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Heute in den Feuilletons

Wundermaschine des Untergangs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2011. Die Welt erlebte mit Karin Beier "Demokratie in Abendstunden" und ein Höchstmaß an kakofonischer Perfektion. In der FR spricht Patrice Chereau über die Last des langen Vorlaufs. Die SZ vermisst die Piratenmutter. Die FAZ unterhält sich mit Umberto Eco über Verschwörungstheorie, vielleicht hat es sich aber auch ganz anders zugetragen. In der taz erklärt der regimekritische chinesische Blogger Michael Anti seine Strategie, Konflikte mit dem Staat zu vermeiden. Und die NZZ erlebt in China grenzenloses historisches Desinteresse.

Welt, 01.10.2011

Gleich zwei Stücke hat Karin Beier in Köln uraufgeführt: Elfriede Jelineks Requiem "Kein Licht" und das Happening "Demokratie in Abendstunden mit Texten von Joseph Beuys, John Cage und Rainald Goetz: Ulrich Weinzierl ist begeistert: "Der scheinbar schlichte Raum wird zur Wundermaschine des Untergangs, rentenberechtigte Wutbürger verwandeln sich in einen preußisch gedrillten Wutkünstlerchor - Volker Lösch, der Herr der Bürgerchöre, müsste vor Neid erblassen. Kakofonie, das ist der Untertitel der Produktion, braucht absolute Perfektion, sonst ist sie keine Kunst. Deren Höchstmaß erlebt man hier staunenden Auges und Ohres. Denn der Deutsche ist ein buchstäblicher Philharmoniker: Weil er die Eintracht des Schönen liebt, haben selbst die Zwietracht des Hässlichen, Dissonanzen, ja sogar Zerstörungslust die Formen und die Form zu wahren."

Tilman Krause trifft zum Tischgespräch in der Berlin die Autorin Antje Strubel.

Besprochen werden die große Retrospektive des Impressionisten Alfred Sisley im Wuppertalen Von-der-Heydt-Museum, eine Ausstellung zur Berliner Mauer in der Villa Schöningen in Potsdam, Dea Lohers Stück "Unschuld" in Berlin, das neue Album "Metals" von Feist.

In diesem Jahr bekommt der Dramatiker und Lyriker Albert Ostermaier den Welt-Literaturpreis, Tilman Krause rühmt ihn in der Literarischen Welt als "Meister schöner Sätze" und Exemplar schriftstellerischer Perfektion: "Mühelos bezieht er in seinen Texten die schreibenden Kollegen quer durch die Jahrhunderte, vor allem aber: Film, Foto, Malerei und Fernsehen ein. Er denkt stark visuell, ist auch in der Popmusik versiert. Von Bildungshuberei, von des Gedankens Blässe jedoch keine Spur. Wie er so dasitzt, schwarz gewandet, braungebrannt, freundlich-verbindlich, lebhaft in Gestik, Mimik, Sprechtempo, sieht er eher nach Nietzsches großer Gesundheit aus."

Kristof Magnusson empfiehlt außerdem isländische Bücher. Besprochen werden unter anderem auch Umberto Ecos Roman "Der Friedhof in Prag", Marlene Streeruwitz' Roman "Die Schmerzmacherin" und Simon Sebag Montefiores Biografie der Stadt "Jerusalem" (die Benny Morris verhalten als "gutes Geschichtsbuch" lobt).

TAZ, 01.10.2011

Felix Lee und Sven Hansen unterhalten sich mit dem regimekritischen chinesischen Blogger Michael Anti unter anderem über das für Chinesen dank der Schriftzeichen für mehr als nur Kurznachrichten taugliche Twitter und über seine Strategien, nicht zu direkt in Konflikt mit dem Staat zu geraten: "Ich schreibe dreimal die Woche für chinesische Zeitungen Kolumnen und habe mich bewusst dafür entschieden, mich mit internationalen Themen zu beschäftigen. Das ermöglicht mir, weitgehend unzensiert und kritisch publizieren zu können. Würde ich über innenpolitische Themen Chinas schreiben, hätte ich Probleme mit der Zensur. Der Fokus auf internationale Politik ist meine Form der Selbstzensur. "

Weitere Artikel: Christian Füller schildert die Probleme mit "Turboabitur" und Studierendenschwemme als Folge eines Versagens der von keinen Selbstzweifeln angekränkelten Kultusministerkonferenz. Nina Apin berichtet von der offiziellen Eröffnung des Aufbau-Hauses in Berlin-Kreuzberg und freut sich über das Gelingen dieses Alternativprojekts. Auf die große Olivier-Assayas-Retrospektive im Berliner Arsenal blickt Simon Rothöhler voraus. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne liest Nina Apin Neuerscheinungen zum Fall Hatun Sürücü und allgemeiner zu "Ehrenkulturen".

Bepsorchen werden das neue PeterLicht-Album "Das Ende der Beschwerde" und Bücher, darunter Sibylle Lewitscharoffs "Blumenberg"-Roman.

Und Tom.

NZZ, 01.10.2011

Als Land, in dem es kein historisches Bewusstsein abseits der Parteilinie gibt, schildert der in Shanghai lebende Staatswissenschaftler Matthias Messmer im Aufmacher von Literatur und Kunst China: "Die Naivität und das Desinteresse der Menschen an historischen Zusammenhängen sind grenzenlos. Wer soll es ihnen angesichts des von der Partei propagierten und seit Jahrzehnten überlieferten Geschichtsbildes auch verübeln."

Im Gespräch mit Andreas Breitenstein sieht György Konrad wenig Grund zu Optimismus für die europäische Zukunft in Ungarn und Osteuropa. Was es seiner Meinung nach bräuchte, ist ein Modell, in dem zwischen den unterschiedlichen Zugehörigkeiten nicht zu Konflikten käme: "Es braucht die Entwicklung eines mehrstöckigen Bewusstseins, dass jemand sehr gut und mit Stolz Mitglied zugleich einer kleinen lokalen Einheit, einer grösseren regionalen Gemeinschaft und einer nationalen Entität sein kann, die ihrerseits ihren Ort in einem geeinten Europa hat."

Außerdem: Der Ideenhistoriker Jan-Werner Müller blickt zurück auf den semantischen Kampf um den Begriff "Demokratie" im 20. Jahrhundert.

Im Feuilleton: Marco Frei berichtet von der Eröffnung eines neuen Konzertsaals in Montreal mit einem Konzert unter Kent Nagano. In der Reihe "When the Music's Over" gibt es einen Stream-of-Consciousness-Text von Navid Kermani, in dem es um den DJ, die Tochter und anderes geht.

Besprochen werden die Ausstellung "Max Beckmann - Die Landschaften" im Kunstmuseum Basel und Bücher, darunter Tanizaki Jun'ichiros jetzt in Übersetzung erschienener Essay "Liebe und Sinnlichkeit" aus dem Jahr 1931.
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FR/Berliner, 01.10.2011

Irene Bazinger unterhält sich mit dem Regisseur Patrice Chereau, der seine schon ein paar Jahre alte Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Aus dem Totenhaus" jetzt auch an der Berliner Staatsoper zeigt - sich neben großen aber auch immer kleine Projekte wünscht: "Oft leidet man unter dem zeitlichen Vorlauf eines Projekts. Für eine Oper etwa werde ich meist vier Jahre vorher engagiert. Doch es ist überaus verlockend, im Februar eine Idee zu haben und sie schon im Mai umsetzen zu können, ohne langes Warten. Nur ganz kleine Filme erlauben das, oder kleine, improvisierte Theaterproduktionen. Aber diese Freiheit will ich mir unbedingt behalten."

Weitere Artikel: Cornelia Geißler sichtet Jugendbücher zu den Themen Sterben und Tod. In einer "Times Mager" von Karl Grohe geht es um Geschlechtswandel, Sex und Sozialismus in China. Der Historiker Bert Hoppe, Mitherausgeber der Quellenedition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" erinnert an das große Verbrechen von Babi Jar.

Besprochen werden ein Konzert zur Vorstellung des neuen Zola-Jesus-Album "Conatus" im Berghain, ein Konzert mit Hugh Cornwall von den Stranglers in Frankfurt, ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters unter Paavo Järvi, ein von Karin Beier eingerichteter Uraufführungs-Doppelabend in Köln mit dem Zitatcollageprojekt "Demokratie in Abendstunden" und Elfriede Jelineks Fukushima-Stück "Mehr Licht" (letzteres findet Dirk Pilz sehr enttäuschend, dafür scheint ihm der erste Teil des Abends grandios), Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers "Unschuld" am Deutschen Theater Berlin und .


SZ, 01.10.2011

"Her mit den Piratinnen!", ruft Alexandra Borchardt in der SZ am Wochenende und will sich mit den wegwischenden Postgender-Deklamationen der erfolgreichen Berliner Piratenpartei nicht zufrieden geben. Im Gegenteil fürchtet sie, von vielen Zahlen unterfüttert, dass auch die Technikgeschichte der digitalen Revolution, zum Nachteil der Frauen, die sich in Deutschland vermehrt von der Informatik abwenden, neuerlich von Männern geschrieben werden wird und fordert statt dessen, prä-postfeministisch, weibliche Kardinaltugenden in der IT-Branche: "Darin sind sie doch stark, viele Frauen: Kommunizieren und zuhören, verschiedene Kulturen verstehen, das Fremde akzeptieren. Sie haben oft Einfühlungsvermögen, Mit- und Bauchgefühl, Inspiration und Instinkt."

Weiteres: Michael Haas unterhält sich mit Franka Potente über den Alltag in Hollywood. Friederike Ott hat in Den Haag ein Altersheim für Junkies besucht und hält Deutschland die niederländische Drogenpolitik als leuchtendes Beispiel entgegen.

Und im Feuilleton: Sonja Zekri fährt mit dem Schriftsteller Khaled al-Khamissi durch das postrevolutionäre Kairo. Johannes Boie macht sich Gedanken über den durch Kindle, iPads, ja das mobile Surfen und Googeln überhaupt bedingten Wandel des öffentlichen und halb-privaten Distinktionscharakters von Wissen, Bildung und literarischem Geschmack. Im Gespräch erklärt DJ Sepalot, wie man aus Blasmusik ein Jens-Christian Rabe zufolge "großartiges und wirklich ernstzunehmendes HipHop-Album" (Stream) erschaffen kann. Alexander Menden berichtet von der Eröffnung von Jay Joplings dritter Galerie in London. Jörg Häntzschel besucht den 90-jährigen Maler Ellsworth Kelly. Jens Malte Fischer gratuliert dem Sänger Ruggero Raimondi zm 70. Geburtstag. Gemeldet wird, dass die Charite 20 Schädel von bei der Niederschlagung des Herero-Aufstands getöteten Hereros einer namibischen Delegation übergeben wurden. Karl Bruckmaier ruft der HipHop-Produzentin Sylvia Robinson nach.

Besprochen werden Karin Beiers Saisonauftakt am Schauspiel Köln mit einem Theater-Double-Feature, Johan Simons' Fellini-Adaption "E la nave va" an den Münchner Kammerspielen, der Film "Der große Crash" (mehr) und Bücher, darunter die türkischen Reisetagebücher von Klaus Reichert (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 01.10.2011

Für das Feuilleton hat Dirk Schümer Umberto Eco anlässlich der deutschen Veröffentlichung dessen neuen Romans "Der Friedhof in Prag" besucht und sich dabei mit ihm unter anderem über die verführerische Kraft von Verschwörungstheorien unterhalten, die in seinem neuen Werk eine zentrale Rolle einnehmen: "Der Autor zweifelt und verzweifelt nicht daran, dass wir immer noch in den Verschwörungen des neunzehnten Jahrhunderts leben. Sie ermöglichten einfachen und zynischen Gemütern, die Revolution zu verstehen, sie reduzierten das Durcheinander der modernen Welt auf eine schlüssige, böse Fabel. Wie mächtig die Geschichte der verschwörerischen Rabbiner auf dem Prager Judenfriedhof dann wirklich werden sollte, deutet Eco am Ende deutlich an, indem er Simonini von der "Endlösung" schwärmen lässt. Am Gebräu der Groschenheft-Intrigen und bebilderten Hasstraktate hat der junge Hitler sich in Wien berauscht."

Weiteres: In einer ganzseitigen Reportage berichtet Dorit Kowitz von den Erfolgen und Problemen der Entwicklungshilfe in Äthiopien. Unerklärlich lange hat Regina Mönch vor dem Haus der Kulturen der Welt auf Einlass gewartet, gelohnt hat sich die anschließende Lesung von Navid Kermani und Alexander Kluge dann aber doch. Inmitten der Wies'n-Wirren hat Felicitas von Lovenberg die Münchner Zentrale von Amazon besucht, um vom blendend aufgelegten Geschäftsführer kaum Hintergrundinformationen zu erhalten. Joachim Müller-Jung wirft einen sorgenvollen Blick auf die datenschutzrechtlichen Risiken und Nebenwirkungen der kommenden Gesundheitskarte samt Mikrochip. Jürgen Dollase hat sich vom neuen Brüsseler Starkoch Christophe Hardiquest bestens bekochen lassen. Traurig verabschiedet sich Wiebke Hüster von der Merce Cunningham Dance Company (mehr), die sich nach ihrer aktuellen Tour auflösen wird.

Besprochen werden kurz und knapp neue Kinofilme, neue Schallplatten, darunter "WTC 9/11", die neue Komposition von Steve Reich, Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers "Unschuld" am Deutschen Theater in Berlin, Karin Beiers Inszenierung von Elfriede Jelineks Fukushima-Stück "Kein Licht" am Schauspielhaus Köln und (jetzt wieder im Feuilleton!) Bücher, darunter Aravind Adigas Roman "Letzter Mann im Turm" und das erste von Barack Obama verfasste Kinderbuch (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Für Bilder und Zeiten ist Alexander Müller tief in den Ozean der Retro- und Nostalgiebewegungen zwischen künstlich zerschlissenen Tarantino-Kinobildern, Vintage-Klamotten und Bud-Spencer-Shirts eingetaucht, anfreunden will er sich mit diesem Phänomen indessen nicht: "Es ist ein hilfloser, selbstreferentieller und schwachbrüstiger Versuch, sich gegen den rasenden Stillstand der Gesellschaft zu sträuben, der alles lähmt und nicht zu bremsen ist. Wo die Utopien für morgen fehlen, stehen die Zeichen auf Rückzug. So geht es nicht weiter."

Weiteres: Otfried Höffe befasst sich detailliert mit Blaise Pascal. Jürgen Kaube erinnert an Flann O'Brien, der vor 100 Jahren geboren wurde. Hannes Hintermeier unterhält sich mit Raimund Wünsche von der Münchner Glyptothek über die Wertschätzung neuer und alter Griechen.

Joachim Sartorius stellt in der Frankfurter Anthologie Ernst Jandls "Ikarus" vor:

"Er flog hoch
über den anderen.
Die blieben im Sand
Krebse und Tintenfische..."