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Heute in den Feuilletons

Mache dich niemals über Atatürk lustig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2012. Der Welt kommt eine unheimliche Ahnung: Sollten in der Wulff-Affäre etwa auch die Medien Kritik verdienen? Und BHL fragt: Warum spricht das französische Verfassungsgericht, das die Leugnung von Genoziden nicht unter Strafe stellen will, selbst nur von dem "Massaker" an den Armeniern? Die FAZ besucht das Städtchen Palmyra, wo Joseph Smith die Mormonen erfand. In den Blogs geht die Debatte um das Leistungsschutzrecht weiter. Und Springer-Lobbyist Christoph Keese beteuert in seinem Blog, dass Informationen trotz Leistungsschutzrecht werden zirkulieren dürfen.

Welt, 07.03.2012

Anlässlich des Rücktritts von Christian Wulff meditiert Thomas Schmid über das Wesen des Skandals. Die Medien mag er nicht kritisieren, doch hat er ein gewisses Verständnis für das Publikum, das die Selbstgefälligkeit der Journalisten gegenüber dem gern so bezeichneten "Emporkömmling" Wulff ziemlich abstoßend fand: "Dass die Medien das alles unnachsichtig erforscht und ausgeleuchtet haben, wird von vielen als eine Art Klassenkampf verstanden. Jene, die sich bigott im Besitz einer höheren Moral fühlen und/oder es nicht nötig haben, erlegen einen, der es geschafft hat und sich jener Mittel zur Selbsthilfe bedient hat, die Volkssport sind. Viele glauben vermutlich, mit der Aufklärung der Causa Wulff hätten Eliten - durchaus eigennützig, durchaus in exkludierender Absicht - nach unten getreten. So wie früher der Adel dem aufsteigenden Bürgertum jeden nur auffindbaren Stein in den Weg rollte."

Weitere Artikel: Ulf Poschardt erlebte einen "großen Abend" mit Durs Grünbein und George Steiner in der Villa von Ulla Unseld-Berkéwicz. Hanns-Georg Rodek seufzt angesichts der männlichen Statur des Schauspielers Ronald Zehrfeld: "Die verweichlichten Wessis bringen so einen Typ wohl nicht zustande." Ekkehard Kern stellt das E-Book-Portal Skoobe vor, wo man für 9,99 Euro im Monat beliebig viele Bücher elektronisch ausleihen kann, maximal fünf gleichzeitig (laut Netzwelt gilt dies allerdings nur für die ersten 10.000 Mitglieder und nur bis zum 1.3.2013). Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, erzählt im Interview, was der Nachlass der Familie von Anne Frank für das Museum bedeutet. Alan Posener ärgert sich über das teure "Daddelradio" von Deutschlandradio Kultur.

Besprochen werden die amerikanische Fernsehserie "Boardwalk Empire" auf DVD und einige Jazz-CDs.

Im Forum kritisiert Bernard-Henri Levy die Voreingenommenheit der französischen Verfassungsrichter, die das Armenien-Völkermordgesetz gekippt haben: "Die Richter geben vor, mit ihrem Urteil die Meinungsfreiheit schützen zu wollen. Doch sie werden diesem hehren Anspruch nicht gerecht. Denn sie haben ihr Ansinnen bereits selbst verraten: dadurch nämlich, dass sie sofort nach ihrer Entscheidung mit großer Hartnäckigkeit daran gingen, den Völkermord an den Armeniern als ein 'Massaker' zu qualifizieren. Ein Gericht, das sich selbst derart in Misskredit bringt, und mag es das Verfassungsgericht sein, kann nicht Hüter der Wahrheit sein."

Weitere Medien, 07.03.2012

Es gibt keine Übernahme von Zeitungsartikeln durch Dritte, die ein Leistungsschutzrecht für Verlage rechtfertigen würde, hat Matthias Spielkamp schon vor der aktuellen Debatte bei diskurs@dradio geschrieben, "oder zumindest nicht in einem Ausmaß, das ein Gesetz rechtfertigen würde, das im schlimmsten Fall die Presse- und Ausdrucksfreiheit gefährden, das Zitatrecht einschränken, die Kommunikationsfreiheit im Internet behindern und freiberufliche Journalisten noch einmal schlechter stellen könnte in ihrer Rechtsposition gegenüber den Verlagen."

Perlentaucher Thierry Chervel hat sich beim Deutschlandradio Kultur ebenfalls gegen das Leistungsschutzrecht ausgesprochen.

Besser als Leistungsschutzrecht wäre eine plattformübergreifende Flatrate. Tomas Bella hat so etwas mit seinem Start-Up Piano Media in der Slowakei und Slowenien bereits entwickelt, berichtet der Standard: "Die größten Printmedien beider Länder haben unter der Anleitung des ehemaligen Journalisten ausgewählte Teile ihrer Internetauftritte bezahlpflichtig gemacht. Leser, die freien Zugang zu allen Artikeln haben möchten, entrichten eine Flatrate nach Art einer Kabel-TV-Gebühr und können in der Slowakei um 3,90 Euro pro Monat und in Slowenien für fünf Euro pro Monat ungehindert auf allen beteiligten Webseiten surfen."

TAZ, 07.03.2012

Zum Auftakt der Konferenz "UnlikeUs" von Geert Lovinks Amsterdamer Instituts für Netzwerkkultur eruiert Mercedes Bunz die Lage: "Mittlerweile ist es schwer, die politische Absurdität zu übersehen, die sich mit der New Economy aufgetan hat. Während sich alternative Ansätze im Netz umgehend durch abwinkende Kritik entmutigt finden, hat sich die Hoffnung freudestrahlend bei den um Risikokapital pitchenden Start-ups eingenistet. Facebook ist dafür ein gutes Beispiel.

Weitere Artikel: Georg Seeßlen feiert Christian Petzolds Film "Barbara", der jetzt in die Kinos kommt. Stefan Reinecke verteidigt Beate Klarsfeld gegen Vorwürfe, sie habe sich mit ihrer Kampagne gegen Kurt Kiesinger vor den Karren der Stasi spannen lassen. Robert Iwanetz verdanken wir den Hinweis auf die Seite "Never Liked it Anyway", auf der man den Krempel des Ex verhökern kann.

Und Tom.
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Aus den Blogs, 07.03.2012

Christoph Keese, Cheflobbyist des Springer-Verlags und prominentester Verfechter des Leitungsschutzrechts, beteuert in seinem Blog: "Nein, das Leistungsschutzrecht schränkt die Weitergabe von Informationen nicht ein. Das Zitatrecht wird nicht geändert, sondern umgekehrt: Es gilt mit allen bisherigen Bestimmungen auch beim Leistungsschutzrecht. Die Nachricht als solche wird ebenfalls nicht geschützt und wäre auch gar nicht schützbar. Frei bleibt auch der Link."

FR/Berliner, 07.03.2012

Im Interview mit Ralf Schenk spricht Regisseur Christian Petzold über seine aus der DDR geflohenen Eltern und über die Werke, die ihn für seinen Film "Barbara" inspirierten, etwa Hermann Brochs "Barbara" oder Werner Bräunigs "Rummelplatz". Keine Defa-Filme: "Als ich das Drehbuch schrieb, sah ich mir natürlich mehrere DDR-Filme an, nahm aber nur 'Jahrgang 45' von Jürgen Böttcher als Grundlage. Und zwar nicht von der Fabel her, sondern vom Gefühl, das dieser Film transportiert. Es ist der Nouvelle-Vague-Film der Defa: ein authentisches Porträt jener Generation, die 1968 zugleich die größte Hoffnung und den tiefsten Absturz ihres Lebens erfuhr. Der Prager Frühling hatte Luft und Sinnlichkeit in dieses System gebracht. Als die Panzer des Warschauer Pakts in Prag eindrangen, war alles vorbei."

Besprochen werden die große Claes-Oldenburg-Schau "The Sixties" im Wiener Mumok, die Ausstellung "1912" im Literaturarchiv Marbach, die DVD-Box "Glenn Gould on Television" und Ralf Bönts Manifest für den Mann "Das entehrte Geschlecht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 07.03.2012

Marko Martin würdigt seine Helden der Dissidenz, Vaclav Havel und Wislawa Szymborska, die er ganz klar von Christa Wolf abhebt. Wolf nämlich wurde nie konkret in ihren Klagen und riskierte selten etwas: "War es nicht ungemein bequem und eine risikolose Masche, so wortreich wie vage 'unsere Zivilisation' mit Klagen zu überziehen und von der Willkür der kommunistischen Einheitsparteien konsequent zu schweigen? 'Wir bitten Sie, bleiben Sie hier', rief Christa Wolf kurz vor Mauerfall ausgerechnet in den Nachrichten des DDR-Staatsfernsehens, als Hunderttausende - darunter gewiss auch viele ihrer Leser - selbstbestimmt in den Westen flüchteten, sich um die Wolfsche Verteufelung des 'oberflächlichen Materialismus' keinen Deut mehr scherend."

Weitere Artikel: Christophe Büchi berichtet über Genfs Feier zu dreihundert Jahren Jean-Jacques Rousseau, dem die Stadt mittlerweile ganz versöhnlich gegenüber gestimmt ist: "Die Zeiten, in denen Rousseau entweder als gottloser Geselle und Wegbereiter der Terreur verdammt oder aber als Wegbereiter der Demokratie und Theoretiker der Volkssouveränität in den Himmel gelobt wurde, sind vorbei. Auch die alte Feindschaft zwischen Rousseau und dem nahe von Genf residierenden Voltaire ist vergessen."

Marco Frei war in Detlev Glanerts Oper "Joseph Süß" im Münchner Gärtnerplatz-Theater. Besprochen werden eine Studie zum akustischen Gedächtnis vom Zweiten Weltkrieg und Kinderbücher (siehe auch unsere Bücherschau des Tages).

Spiegel Online, 07.03.2012

Sascha Lobo findet den Begriff der "Netzgemeinde" eigentlich gar nicht so unzutreffend: "Seit dem Wahlerfolg der Piratenpartei im Herbst 2011 ist klar, dass im Umfeld der Netzgemeinde ernsthaft Politik gemacht und zielgerichtet gewählt wird. Seit den Acta-Demonstrationen im Februar 2012 ist klar, dass die Netzgemeinde auch auf der Straße ein enormes Mobilisierungspotential hat. Seit dem Protest zum Leistungsschutzrecht ist klar, dass die Internetlobby in der politischen Auseinandersetzung kein noch so kompliziertes Thema scheut."

SZ, 07.03.2012

Jonathan Fischer besucht in Istanbul die Redaktion des burlesken, im Selbstverlag herausgebrachten, enorm erfolgreichen und regelmäßig gegängelten Satiremagazins Uykusuz. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegt schon so einiges, wenn auch nicht alles, wie Fischer erfährt: "'Nur drei Regeln', sagt Yigit, 'müssen Karikaturisten in der Türkei beachten. Erstens: Zeichne auf keinen Fall einen religiösen Würdenträger. Am wenigsten den Propheten Mohammed.' Wenn eine türkische Satirezeitschrift es vor 20 Jahren noch wagte, den Propheten als Außerirdischen darzustellen, der in einer von Spinnweben verhängten Höhle haust, sei so etwas heute nicht mehr denkbar. 'Zweitens: Mache dich niemals über Atatürk lustig. Drittens: Ermutige niemanden den Wehrdienst zu verweigern.'"

Weiteres: Christiane Schlötzer stellt die vom Geheimdienst ihres Landes misshandelte, syrische Schriftstellerin Samar Yazbek vor, die im Pariser Exil ihre Erfahrungen in einem Buch aufgeschrieben hat (mehr im Ersten). Jürgen Claus erklärt, wie Meeresarchitekten den Meeresgrund besiedeln wollen und warum das energiepolitisch relevant sein könnte. Im Medienteil hält Simon Fler schulterzuckend und erfolglos nach GoogleTV Ausschau.

Besprochen werden Christian Petzolds neuer Film "Barbara", der laut Fritz Göttler "das Gegenstück zu den DDR-Filmen von Leander Haußmann und Florian Henckel von Donnersmarck" ist, eine Thomas-Mann-Ausstellung im Buddenbrookhaus in Lübeck, eine Ausstellung über den Architekten John Pawson in der Pinakothek der Moderne in München, eine Aufführung von Brechts "Heilige Johanna" im Piccolo Teatro in Mailand, wo im Palazzo Reale zudem eine Ausstellung über Tizian und die Entstehung der modernen Landschaftsmalerei zu sehen ist, und Bücher, darunter eine Aufsatzsammlung über Wirtschaft und Literatur (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 07.03.2012

Jordan Mejias besucht das Städtchen Palmyra im Staat New York, wo der Ur-Mormone Joseph Smith Jr. Visionen hatte und seinen Kult erfand. Und er berichtet, dass sich die andere Fraktion der Gotteswütigen in den USA, die Evangelikalen (die die Mormonen gar nicht als Christen betrachten) über den Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney Sorgen macht. Unter anderem zitiert Mejias den evangelikalen Autor R. Philip Roberts: "Die mormonische Kirche, so seine Sorge, könnte die Präsidentschaft Romneys dazu verwenden, ihre Religion zu legitimieren und ihre enormen globalen Missionsanstrengungen noch zu verstärken. Jede Stimme für Romney wäre demnach eine Schwächung der Evangelikalen im Konkurrenzkampf mit den Mormonen." (Hier ein Artikel der New York Times über die von den Mormonen verursachten Bauchschmerzen der Evangelikalen.)

Weitere Artikel: Edo Reents malt sich in der Leitglosse ein Szenario aus, in dem Gauck von seiner Präsidentschaftskandidatur zurücktritt, weil ihm die Welt Relativierung des Holocaust vorwarf. Lorenz Jäger berichtet über den neuesten Stand der Diskussionen um Robert Services Trotzki-Biografie, die trotz zähen Widerstands einiger Unverzagter bei Suhrkamp erscheinen wird. Andreas Platthaus erzählt, dass Christian Krachts Roman "Imperium" jetzt von Marc Buhl unter die Lupe genommen wurde, der kürzlich selbst einen Roman über den Radikalvegetarier August Engelhardt geschrieben hat und bei Kracht einige auffällige Parallelen entdeckte - außerdem weiß Platthaus, bei welchem Comic sich Kracht für das Titelbild seines Romans inspirierte.

Besprochen werden Christian Petzolds Film "Barbara" mit Nina Hoss, eine Ausstellung handkolorierter japanischer Fotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts in Venedig, die John-Cranko-Choreografie von "Romeo und Julia" am Berliner Staatsballett und Bücher, darunter Gerd Holzheimers Biografie über Gerhard Polt (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).