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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2007. Pardon, dass wir heute zu spät waren. Einer unserer Server war verschnupft und brauchte eine Vivisektion. Und hier die Feuilletons: Der Iran meint es ernst mit der Bombe, mahnt Andre Glucksmann in der Welt. Die taz meint: Zu sagen, dass Jugendliche mit islamischen Hintergrund homophob sind, ist nicht islamophob. In der FR erklärt Pierre Boulez, wie das Orchester der Zukunft aussieht. Die FAZ beobachtet Hans Magnus Enzensbergers Äußerungen über seine Rolle im Jahr 1968 teilnehmend. In der Zeit gibt Ingo Metzmacher Hans Pfitzner eine Chance. Die SZ zieht Lehren aus Andrzej Wajdas neuem Film "Katyn".

Welt, 27.09.2007

Die kriegerischen Absichten des Irans sind durchaus ernstzunehmen, meint im Forum Andre Glucksmann, der damit dem französischen Außenminister Bernard Kouchner zur Seite tritt: "Wenn das Risiko des Krieges besteht, gibt es keinen Grund, dies zu kaschieren... Die Vorstellung, die iranische Bombe könnte für den Weltfrieden ohne Folgen bleiben, ist die dümmste aller Selbsttäuschungen. Denn Saudi-Arabien, die Türkei und Ägypten werden sich schwerlich mit einer nuklearen Hegemonie des Iran in der Region abfinden. Vor Nebenwirkungen wird gewarnt! Im politischen Flickenteppich des Nahen Ostens, in dem alles mit allem verwoben ist, auf dem das Große Spiel um Gott und ums Öl gespielt wird, zeichnet sich ein nuklearer Bürgerkrieg ab - ob sich die Pfuscher von Teheran dessen bewusst sind oder nicht."

Im Feuilleton empfiehlt Marko Martin einige Bücher über Burma, darunter Amitav Ghoshs Roman "Glaspalast", George Orwells "Tage in Burma", ein Buch von Emma Larkins über Orwell in Burma und einen Gesprächsband mit Aung San Suu Kyi (auf Deutsch "Der Weg zur Freiheit", Lübbe). Manuel Brug gratuliert dem Bariton Franz Grundheber zum Siebzigsten. Jeannette Neustadt unterhält sich mit dem Autor Wilhelm Genazino, der nach dem Büchner- nun auch noch den Kleist-Preis erhält.

Auf der Filmseite geht's unter anderem um Neil Jordans Film "Die Fremde in Dir" mit Jodie Foster und um Nuri Bilge Ceylans Film "Jahreszeiten". Besprochen werden außerdem Norman Mailers Hitler-Roman "Das Schloss im Wald", die Ausstellungen der Biennale in Istanbul und James MacMillans Oper "The Sacrifice" in Cardiff.

Für die Magazinseite ergeht sich Hannes Stein im Vergnügungspark von Coney Island, den ein Investor demnächt in ein New Yorker Las Vegas umbauen will.

TAZ, 27.09.2007

Eine Studie hat herausgefunden, dass Jugendliche türkischer Herkunft in eklatantem Maße schwulenfeindlich sind. Darauf hinzuweisen, ist nicht islamophob, meint Jan Feddersen in tazzwei: "Wer diese inneren Verbindungen leugnet, will letztlich auch nichts von den Umständen wissen, denen Homosexuelle gerade in muslimisch geprägten Gemeinschaften ausgesetzt sind. Das Argument, man dürfe nichts gegen den Islam sagen, lebt ohnehin von der Unterstellung, dass auch das Christentum in Sachen Antihomosexualität seine Leichen im Keller habe. Richtig, möchte man sagen - aber die in Berlins Vierteln Neukölln und Wedding, in Hamburgs Billstadt oder in Köln-Mülheim gelebten Arten des Hasses auf Homosexuelle findet sich in altdeutsch (auch christlich) grundierten Milieus nur noch selten."

Im Kulturteil porträtiert Martin Kaluza den Musiker Burnt Friedman und stellt sein Album "First Night Forever" vor. Besprochen werden die Ausstellung "Six Feet Under" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Satoshi Kons Anime "Paprika" (2006), Nuri Bilge Ceylans Film "Jahreszeiten" (für Dietmar Kammerer "episodisch erzählte und präzise komponierte Stationen eines stillen Dramas um eine erloschene Liebe") und Rüdiger Safranskis Buch "Romantik. Eine deutsche Affäre" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Medienseite kommentiert "RAA" die Meldung, dass Springer wegen des Kartellverbots für die Übernahme von Pro 7 Sat 1 nun vor Gericht ziehen darf.

Und noch Tom.

FR, 27.09.2007

"Das ist das Orchester der Zukunft", erklärt Pierre Boulez im Gespräch mit Hans-Jürgen Linke über das Ensemble Modern Orchestra, mit dem er gerade Matthias Pintschers "Towards Osiris" einstudiert. "Kein fest umrissener Klangkörper, sondern ein Pool von Musikern, ein Netzwerk. Jeder spielt noch in anderen Gruppen, die sich auf Barockmusik konzentrieren oder auf die Romantik oder auf zeitgenössische Musik. Wenn man sie zum Beispiel zu einem großen Mahler-Projekt zusammen holte, würden sie zusammen etwas ganz Frisches machen. Die Individualisierung von Orchestermusikern finde ich sehr nötig. Spezialisierungen, wie sie so selbstverständlich geworden sind, sollte man eigentlich vermeiden, weil man der Musik damit immer einen Teil ihrer Geschichte nimmt.

Weiteres: In Times Mager sinniert Christian Schlüter über die Ablehnung von Günter Wallraffs Ansinnen, in einer Kölner Moschee Salman Rushdies "Satanische Verse" zu verlesen. Besprochen werden Fatih Akins neuer Film "Auf der anderen Seite", Neil Jordans Film "Die Fremde in dir" ("ein erzreaktionäres Plädoyer für die Lynchjustiz", gibt Daniel Kothenschulte verärgert zu Protokoll), Nicolas Stemanns Euripides-Goethe-Verschmelzung "Iphighenie" am Hamburger Thalia Theater, Andreas Homokis Inszenierung von Johann Strauss' Operette "Die Fledermaus" an der Berliner Komischen Oper und eine Ausstellung mit Albrecht Dürers Druckgrafik im Frankfurter Städel Museum.
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FAZ, 27.09.2007

Anders als gestern Volker Breidecker in der SZ (unsere Notiz) findet Henning Ritter Hans Magnus Enzensbergers Selbstbeschreibung, er sei nur "teilnehmender Beobachter" der Achtundsechziger gewesen, ziemlich zutreffend: "Manch eine aufrührerische Stelle in seinen Schriften der sechziger und siebziger Jahre ließe mühelos sich nachweisen. Aber dass Hans Magnus Enzensberger ein Außenseiter jener erregten Zeiten gewesen ist, misstrauisch beäugt von den Aktivisten, dass er nicht wirklich dazugehörte, kann von niemandem bestritten werden, der Zeuge jener Vorgänge war. Was ihn von der Linken vor allem trennte, war seine Wachsamkeit gegenüber den eigenen Worten. Er ließ sich nicht gehen, und das war damals unverzeihlich. Aber dass er nun, nach seinen distanzierten Worten über seine linke Vergangenheit, zu einem Renegaten der Studentenbewegung gestempelt werden könnte, ist nicht zu erwarten."

Weitere Artikel: In der Glosse preist Christian Geyer das herrlich unentfremdete Leben und Arbeiten der Feuilletonisten und Märchenerzähler, nicht aber der Theologen. Richard Kämmerlings annonciert den Vorabdruck von Henry Parlands Roman "Zerbrochen (über das Entwickeln von Veloxpapier)". Dirk Schümer berichtet über einen jetzt aufgetauchten, sehr frühen Text von Primo Levi über seine Zeit in nationalsozialistischer und faschistischer Haft. Lorenz Jäger war bei einer Frankfurter Lesung des offenbar nicht länger als Stasi-Spitzel verfemten Schriftstellers Sascha Anderson. Stephan Sahms Blick in bioethische Zeitschriften informiert über die aktuellen Debatten. Eleonore Büning fände bei der ganzen Wagnerei eine "Dreimäderlhaus"-Lösung am schönsten, "mit Eva, Katharina und Nike auf einem Intendantenthron". Mark Siemons schickt eine Reportage aus dem russischen Viertel Pekings.

Auf der Kinoseite schreibt Bert Rebhandl über die zur Ausstellung am DeutschenHistorischen Museum gehörende Karl-May-Filmreihe. Verena Lueken hat die Regie-Legende Arthur Penn ("Bonnie und Clyde") getroffen.

Besprochen werden die FrankfurterAusstellung mit den Fotografien von Taryn Simon, Nuri Bilge Ceylans Film "Iklimler- Jahreszeiten", dessen "Meisterschaft" Michael Althen nur bewundern kann, Konzerte des Cellisten Steven Isserlis beim Frankfurter"Auftakt"-Festival, diverse Inszenierungen zum Wiener Saisonauftakt, unter anderem mit Schnitzlers "Reigen" und Feridun Zaimoglus "SchwarzeJungfrauen" und Bücher, darunter Louis Auchincloss' Roman "East Side Story" und Higuchi Ichiyos Erzählungsband "In finsterer Nacht und andere Erzählungen" (mehr dazu in derBücherschauab 14 Uhr).

NZZ, 27.09.2007

Susanne Schanda porträtiert die zur Zeit in La Rochelle lebende libanesische Autorin Iman Humaidan-Junis, die sich Sorgen über einen neuen Bürgerkrieg macht und auch die Demokratiebewegung kritisiert: "Selbst die Führer der Zedern-Revolution haben nur die Interessen ihrer eigenen Gemeinschaften vertreten, sie sind Gefangene des zersplitterten politischen Systems und für eine Demokratie nicht bereit.

Weitere Artikel: Andrea Köhler berichtet jetzt auch über die Rede des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am Montag in der Columbia University. Joachim Güntner meldet, dass Günter Wallraff mit seinem Projekt, die "Satanischen Verse" in der Kölner Ditib-Moschee zu lesen, vorerst abgeblitzt ist, aber so leicht nicht aufgibt.

Besprochen werden Bücher, darunter die zizekologisch-lacanophile Studie "His Master's Voice - Eine Theorie der Stimme" von Mladen Dolar, besprochen von Hans Ulrich Gumbrecht, und Filme, darunter Neil Jordans Rachedrama "Die Fremde in dir" mit Jodie Foster und eine Schweizer Tell-Satire, die den Kritiker zu folgendem ersten Satz verleitet: "Natürlich ist 'Tell' von Mike Eschmann nicht nur schlecht. Er ist, zwischendurch, fast schon unglaublich schlecht, bar jeglichen Gefühls für filmische Inszenierung."

SZ, 27.09.2007

"Zwei Generationen lang hat sich kein polnischer Regisseur an das Thema herangetraut", schreibt Thomas Urban über Andrzej Wajdas neuen Film "Katyn". "Der Name des russischen Dorfes ist eine Chiffre, ein grelles Signalwort, es steht sowohl für die blutige Gewalt als auch für die dreistesten Lügen des untergegangenen Parteiregimes. Beides zusammen macht sein Gewicht aus. In Katyn wurden im Frühjahr 1940 mehr als 4000 polnische Offiziere vom sowjetischen Geheimdienst NKWD erschossen, das Verbrechen aber schrieb die kommunistische Propaganda den deutschen Besatzern zu.... Die Deutschen hat Katyn immer fasziniert, wegen des Lügengespinstes, das sie zu einer Art Opfer machte, zum Opfer falscher Beschuldigungen. Doch der Film spart die deutschen Täter nicht aus. Zu den ersten Szenen gehört die Verhaftung der Krakauer Professoren, die sich zur Eröffnung des neuen Semester versammelt haben, ein Zusammenprall primitiven SS-Ungeistes und Knobelbecher-Rabaukentums mit den Vertretern des Geistes, die als 'slawische Untermenschen' verspottet werden."

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck stellt Pläne zum Umbau des Münchner Marstalls zur Philharmonie vor. Der Dirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, macht sich in einem zweiten Artikel dafür stark, dass sie auch umgesetzt werden. Rainer Gansera und Fritz Göttler unterhalten sich mit Fatih Akin über seinen neuen Film "Auf der anderen Seite", Susan Vahabzadeh berichtet von Problemen, die dem französischen Regisseur Eric Rohmer die Tatsache bereitet, dass er seinen neuen Film "Les amours d"Astree et Celadon" nicht im Forez (in der Loire-Region) gedreht hat, weil er die Gegend zu verschandelt fand, und dies auch noch offiziell bekannt gab. Holger Liebs weiht uns in Details einer juristischen Posse zwischen dem Schweizer Künstler Christoph Büchel und dem Massachusetts Museum of Contemporary Art in North Adams, kurz Mass MoCA ein. Kia Vahland informiert, dass sich Italien mit dem Getty Museum in Los Angeles über die Rückgabe illegaler Raubgrabungen geeinigt hat.

"Ein guter Journalist ist ein Unzufriedener", schreibt Hans Leydendecker in seiner auf der Medienseite abgedruckten Laudatio auf den amerikanischen Journalisten und Preisträgers des von den Blättern für deutsche und internationale Politik vergebenen Demokratiepreises 2007, Seymour Hersh. Alle Reden der Preisverleihung, auch die von Seymour Hersh sind hier nachzulesen.

Besprochen werden Neil Jordans Vigilantenfilm "Die Fremde in dir" mit Jodie Foster (der für Fritz Göttler "zwischen Poesie und Verstörung" balanciert), Ulrike Frankes und Michael Loeken Film "Losers and Winners", Jan Bosses Inszenierung von Kleists "Amphytrion" im Berliner Maxim Gorki Theater (für Peter Laudenbach "gut aufgelegte, fröhlich gespielte Unterhaltung - um den Preis der gnadenlosen Banalisierung, Kleist auf Pisa-Niveau"), eine Freiluftausstellung mit 16 Kolossalbronzen des kolumbianischen Bildhauers Fernando Botero im Berliner Lustgarten, der Auftakt der Tour des Jazz-Musikers Lars Danielsson und Bücher, darunter Julia Francks neuer Roman "Die Mittagsfrau" und Leszek Kolakowskis dreißig Philosophenporträts "Was fragen uns die großen Philosophen?" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Zeit, 27.09.2007

Ingo Metzmacher eröffnet als neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin seine erste Saison mit einer Reihe von Konzerten, die die "deutsche Seele" erkunden sollen: Kurt Weill, Schumann, Liszt, Eisler, Beethoven, Mendelssohn, Henze. Den Anfang macht er mit Pfitzners Kantante "Von deutscher Seele". "Ich will dieser Musik eine Chance geben. Vielleicht ist das auch deshalb möglich, weil ich völlig unverdächtig bin, in einer rechten politischen Ecke zu stehen. Die Kantate berichtet von deutscher Seele, sie ist eigentlich ein Liederzyklus, aber geschrieben für vier Sänger, großen Chor und Orchester. Ich kenne kein anderes Stück in dieser Art."

Im Aufmacher graust sich der Bamberger Soziologieprofessor Richard Münch vor einem neuen "akademischen Kapitalismus", der Universitäten in Unternehmen verwandeln wolle. "Die letzte Stufe dieser nach rückwärts gerichteten Evolution wird man dann erreicht haben, wenn es der Neurowissenschaft gelungen ist, die Gehirne der Forscher und Lehrer so zu kontrollieren, dass sie genau jene Kennziffern erfüllen, die nach zentralverwaltungswirtschaflichem Plan gewünscht werden."

Weitere Artikel: Die Handschrift von Beethovens Diabelli-Variationen steht zum Verkauf. Etwa 4 bis 6 Millionen Euro soll sie kosten, ein echtes Schnäppchen, meint Carsten Fastner. Dem Beethoven-Haus fehlen noch knapp 2 Millionen: Spenden können Sie hier. In der Leitglosse trauert Jens Jessen um Frakturschrift und bilderlose Seite 1 der FAZ, die beide nach der Kapitulation im Rechtschreibstreit nun auch noch aufgegeben werden sollen: "Die Normalisierung, von der die neue Titelseite der FAZ kündet, ist eine Normalisierung nach unten". Harald Schmidt spricht im Interview über seine Inszenierung von "Elvis lebt. Und Harald Schmidt kann es beweisen", über Schäuble und Schily und über Provokationskünstler aus behütetem Elternhaus: "Man hat ein klares Wertesystem im Hintergrund, das man ein bisschen aufwirbelt. Man planscht in der Badewanne, bis das Wasser überschwappt, aber man zündet nicht das Haus an." Felix Mauser schreibt zum Tod von Marcel Marceau. Claus Spahn mokiert sich über die Turtelei von Katharina Wagner und Christian Thielemann, die in einem Interview mit der FAZ ihre gemeinsame Bewerbung für Bayreuth verkündet haben.

Besprochen werden das Projekt "Endstation Stammheim" in Stuttgart, Jurek Beckers "Jakob der Lügner" als Hörbuch, die Baselitz-Retrospektive in der Royal Academy in London, Fatih Akins neuer Film "Auf der anderen Seite", Neil Jordans Film "Die Fremde in dir" und eine Ausstellung zu Robert Blum im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig.

Im Literaturteil bespricht Volker Ullrich ein Buch über die Kriegsverbrechen der USA in Vietnam, Bernd Greiners "Krieg ohne Fronten". Das Dossier widmet sich dem russischen Macho-Mann. (Na, Gott sei Dank haben wir ja noch die deutsche Seele!) Im ersten Buch ist die gekürzte Dankesrede von Seymour Hersh zur Verleihung des Demokratiepreises abgedruckt, hier ist sie ganz zu lesen.