah am Sektiererischen, doch unverkennbar originell, wild, erfrischend"). Andreas Maier sammelt Impressionen am Rande des G8-Gipfels. In Times mager kommentiert Christian Schlüter den neuesten Stand im Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke.

Besprochen werden Kunst- und Spielfilme John Bocks in der Schirn, eine Dramatisierung des "Schimmelreiters" durch Armin Petras in Köln und Barbara Freys Inszenierung von Shakespeares "Sturm" in Wien.
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FAZ, 08.06.2007

Der große Kunstsommer ist eröffnet - Niklas Maak berichtet von der ersten Station, der Biennale in Venedig. Die Ernüchterung, die sich angesichts der hochgespannten Erwartungen einstellte, war, wie er findet, vorprogrammiert: "Was schon vor zwei Jahren auf der Biennale als das Problem der Gegenwartskunst sichtbar wurde, verschärft sich jetzt noch einmal. Das Problem ist nicht, wie früher, das zu geringe, sondern das zu große Interesse an ihr. Künstler und Kuratoren kommen mit der Produktion von Werken nicht mehr hinter der Nachfrage her. ... Augerechnet in dem Moment, in dem sie von einer Geheimwissenschaft eingeschworener Avantgarden zu einem Massensport wird und die Bereitschaft, noch das obskurste Etwas als 'interessante Position' zu beklatschen, so groß ist wie nie, sinken Künstler, Kuratoren und Vermittler, ausgelaugt von zahllosen Messen und Biennalen, entkräftet in die Kissen des Bewährten und servieren lauwarme Aufgüsse dessen, was sie immer machten."

Weitere Artikel: Hoch zufrieden, wenngleich nicht frei von Juryjargon, kommentiert Hubert Spiegel die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises an den Schriftsteller Martin Mosebach: "Mit Martin Mosebach ehrt die Akademie einen genuinen Erzähler und einen Essayisten von ungewöhnlicher stilistischer und intellektueller Brillanz." Edo Reents stellt gesondert das Werk des Autors vor. Der Molekularbiologe Hans Schöler plädiert für Entspannung im Umgang mit der Stammzellforschung. Als "donnerndes 'Jein'" beurteilt Dieter Bartetzko die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass auch zu seinem Bedauern die Dresdener Waldschlösschenbrücke gebaut werden muss. Nicht unglücklich und nicht glücklich zeigt sich Eleonore Büning damit, dass nun Franz Welser-Möst neuer Generalmusikdirektor und Dominique Meyer Intendantin der Wiener Staatsoper werden: eine "mittlere Lösung", findet sie. Dirk Schümer gratuliert dem Diplomaten und Historiker Ekkehard Eickhoff zum Achtzigsten.

Auf der letzten Seite unterhält sich Andreas Rossmann mit Paul Böhm, dem Architekten der in Köln geplanten Großmoschee, der für allzu große Aufregung wenig Verständnis hat: "Es wird hier ja nicht der muslimische Gottesstaat ausgerufen. Es ist lediglich eine Gemeinde hingegangen und hat sich ein Gotteshaus geplant." Robert von Lucius porträtiert den Fotografen Jürgen Schadeberg, der jahrzehntelang in Südafrika tätig war und nun das Bundesverdienstkreuz erhält.

Besprochen werden Barbara Freys Wiener Inszenierung von Shakespeares "Sturm" (in der, wie Martin Lhotzky bedauert, vom Stück nicht sehr viel übrig blieb), eine Ausstellung, in der Braunschweig seine Welfenschätze präsentiert, ein Berliner Konzert der Smashing Pumpkins und neue Sachbücher, unter anderem Dagmar Burkharts "Geschichte der Ehre" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 08.06.2007

Auf den Forumsseiten schreibt Mariam Lau zum Streit um die Kölner Moschee und weist Necla Kelek und Ralph Giordano darauf hin, dass Religionsfreiheit weder an Vorleistungen noch an Stimmungen geknüpft sein kann: "Wenn die Religionsfreiheit in Deutschland an ästhetische Kriterien geknüpft wird, oder an sonst welche Leistungen auf völlig anderen Gebieten, der Integration zum Beispiel, dann sind wir geliefert. Wenn sich heute das Argument durchsetzt, dass Moscheen nicht in Ordnung sind, weil dort Frauen getrennt von Männern beten, dann wird es sich mit Sicherheit morgen gegen die orthodoxen Synagogen richten, in denen das auch der Fall ist... Der Generalangriff gegen den Islam muss einen Widerspruch klären: Einerseits wird den Muslimen nahegelegt, bevor sie nicht die Trennung von Staat und Religion verinnerlicht hätten, könnte aus dem Islam kein demokratiekompatibler Glaube werden - was ja stimmt. Andererseits soll der Islam für alles zuständig sein: die schlechten Schulnoten, die 'Ehrenmorde' und Gewalt gegen Frauen, die Jugendarbeitslosigkeit. Moscheen sollen sich erst an diesen Themen beweisen, bevor sie gebaut werden dürfen."

Im Feuilleton freut sich Uwe Wittstock für den Schriftsteller Martin Mosebach über den Büchnerpreis: "Seit seinem Debüt 'Das Bett' (1983) übt sich Mosebach wie kein anderer deutscher Schriftsteller der Gegenwart in der Kunst des Gesellschaftsromans." Tilman Krause sekundiert: "Was wir jetzt brauchen, da überall Geschmack und Bildung ins Bodenlose sinken, ist die Stärkung jener intelligenten, urbanen und leserfreundlichen, man darf getrost sagen: bürgerlichen Literatur."

Hanns-Georg Rodek gibt Juliane Lorenz, der Leiterin der Fassbinder Foundation ausführlich Gelegenheit, ihre Position im Streit um die Stiftungsaktivitäten und ihr Verhältnis zu Rainer Werner Fassbinder darzulegen. "Wenn jemand bis zum letzten Moment zu ihm gehalten hat, dann waren es seine Mutter und ich. Die Mutter hat ihn aber irgendwann losgelassen, weil er das so wollte."

Weitere Artikel: Für eine gute Entscheidung hält Manuel Brug die Berufung von Franz Welser-Möst und Dominique Meyer in die Direktion der Wiener Staatsoper. Thomas Kielinger konstatiert eine dramatische Verbesserung des Deutschlandbilds in Großbritannien. Sven Felix Kellerhoff berichtet, dass heute in Salzburg ein Entwurf von Hitlers "Mein Kampf" der Öffentlichkeit präsentiert wird. Stefan Kirschner widmet sich dem neuesten Klatsch um Katja Riemann und ihre Rolle in dem Berliner Stück "Sex Stadt Beziehungen"

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Ehe der Maria Braun" in München und Justin Timberlakes Konzert in Berlin.

SZ, 08.06.2007

Mal wieder nichts online heute morgen in der SZ.

Michael Bitala traf in Hamburg den liberianischen Autor Ishmael Beah, der in seinem Buch "Rückkehr ins Leben" (Auszug auf englisch) von seiner Zeit als Kindersoldat erzählt: "Kein Kindersoldat aus Afrika hat bislang sein Leben so aufgeschrieben. Schon allein, weil die meisten entweder sterben, verwundet werden, nicht lesen oder schreiben können oder so traumatisiert sind, dass sie über Jahre hinweg keine zusammenhängenden Sätze mehr von sich geben. Beah aber schaffte mehrere Dinge, die in Afrika als nahezu unmöglich gelten. Er überlebte den Krieg, er floh aus Sierra Leone, und er gelangte schließlich 1998 mit Hilfe einer weißen Amerikanerin, die ihn später adoptierte, in die USA. Dort schrieb er während seines Politik-Studiums die vielen traumatischen Erinnerungen und Albträume auf und stürmte damit Platz 1 der New York Times-Bestseller-Liste."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld würdigt Martin Mosebach, der in diesem Jahr den Büchner-Preis bekommt: "So vollendet sich bis auf Weiteres eine Kurve, die lang und flach begann, um dann plötzlich aufzusteigen." Lothar Müller konstatiert anlässlich der Traktationen zwischen Merkel und den Popstars, dass Bob Geldof und Konsorten im "inneren Sperrkreis der Macht" angekommen sind, während Experten für Mikrokredite nur auf dem Alternativgipfel zu hören sind. Rudolf Chimelli besuchte in Salzburg eine Tagung über das Problem der Integration, nicht nur in westlichen Gesellschaften. Henning Klüver porträtiert den detektivischen Kunsthistoriker Maurizio Seracini, der mit Röntgenstrahlen und anderen Hitech-Methoden in Florenz nach da Vincis Wandgemälde "La battaglia di Anghiari" sucht. Gerhard Persche bringt und kommentiert die Meldung, dass Dominique Meyer, zur Zeit Direktor des Theâtre des Champs-Elysees, neuer Intendant der Wiener Staatsoper wird.

Besprochen werden eine Dramatisierung des "Schimmelreiter" durch Armin Petras in Köln, eine große George-Grosz-Ausstellung in Rom, Gerardo Olivares' Dokumentarfilm "Das größte Spiel der Welt", der Fußballfans in den entlegensten Ecken der Welt, beim Gucken des Endspiels der Fußball-WM beobachtete, ein Wagner- und Strauss-Konzert unter Christian Thielemann in München, Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Ehe der Maria Braun" nach Fassbinder in München und Bücher, unter anderem eine Geschichte der Modezeitschrift Vogue.