Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Wattierte Orgelgurgler

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2011. Die FR vermisste beim Berliner Jazzfest die "heiligen Spinner" des Free Jazz. Die Presse schaut den Staatsopernposaunen beim germanischen Sippenkampf zu. In der FAZ entwirft Amir Hassan Cheheltan ein kleines Panorama des iranischen Kinos unter den Mullahs. Die SZ packt die Piratenpartei bei den Wurzeln.

FR/Berliner, 08.11.2011

Markus Schneider hat beim Berliner Jazzfest die "heiligen Spinner" des Free Jazz vermisst, die früher beim parallel laufenden, jetzt abgeschafften Total Music Meeting auftraten. Aber einen großartigen Act gab es doch: Steve Swallow und die jetzt 75-jährige Carla Bley. "Aufs Risiko hin, nach fünf Tagen Jazz mit verwirrter Wahrnehmung zu urteilen: ein absolut brillanter, hinreißender, gleißend moderner Auftritt! Die Einleitung klang mit abstrakt hüpfenden Orgeltippern ein wenig nach der 70er-Jahre-TV-Lehrfilm-Ästhetik des hippen britischen Ghostbox-Labels. Dann stand man plötzlich knietief in einem Cocktail-Bop-Set. Federnd walkte Swallow mit dem Bass durch die Nummern, die Drums zischten, der Gitarrist schob coole Blockakkorde und gedämpfte Soli, das Saxofon tänzelte eilig auf den Skalen, und Bley tupfte wattierte Orgelgurgler."

Hier ein anderes Konzert der beiden von 2000:



Demokratie ist alive and kicking, meint Harald Jähner mit Blick auf die Griechen und andere Europäer: "Die Einsicht der Griechen in die Tatsache, dass ihre Probleme im eigenen Land durch beharrliches Ignorieren der Realität verursacht wurden, ist bewundernswert. Bislang sieht es nicht danach aus, als hätten populistische Rattenfänger in Athen große Chancen."

Besprochen werden einige lokale Ereignisse und der Briefwechsel von Joseph Roth und Stefan Zweig (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 08.11.2011

Tja, Kritiker sind doch privilegiert. Wilhelm Sinkovicz erzählt in der Presse von der zehnfach überbuchten "Walküre" mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann: "Das Staatsopernorchester kennt den 'Ring' wie seine Westentaschen. Thielemann kennt den 'Ring' wie seine Westentasche - und da beide Teile dazu aufgelegt scheinen, die aus der Kompetenz-Kumulierung resultierenden Möglichkeiten auszukosten, wütet der Sturm am Beginn der 'Walküre' stürmischer denn je, tönt Franz Bartolomeys Cellosolo so süß und verzehrend schön, wie die Sünde der verbotenen Liebe des Wälsungen-Paars nur tönen kann, setzen die Posaunen das Walhall-Motiv als sonoren Pianissimo-Choral wie eine Vision in den Raum, um quasi im selben Atemzug die grimmigsten Attacken zu reiten, die in einem germanischen Sippenkampf nur geritten werden können."

TAZ, 08.11.2011

Natürlich "supergut" gefallen hat Detlef Kuhlbrodt der Open-Mike-Wettbewerb in Berlin. Alle saßen still und hörten jungen Autoren zu. Nur eines wunderte ihn: "Ich war ziemlich lange nicht mehr bei solchen Wettbewerben und wundere mich darüber, dass es keine Dissonanzen zu geben scheint, keine Fraktionierungen, keine Ablehnung des Betriebs etwa seitens der Autoren; dass das Etwas-toll-Finden nicht wie früher so oft von der entschiedenen Ablehnung eines anderen begleitet wird. Höchstens gibt es mal ein vorsichtiges Nichts-damit-anfangen-Können."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair hat sich in der Topografie des Terror NS-Jugendfilme angesehen, Claudia Lenssen berichtet von einem Filmwochende der Nibelungenfestspiele in Worms, bei dem es vor allem um die Figur des "Jud Süß" ging. Und noch mehr Nazis: Christian Werthschulte war auf einer Pop-Konferenz, die im Rock'n'Roll das Gegengift zum Nationalsozialismus erkannte. Boris Spernol resümiert eine Bonner Tagung zu Antikommunismus in der Bundesrepublik. In seiner Kolumne ruft der Grünen-Mitarbeiter Aram Lintzel angesichts der Occupy-Bewegung dazu auf, wieder das "Kind in uns" zu entdecken.

Und Tom.
Anzeige

Aus den Blogs, 08.11.2011

Charlie Hebdo möchte die Versöhnung. Aber wird die Gegenseite mitspielen? Nach diesem Cover? Gawker meint: "This is not going to end well."
Stichwörter: Charlie Hebdo, Gawker

NZZ, 08.11.2011

Angela Schader widmet sich dem in den USA neuerdings florierenden Genre der Hundememoiren, die neue Chefredakteurin der New York Times zum Beispiel gibt in ihren "Puppet Diaries" Einblick in ihre Führungskompetenz: "Der Hund war immer unfehlbar entzückt, wenn ich mit einer Idee aufwartete".

Weitere Artikel: Daniel Ender berichtet vom Festival Wien Modern. Hans-Christoph Zimmermann hätte sich vom Einstand des neuen Düsseldorfer Intendanten Staffan Valdemar Holm ruhig "etwas mehr Sinnlichkeit und Programmatik" gewünscht, wie er nach dessen "Hamlet"-Inszenierung schreibt. Und Uwe Justus Wenzel plädiert eindeutig für die Kreditökonomie: "Es ließen sich nämlich gar nicht alle gewährten Kredite zurückzahlen oder alle auf die Zukunft ausgestellten Wechsel einlösen."

Besprochen werden die Ausstellung zur DDR-Mode "Malimo und Co." im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, ein Band mit frühen Erzählungen von David Foster Wallace "Alles ist grün" und Walter Isaacsons Steve-Jobs-Biografie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 08.11.2011

In der NYT porträtiert Evelyn M. Rusli den Gründer von LinkedIn (so was wie Xing), Reid G. Hoffman, einen Internetunternehmer, der in Silicon Valley zur Zeit der meistgefragte Berater ist. "Mr. Hoffmann remains decidedly unglamorous - a nerd's nerd. He is wide at the waist and fluffy at the top, with a slightly disheveled heap of hair. His uniform is frumpy, even by the valley's standards." Und obwohl seine Firma zur Zeit an der Börse auf 7,9 Milliarden Dollar geschätzt wird, vermittelt der Artikel den Eindruck, dass es damit ganz schnell vorbei sein könnte - weil Hoffman kein genuiner Geschäftsmann, sondern eben ein Nerd ist.

Was reitet die amerikanischen Intellektuellen John Mearsheimer und Richard Falk, das Buch "The Wandering Who?" des britischen Musikers Gilad Atzmon zu loben, fragt Alan Dershowitz in The New Republic, der es "offen antisemitisch" nennt: "Diese Unterstützung von Atzmons Buch ist der beste Beweis, dass der akademische Diskurs eine rote Linie zu überschreiten beginnt. Diese Überschreitung muss aufgezeigt, zurückgewiesen und abgelehnt werden auf dem Marktplatz der Ideen und der Akademie... Ich fordere deshalb die Professoren Mearsheimer und Falk zu einer öffentlichen Debatte darüber auf, warum sie ihren Namen für ein solch hasserfülltes und antisemitische Buch von einem solch bigotten und unehrenhaften Autor hergegeben haben."

Welt, 08.11.2011

Airen schwitzt vor Empörung über ein paar Unbekannte, die versuchen auf Youtube mit Video-Blogs ein paar Euro zu verdienen: "Ist das nur Verarsche oder schon Gehirnwäsche?" Stefan Koldehoff berichtet über einen Rechtsstreit um ein Gemälde von Modigliani. Christoph Maria Herbst erklärt im Interview, wer in der neuen Stromberg-Staffel auf die Mütze kriegt: "Endlich sind die Muslime auch mal dran. Wir hatten Behinderte, Frauen, Schwule. Es bleibt nicht mehr viel."

Besprochen werden Staffan Valdemar Holms Inszenierung des "Hamlet" in Düsseldorf, Peter Konwitschnys Inszenierung der Tschaikowsky-Oper "Pique Dame" in Graz und ein Sammelband mit dem schönen Titel "Despoten dichten".

FAZ, 08.11.2011

Der Autor Amir Hassan Cheheltan entwirft ein kleines Panorama des Kinos unter den iranischen Mullahs und erzählt unter anderem die Geschichte einer Schauspielerin, die vom Regime drangsaliert wird, weil sie in einem Film ohne Kopftuch auftritt - obwohl das eigentlich kein Problem sein dürfte: "Denn ihr Kopf ist vollständig kahl rasiert. Nach den Regeln der Scharia muss das Haupthaar verhüllt werden. Einen Kopf, der keine Haare hat, braucht man dagegen nicht zu bedecken."

Weitere Artikel: Jordan Mejias besucht ein von einer Wal-Mart-Erbin spendiertes Museum mitten in der Pampa mit gemäßigt moderner Kunst in gemäßigt moderner Architektur (sehen kann man dort zum Beispiel Nick Caves "Soundsuit", links). Mark Siemons begrüßt in der Leitglosse die Spendenaktion für Ai Weiwei (Ai Weiweis Paypal-Konto fakesheji@gmail.com funktioniert leider nach wie vor nicht. Die BBC hat mit Ai über die Aktion telefoniert, mehr hier.) Wolfgang Schneider berichtet vom Open Mike-Wettbewerb in Berlin. Auf der Medienseite informiert Jürg Altwegg, dass die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo wegen einer Mohammedkarikatur nach wie vor Drohungen ausgesetzt ist.

Besprochen werden Andreas Dresens Inszenierung von Mozarts "Figaro" in Potsdam, Shakespeares "Was ihr wollt" in Bochum und eine "Pique Dame", inszeniert von Peter Konwitschny in Graz.

SZ, 08.11.2011

Die Piratenpartei will fahrscheinlosen Nahverkehr und flirtet per Twitter mit CSU-Mann Peter Altmaier. Weiß sie eigentlich noch, wofür sie steht, fragt Dirk von Gehlen. "Es ging darum, schrieb der schwedische Piratengründer Rick Falkvinge am Wochenende in seinem Blog, Urheberrechtsfragen auf die Agenda der Abgeordneten zu heben. (...) Doch die Debatte über eine dafür notwendige Reform des Urheberrechts ist derzeit nicht opportun, sie setzt die Kraft voraus, auch gegen Widerstände zu agieren. Diese Kraft können oder wollen die Piraten nicht aufbringen."

Weiteres: Alex Rühle liest "Die Parallelklasse" von Neon-Redakteur Patrick Bauer, der darin die These, dass in Deutschland die Karriere maßgeblich von der sozialen Herkunft abhängt, mit viel biografischem Quellenmaterial unterfüttert. Begeistert berichtet Christian Broecking vom Jazzfest Berlin, wo das Thema der Identitätsfindung auffallend häufig musikalisch verarbeitet wurde. Peter Laudenbach lässt einen wiederbelebten Heinrich Kleist verwirrt durch das Maxim Gorki-Theater in Berlin streifen, wo in den kommenden zwei Wochen alle Kleist-Stücke aufgeführt werden (den Auftakt, das von Jan Bosse inszenierte "Käthchen von Heilbronn", empfand Laudenbach indessen als "mit leichtem Hohn in den Trash" entsorgt). Dokumentiert ist Willibald Sauerländers Festvortrag anlässlich des 800. Jubiläums der Kathedrale von Reims. Der "Fachsprechwahn der jungen Lyriker [ringt] manchmal recht mechanistisch um Leben" findet Florian Kessler in seinem Bericht vom Berliner open-mike-Wettbewerb. Gottfried Knapp trinkt Wein auf dem Gipfel der Zugspitze, der dort ganz anders schmeckt als noch zuvor im Tal.

Auf der Medienseite erläutert Niklas Hofmann Hintergründe der Kontroversen um den "Like"-Button von Facebook, der nicht nur schleswig-holsteinische Datenschützer, sondern auch amerikanische Kongressabgeordnete beschäftigt. Außerdem informiert uns eine Meldung, dass mit Hohe Luft und Philosophie Magazine demnächst zwei neue Philosophiezeitschriften an die Kioske kommen.

Besprochen werden der Film "Nur für Personal", Meryl Tankards mit "viel schüchternem Retrocharme" choreografiertes "Aschenputtel"-Ballett im Leipziger Opernhaus und Bücher, darunter eine Zusammenstellung von Comics, die der meisterliche Will Eisner in den vierziger Jahren für das US-Militär anfertigte (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).