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Heute in den Feuilletons

Denken Sie an Klaviersaitendraht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2010. In der Welt geißelt Margaret Atwood die Schuld der Menschen an den Vögeln - und nennt dabei auch Zahlen. In der FR kommentiert Ulrich Beck das endgültige Ende des Bankgeheimnisses. Die taz warnt vor Acta. In der SZ kritisiert der Verfassungsrechtler Christoph Möllers die Vertuschungstaktik der katholischen Kirche: Für Verbrechen wie sexuellen Missbrauch ist der Staat zuständig. Die FAZ beschreibt den Einfluss von Bloggern auf die Modeindustrie.

Welt, 06.03.2010

Margaret Atwood, die sich auch für Vogelschutz einsetzt, legt einen Essay über die Schuld des Menschen an der Natur - und zumal den Vögeln - vor: "Hier sind ein paar Zahlen. In den Vereinigten Staaten töten Stromleitungen 130 bis 174 Millionen Vögel pro Jahr - viele von ihnen sind Greifvögel wie Falken oder Wasservögel, die mit ihren großen Spannweiten mit zwei Drähten zugleich in Berührung kommen können, was zum Stromtod führt, oder in die dünnen Kabel fliegen, ohne sie zu sehen (denken Sie an Klaviersaitendraht). Autos und Lastwagen töten zwischen 60 und 80 Millionen Vögel jährlich, und hohe Gebäude - insbesondere solche, in denen auch nachts Licht brennt - bedeuten für Zugvögel große Gefahr: Zwischen 100 Millionen und einer Milliarde Vögel lassen so jährlich ihr Leben."

Weitere Artikel in der Literarischen Welt: Jacques Schuster findet, dass Putin jetzt, wo er seine Macht nicht mehr auf steigende Ölpreise stützen kann, aussieht wie ein begossener Kosake. Dazu passt ein kleiner Essay Andre Glucksmanns, für den die Befreiungsbewegungen im Osten Europas nach 1989 noch längst nicht zum Stillstand gekommen sind. Hansgeorg Schmidt-Bergmann erinnert an das erste Erscheinen der expressionistischen Zeitschrift Der Sturm vor hundert Jahren. Besprochen werden unter anderem Christopher Isherwoods Jugenderinnerungen (Leseprobe) und Kai Schlüters Buch über Grass' Stasiakten (mehr hier).

Fürs Feuilleton berichtet Michael Pilz über die Echo-Verleihung. Und Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, schreibt über die Sehnsucht der Deutschen nach dem Oscar. Besprochen wird Luc Bondys Inszenierung von Schnitzlers "Liebelei" in London.

NZZ, 06.03.2010

Für Literatur und Kunst hat Jörg Plath den rumnänischen Schriftsteller Mircea Cartarescu besucht, der zur Zeit in dem Berliner Stadtteil mit der größten Törtchendichte lebt und mit seiner Wandlung vom Dichter in einem mehr journalistisch-philosophisch schreibenden Autor hadert. "Liegt das nicht vielleicht am Alter? 'An der Reife', verbessert Cartarescu ernst. 'In jungen Jahren ist es normal, ein Poet zu sein. Mit den Jahren gelangt man zur Prosa, zu Essays, zur Philosophie, um die Welt zu verstehen und nicht nur emotional auf sie zu reagieren. So erging es mir mit fünfzig. Ich hatte also großes Glück und' - ein zufriedenes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht - 'eine monströse Adoleszenz!'"

Außerdem: Manfred Koch denkt über den Selbstmord bei Goethe und Rousseau nach. Franziska Meier porträtiert die im Herbst gestorbene Dichterin Alda Merini. Der Autor Georg Klein betrachtet Lavinia Fontanas Gemälde "Bambino giacente nella Culla" (Bild).

Im Feuilleton ärgert sich Eva Clausen darüber, wie die Italiener Caravaggio zu seinem 400. als "banalisierendes Glanzbild" inszenieren. Andrea Köhler berichtet über die amerikanische Diskussion um David Shields literarisches Internet-Manifest "Reality Hunger".

Besprochen werden die Aufführung von Wagners "Rheingold" zur Eröffnung eines Rings an der Pariser Nationaloper unter ihrem neuen Intendanten Nicolas Joel, Luc Bondys Inszenierung der Schnitzler-Adaptation "Sweet Nothings" am Young Vic in London und Bücher, darunter Ernst Tugendhats Band "Anthropologie statt Metaphysik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 06.03.2010

In Ulrich Becks allmonatlicher "Weltinnenpolitik"-Umschau geht es um Klimapolitikstrategien und einen neuen Mauerfall: "Wieder ist eine Art Berliner Mauer eingestürzt. Heute ist es die Schweizer Steuermauer, das staatlich sanktionierte Bankgeheimnis, das einen Eckpfeiler der nationalstaatlichen, weltwirtschaftlichen Herrschaftsordnung bildet. Es ist letztlich durch die schwer aufhaltsame Freiheit der Information in Zeiten des Internets zusammengebrochen."

Weitere Artikel: Nikolaus Bernau besucht die neu eröffnete "Türckische Kammer" im Dresdner Schloss und erkennt darin die "derzeit ästhetisch erregendste und kulturhistorisch am tiefgründigsten erklärte Sammlungsaufstellung" osmanischer Kunst. In ihrer US-Kolumne schildert Marcia Pally ihre Schwierigkeiten mit dem Wohnungsgemeinschaftsausschuss des Hauses, in das sie eigentlich gerne ziehen würde.

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert, bei dem Cecilia Bartoli Kastratenarien sang, eine Ausstellung wertvoller Stücke aus dem eingestürzten und wiederausgegrabenen Kölner Stadtarchiv im Berliner Gropius-Bau, Yvonne Catterfelds neues Album "Blau im Blau" und Philip Roths neuer Roman "Die Demütigung" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 06.03.2010

Unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit wird unter dem Titel "Acta" ("Anti Counterfeiting Trade Agreement") derzeit EU-weit über Maßnahmen gegen digitales Raubkopieren nachgedacht. Was bislang dennoch nach außen dringt, gibt, wie Tarik Ahmia feststellt, zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass: "Datenschützer befürchten, dass Internetprovider durch Acta genötigt werden könnten, den Datenverkehr permanent zu kontrollieren, um nicht selbst für die Handlungen ihrer Kunden haften zu müssen. 'Die Provider werden so in die Rolle des Hilfssheriffs gedrängt', sagt Marcus Cheperu vom Verein Arbeitskreis Grundrechte, informationelle Selbstbestimmung und Datenschutz (AK Daten) der taz. Die dafür nötigen Techniken gebe es bereits. 'Automatische Verfahren wie die 'Deep Packet Inspection' greifen in den privaten Datenstrom der User ein und filtern dessen Inhalte nach allen denkbaren Kriterien', sagte Cheperu."

Weitere Artikel: Peter Unfried beobachtet Frank Schätzing bei seiner Multimedia-Lesetournee durch die Säle der Republik. Ekkehard Knörer unterhält sich mit dem Kameramann Reinhold Vorschneider, dem mit "Der Räuber" von Benjamin Heisenberg, "Orly" von Angela Schanelec und "Im Schatten" von Thomas Arslan gleich drei aktuelle Filme ihr Aussehen entscheidend verdanken. Ingo Arzt erklärt, was Sounddesigner gegen den Mangel an Motorenlärm bei Elektroautos zu unternehmen gedenken. In ihrer "Leuchten der Menschheit"-Kolumne weiß Tania Martini, was Nietzsche, Marx und Adorno zu Guido Westerwelles "Dekadenz"-Begriff zu sagen gehabt hätten.

Besprochen werden Bücher, darunter ein Sammelband mit Texten des Philosophen Ernst Tugendhat, der am Montag seinen achtzigsten Geburtstag feiert (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 06.03.2010

Aus dem Staunen nicht mehr heraus kommt Gottfried Knapp bei der Besichtigung der neu eröffneten "Türckischen Cammer" im Dresdner Residenzschloss. Von großer Pracht und erlesener Schönheit sind die Ausstellungsstücke, und im Geist der Achtung unter den Völkern gesammelt wurden sie zum großen Teil auch: "Hier wurde ein Schatzhaus errichtet, das ... dem hartnäckigsten politischen Gegner der europäischen Völker, den Türken, die man in endlosen Kriegen geradezu fanatisch bekämpft hat, mit größtem Respekt, ja mit unverhohlener Bewunderung entgegentritt."

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers setzt das Verhalten der katholischen Kirche gegenüber den Missbrauchsfällen in außerkirchliche Relation: "Eine interne Richtlinie bei Siemens, aufgetretene Bestechungsfälle nicht zu melden, würde heute wohl auf allgemeine Empörung treffen - und wie wäre es erst mit einer solchen, im Unternehmen vorkommende Vergewaltigungen nicht an die Polizei weiterzureichen?"

Weitere Artikel: "crab" erklärt, warum die Verleihung des Musikpreises "Echo" wenig mit Kunst und viel mit Proporz unter den Majors zu tun hat. Susan Vahabzadeh blickt voraus auf die Oscarnacht. Harald Eggebrecht gratuliert dem Dirigenten Lorin Maazel zum Achtzigsten. Christine Dössel schreibt zum Tod der Übersetzerin und Beckett-Geliebten Barbara Bray.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende denkt Hilmar Klute über "das neue Selbstbewusstsein der Dicken" nach. Peter Münch porträtiert Yaron Shani, Regisseur des oscarnominierten Films "Ajami" (mehr) über das gleichnamige Problemviertel in der Stadt Jaffa. Rebecca Casati trifft den gleichfalls oscarnominierten Schauspieler Jeff Bridges in London. In der Reihe "Das war die Gegenwart" meditiert Gerhard Matzig über das Townhouse. Abgedruckt wird eine Erzählung von Bruno Preisendörfer mit dem Titel "Unschuld". Marie Pohl unterhält sich mit dem oscarnominierten Regisseur Michael Haneke über "Manipulation", aber auch über die verhängnisvolle Rolle des Fernsehens: "Fernsehen ist die Sehschule der Nation. Und alles, was zu kompliziert ist, fällt da durch das Raster. Das ist der Tod einer bestimmten Art von Kino."

Besprochen werden ein Münchner Konzert, bei dem Christian Thielemann Beethovens Fünfte dirigierte (Joachim Kaiser erlebte dabei eine "Interpretationsleistung vom Range Carlos Kleiber/Bernstein/Karajan" und sieht Thielemann "in der Form seines Lebens"), Luc Bondys Londoner Inszenierung von David Harrowers "Sweet Nothings" (einer anglisierten Version von Schnitzlers "Liebelei"), das neue Album "Plastic Beach" der Konzeptband Gorillaz (Jens-Christian Rabe findet es gut, kann das Diskurs-Bohei um die Band aber nicht ganz nachvollziehen) und Bücher, darunter Nicholson Bakers neuer Roman "Der Anthologist" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 06.03.2010

Selbst bei den Modeschauen in Paris und Mailand sitzen Blogger jetzt in der ersten Reihe, erzählt Alfons Kaiser: "Blogger leben von Bafög oder in Berlin, von den Eltern, von Jobs, von den paar Anzeigen auf ihrer Seite, von Einladungen großer Parfumkonzerne nach Paris, die begeisterte Texte nach sich ziehen. Bryanboy ist entrüstet, als ihn eine Journalistin fragt, ob er sich auch die Reise, so wie seinen neuen Pelz, von Dolce & Gabbana finanzieren ließ. 'Das würde ich nie machen!' Er weiß, dass er persönlich, gefühlig und direkt sein muss, aber auch glaubwürdig. Alles andere wäre Verrat am Leser. Aber er werde ja noch begeistert sein dürfen, sagt er. 'Es ist eine verrückte Woche hier, eine tolle Saison. Ich genieße es einfach nur. Ich mache ja keine PR für Dolce & Gabbana.' Der Zweifel nagt von außen an den Bloggern, nicht von innen."

Weitere Artikel: Jürgen Dollase hat der avancierten Küche ein Wörtchen zu sagen, das man definitiv mit nicht schmerzendem Kopf lesen muss. Der Independent wird verkauft, berichtet G.T. auf der Medienseite.

Besprochen werden die Ausstellung "Türckische Cammer" im Dresdner Schloss, Luc Bondys Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Liebelei" am Londoner Young-Vic-Theater, die Luisen-Ausstellung "Working Mom" im Berliner Schloss Charlottenburg und Bücher, darunter die Stasi-Akten von Günter Grass und Jörg-Uwe Albigs Roman "Berlin Palace" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um CDs von John Sheppard, den Gorillaz (hier), den Blood Red Shoes und Rosanne Cash. Eleonore Büning denkt über Opern und Film nach.

In Bilder und Zeiten referiert Otfried Höffe die "vorakademische Altersforschung", namentlich von Cicero, Jacob Grimm und Ernst Bloch. Joseph Croitoru erzählt, wie Israelis die Archäologie zur Stützung des Zionismus nutzen. Lena Bopp hat einen Ortstermin mit dem Straßenkünstler Gerard Zlotykamien. Patrick Modiano spricht im Interview über seinen Erstlingsroman "Place de l'Etoile", der jetzt auf Deutsch veröffentlicht wurde, eine "wilde Parodie des Antisemitismus mit dem jüdischen Antisemiten Raphaël Schlemilovitch als Hauptfigur", so Interviewer Joseph Hanimann.

Für die Frankfurter Anthologie liest Ruth Klüger ein Gedicht von Enzensberger - "schwere Koffer:

Wo kommen all diese Koffer im Hinterhof her,
wem gehören sie? Wer hat sie hergeschleppt,
abgestellt, liegenlassen, aufgestapelt (...)"