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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2007. Im Tagesspiegel stellt Regisseur Christian Petzold klar, dass das deutsche Kino durchaus Sterne hat, nur keinen Himmel. Die FAZ schreibt zudem eine Hymne auf Petzold und seinen Film "Yella". Die FR bekennt sich zur inneren Unsicherheit. In der Welt erklärt Peter Stein, warum Demokratie Autoritäten braucht, das Theater aber keine Frauen. Die NZZ hat auf der Biennale von Istanbul einen Klumpen Hackfleisch genossen. Und die SZ hat Gedichte tanzen gesehen.

Tagesspiegel, 12.09.2007

Im Interview mit Christiane Peitz spricht Regisseur Christian Petzold über seinen Film "Yella", Nina Hoss und deutsche Stars: "'Yella' ist das Porträt einer Träumenden, die sich in ihrem Traum aufhält. Es gibt also Einstellungen, die sie klassisch porträtieren, und es gibt Blicke nach innen. Deshalb sieht es so nach Star aus: Ein Star ist immer ein Träumender, der für sich und mit sich ist und in dessen Anblick wir uns hineinträumen. Im Fernsehen gibt es keine Stars, denn es ist auf Anerkennung und Quote abgerichtet und behelligt den Zuschauer: Bleib bei mir! Ein Star geht nicht anschaffen... Mir ging lange auf die Nerven, dass immer nur zwei Fragen an das Kino gestellt wurden. Die eine lautet: Wir haben einen Himmel ohne Sterne, wo sind die Stars? Aber es ist umgekehrt: Wir haben Sterne ohne Himmel. Deutsche Schauspieler werden wie Stars gefilmt, haben Auftritte auf dem roten Teppich oder in der "Gala", aber es gibt keine Filme um sie herum. Wie sonst erklärt sich die Einsamkeit von Nastassja Kinski?"

FR, 12.09.2007

Wolfgang Kraushaar diskutiert die "Geschichtsvermarktung" der RAF im gegenwärtigen "medialen Komplex" und besonders die Deutungshoheit von Stefan Aust und seinem Spiegel. "Auffälliger noch als die Mehrfachverwertung ist das perfekte Timing, mit dem die einzelnen Produkte nicht nur präsentiert, sondern auch promotet worden sind. Wie von langer Hand geplant sind im Laufe der letzten Monate häppchenweise immer wieder als sensationell angekündigte Nachrichten verbreitet worden, die als Vorabwerbung für die TV-Doku ebenso wie die Print-Serie begriffen werden konnten."

Der Jurist Horst Meier plädiert in Sachen Terror und innerer Sicherheit für ein Bekenntnis zum Risiko: "Die Freiheit vor Staatseingriffen hat ihren Preis. Die Verteidigung der Bürgerrechte muss mit einem gewissen Maß an Risikobereitschaft einhergehen. Auch insoweit stellt der islamistische Terrorismus eine besondere Herausforderung dar. Bekennen wir uns also, nach reiflicher Überlegung und mit leichtem Herzklopfen, zu einer gehörigen Portion innerer Unsicherheit. Vielleicht hilft das einigen Politikern, aus dem Hamsterrädchen der inneren Sicherheit auszusteigen."

Weiteres: In Times mager vergleicht Harry Nutt die Kulturpolitik im Berliner Opernstreit mit dem Handel von Holzgemüse im Kinderkaufmannsladen. Zu lesen sind außerdem Nachrufe auf den österreichischen Jazz-Musiker Joseph Zawinul und die Schauspielerin und kurzzeitige Reagan-Gattin Jane Wyman.

Besprochen werden eine Ausstellung des jungen südafrikanischen Künstlers Robin Rhode im Münchner Haus der Kunst und Bücher, darunter Katja Lange-Müllers Roman "Böse Schafe" und ein Band zur israelischen Siedlungsgeschichte (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 12.09.2007

Kai Luehrs-Kaiser spricht mit dem Theaterregisseur Peter Stein über die alten Zeiten und seine Vorstellungen von Demokratie: "Ich war vom Beleuchtungchef bis zum Belüftungswart alles. Nur mit Tittenabreißen und Drogen hatten wir nichts im Sinn. Ich konnte immer etwas erzählen. Nicht weil mich die Vorhaut juckte so wie Konwitschny. Sondern weil ich genügend Autorität besaß. Demokratie funktioniert nur durch Autorität. Allerdings muss man in der Lage sein, sich überstimmen zu lassen. Durchsetzen ist eigentlich leicht. Man braucht ja nur alles ausdiskutieren zu lassen." Auf die Frage, was er denn eigentlich dagegen habe, dass Frauen im Theater inszenieren, antwortet Stein: "Das würde uns hier zu weit führen. Ich halte es aus historischen Gründen für falsch."

Eckhard Fuhr sah Wolf Biermann auf dem Literaturfestival nach Berlin heimkehren und muss feststellen: "Es ist ein anderer Biermann, der da zurückkommt: nicht mehr der utopische Kommunist, der furchtlos dem real existierenden Sozialismus und seinen Funktionären die Stirn bietet; nicht mehr der Dissident, der dann im Westen zum Idol der undogmatischen Linken und Alternativen wurde... Es sind andere Themen, die ihn beschäftigen: das eigene zerrissene Selbst, der Tod, das Kind, die Landschaft, das Korn auf dem Feld, Gott."

Weiteres: Matthias Heine bespricht den Film "Ein mutiger Weg" mit Angelina Jolie, der ihn daran erinnert hat, dass "unter Bergen von Klatsch ein großes Talent verborgen ist". Peter Dittmar informiert über die neuesten Entwicklungen im Streit um das "Museum Schloss Moyland". Ulf Meyer bedauert die Eröffnung des neuen Einkaufszentrum "Alexa" am Berliner Alexanderplatz, ein "Hochbunker in Pseudo-Art-Deco". Ulrich Weinzierl besucht die Linzer "Ars Electronica", die ein wenig im Regen unterging. Der Unternehmer und Kunstsammler Reinhold Würth sah die Berliner Ausstellung des Metroplitan-Museums und zeigt sich fasziniert von Camille Pissarros "Boulevard Montmartre an einem Wintermorgen". Eckhard Fuhr porträtiert den neuen Präsidenten des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann, Jochen Schmidt den Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui. Phillip Kohl erinnert an den Mathematiker Carl F. Gauß. Thomas Lindemann schreibt den Nachruf auf den österreichischen Jazz-Keyborder Josef "Joe" Zawinul, den "einzigen deutschsprachigen unter den Göttern des Jazz."
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FAZ, 12.09.2007

Michael Althen schreibt eine große Hymne auf den Regisseur Christian Petzold und seinen neuen Film "Yella", der von einer "Alice im Wunderland des Risikokapitals" erzählt: "Was Petzold über 'Yella' hinaus mit Wim Wenders verbindet, ist sein Blick für Schauplätze, für Räume und Landschaften, die vielleicht beiläufiger inszeniert sind, in denen man aber das Land auf eine Weise wiedererkennt, dass man sich fragt, wo andere Filme eigentlich hinschauen. Wie er mit wenigen Einstellungen das Nötige über Yellas Heimatstadt Wittenberge an der Elbe sagt, wo der typische ostdeutsche Kontrast zwischen leerstehenden Häusern mit verrammelten Fenstern und übersanierten Gebäuden besteht; wie er den betäubenden Komfort der System-Hotellerie in Szene setzt; wie er die absurde Weltläufigkeit des Expo-Geländes mit einer einzigen Taxibestellung einfängt, 'Rue de Paris, Ecke Sydney Garden'; wie er zeigt, wie der Stadterfahrung ihre Mitte entzogen wird und Momente der Geborgenheit nur noch zu finden sind, wenn man sich an den Rändern einnistet - mit all diesen vom vertrauten Kameramann Hans Fromm in glasklaren Farben eingefangenen Bildern wird der Gegenwart so präzise der Spiegel vorgehalten, wie man es sonst nur aus der Fotografie kennt."

Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erzählt aus der Geschichte des Wunderglaubens in seiner Heimat, der durchaus auch von politischem und wirtschaftlichem Nutzen sein kann: "Ein Ereignis, das zuletzt überall zu hören war und vermutlich dazu beigetragen hat, dass die Geschäfte des Landes noch besser laufen, hat schließlich sogar den Parlamentspräsidenten zu der Erklärung gezwungen, man müsse aufpassen, den Glauben nicht aufs Spiel zu setzen. Denn ein Regierungsvertreter hatte behauptet, der schiitische Erlöser würde in ein, zwei Jahren erscheinen, also müsste man Hotels bauen."

Weitere Artikel: Milos Vec geht der Frage nach, ob Online-Durchsuchungen den verfassungsrechtlich geschützten Intimbereich verletzten - sie ist nicht leicht zu beantworten, denn "wo liegt dieser Intimbereich, wenn man ihn auf einer Festplatte suchen wollte?" Der Regisseur Pepe Danquart hat im Auftrag des Finanzministeriums die Staatsschulden verfilmt (hier zu sehen) - Jörg Thomann wird in der Leitglosse nicht richtig schlau draus. Jordan Mejias war dabei, als sich der Schriftsteller Martin Mosebach in New York für die lateinische Messe aussprach. Andreas Obst schreibt den Nachruf auf den großen Jazz-Pianisten Joe Zawinul, Andreas Kilb den auf die Schauspielerin Jane Wyman, Eleonore Büning den auf den Dirigenten Rolf Reuter. Falk Jaeger hat den neuen Theaterbau im niederländischen Lelystad gesehen. Jürgen Kaube stellt das im Zusammenhang mit der Fernsehgebührenentscheidung wichtige Konzept des "Gewährleistungsstaats" vor. Michael Gassmann war in Dangast am Jadebusen, wo der Kulturtourismus die Zukunft sichern soll. Hingewiesen wird auch auf die Auswahl aus den Herbstprogammen der Verlage, die die FAZ zum Download online gestellt hat.

Besprochen werden ein Konzert in Baden-Baden, bei dem James Blunt sein neues Album vorstellte, die Henry-Moore-Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee und Bücher, darunter Ignacio Martinez de Pisons Roman "Mein Vater, die Göttin und ich" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 12.09.2007

Auf der Meinungsseite verteidigt der New Yorker Historiker Tony Judt im Interview das Buch "Die Israel-Lobby" von John Mearsheimer und Stephen M. Walt gegen Vorwürfe, Verschwörungstheorien und antisemitische Ressentiments zu verbreiten. "Ich glaube nicht, dass wir den Antisemitismus fördern, wenn wir eine offene Debatte führen. Den Antisemitismus fördern wir, wenn wir auf der einen Seite moralische Imperative aufstellen und gleichzeitig eine kritische Debatte über die israelische Politik unterdrücken, wenn wir ein künstliches Schweigen erzwingen."

Auf den Kulturseiten äußert sich der polnische Verhandlungsführer Professor Wojciech Kowalski zur jüngsten Eskalation des Streits über die Rückgabe von Kulturgütern und erklärt, warum Polen aufgrund der Grenzverschiebung 1945 "den Deutschen nichts gestohlen" habe. Susanne Messmer resümiert das dritte Beijing Pop Festival, auf dem Public Enemy das lahmste, Marky Ramone das fetzigste Konzert ablieferten. Tobias Rapp schreibt einen Nachruf auf den Keyboarder Joe Zawinul. Außerdem bespricht er Michael Winterbottoms Film "Ein mutiger Weg" über die Entführung und Ermordung des US-Journalisten Daniel Pearl durch islamische Terroristen in Pakistan 2002, in dem eine überagierende Angelina Jolie "Mutterschaft als Kampf gegen den Terror" verkauft. Und auf der Meinungsseite denkt die Publizistin Kerstin Decker über Lärm und den automobilen Profilierungszwang der Malteser nach.

In tazzwei beurteilt Jan Feddersen die ARD-Dokumentation "Die RAF" als "pompöse" Bilderflut ohne neue Erkenntnisse.

Und hier Tom.

NZZ, 12.09.2007

Nicht gerade begeistert schreibt ein zu allem Überfluss von Darmkrämpfen geschüttelter Samuel Herzog über die 10. Istanbul-Biennale: "Natürlich gibt es ein Thema: 'Not Only Possible, But Also Necessary: Optimism in the Age of Global War', hat Kurator Hou Hanru als Motto seiner Biennale formuliert. Das kommt engagiert daher und klingt schön. Allerdings könnten die meisten der hier gezeigten Werke genauso unter der Flagge eines ganz anderen Mottos auftreten. Vielleicht passt es einfach in unsere Zeit, dass Ausstellungen ab einem bestimmten Format zu einem Gebilde werden, in dem intellektuelle Leitlinien kaum auszumachen sind - Ausstellungen wie ein Klumpen Hackfleisch, in dem alles mit allem zusammenhängt oder eben auch nicht. An die Stelle von Themen, die untersucht werden, treten dann globale Gesten, die - wie im Fall dieser Biennale - oft an die Werbeslogans großer Banken oder Versicherungsgesellschaften erinnern."

Weitere Artikel: Stephan Hentz schreibt den Nachruf auf den Jazz-Musiker Joe Zawinul. Lutz Windhöfel kommentiert den Umbau des Kunstmuseums Basel durch das Zürcher Architekturbüro Gigon/Guyer. Andrea Köhler hat mit dem Schriftsteller Martin Mosebach bei einer lateinischen Messe in New York die Knie gebeugt. Uwe Justus Wenzel denkt anlässlich einer päpstlichen Baumpflanzungsaktion über Emmissionshandel, Ablass und die Rolling Stones nach.

Besprochen werden ein Konzert der Wiener Philharmoniker mit Daniel Barenboim und Gustavo Dudamel beim Lucerne Festival und Bücher, darunter Thomas Glavinics Roman "Das bin doch ich" und das Buch der US-Politologen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt über die "Israel-Lobby" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 12.09.2007

Christian Kortmann stellt ein neues Genre vor, das im Internet kursiert und die Rezeption von Lyrik revolutionieren könnte: Lyrikclips. "Neben gegenständlichen und assoziativen Verfilmungen werden in Gedichtclips Ideen der konkreten Poesie weiterentwickelt: Wie im 'Sign O' The Times'-Musikvideo von Prince erwacht die Typographie zum Leben, die Worte tanzen sich selbst. Am besten gelungen ist das bei Charles Bukowskis 'Oh yes!': Die gnadenlosen Zeilen 'it's too late/and there's nothing worse/than/too late' werden maschinell zu knarzendem Elektrosound vor kaltem grauen Grund aufgefächert. Gedanken sirren heran, als seien sie aus flirrenden Neonröhren gemacht." (Beispiele gibt es im Artikel oder hier, hier, hier oder hier)

Weitres: Christiane Schlötzer berichtet über "Destroy Athens", die erste Kunstbiennale Griechenlands. In einer launigen Randspalte räsoniert Kurt Kister über Rundfunkgebührenzwang und das "Örrf" (öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen). Falk Jaeger stellt das neue Einkaufszentrum "Alexa" am Berliner Alexanderplatz vor. Clemens Pornschlegel berichtet über eine ebenso skandalöse, wie gescheiterte Ertüchtigungsmaßnahme für die französische Rugby-Nationalmannschaft: die Verlesung des Abschiedsbriefs eines kommunistischen Widerstandskämpfers an seine Eltern kurz vor seiner Erschießung 1941. Zu lesen sind außerdem Nachrufe auf Joseph Zawinul und Jane Wyman.

Die Schallplattenseite beschäftigt sich heute mit dem Cembaloskomponisten Domenico Scarlatti und seinen 555 Sonaten. Reinhard J. Brembeck und Martin Haag stellen den Komponisten und sein Werk vor. Der Cembalist Pieter-Jan Belder berichtet im Interview über sein enzyklopädisches, nun abgeschlossenes Großprojekt: die Einspielung sämtlicher Scarlatti-Sonaten. Vorgestellt werden CDs, darunter eine "hingebungsvolle" Einspielung der "Schule der Geläufigkeit" von Carl Czerny.

Besprochen werden Christian Petzolds neuer Film "Yella" mit Nina Hoss, ein Berliner Konzert des Gitarristen Manuel Göttsching und Bücher, darunter eine Biografie der Unternehmerfamilie Reemtsma und der Einwandererroman "Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen" von Jonas Hassen Khemiri (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).