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Heute in den Feuilletons

Zunehmend feindseliger

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2008. Deutsches Kino in Venedig: Laut Welt weist Christian Petzold in seinem neuen Film "Jerichow" nach, dass man "Ossessione" auch in die Prignitz verlegen kann. In der NZZ bestreitet der Philosoph Otfried Höffe jede Rechtsgrundlage für die Sezession Südossetiens und Abchasiens. In der taz staunt Michail Ryklin über die Tücken der Georgien-Diskussion. Und in der FAZ fragt Michael Krüger: Macht das Kindle aus unserer Welt eine elektronische Hölle? Laut Berliner Zeitung schmolz die Postmoderne in den Tränen von Ulrich Matthes.

Welt, 29.08.2008

Als "Neorealismus mit den Mitteln der Berliner Schule" beschreibt Peter Zander Christian Petzolds in Venedig gezeigten Film "Jerichow", ein in die Prignitz verlegtes Remake von Viscontis "Ossessione": "Wem Petzolds letzte Filme 'Yella' und 'Gespenster' zu konstruiert, zu verkopft und kunstgewerblich waren, wird ihn hier völlig neu entdecken. In 'Jerichow' zeigt er diesmal nur. Sehr schlicht, mit nur wenigen Dialogen, lässt er Bilder und Schauspieler ganz für sich sprechen und baut so eine ungewöhnlich intensive Spannung auf."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek berichtet, dass sich das Berliner Filmmuseum die von ihm auf Dauer geliehene gigantische Fantasy-Sammlung von Regisseur Peter Jackson hat abkaufen lassen. In der Randspalte lässt Manuel Brug seine besten Salzburger Momente Revue passieren, sein ultimativer Höhepunkt: zwei Stunden hinter Joan Collins. Brug war auch bei Wolfgang Wagners Abschied vom grünen Hügel. Eckhard Fuhr schreibt zum 200. Geburtstag des Begründers des deutschen Genossenschaftswesens, Hermann Schulze Delitzsch. Uta Baier stellt in der "Neue Museumslust" den Kunsthändler Rik Reinking vor, der mit seiner Aktiengesellschaft "Kunst kauft, ausstellt, verleast und später wieder verkauft". Baier gratuliert außerdem Hermann Nitsch zum Siebzigsten. Kathrin Davison berichtet vom hochkarätig besetzten "Trilog" zur Lage der Welt in Salzburg. Hannes Stein besucht im New Yorker Museum of Natural History eine Ausstellung über die Domestizierung von Pferden.

Berliner Zeitung, 29.08.2008

Ulrich Matthes hat als Onkel Wanja geweint. Und die Frage war dabei, ob Ulrich Matthes geweint hat oder Onkel Wanja. Damit ist für Dirk Pilz das Ende der Postmoderne im Theater eingeläutet: "Erstaunlich eigentlich, hat sich doch gerade das Theater in den 90er-Jahren gierig des postmodernen Katechismus angenommen, der Konzepte wie Seele, Selbst oder eben Glaubwürdigkeit schlichtweg für metaphysischen Mumpitz hält. Dass sie dennoch fröhlich Urständ feiern, hat nicht nur mit den wackligen Theoriefundamenten postmoderner Konstrukte zu tun, sondern mit einer wachsenden Sucht und Suche nach dem Echten, Wahren, Unverbrüchlichen." Oder dem Schönen Wahren Guten?

Mehr Aufsässigkeit und Rebellion bei der Jugend hat sich Jens Jessen in der jüngsten Zeit gewünscht. Bloß nicht, denkt Harald Jähner: "Nun, wer Aufsässigkeit vermisst, der besuche mal einen rechtsradikalen Jugendtreff. Die Aufsässigkeit fällt leider nie so aus, wie die Älteren sich das wünschen. Aufsässigkeit sucht nach echter Anstößigkeit, nach Widerwillen im Gemüt des Establishments. Das wird man mit einer Initiative für mehr Gerechtigkeit derzeit nicht erzielen können."

NZZ, 29.08.2008

Den Versuch, die Unabhängigkeitserklärung von Abchasien und Südossetien rechtsphilosophisch einzuholen, unternimmt der Philosoph Otfried Höffe. Sezession sei "Ultima Ratio einer kollektiven Selbstverteidigung" und deshalb an strenge Kriterien gebunden, die er im aktuellen Fall aber nicht erfüllt sieht: "Auch wenn der georgische Ministerpräsident an der Entwicklung nicht unschuldig ist, können die abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien nicht beanspruchen, die friedlichen Mittel zugunsten ihrer inneren Selbstbestimmung voll ausgeschöpft zu haben. Und wenn es Russland tatsächlich auf den Minderheitenschutz ankäme, hätte es sich wegen seiner zahlreichen Nationalitätenkonflikte im eigenen Land auch in Georgien für eine am Ende friedliche und schiedliche Lösung einsetzen müssen."

Weitere Artikel: Sieglinde Geisel besichtigt eine Ausstellung mit Grabmalereien aus Paestum im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die Rekonstruktionspläne für die Frankfurter Altstadt schildert Jürgen Tietz, und Georg-Friedrich Kühn hört beim Musikfest Weimar die Uraufführung von Olga Neuwirths neuem Werk "Kloing!...".

Auf der Medienseite schreibt Marc Zitzmann über die Pläne Nicolas Sarkozys, das öffentliche Fernsehen werbefrei zu machen - einst ein urlinker Traum: "Kritiker werfen Sarkozy eine Mischung aus Brutalität, Zynismus und mangelndem Sachverstand vor... Aus ideologischen Gründen werde France Televisions ohne valable Finanzierungsalternative ein Drittel seines Budgets entzogen. Die Privatsender dagegen dürfen sich ein Zusatzstück vom Werbekuchen teilen: Die Mehreinnahmen werden schon ab 2009 auf 175 Millionen Euro für TF 1 und auf 70 Millionen Euro für M 6 geschätzt. Das trifft sich insofern gut, als beide Sender unter sinkenden Einschaltquoten und Werbeeinnahmen leiden. Sie gehören wie viele andere private Medienunternehmen Busenfreunden des Präsidenten."

Besprochen werden "Blutspuren", der erste Comic-Roman von Rutu Modan, und Margo Jeffersons Essay "Über Michael Jackson" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 29.08.2008

Mit seinem neuesten Film "Jerichow", der gestern in Venedig gezeigt wurde, hat der Berliner Regisseur Christian Petzold den wohl "elegantesten und geschmeidigsten" seiner Karriere gedreht, meint Daniel Kothenschulte. Doch er sieht auch Schwächen: "Der Fatalismus dieser Geschichte ist ein Zirkelschluss. Die drei Figuren sind Funktionsträger, sie existieren nur als Repräsentanten der ihnen zugewiesenen Rollen. Sie könnten gar nicht anders handeln, weil sie die literarische Erfindung auf einige wenige Eigenschaften verkürzt. Anders als die in Bezug auf die Abhängigkeitsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft vieldeutige Parabel, in der sie agieren, fehlt ihnen jeder Deutungs-Überschuss."

Weitere Artikel: Hans-Jürgen Linke und Arno Widmann sprechen mit Michael Hocks, dem Intendanten der Alten Oper Frankfurt, über Abonnentenzahlen, Schülerkonzerte und Jazz. Guido Fischer berichtet wie Köln postum den 80. Geburtstag des Komponisten Karlheinz Stockhausen feiert. In Times mager räumt Judith von Sternburg alle Zweifel an der "Kompetenz, Belastbarkeit und Führungsfähigkeit" von Frauen aus dem Weg. Auf der Medienseite schreibt Tilmann P. Gangloff zum 10-jährigen Bestehen des SWR.

Besprochen werden eine Ausstellung über Politische Fotomontagen im Kölner Museum Ludwig und Bücher, darunter Uwe Timms Roman "Halbschatten" (mehr ab 14 Uhr in der Bücherschau des Tages).

TAZ, 29.08.2008

Der russsische Philosoph Michail Ryklin erlebt in Moskau und in Berlin zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen auf den Georgien-Konflikt. Das macht ihm Sorgen, wie er auf der Meinungsseite bekennt. "Hier wird deutlich, dass es keinen einzigen Berührungspunkt zwischen diesen Narrationen gibt, ein Dialog zwischen den Anhängern dieser unterschiedlichen Erzählungen nicht möglich ist. Jede ist in sich schlüssig, gerät jedoch ins Wanken, wenn sie mit der konkurrierenden zusammenprallt. In der Folge wird sich die öffentliche Meinung in Russland noch weiter von der öffentlichen Meinung im Westen entfremden, wird die Atmosphäre zunehmend feindseliger."

Beim Festival "Tanz im August" tanzt dieses Jahr das Volk. Katrin Bettina Müller erfreut sich daran. "Seit zwanzig Jahren nun renne ich zu diesem Festival, aber eine solch bestechend einfache Definition von Tanz hör ich zum ersten Mal: 'Das Tanzen ist wie die Knödel drehen', sagt eine füllige Bäuerin und rollt Luft zwischen ihren Händen, 'immer rum und rum und rum'. Dann schnappt sie sich ihren Mann und führt, hoch oben in den Bergen vor der Kulisse der Tiroler Alpen, vor, wie das Rum und Rum geht."

Das restliche Feuilleton rezensiert: Cristina Nord weilt in Venedig und guckt Christian Petzolds Film "Jerichow". Tobias Rapp stellt seine drei Lieblingsblogs zur Clubmusik vor. Und Ines Kappert analysiert James C. Strouses Erstling "Grace is Gone".

Rainer Eppelmann, Leiter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Mitglied des Ehrenrats der Berliner Zeitung, der die Stasi-Vergangenheit der Redakteure durchleuchtet, erwartet im Gespräch mit Klaus Raab im Medienteil, dass noch einige Medien wie zum Beispiel der MDR einige Stasi-Leichen im Keller haben. Christian Jakob und Friedrich Schorb beschreiben auf den Tagesthemenseiten, wie drei Jahre nach dem Hurrikan Katrina ein New Orleans ohne Platz für Arme entsteht.

Und Tom.

SZ, 29.08.2008

Wozu brauchen wir die Limbach-Kommission, wenn deutsche Museen sich einer Zusammenarbeit bei der Aufklärung von Raubkunst-Fällen verweigern, fragt Stefan Koldehoff: "Es ist deshalb an der Zeit, die Limbach-Kommission entweder gründlich zu reformieren - oder sie aufzulösen, weil sie von Anfang an falsch konstruiert wurde. Es war ein Fehler, auf die freiwillige Bereitschaft der Museen bei der Aufarbeitung der NS-Raubkunst-Thematik zu setzen. Zehn Jahre nach der Washingtoner Konferenz liegt Deutschland auf diesem Gebiet weit hinter zahlreichen anderen Ländern zurück, die nicht gestohlen haben, sondern bestohlen wurden. Deutsche Museen profitieren auf diese Weise bis heute von der Ausplünderung jüdischer Sammlungen durch die Nationalsozialisten."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh sah in Cannes Filme von Christian Petzold und Takeshi Kitano. In Havanna wurde der "Punkrocker und Castro-Hasser" Gorki Aguila während der Arbeit an seinem neuen Album wegen "sozialer Gefährlichkeit" verhaftet, meldet Sebastian Schoepp. Ingo Petz berichtet über die Modernisierung des Puschkin-Museums im Moskau durch Norman Foster. Lars Weisbrod beklagt die Einfallslosigkeit, mit der Einbände von Schulbüchern gestaltet werden. Claus Heinrich Meyer schreibt zum Achtzigsten des Fotografenen Stefan Moses, Gottfried Knapp zum Siebzigsten des Aktionskünstlers Hermann Nitsch, Jonathan Fischer zum Fünfzigsten von Michael Jackson. Joachim Kaiser schreibt zum Tod des SZ-Mitarbeiters Werner Burkhardt.

Besprochen werden Konzerte mit Abbado und Boulez beim Lucerne Festival, James C. Strouses Film "Grace is Gone" und Bücher, darunter Wlodzimierz Odojewskis Erzählungsband "Als der Zirkus kam" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 29.08.2008

Hubert Spiegel hat Stimmen gesammelt eher Pro (Orhan Pamuk) und eher Contra die neuen e-books a la Amazons Kindle. Apart verbindet Hanser-Verleger Michael Krüger radikalen Kulturpessimismus mit nicht minder radikalem Pragmatismus. Spiegel zitiert ihn mit den folgenden Worten: Wenn das Buch "sich jetzt in einen multifunktionalen Speicher verwandeln soll, dann entspricht das dem Lauf der Zeit, der aus unserer Zivilisation eine elektronische Hölle machen will. Also muss man widerstehen. Aber da diese Dinge nicht aus der Welt zu schaffen sind und geistiges Eigentum sich sowieso verflüchtigt in den elektronischen Netzen, werden wir natürlich unsere Rechte lizenzieren."

Normalerweise machen Zeitungen ja nicht so viel Aufhebens davon, wenn jemand eine Gegendarstellung gegen sie nicht durchkriegt, aber den Perlentaucher hat die FAZ halt besonders gern. Heute meldet sie auf der Medienseite "in Sachen Perlentaucher" ganz groß, dass Olaf Sundermeyers Artikel "Die Gedanken der anderen" vom 28. Juni letzten Jahres laut Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt in keinem Punkt justiziabel ist. In der von der FAZ zitierten Urteilsbegründung (uns liegt sie noch nicht vor) steht unter anderem: "Dass Herr Chervel keine eigenen Rezensionen veröffentlicht hat, ist unstreitig wahr und kann damit nicht zum Gegenstand einer Gegendarstellung gemacht werden." Wir würden sagen: Das mag rechtskräftig sein, aber es ist unstreitig falsch. Chervel hatte schon lange lange Zeit vor Sundermeyers Artikel eigene Rezensionen verfasst, und zwar sowohl im Perlentaucher - zum Beispiel zu Berlinale-Filmen von Tavernier, Christopher Roth, Miike Takashi und Eisenstein, aber auch Artikel etwa zum Ende der Berliner Seiten der FAZ oder das deutsche Feuilleton aus der Perspektive des Internets - als auch, in einem früheren Leben, in der FAZ und der SZ. Mehr zu Sundermeyers Artikel hier.

Weitere Artikel: In Venedig hat Michael Althen staunend "Shirin", den neuen Film von Abbas Kiarostami gesehen, in dem man nur die Gesichter von Frauen sieht, die im Kino sitzen, und Christian Petzolds "Jerichow", der den Wettbewerb eröffnete: "wenn man Generationen später wissen will, wie es in diesem Land aussah, was die Menschen gemacht und wie sie gefühlt haben, dann wird man es hier finden." Monika Maron vermisst im Abschlussband von Hans-Ulrich Wehlers deutscher Gesellschaftsgeschichte jeden Einblick in das "geistige und emotionale Innenleben der DDR". In der Glosse klagt Julia Voss, Bezug nehmend auf von Fotografen in der Zeitschrift Monopol geäußerte Kritik, dass der Selbstverehrer und Fotografieverächter Markus Lüpertz besser schon längst seinen Posten als Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie geräumt hätte - er tut das erst im nächsten Jahr. Im Gespräch erläutert Claus Leggewie, seit einem Jahr Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, dass sich das Ruhrgebiet als Ort der "Klimakultur" beweisen könne. Auf welche Widerstände die Rekonstruktion von Teilen der Frankfurter Altstadt trifft, weiß Dieter Bartetzko. Gerhard Rohde porträtiert den Neue-Musik-Enthusiasten Klaus Lauer, der nach dem Ende der von ihm gegründeten Römerbad-Musiktage die Leitung des Alpenklassik-Festivals in Bad Reichenhall übernommen hat. Gina Thomas erklärt, dass die schottische und die englische Nationalgalerie dringend 100 Millionen Pfund auftreiben müssen, um nicht zwei Tizians (diesen und jenen) und manch Schmuckstück mehr zu verlieren. Patrick Bahners gratuliert dem Fotografen Stefan Moses zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Aufführung von Bernardo Pasquinis Heiligenoper "Sant' Agnese" bei den Innsbrucker Festwochen und Bücher, darunter Marc Buhls Roman "Drei sieben fünf" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).