Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Wo es ernst wird, reicht das Netz nicht aus

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.04.2013. Die FAZ schreitet über die Stege des Mucem ins mediterrane Glitzerlicht der Kulturhauptstadt Marseille. Jürgen Habermas hat in Belgien über Europa gesprochen - und die Deutschen zu Opfern aufgefordert. Die NZZ erkundet die Möglichkeiten des Netzes als Medium des Protestes. Brigitte eröffnet die Berichterstattung über den NSU-Prozess. Und in der Welt hält Matthias Küntzel fest: Richard Wagner war ein Klassiker - und zwar des deutschen Antisemitismus.

Welt, 30.04.2013

Die Teilnehmerzahlen an Deutschkursen in den Goethe-Instituten wächst ständig, berichtet Wolfgang Büscher. Die Pflichtregistrierung für deutsche Filme, die jetzt im Bundestag beschlossen wurde, geht Hanns-Georg Rodek nicht weit genug: Er plädiert außerdem für ein Pflichtexemplar, wie es das bei Büchern seit den sechziger Jahren gibt. Sky Nonhoff schreibt zum Achtzigsten des Country-Sängers Willie Nelson. In seiner Feuilletonkolumne spricht Marc Reichwein heute T wie Trafik. dpa-Chef Wolfgang Büchner wird Spiegel-Chefredakteur, meldet Kai-Hinrich Renner.

Hingewiesen sei noch auf einen gepfefferten Artikel aus der Welt am Sonntag, in dem sich der Historiker und Politologe Matthias Küntzel gegen die Wagner-Verehrung im Jubiläumsjahr wehrt. Wagner, schreibt er, war keineswegs nur Antisemit aus Konkurrenzneid, sondern ein in der Wolle gefärbter Antisemit: "Wagners Judenfeindschaft war revolutionär. Sein revoltierender Geist und sein antisemitisches Ressentiment standen nicht im Widerspruch, wie es Wagner- Apologeten gern behaupten, sondern gehörten zusammen. 'Der Jude', schrieb Wagner 1850, 'herrscht und wird so lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor welcher all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert.' Folgerichtig sah er im 'Untergang' der Juden das Mittel, die 'deutsche' Kunst von Geldherrschaft und Egoismus zu befreien."

NZZ, 30.04.2013

Joachim Güntner macht sich Gedanken über das Netz, Protest und Präsenz und resümiert die Ergebnisse einer Tagung des Goethe Instituts: "Das Internet hat enorme Vorzüge als Werkzeug. Es verbreitet die Kunde von Geschehnissen sehr rasch, senkt die Schwelle, Proteste zu artikulieren, und reduziert die Kosten von Kommunikation und Organisation. Politische oder soziale Umwälzungen aber erfordern ein leibhaftiges Engagement. Wo es ernst wird, reicht das Netz nicht aus."

Weiteres: Ganz unzufrieden ist Karin Leyendecker nicht mit dem neuen Würth-Haus von Gigon Guyer am Bodensee-Ufer von Rorschach sein, auch wenn sie sich "etwas Sensibleres" für diesen "heiteren Ort" gewünscht hätte. Besprochen werden eine Ausstellung über Videokunst in Asien im ZKM Karlsruhe, Stücke des Neapolitaners Eduardo De Filippo am Piccolo Teatro di Milano, Sergio Pitols Erzählungen "Drosseln begraben" und Tom M. Wolfs Roman "Sound" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 30.04.2013

Zwar ist Gernot Knödler nicht unbedingt begeistert von den Hamburger IBA-Projekten für Wilhelmsburg (etwa der Heiligenschein für die Giftmülldeponie), aber zu der von vielen linken Gruppen beklagten Gentrifizierung ist es nicht gekommen: "Tatsächlich bestätigt das von der IBA in Auftrag gegebene Strukturmonitoring, dass die Mieten neu inserierter Wohnungen in Wilhelmsburg von 2006 bis 2012 um 35 Prozent gestiegen sind. Im Gesamt-Hamburger Durchschnitt waren es allerdings 48 Prozent. Mit 30 Prozent ist der Anteil an Sozialwohnungen noch vergleichsweise hoch. Gegen die These von der Gentrifizierung des Stadtteils spricht auch, dass die Bevölkerung zwar wächst, nicht aber wegen des Zuzuges aus dem übrigen Hamburger Stadtgebiet."

Weiteres: In seiner Südpost-Kolumne besingt der irakische Schriftsteller Najem Wali das einst glanzvolle Basra an, das einst viele und große Dichter hervorgebracht hat: "Damit Lyrik sich entwickeln kann, braucht sie Wohlstand und sozialen Frieden." Durchaus angeregt, aber etwas unfrei fühlte sich Erik K. Franzen beim Münchner Filmfest "Kino der Kunst": "Warum wird man im Kinosaal eingesperrt?" Franz Dobler stimmt auf Kinky Friedmans Konzert übermorgen in Mainz ein. Cristina Nord bespricht Brian de Palmas neuen Film "Passion".

Und Tom.
Anzeige

Weitere Medien, 30.04.2013

Jürgen Habermas hat in Belgien über Europa geredet und die Deutschen zu Opfern aufgefordert: "If one wants to preserve the Monetary Union, it is no longer enough, given the structural imbalances between the national economies, to provide loans to over-indebted states so that each should improve its competitiveness by its own efforts. What is required is solidarity instead, a cooperative effort from a shared political perspective to promote growth and competitiveness in the euro zone as a whole. Such an effort would require Germany and several other countries to accept short- and medium-term negative redistribution effects in its own longer-term self-interest."

Eine Facebook-Seite der FDP hat schon mal ein Cover für Brigitte entworfen, die zu den wenigen Glücklichen mit Akkreditierung zum NSU-Prozess gehört.

(Via turi2) Brigitte entwaffnet die Spötter aber zugleich und zeigt mit einem Porträt der Zschäpe-Anwältin Anja Sturm, dass sie die Berichterstattung über den NSU-Prozess schon in die Hand genommen hat: "'Frau Zschäpe braucht eine starke Verteidigung, und die möchte ich ihr geben', sagt sie nüchtern. Und wenn die Angeklagte schuldig ist? Bringt es die Anwältin nicht in innere Konflikte, wenn sie an das Leid der Opfer und deren Familien denkt? Anja Sturm argumentiert juristisch, für Laien mag es herzlos klingen: 'Die Frage, ob ein Mandant schuldig ist oder nicht, ist für jeden Verteidiger, der seine Sache gut machen will, völlig irrelevant. Es geht nur darum, die Rechte des Angeklagten gut wahrzunehmen.' Egal, wer vor einem sitzt."

(Via Matthias Rascher) Ein bisher unbekanntes Rembrandt-Porträt ist aufgetaucht. (Es stammt von dem Künstler David Barton, mehr hier).

FAZ, 30.04.2013

Marseille ist, neben der slowakischen Stadt Kosice, europäische Kulturhauptstadt des Jahres. Die FAZ bringt aus diesem Anlass ein ganzes Dossier. Lena Bopp besucht das von Rudy Ricciotti entworfene Mucem, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraums, das eigentlich aus Beständen des ehemaligen Pariser Volkskundemuseums gespeist ist. Den Bau hat Ricciotti dem Hafen vorgelagert und mit der Stadt und dem Fort Saint-Jean durch Stege verbunden: "Man wird das Museum auch per Boot erreichen können. Die Landestelle wird in dem kleinen Hafenbecken liegen, das hier schon entstanden ist und das dem Meerwasser erlaubt, das neue Museum von zwei Seiten so zu umspielen, als läge es auf einer Halbinsel. Damit hat Ricciotti das Mittelmeer selbst zum Gegenstand der Schau gemacht."

Weitere Artikel: Sandra Kegel folgt einem Parcours, der den Exilanten des Zweiten Weltkriegs folgt. Olivier Guez schreibt über Olympique Marseille (die französischen Bayern, nur nicht so gut). Sandra Kegel begibt sich ins lauschige Aix-en-Provence, das auch beim Kulturjahr mitmacht. Lena Bopp würdigt die Rolle des Rap in der lokalen Kultur. In weiteren Texten stellt Kegel in der Stadt lebende Künstlerinnen vor und nimmt einen Pastis in der Bar du Mistral, einem Spielort der Serie "Plus belle que la vie", die der "Lindenstraße" entspricht. Erinnert wird außerdem an Varian Fry, der Exilanten rettete und den großen Résistant und Bürgermeister Gaston Defferre. Auf der Medienseite erzählen Ursula Scheer und Michael Hanfeld, wie Amazon demnächst den Fernsehmarkt erobern will.

Besprochen wird, neben einigen Marseille-Büchern, ein Klavierkonzert Hemut Lachenmanns im Rahmen der Münchner "Musica-Viva"-Reihe.

SZ, 30.04.2013

Joseph Hanimann berichtet von der Auftaktveranstaltung mit Alexander Kluge seiner Retropektive in der Cinémathèque Francaise (dazu mehr), wo insbesondere dessen Zusammenarbeit mit Helge Schneider (hier als arbeitsloser Dr. Mabuse) für Verblüffung sorgte: "Die schrille Geschichtsbetrachtung aus Deutschland zwischen Intellektuellenwitz und Volksscherz war den Franzosen bisher vor allem in der sarkastischen Variante eines Heiner Müller geläufig. Dass sie auch mit der diskreten Eleganz eines deutschen Causeurs auftreten kann, hat in Paris verwundert."

Weitere Artikel: Verwundert nimmt Jens Bisky zur Kenntnis, dass derzeit links hoch im Kurs stehende Gerechtigkeitsparolen trotz einigem Agitationspotenzial erstaunlich wenig zünden. Franziska Augstein lauscht in Katar einer Präsentation über die Zukunftsvorstellungen des Emirats (unter anderem will es 2022 die Fußballweltmeisterschaft in zur Not wegen Hitze überdachten Fußballstadien ausrichten). Alexander Menden trifft sich in London mit den Eagles. Harald Eggebrecht verabschiedet sich von dem Musiker János Starker.

Online schämt sich sich Kurt Kister für die Ergebnisse der Auslosung von Presseakkreditierungen zum NSU-Prozess.

Besprochen werden Yaron Zilbermans Film "A Late Quartet" und Bücher, darunter Adam Johnsons Nordkorea-Roman "Das geraubte Leben des Waien Jun Do" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Marseilles neues Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraums ist aus ultrahochfestem Beton gebaut. Auf der Wissensseite zeigt sich Hubertus Breuer ganz begeistert von diesem Stoff: "Das neue Hightech-Material eignet sich vor allem dort, wo Filigranes mit hoher Belastbarkeit gebraucht wird. Brücken verwandeln sich so von Schwergewichten in elegante Strukturen."