Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

In Spanien im Straßengraben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.03.2009. In verschiedenen Zeitungen wird ein Aufruf annonciert, der gegen die Enteignung von Autoren und Verlegern durch Google und Open Access plädiert. Die SZ fragt, was Jammer-Wessis wie Maxim Biller noch mit diesem Achtziger-Jahre-Individualismus wollen. Die Welt wandelt über den Platz des Himmlischen Friedens und stellt fest, dass die chinesische Jugend nichts über die Geschehnisse vor 20 Jahren weiß. Der Tagesspiegel porträtiert die polnische "Geisterfahrer-Poetin" Dorota Maslowska.

TAZ, 24.03.2009

Rudolf Walther, der neulich schon eine krude Polemik über das "Google Book Settlement" und "Open Access" in der taz publizierte, annonciert einen vom Kollegen Roland Reuß (dessen Artikel in der FR, hier, und in der FAZ auch Walther inspirierten) lancierten Aufruf gegen die "Enteignung" von Autoren und Verlegern, eben durch die Google Buchsuche und die Open Access-Bewegung, die ja eigentlich die Macht der kommerziellen wissenschaftlichen Zeitschriften brechen will: "Anders als gerne kolportiert, steht hinter diesem Appell nicht ein Verlegerkomplott und schlichte Lobbypolitik. Vielmehr rufen Kreative verschiedener Sparten dazu auf, die Freiheit von Wissenschaft, Literatur und Kunst als politische Grundrechte zu verteidigen."

Weitere Artikel: Simone Kaempf zieht eine Bilanz der Arbeit Ulrich Khuons am Thalia Theater in Hamburg. Oliver Ristau stellt Enki Bilals und Pierre Christins antitotalitären Comic "Der Schlaf der Vernunft" vor. Christian Werthschulte resümiert das Litcologne-Festival. Christian Broecking freut sich auf Sun Ra, der auf Deutschlandtour geht. Besprochen wird die Performance "La Didione" der New Yorker Wooster Group.

Auf der Medienseite empfiehlt Boris Rosenkranz eine heute auf Arte laufende Dokumentation über den Mord an Hrant Dink.

Welt, 24.03.2009

Johnny Erling wandelt über den Platz des Himmlischen Friedens, fast 20 Jahre danach. In der Schlange vor dem Mao-Mausoleum trifft er auch den jungen Angestellten Liu Yang aus der Provinz Henan. "20 Jahre nach dem 4. Juni 1989 ist das Datum des Massakers zumindest für Jugendliche wie Liu Yang kein Begriff. Sie durften und haben in der Schule oder in den zensierten Medien nie erfahren, wie sich Chinas Armee nachts ihren Weg durch die Stadt zum Tiananmen-Platz freischoss, wie sie ihn umstellte und die dort seit Wochen kampierenden Studenten zwang, über den Südausgang abzuziehen. Dort wo Liu Yang sich gerade für seinen Mao-Besuch angestellt hatte. 523 Bürger und 45 Polizisten und Soldaten, die in dem Chaos oft aufeinander schossen, sollen bei dem nächtlichen Durchmarsch der Armee zum Platz getötet worden sein."

Weitere Artikel: Wieland Freund schreibt ein begeistertes Porträt über den diskreten, aber erfolgreichen Krimiautor Simon Beckett. Eckhard Fuhr fürchtet in der Leitglosse die Ankunft der Krise in der subventionierten Kultur. Lutz G. Wetzel blättert durch den "Zupfgeigenhansl", das so einflussreiche Liederbuch der Jugendbewegung, das vor hundert Jahren erstmals erschien. Besprochen werden Sasha Waltz' Choreografie für das Neue Museum in Berlin und Konzerte der Rockbands Selig (hier) und Mando Diao (hier).

Auf der Forumsseite findet sich ein geopolitisches Positionspapier eines gewissen Barack Obama.

FR, 24.03.2009

Die chinesische Stadt der Zukunft ist vertikal, weiß der Weimarer Stadtsoziologe Dieter Hassenpflug, der über die Urbanisierungswelle in der Volksrepublik schreibt: "Nicht selten kommt es vor, dass Dörfer aufgrund fortbestehender bäuerlicher Nutzungsrechte an Wohngrundstücken der Urbanisierungsflut standhalten und sich als Inseln im Ozean der Neubaugebiete wiederfinden. Diese 'villages' genannten Siedlungen zählen zu den am höchsten verdichteten Quartieren der Welt. Verursacht wird das Phänomen durch die Absicht, aus der Not des Verlustes der Felder eine Tugend zu machen: Anstatt Reis anzubauen, Fisch zu züchten und Schweine zu mästen, bieten die einstigen Bauern nunmehr preiswerten Wohnraum für Arbeitsmigranten an. Und da der Strom der Arbeit Suchenden bis in die jüngste Zeit nur eine Richtung kannte, nämlich vom Land in die Stadt, gingen die Geschäfte gut. So gut, dass Jahr für Jahr Stockwerke aufgetürmt wurden, bis zu zehn und mehr. Und da die alte Struktur der Parzellen und Wege fortbesteht, sind die internen Erschließungsstraßen meist kaum breiter als einen Meter. Ein Fiasko für die Sicherheit!"

Weitere Artikel: Peer Trilcke hat beim Leonce & Lena-Lyrikwettbewerb ein neues poetisches Selbstbewusstsein entdeckt - vor allem bei den jungen Dichterinnen. Harry Nutt schreibt zum Streit um geraubte Bilder des Malers George Grosz, die im New Yorker Museum of Modern Art und in der Bremer Kunsthalle hängen. Äußerst flau findet Ina Hartwig in Times Mager die Flaubert-Rede Orhan Pamuks, die der Autor an der Universität von Rouen hielt (hier die Rede bei der SZ).

Besprochen werden Dietrich Hilsdorf Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" am Staatstheater Wiesbaden, Horvaths Stück "Kasimir und Karoline" in der Regie von Karin Neuhäuser am Schauspielhaus Düsseldorf, Christof Nels Inszenierung von Schönbergs "Moses und Aron" an der Düsseldorfer Rheinoper, Carola Moritz' Interpretaion von "Das kunstseidene Mädchen" in der Frankfurter Katakombe, Nicholson Bakers Buch "Menschenrauch" (der zweite Weltkrieg als "Freakshow", meint Michael Rutschky), Johanna Adorjans Roman "Eine exklusive Liebe" und Gustav Seibts Band "Goethe und Napoleon" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

NZZ, 24.03.2009

Paul Jandl porträtiert den serbischen Architekten Bogdan Bogdanovic, der über zwanzig Mahnmale gegen Krieg und Faschismus in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens gebaut hat und dem das Wiener Architekturzentrum nun eine Ausstellung widmet: "Bogdan Bogdanovic ist ein Unangepasster, der sich in Synkretismen stets wohler gefühlt hat als im Dogma. Der aus bürgerlich-frankophilem Elternhaus stammende Architekt war ein deistischer Trotzkist, und er ist ein jakobinischer Mystiker geblieben. In seiner Arbeit hat er sich den mathematischen Grundsätzen der Pythagoräer nicht minder verpflichtet gefühlt als den alten balkanischen Traditionen des Bauens. In die Kabbala und die jüdische Mystik hat sich der Architekt für seine erste große Arbeit eingelesen. Beim Belgrader Denkmal für die jüdischen Opfer des Faschismus hat er ans Ende einer Friedhofsallee ein aus groben Steinen gefügtes Tor gestellt. 'Antiperspektivisch' sollte diese Architektur des Übergangs sein. Ein Tor, das sich in seinen Fluchtlinien nicht schließt, sondern öffnet."

Peter Bürger besucht das sehr respektable Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig. Brigitte Kramer berichtet, dass der Schriftsteller Juan Goytisolo nur unter Protest den Premio Nacional de las Letras Espanolas annimmt.

Besprochen werden Thomas Bernhards grimmige Erinnerungen "Meine Preise", Nora Gomringers Lyrik-CD "Klimaforschung" und Silvio Huonders Roman "Dicht am Wasser" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Spiegel Online, 24.03.2009

Hubertus Knabe hat ein Buch über die PDS und ihre Ursprünge geschreiben. Für Spiegel online interviewt ihn Björn Hengst: "In der Linken steckt nach 19 Jahren deutscher Einheit viel mehr SED als den meisten Leuten bekannt ist. Mehr als die Hälfte der Parteimitglieder gehörte bereits der SED an, Ko-Parteichef Lothar Bisky ist schon zu Zeiten von Walter Ulbricht der Partei beigetreten, ebenso Fraktionschef Gregor Gysi. Insbesondere im Osten Deutschlands bilden alte Parteigänger der DDR-Diktaturpartei einen Großteil ihrer Mitgliedschaft."

Aus den Blogs, 24.03.2009

Zumindest in den USA verschwindet der Wissenschaftsjournalismus aus den Zeitungen, berichtet Medienlese unter Berufung auf einen Artikel (hier als pdf) aus Nature: "Immer mehr Wissenschaftsressorts werden demnach geschlossen, die Wissenschaftsberichterstattung verlagert sich in die Blogosphäre, und Kritiker bezweifeln, dass die oft hochwissenschaftlichen Themen dort mit ausreichender Distanz und dem notwendigen kritischen Blick betrachtet werden."

Tagesspiegel, 24.03.2009

Patrick Wildermann hat die polnische "Geisterfahrer-Poetin" Dorota Maslowska getroffen, deren Stück "Wir kommen gut klar mit uns" gerade an der Berliner Schaubühne zu sehen ist: "In Polen wird über alles, was sie sagt oder schreibt, mit heiligem Ernst debattiert. Als dort das zweite Drama der jetzt 25-Jährigen erschien, da hieß es, sie sei zum konservativen Lager übergelaufen. 'Zuvor wurde ich mit Obszönität und Drogen assoziiert', sagt Maslowska, 'jetzt ging es plötzlich um Gott und nationale Identität.' Klar, sie sei heute reifer als zu den Zeiten, als sie über Amphetamin schrieb - aber neokonservativ? Es wurde auch gestritten, ob sie mit dem Stück die Hörer von Radio Maryja in Schutz nehmen wolle, diesem erzkatholischen, antisemitischen Sender, der Jaroslaw Kaczynski zur Wahl verhalf. Dabei hatte Maslowska nur gesagt, wenn man in Polen für Toleranz gegenüber Schwulen und Schwarzen kämpfen wolle, dann müsse die Toleranz bei den eigenen Nachbarn beginnen, und die zählten vielleicht zu den drei Millionen überwiegend armen und alten Hörern des Senders."

SZ, 24.03.2009

Lothar Müller erklärt Maxim Biller, der in der FAZ am Sonntag über die Verbreitung des DDR-Duckmäusertums im wiedervereinten Deutschland klagte, zum Vertreter eines obsoleten Individualismus der achtziger Jahre ("Früh muss dieser Individualismus gealtert sein, dass er nun Klageweiber wie diesen Jammer-Wessi hervorbringt, der die Welt seiner Jugend verklärt, seine Westalgie pflegt und der Gegenwart grummelnd gram ist wie nur je ein spießiger Rentner in einem mittelmäßigen Sketch"). Nach Heribert Seifert in der NZZ (hier) und Felix Lee in der taz (hier) nimmt nun auch Marc Felix Serrao die in den Medien vielfach herumgereichte Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer zur angeblich rechtsextremen Gesinnung vieler Jugendlicher aufs Korn. Stephan Handel fürchtet, dass Funkfrequenzen für das schnelle Internet auf dem Land Mikrofonfrequenzen, etwa bei Rockkonzerten, stören könnten. Und Doris Kuhn schreibt über die Wiederentdeckung des Horrorfilmers William Castle durch die Cinematheken in Brüssel, Paris und München.

Besprochen werden die Ausstellung "Luxus und Dekadenz - Römisches Leben am Golf von Neapel", in der Archäologischen Staatssammlung in München, Yukio Mishimas "Madame de Sade" mit Judi Dench am Londoner Wyndham's Theatre, eine Ausstellung über architektonische Einflüsse aus Deutschland in Tel Aviv im Jüdischen Museum München, György Kurtags "Kafka-Fragmente" bei Berlins MaerzMusik, Sarah Kanes Stück "Gesäubert" in der Regie Andreas Wiedermanns am Bayerischen Staatsschauspiel und eine Borges-Ausstellung im Instituto Cervantes, Berlin.

FAZ, 24.03.2009

Paul Ingendaay berichtet, was passiert, wenn man Politikerworte allzu wörtlich nimmt: "Dreiundzwanzig Tage hat der Weg von ihren Heimatdörfern in Katalonien nach Madrid gedauert. Dann kamen sie an, Antonio Garcia und Jose Sanchez, und marschierten einfach hinein, um nach dem hohen Herrn zu fragen. Denn er, Jose Luis Rodriguez Zapatero, hat in diesen harten Krisenwochen einen Satz gesagt, an den sie sich jetzt klammern. Er werde niemanden in Spanien 'im Straßengraben lassen.' Niemanden. 'Und da sind wir also', sagt Garcia, einunddreißig Jahre alt, 'im Straßengraben, und warten schon seit zehn Tagen darauf, von ihm empfangen zu werden.'"

Weitere Artikel: Raphael Groß schildert, wie es dazu kam, dass der polnische Künstler und Schriftsteller Bruno Schulz, im vergeblichen Versuch, sein Leben zu retten, Märchenfresken in Nazi-Villen malte - diese sind jetzt im Holocaustmuseum Yad Vashem ausgestellt und beeindrucken Groß ganz außerordentlich. In amerikanischen Zeitschriften liest Jordan Mejias Essays, in denen entsetzt bzw. hoffnungsvoll ein heraufziehender US-Sozialismus an die Wand gemalt wird. Von Expertenstreit um das angeblich authentische neue Shakespeare-Gemälde weiß Gina Thomas zu berichten. So "kopflos wie verheerend" findet Arnold Bartetzky die abrissdominierte Stadtplanungspolitik von Chemnitz. Dietmar Dath stellt in der Darwin-Serie Charles Darwins Großvater vor. In der Glosse sinniert Jürg Altwegg über möglicherweise katastrophale Folgen französischen Schlafmangels. Hannes Hintermeier informiert über Autoren- und Verlegerproteste gegen Google Books und Open Access. Oliver Jungen schreibt knapp zum Tod des italienischen Autors Giuseppe Bonaviri.

Besprochen werden die Mülheimer Uraufführung von Ewald Palmetshofers neuem Stück "Helden", eine Lübecker Inszenierung von Othmar Schoecks Kleist-Oper "Penthesilea", neue Einspielungen von Schuberts letzten Liedern und Bücher, darunter Peter Handkes "Die Kuckucke von Velika Hoca" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).