Heute in den Feuilletons

Solange man es nicht schwul nennt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2014. In der FAZ beklagt der Philosoph Marco Wehr die fatale Wissenschaftsgläubigkeit der Politik - und der Wissenschaft selbst. In der NZZ erklärt Shlomo Sand, was er meint, wenn er von der "Erfindung des jüdischen Volkes" spricht. Die Welt erkundet die "Macht der Machtlosen". Die SZ möchte die Achse Paris-Berlin-Warschau stärken. Und die taz staunt über den Kurator Kaspar König, der behauptet, in Russland alles zu dürfen.

TAZ, 07.01.2014

Brigitte Werneburg kann nicht ganz glauben, dass der Großkurator Kaspar König seine Manifesta in St. Petersburg austragen und vom russischen Staat finanzieren lässt: "Traditionellerweise heißt es ja, wer zahlt, schafft an. Kaspar König freilich glaubt, dass er mit seinem Kunstprogramm in St. Petersburg durchkommen wird. Denn wie er gegenüber der FAS bekannte: 'Solange man es nicht schwul nennt, darf man fast alles.' Na dann. Ist ja alles in Ordnung, oder?"

Weiteres: Pädagogisch fragwürdig findet Micha Brumlik, dass die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft einen Forschungspreis nach dem NS-Pädagogen und Wehrmachtspsychologen Heinrich Roth benennt. Knut Henkel berichtet aus Guatemala von einem Erstarken indigener Bevölkerungsgruppen, die sich auch zunehmend für das bisher Touristen vorbehaltene Kulturerbe der Mayas interessieren.

Besprochen werden Marianna Salzmanns Stück "Hurenkinder - Schusterjungen" in Mannheim, die Ausstellung "Die Abenteuer der Ligne claire" im Cartoonmuseum Basel und Michela Marzanos Essay "Philosophie des Körpers" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

NZZ, 07.01.2014

Im Interview mit Ramon Schack erklärt der israelische Historiker Shlomo Sand, was es mit seiner viel kritisierten These von der "Erfindung des jüdischen Volkes" auf sich hat. Juden, meint Sand, seien religiös miteinander verbunden, nicht ethnisch: "Es gibt ein israelisches Volk und eine israelische Nation, welche sich zusammensetzt aus Juden unterschiedlichster Herkunft, von Marokko bis zur Moldau, sowie aus einem Viertel Nichtjuden mit einer gemeinsamen Sprache. Wenn ich bestreite, dass es ein jüdisches Volk gibt, dann bestreite ich natürlich nicht, dass es ein israelisches Volk gibt, welches ein Existenzrecht besitzt. Ich denke aber nicht, dass dieses Land auch einem Rabbi in Brooklyn gehört."

Im Interview auf der Medienseite spricht die Leiterin der Schweizer Journalistenschule MAZ, Sylvia Egli von Matt, über den eigentlich recht kreativen Nachwuchs, stellt aber klar, dass es nicht zusammengeht, Journalist werden zu wollen und keine Tageszeitung zu lesen.

Weiteres: Wissenschaftlich verbürgt ist jetzt laut Andrea Köhler, dass Chaos Kreativität erzeugt. Besprochen werden die Ausstellung "Métamatic Reloaded" im Museum Tinguely, Alice Munros Erzählungen "Liebes Leben", Mario Vargas Llosas Roman "Ein diskreter Held" und Hannelore Schlaffers Geschichte der Innenstadt "Die City" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).