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Heute in den Feuilletons

Dem weiblichen Körper nachgebaut

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2008. Die Olympischen Spiele gehören den Sportlern, nicht der Politik: so lauten heute und so lauteten 1936 die Argumente gegen einen Boykott, hat die Welt herausgefunden. Die SZ bringt eine Abrechnung mit der "Feministin-und-trotzdem-geil-Fraktion". In der FR erklärt Mario Calabresi, Sohn des von Terroristen ermordeten Luigi Calabresi, warum er ein Buch über das Leben im Schatten des Terrorismus geschrieben hat. Alle schreiben über Jelinek, die über Amstetten schreibt. Und die Schriftleitung der FAZ gibt bekannt, dass der Reading Room ab sofort in Lesesaal umbenannt wird.

FR, 08.05.2008

Arno Widmann unterhält sich mit dem Sohn des von Terroristen ermordeten Polizisten Luigi Calabresi. Mario Calabresi hat ein in Italien sehr erfolgreiches Buch über das Leben im Schatten dieses Mordes geschrieben. Seine Intention: "Der Terrorismus wird aus der Perspektive der Täter betrachtet. Immer wieder, in allen Facetten. Die Opfer, die Hinterbliebenen kommen nicht vor. Die Motive der Täter werden analysiert, sie werden abgewogen und hin und her gewendet. Die Getöteten werden als eine graue Masse behandelt."

Daniel Kothenschulte resümiert die Kurzfilmtage in Oberhausen. Rudolf Walther schreibt über den Streik und die Kündigungen bei Le Monde. In times mager schreibt Hans-Jürgen Linke über das Verschwinden der Mittelschicht.

Welt, 08.05.2008

Die Argumente, mit denen unsere lieben Olympiafunktionäre Boykott und Kritik an ausrichtenden Nationen abtun, bleiben immer gleich, hat Uwe Schmitt bei einer Ausstellung über die "Nazi Olympics" von 1936 im Washingtoner Holocaust-Museum herausgefunden. Der Chef des Olympischen Komitees, Avery Brundage, sagte damals, die Spiele "gehörten den Athleten, nicht der Politik" (auch wenn die Nazis jüdische Sportler aus ihrer Mannschaft ausschlossen). Alles lief nach Plan: "Die New York Times befand am Ende der Spiele 1936, die Deutschen seien menschlicher geworden und in den Schoß der Nationen zurückgekehrt. Noch im Juni 1939, nach dem Überfall auf die Tschechen und nach der 'Reichskristallnacht', wurden die Winterspiele nach Garmisch-Partenkirchen vergeben."

Im Feuilleton feiert Manuel Brug Puccinis "Boheme" mit Anna Netrebko und Rolando Villazon als CD des Jahres. Michael Pilz hat einen Thriller über die Popindustrie von John Niven gelesen, "Kill Your Friends". Sven Felix Kellerhoff kritisiert die Äußerung eines Funktionärs der Bundeszentrale für politische Bildung, Hans-Georg Golz, gegen eine kritische Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf". Holger Kreitling gratuliert dem Comiczeichner Moebius zum Siebzigsten.

Auf der Kinoseite wird unter anderem der Film "Ben X" besprochen. Und Hendrik Werner freut sich auf den neuen "Indiana Jones", der demnächst startet.

NZZ, 08.05.2008

Elfriede Jelineks Roman "Neid" kann man sich kostenlos im Internet ausdrucken, aber lohnt sich die Lektüre? Paul Jandl lässt einen zweifeln. "Ist es eine ironische Warnung, wenn Elfriede Jelinek ihr äußerst gesprächiges Internet-Werk eine 'Blogwurst' nennt? Es hat einen Anfang und einen Schluss, aber es könnte ewig weitergehen in seinem Sound aus tagesaktuellem Sarkasmus und Seelenbeichte. Der Abschied der österreichischen Schriftstellerin vom gedruckten Buch ist ein melancholischer."

Besprochen werden eine Aufführung von Messiaens Turangalila-Sinfonie mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, eine Ausstellung deutscher Meisterzeichnungen im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Claude Chabrols Film "La fille coupee en deux", Terry Georges Filmdrama "Reservation Road" und Bücher, darunter eine Studie über "Thomas Manns Idee einer deutschen Kultur" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Zeit, 08.05.2008

Der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton denkt über religiösen Fundamentalismus und Zweckrationalität der liberalen Gesellschaft nach und stößt dabei auf das Dilemma der westlichen Kultur: "Die Idee der Kultur drängte sich im 19. Jahrhundert in den Vordergrund. Einer dieser Gründe bestand im Versuch, Ersatz für eine Religion zu finden, deren Kräfte im Schwinden begriffen waren. Oberflächlich betrachtet, schien dieser Gedanke durchaus plausibel. Sowohl in der Religion als auch in der Kultur ging es um absolute Werte, Grundprinzipien, rituelle Praktiken, organische Enheit, symbolisches Handeln und die Verschmelzung von Geistigem und Sinnlichem. Trotzdem vermochte es die Kultur nie, in die Fußstapfen der Religion zu treten."

Vor fünf Jahren hat Hanno Rauterberg eine Ausstellung des höchst angesagten belgischen Malers Luc Tuymans verrissen: alles beliebig und in der politischen Aussage wischiwaschi und so. Jetzt hat Tuymans eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst und Rauterberg versucht im Interview, ihm auf den Zahn zu fühlen. Seine Bilder seien ihm gar nicht egal, behauptet Tuymans: "Oft kann ich mich sogar richtig für die Details begeistern, sehen Sie, hier zum Beispiel, bei diesem Bild von Papst Benedikt mit dem Jesuitenoberen Kolvenbach (Bild 3). Da hat mich die Brille fasziniert, ich male überhaupt gerne Brillen."

Weitere Artikel: Jürgen Flimm erinnert sich an weniger erfreuliche Momente mit Gudrun und Wolfgang Wagner ("Sie haben immer wieder versucht, ihre Sicht auf die Stücke des Opas durchzusetzen"). Susanne Messmer porträtiert die chinesische Ethnopopsängerin Sa DingDing als harmlose und "verletzliche Porzellanfee mit großen, staunenden Mandelaugen, kohlrabenschwarzem Haar und schneeweißem Kleid (...) Und doch hat es etwas zu bedeuten, dass nicht alle Aufmerksamkeit im Land mehr den Han-Chinesen gehört". (Hier ein Video bei youtube.) Die Platte, die Wolfram Goertz' Leben veränderte, ist eine Aufnahme von Beethovens "Eroica" mit den Wiener Philharmonikern unter Hermann Scherchen (hier ein älterer Text von Goertz zu der Aufnahme). Mirko Weber blickt traurig auf die "Delikatessenkultur" der einstmals revolutionären Münchner Biennale für neues Musiktheater. Jens Jessen philosophiert in der Leitglosse über die Times-Liste der 100 einflussreichsten Leute der Welt. Volker Ullrich schreibt zum Tod von Philipp von Boeselager. Konrad Heidkamp schreibt zum Tod des Jazzklarinettisten Jimmy Giuffre. In einer doppelseitigen Anzeige würdigt die deutsche Industrie ihre Kulturförderung.

Besprochen werden Rocko Schamonis und Heinz Strunks Inszenierung von "Dorfpunks" im Hamburger Schauspielhaus (von Peter Kümmel mit einer Selbstironie besprochen, die dem deutschen Feuilleton sonst eher abgeht), Camilles CD "Music Hole", Gus van Sants Film "Paranoid Park" (den Andreas Busche nachdrücklich empfiehlt) und ein Satz sehr aktueller Musiken von "Notwist".

Im Literaturteil erzählt Siegfried Lenz, worum es in seiner Novelle "Schweigeminute" geht: "Ich stellte mir vor: Wie ist es, wenn du dich in eine Lehrerin so folgenreich verliebst? Was geschieht dann? In der Schule, im Alltag?" Besprochen werden unter anderem Harald Welzers Buch "Klimakriege" und Johannes Wilms' Biografie über Napoleon IIII. (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 08.05.2008

Dirk Knipphals wirft einen Blick in die Herbstprogramme der Verlage und ist enttäuscht: Wieder kein neues Werk von Rainald Goetz. Claudia Lenssen berichtet von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Besprochen werden "Speed Racer", der neue Film der Wachowski-Brüder, der Horrorfilm "[Rec]" von Jaume Balaguero und Paco Plaza, eine Werkschau der Künstler Bernhard und Anna Blume ihre Werkschau im Hamburger Bahnhof in Berlin, K.D. Langs CD "Watershed" (für Leute von "handverlesener Weltgesittung", schreibt Jan Feddersen), eine DVD mit Carlos Reygadas' Film "Stellet Licht".

Und Tom.

SZ, 08.05.2008

Burkhard Müller hat Elfriede Jelineks Text zu Amstetten auf ihrer Homepage gelesen und meint dazu: "Der Fall Amstetten muss ihr vom ersten Augenblick nicht nur als möglich, sondern geradezu als notwendig erschienen sein."

Der Text heißt "Im Verlassenen" und ist unzitierbar: "Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden", steht auf der Homepage. Uns interessiert aber die Passage über die Architektur des Amstettener Verlieses: "Die Aufführung dieses Großvater-Gottvaters, der ein Idyll errichtet hatte, das er kunstlos dem weiblichen Körper nachgebaut hat, mit vielen Nischen und Gängen, man kann nicht von überall überall hineinsehen, es ist keine Kunst, etwas als weiblichen Körper zu benutzen, auch wenn man keinen hat, es gibt aufblasbare Sexpuppen, ausgehöhlte Äpfel, Tiere, etc., aber es ist schon eine Kunst, Räume nach dem Muster der Frau zu bauen und mit hübschen Mustern zu schmücken, einen Tempel, nur aufgebaut für die Gier des Vaters." Jelinek beschreibt eine Architektur der Angst. Als nächstes wünschen wir uns jetzt einen Text von Gregor Schneider. Hier Jelineks ganzer Text.

Die Journalistin Barbara Gärtner ist nicht gerade gut zu sprechen auf den Neofeminismus der "Feministin-und-trotzdem-geil-Fraktion" in Büchern wie "Neue deutsche Mädchen" und "Alphamädchen": "Unwahrscheinlich, dass aus diesem florierenden Mädchenfeminismus eine ausgewachsene Frauenbewegung wird. Denn diese Zeitgeistmädchen wollen vor allem eins: sexy bleiben. Deshalb sind sie frech aber nicht fordernd, stets dabei statt dagegen, und der Feminismus, den sie sich zurechtzimmern wie eine schicke Yogavariante, macht gelenkig und leistungsfähig."

Weitere Artikel: Jens Bisky war dabei, als der Kurator Aaron Betsky seine Pläne für die kommende Architekturbiennale in Venedig vorstellte. Alex Rühle meldet, dass die deutsche Wikipedia ihre Artikel jetzt von Experten prüfen lassen will. Karl Siegbert Rehberg gratuliert dem Soziologen M. Rainer Lepsius zum Achtzigsten. Auf der Filmseite resümiert Hans Schifferle die Kurzfilmtage von Oberhausen. Besprochen wird unter anderem Alexander Riedels Dokumentarfilm "Draußen bleiben", der mit seinen Porträts von Jugendlichen den Kritiker Rainer Gansera begeistert. In einer Meldung wird ein möglicher neuer Streik in Hollywood annonciert.

Auf der Literaturseite geht's um Anka Muhlsteins Buch über Napoleon in Moskau ("Das Herz des Buches sind die vier Wochen, die Napoleon vom 14. September bis zum 19. Oktober 1812 mit seiner auf kaum 100.000 Mann zusammengeschmolzenen Armee in Moskau verbrachte. Sie bieten ein grausiges Bild von der Menschennatur im Ausnahmezustand", erzählt Gustav Seibt). Christoph Haas interviewt den Comicautor Jean Giraud alias Moebius, der in diesen Tagen siebzig Jahre alt wird . Und Henning Klüver meldet, dass die Buchmesse Turin trotz der Boykottforderungen von Gegnern des Israel-Schwerpunkts (zu denen auch der Philosoph Gianni Vattimo gehört) heute eröffnet wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Kafkas Welt" im Münchner Literaturhaus, die Ausstellung "Parrworld" mit Fotografien Martin Parrs im Münchner Haus der Kunst und Rafael Spregelburds Stück "Die Sturheit" am Schauspiel Frankfurt.

Auf der Medienseite redet Christopher Keil mit Gruner + Jahr-Chef Bernd Kundrun über die Geschäftsführerkrise beim Spiegel.

FAZ, 08.05.2008

Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa hat sich (zuerst für spanischsprachige Zeitungen, hier das Original) das Washingtoner Nachrichtenmuseum "Newseum" angesehen und ist beeindruckt. Ein wichtiger Aspekt freilich bleibt, wie er findet, unterbelichtet: "Zu wenig Beachtung schenkt das Museum allerdings dem Phänomen der Yellow Press und des Sensationsjournalismus, die heute das Krebsgeschwür der Presse bilden, vor allem in offenen Gesellschaften. Gewiss, ein paar Schaukästen sind jenen Zeitungen und Illustrierten, Radio- und Fernsehsendern gewidmet, die einen degenerierten Journalismus dieser Art pflegen - eine wahre Pest, die heute die Nachrichten verseucht, in das Privatleben eindringt, gegen Persönlichkeitsrechte verstößt, die niedrigsten Instinkte ausbeutet und das Leben zu bloßen Klatschgeschichten trivialisiert. Doch das Newseum stellt diese Erscheinungen als etwas Pittoreskes und Marginales dar und nicht, wie es eigentlich geschehen müsste, als zentrale Tatsache der modernen journalistischen Realität."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erinnert sich, wie er sich als Kind der deutschen Sprache und die deutsche Sprache sich seiner bemächtigte. In der Glosse singt Gerhard Stadelmaier eine Hymne auf seinen Aprikosenbaum, der als Krüppel kam und heute strahlend in Blüte steht. Wie die Vernunft keine Triumphe, aber doch kleine Siege feiern kann, zeigt, freut sich Konrad Schuller, der von den Bibliotheken in Berlin und Krakau gemeinsam erarbeitete "Autographa"-Katalog zur in Krakau befindlichen Berlinka-Sammlung, über deren Verbleib zwischen Deutschland und Polen politisch und juristisch nach wie vor keine Einigkeit herzustellen ist. Andreas Kilb war bei der Berliner Feier zum Abschluss des zehnbändigen Geschichtswerks "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg". In Mark Siemons' China-Lexikon geht es heute um Stichworte von "L wie Lhasa" bis "N wie Nation". Jürgen Kaube gratuliert dem Soziologen Mario Rainer Lepsius zum Achtzigsten, Andreas Platthaus dem großen Comic-Künstler Jean Giraud bzw. Moebius zum Siebzigsten.

Auf der Kinoseite berichtet Andreas Rossmann von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Von Dirk Schümer ist zu erfahren, dass der neue, postfaschistische Bürgermeister Roms dem jungen Filmfestival der Hauptstadt womöglich wieder den Garaus machen wird - er hat die falschen Gründe, findet Schümer, aber es wäre die richtige Entscheidung. Rüdiger Suchsland klärt darüber auf, was bei den "3. Arabisch-Iranischen Filmtagen" in Berlin so zu sehen war.

Besprochen werden die Wiener Ausstellung "Joseph Roth im Exil in Paris 1933 bis 1939", Andreas Kleinerts Film "Freischwimmer" und Bücher, darunter Eric-Emmanuel Schmitts Roman "Adolf H. - Zwei Leben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Gemeldet wird, dass nach der Einsendung von "Mein Herz gehört Deutschland"-Aufklebern und sonstigem Widerstand gegen fatal anglicisms der Internet-"Reading Room" der FAZ hinfort unter dem Namen "Lesesaal" firmiert. Und hier noch mal die AGB, falls Sie sich an der Debatte im Reading Room beteiligen wollen: "Wenn Nutzer Inhalte zur Veröffentlichung an uns übermitteln, gewährt der Nutzer uns das unentgeltliche, zeitlich und örtlich unbegrenzte und nicht ausschließliche Recht, diese Inhalte ganz oder teilweise zu nutzen, zu vervielfältigen, anzupassen, zu veröffentlichen, zu übersetzen, zu modifizieren, zu bearbeiten, zu verbreiten, aufzuführen, darzustellen, Dritten einfache Nutzungsrechte an diesen Inhalten einzuräumen sowie die Inhalte in andere Werke und/oder Medien zu übernehmen."