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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2007. Die FR fragt mit der italienischen Anästhesie-Ärztin Lina Pavanelli: Hat sich Papst Johannes Paul II. einen sanften Tod gesucht, den er selbst als "Euthanasie" verurteilt hätte? Die NZZ hat schon Andrzej Wajdas Film über das Massaker von Katyn gesehen und berichtet über zwiespältige Reaktionen. In der Welt beklagt der libanesische Autor Jacques Naoum den immer tieferen Graben zwischen den Konfessionen in seinem Land. Die SZ begeht die Drehorte von Tom Cruises Stauffenberg-Film in Brandenburg und findet eine vom Krieg gezeichnete Landschaft.

FR, 25.09.2007

Die italienische Anästhesie-Ärztin Lina Pavanelli stellt Johannes Paul II. in einem Essay in der Zeitschrift MicroMega unter Euthanasie-Verdacht, berichtet Aureliana Sorrento. Der Papst habe notwendige Maßnahmen unterbunden und so seinen Tod beschleunigt. "Die Ärzte hätten Karol Wojtyla sehr wohl rechtzeitig über die medizinische Notwendigkeit einer Magensonde informiert - wie auch über die Folgen, sollte er auf die Maßnahme verzichten. Der Papst hätte den Eingriff aber abgelehnt - um sanfter 'zum Herren zu gehen', wie er sich in seinen letzten Stunden äußerte. Für Pavanelli ein klarer Fall von Euthanasie - nach der Euthanasie-Definition der katholischen Kirche. Und nicht zuletzt nach dem Wortlaut der Enzyklika 'Evangelium Vitae', die Johannes Paul II. einst selbst verfasste. Hat also der Papst, dessen Seligsprechung längst eingeleitet wurde, sich selbst jenen sanfteren Tod gegönnt, den er allen anderen Katholiken verbat?" Den ursprünglichen Artikel haben wir online nicht gefunden, dafür hier Pavanellis Antwort auf ihre Kritiker.

Weiteres: Gegenüber Axel Brüggemann bekräftigt Katharina Wagner ihre strategische Partnerschaft mit Christian Thielemann, die Pläne, Bayreuth wieder zu einer musikalischen Familie zu machen und natürlich auch ihren offen formulierten Machtanspruch. Im Internet sind Todesdrohungen an den Journalisten und Autor Günter Wallraff aufgetaucht, berichtet Ingrid Müller-Münch. Der Anlass ist Wallraffs Vorschlag an die Betreiber eines geplanten Moschee-Neubaus in Köln, in ihrem Gemeindesaal eine Lesung von Salman Rushdies "Satanischen Versen" zu veranstalten. Der 25. Todestag Glenn Goulds lässt Hans-Jürgen Linke den zweihundert Jahre zu spät Geborenen noch einmal bewundern. Dirk Fuhrig rät, den von Daniel Libeskind entworfenen neuen Glashof des Jüdischen Museums in Berlin am besten von innen zu betrachten. In einer Times mager rümpft Ina Hartwig die Nase über Frank-Walter Steinmeiers Empfehlung von Khaled Hosseinis neuem Roman.

Besprochen wird die Aufführung von Tim Staffels neuem Stück "Next Level Parzival" auf der Ruhrtriennale in Essen.

TAZ, 25.09.2007

Isolde Charim befragt den Moderator Birand Bingül zur Lage der Deutschtürken. Bingül wünscht sich von ihnen ein offensiveres Auftreten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, aber auch die überfällige Modernisierung. "Ich war gerade in der Türkei, und etliche Leute haben mich gefragt: Wie ist das denn mit den Türken in Deutschland, die sind ja so ein bisschen zurückgeblieben. Sie haben einfach eine Türkei der Sechziger konserviert, denn das war das Leben, das sie gekannt haben. Das haben sie mit nach Deutschland gebracht und so beibehalten. Jetzt sind diese Dörfer in die deutschen Städte verpflanzt, während jene in der Türkei 40 Jahre Zeit hatten, sich zu entwickeln."

Nicolas Stemanns
Hamburger Doppel-Inszenierung von Euripides' und Goethes' Iphigenie will zeigen, dass man aus alten Stücken auch nicht viel lernt. Ein zäher Abend ist da vorprogrammiert, meint Simone Kaempff. "Das Theater, das mit seinen eigenen Mitteln ausgetrieben werden soll, wirkt wie gefangen in seiner Selbstbezüglichkeit."

Außerdem porträtiert Christian Broecking den Jazzjournalisten Gary Giddins. Kathrin Bettina Müller besichtigt in der einzigen Besprechung den Saisonauftakt in Stuttgart mit einem von Rimini-Protokoll eingeleiteten RAF-Schwerpunkt.

Und Tom.

NZZ, 25.09.2007

Gerhard Gnauck berichtet über die Reaktionen in Polen auf Andrzej Wajdas Film über die Ermordung tausender polnischer Offiziere 1943 durch die Rote Armee in Katyn. "Nach der Premiere bedrücktes Schweigen im Saal. Doch neben die Anerkennung seitens der Angehörigen der Opfer und vieler Politiker ist in Polens Medien auch Kritik und Enttäuschung getreten. Wajda habe über weite Strecken einen patriotischen Lehrfilm gedreht, wird vielfach bemängelt, mit allzu vielen holzschnittartig gezeichneten Figuren. An der Pressekonferenz nach der Premiere wich der Regisseur den Einwänden nicht aus: Der erste Film über Katyn habe klar und holzschnittartig sein müssen. Auf die Besorgnis freilich, ob die Pflege der Erinnerung nicht zu einer 'Erinnerung gegen' (Russland) missbraucht werden könne, gibt der Film eine klare Antwort. Der Russe Sergei Garmasch spielt in 'Katyn' einen russischen Offizier, der die bei ihm einquartierte Anna vor der Deportation zu retten versucht. Eine wahre Begebenheit - wie so vieles in dem Film."

Weitere Artikel: Österreichs Kulturministerin Claudia Schmied will die Wiener Museumslandschaft neu ordnen, berichtet Paul Jandl. "Dass sie mit Wilfried Seipel einen der weltweit mächtigsten Museumschefs schon bald vom Wiener Kunsthistorischen Museum abziehen will, gilt als unübersehbares und notwendiges Signal. Denn Wien ist, was die Museen betrifft, ein Schauplatz der Eitelkeiten, auf dem eher die Direktoren ihr Profil schärfen als die einzelnen Ausstellungshäuser." Marc Zitzmann beschreibt die langsame Wiedererweckung von Saint-Nazaire, das im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten fast völlig zerbombt worden war. Die Deutschen hatten dort nämlich 1941 eine riesige U-Boot-Basis erbaut, deren Beton sich als so unzerstörbar erwies, dass man darin jetzt ein Zentrum Escal'Atlantic für die "Welt der Atlantikschiffe von einst" eröffnet hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Blickwechsel. Frankfurter Frauenzimmer um 1800" im Frankfurter Historischen Museum sowie Bücher, darunter ein Gedichtband von Hans-Ulrich Treichel und ein Band, der die deutschen Beiträge zur Biennale von Venedig 1895-2007 in "dürrem Marketing-Deutsch" preist (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FAZ, 25.09.2007

In China, erklärt Mark Siemons, herrscht heftige Skepsis gegenüber jedweden moralischen Argumenten in transnationalen Zusammenhängen - das werde an der heftigen Ablehnung, die Angela Merkel nach ihrem Treffen mit dem Dalai Lama erfährt, wieder einmal deutlich: "Dass man in der zusammenwachsenden Welt aber auch verbindlich über universelle Prinzipien reden kann, ohne die legitimen Souveränitätsrechte anderer Staaten zu verletzen, ist eine historische Erfahrung, die China nur machen können wird, wenn sich westliche Staaten davon nicht abhalten lassen."

Weitere Artikel: Die Rechts- und Kulturgeschichtler Olivier Gänswein und Michael Kempe theoretisieren über die Frage, ob internationale Terroristen die neuen Piraten sind - und stellen fest, es sei unter anderem "die Unsichtbarkeit, die nichtlokalisierbare Raumpräsenz, die internationalen Terrorismus und internationale Piraterie vergleichbar macht." "hhm" kommentiert die Ankündigung, dass von 2008 an eine vorweihnachtliche Buchmesse in Wien stattfinden soll. Wolfgang Schneider berichtet vom Festakt zum zehnjährigen Bestehen des deutschen Übersetzungsfonds. Heinrich Wefing hat sich Daniel Libeskinds Überglasung des Innenhofs des Altbaus des Jüdischen Museums in Berlin angesehen. Nach Ansicht des ersten Programms der "Berlin University Press" attestiert Helmut Mayer dem neu gegründeten Verlag ein "anspruchsvolles und überlegtes Konzept". (Eine Website hat der Verlag aber offenbar noch nicht.) Maria Holzmüller war im bayerischen Riedering, wo es vor Künstlern nur so wimmelt. Julia Spinola gratuliert dem Dirigenten Sir Colin Davis zum Achtzigsten. Nur online findet sich der Nachruf von Jürg Altwegg auf den Sozialphilosophen Andre Gorz, der gemeinsam mit seiner Frau aus dem Leben geschieden ist. Sein letztes Buch "Brief an D. Geschichte einer Liebe" erschien im August, hier ein Auszug.

Besprochen werden eine Brüsseler Ausstellung, die die Arbeit des Rubens'schen Ateliers vorstellt, zwei "Iphigenien" in Hamburg (eine von Euripides, eine von Goethe und beide unter der Regie von Nicolas Stemann "völlig unverbindlich", wie Irene Bazinger findet) und ein "Nathan (ohne Titel)" in Leipzig, eine "Fledermaus" an der Komischen Oper in Berlin, der Auftakt der Opernsaison in Bremen mit György Ligetis "Le Grand Macabre", eine Edition mit sämtlichen Aufnahmen des dänischen Tenors Aksel Schiotz und ein Buch, nämlich Fred Vargas' jüngster Kriminalroman "Die dritte Jungfrau".

Welt, 25.09.2007

Die Welt hat heute morgen online nicht funktioniert, darum können wir vorerst keine Links setzen.

Der Graben zwischen den Konfessionen ist im Libanon tiefer denn je, schreibt der christlich-orthodoxe, in Berlin lebende Autor Jacques Naoum. Er beklagt, dass die Libanesen festhängen in einem von den Briten geschaffenen religiösen Proporzsystem und der Willkür ihrer Religionsoberen ausgesetzt seien: "Im christlichen Revier des Libanon sprechen die Einwohner Französisch, schicken ihren Nachwuchs für teures Geld auf französische Schulen, während die Muslime in öffentlichen Schulen oder islamischen Lehranstalten auf Arabisch ausgebildet werden. An den Christen im Libanon ist die abendländische Aufklärung und Säkularisierung vorbeigegangen, sie sind Außenseiter geblieben wie die Moslems. Sowohl Moslems als auch Christen im Libanon nehmen in der Stunde der Bedrohung die schauerlich ausgemalten Endzeitvisionen ihrer heiligen Bücher wörtlich."

Weitere Artikel: Dankwart Guratzsch beklagt nochmals eindringlich, dass das Neue Museum in Berlin nicht als Replik neu erstand und dass Fehlstellen durch David Chipperfields moderne Architektur markiert werden. Hannes Stein findet in der Leitglosse, dass Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene ganz gut in New York hängt. Kai Luehrs-Kaiser gratuliert Colin Davis zum Achtzigsten.

Besprochen werden neue CDs von Pianisten, ein neues Album der Foo Fighters, Brittens Oper "Peter Grimes" in Hannover, eine Ausstellung über die Auseinandersetzung der Kunst mit dem 'Tod im Dresdner Hygienemuseum und die (laut Manuel Brug "flügellahme") "Fledermaus" an der Komischen Oper Berlin.

Im politischen Teil warnt der ungarische Philosph Jano Kis vor rechtsextremen Tendenzen in Ungarn, wo die kleine Parti "Jobbik" eine paramilitärische Organisation aufbaut.

SZ, 25.09.2007

Gustav Seibt wandert zum Flughafen Löpten, wo Teile des Stauffenberg-Films "Valkyrie" gedreht wurden. "Wer durch diesen Landstrich nicht mit dem Auto fährt, sondern sich zu Fuß oder auf dem Fahrrad bewegt, wer nicht bloß die preußischen Stätten mit Fontane-Blick sucht, der wird in den Gebieten zwischen Berlin, dem Oderland und der Lausitz eine von Schreckensspuren gezeichnete Geschichtslandschaft entdecken. In Europa hat sie nur noch eine Parallele: die vom jahrelangen Stellungskrieg vernarbten, von endlosen Gräberfeldern bedeckten Schlachtfelder der Ersten Weltkrieges in Frankreich."

Weitere Artikel: Kurz vor der Eröffnung des Hans-Arp-Museums in Rolandseck gibt es immer noch Querelen um die freizügige Nachgusspraxis des Arp-Vereins, wie Stefan Koldehoff weiß. Henning Klüver meldet, dass ein bisher unbekanntes Dokument des italienischen Schriftstellers Primo Levi aufgetaucht ist, in dem dieser seinen Werdegang im Krieg beschreibt, vom Widerstand bis nach Auschwitz, und zwar erstmals mit Namen von Kameraden und Gegnern. Tim B. Müller fröstelt es nach einer Berliner Diskussion mit Historiker Dan Diner, wo zum Thema transatlantische Partnerschaft zwar immer wieder von der "Koalition der Willigen", aber nicht von Präventivkriegen und Folter die Rede war. Timur Bekmambetovs "Wächter"-Trilogie weist Fritz Göttler auf das relativ neue Phänomen des russischen Blockbusters hin. "skoh" berichtet mit Genugtuung, dass das Landesmuseum Hannover die Römische Campagna von Lovis Corinth ohne Umstände an die Erben zurückgab. Harald Eggebrecht nimmt sich eine Zwischenzeit und denkt an die glänzenden Kastanien der Kindheit. Wolfgang Schreiber gratuliert dem Dirigenten Colin Davis zum Achtzigsten. Christian Welzbacher beschreibt, wie die Bundesstiftung Baukultur am Freitag in Potsdam nach sechsjähriger Vorlaufzeit das Licht der Welt erblickte.

Auf der Literaturseite resümiert Kai Wiegandt ein Symposion zur Übersetzungskultur im Literarischen Colloqium Berlin. Im Medienteil spricht Sat-1-Geschäftsführer Matthias Alberti über die Zukunft des Senders. Und Caspar Busse und Claudia Tieschky beschreiben, wie die Gratisblätter - nun die relativ anspruchsvolle .ch - den Schweizer Medienmarkt aufmischen.

Besprochen werden Nicolas Stemanns Iphigenie-Produktion in Hamburg, Sebastian Hartmanns "versaublödelte" Inszenierung von "Romeo und Julia" am Wiener Burgtheater, Tatjana Gürbacas Version von György Ligetis Oper "Le grand macabre", Andreas Homokis von "nimmermüdem Aktionismus" durchgeschüttelte Inszenierung von Strauß' "Feldermaus" an der Komischen Oper in Berlin, und Bücher, darunter Neues zu Glenn Gould sowie Hanns-Josef Ortheils Roman "Das Verlangen nach Liebe".