Köpfe spritzen auseinander

Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel, Robert Wagner
13.01.2022. Im neuen "Scream", der nicht zufällig nicht "Scream 5" heißt, ist Selbstreflexivität nicht mehr nur Selbstzweck, sondern kommt tatsächlich wieder dem Slasherfilm zugute. Jede Szene, nein jede Einstellung von "Spencer" will uns zeigen, wie sehr Prinzessin Diana leidet in dieser künstlichen, toten Welt mit ihrem lieblosen Ehegatten. Der Film erhebt sich kein Stück über den Boulevard.


Die ursprüngliche "Scream"-Trilogie verfolgte einen geradlinigen Weg. Es begann mit Teenagern, die das Morden eines Slashers in ihren Reihen mithilfe von Horrorfilmen aus Videotheken einordneten. Was die "Scream"-Filme in Dopplungen übersetzten, wenn beispielsweise ein Jugendlicher dem Fernseher zurief, dass eine Filmfigur sich umdrehen solle, da ein Mörder hinter ihr steht, während hinter dem gleichfalls arglosen Ausrufer ebenfalls einer lauerte. Im zweiten Teil startete mit "Stab" eine Verfilmung der Geschehnisse des ersten Teils in den Kinos, wodurch der Film noch deutlicher sein Filmsein thematisierte. "Scream 3" ging noch einen Schritt weiter und spielte in Hollywood, wo abermals jemand zu Maske und Dolch griff, um entsprechend dem Drehbuch des neuesten Eintrags in der "Stab"-Reihe zu morden. Inklusive großer Hollywoodexplosionen und Schatten der Vergangenheit der Traumfabrik, die sich mit der familiären Seite der Reihe verwoben.


"Scream 4" klonte als Meta-Reboot den ersten Teil und ergab mit seiner Wiederholung der Handlung des Originals und der Dopplung von dessen tragenden Figuren nur noch im Selbstbezug auf die Reihe Sinn. Filmhandlung und Metaebene fielen ineinander. Es gab kein Außerhalb mehr, weshalb der Film, der mit einem Film im Film im Film begann, schon nach wenigen Minuten in einer Sackgasse steckte, aus die er sich nur zeitweilig zu befreien wusste - vor allem, weil er für eine konsequente Umsetzung seines Programms nicht absurd genug war.

Der Weg von "Scream" schien nach vier Filmen an seinem logischen, wenn auch nicht bestmöglichen Ende angekommen. Und doch startet nun ein neuer Teil in den Kinos, der sich ganz ohne Zahlenzusatz einfach "Scream" nennt. Ein Neuanfang schien sich anzukündigen. Zumal erstmals nicht der 2015 verstorbene Wes Craven Regie führt, sondern Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett. Aber schon im Trailer waren Neve Campell, Courteney Cox und David Arquette, die Hauptdarsteller und Überlebenden der bisherigen Teile, zu sehen. So ist wenig überraschend, dass auch der neue "Scream" auf den vorherigen aufbaut, dass es Ausschnitte aus dem "Stab"-Franchise geben und über Regeln des Horrorgenres diskutiert wird.

Der Film selbst wird uns mit den Worten eines Filmgeeks (angenehm ungeekig: Jasmin Savoy Brown) erklären, dass wir es mit einem Requel zu tun haben. Also einem Sequel, dass so nah am Original ist, dass es als Remake durchgehen könnte. Die Lehre der letzten beiden "Ghostbusters"-Filme sei, dass Remakes und Reboots die Fans der ursprünglichen Filme gegen sich aufbringen. Wenn aber die Familiengeschichte der Figuren weitergeschrieben wird und bekannte Charaktere/Schauspieler auftauchen, dann würden die Filme angenommen. Insofern greift die 2022er-Version von "Scream" ein weiteres Mal das Konzept von "Scream 4" auf. Nur wird damit diesmal etwas anderes angestellt.

Wie im direkten Vorgänger werden die Täter am Ende ein metatextuelles Motiv für ihre Taten vorbringen. Die Selbstreferenzialität ist schließlich das Markenzeichen der Serie. Inhaltlich wie optisch dreht sich der neue "Scream" allerdings um eine seit 1996 veränderte Horrorfilmlandschaft und die zugehörigen veränderten Rezeptionshaltungen. Ganz allgemein ist unser Wissen über das Genre und dessen Abläufe auch das der Figuren, was für diesmal wieder eher simple, aber effektive Pointen genutzt wird. Besonders schön etwa, wenn geöffnete Keller- und Kühlschranktüren, bei deren Schließung maskierte Mörder offenbart werden könnten, von einem absurd dröhnenden Soundtrack kommentiert werden. Oder wenn Handlungsstränge und -Orte zu dezenten Echos des Originals werden - das macht den Film nicht nur reichhaltiger, sondern auch schwerer auszurechnen. Die Selbstreflexivität ist hier nicht mehr nur Selbstzweck, sondern kommt tatsächlich wieder dem Slasherfilm zugute.

Oft entscheiden sich die Regisseure Bettinelli-Olpin und Gillett sowie der Kameramann Brett Jutkiewicz für sehr nahe Einstellungen. Was sich - vielleicht auch in Zeiten von Social Distancing - aufdringlich anfühlt, aber gleichzeitig Unsicherheit schürt, da das Umfeld der Figuren aus den Bildern verschwindet. Statt des Ausgeliefertseins im Idyll wie im Original herrscht diesmal Klaustrophobie. Allerdings führt dieser Kniff dazu, dass bei Kämpfen und anderen schnellen Abläufen kaum zu erkennen ist, was passiert. Auf jede zwei Schritte nach vorne folgt einer zurück.

Die Wiederkehr von Sidney Prescott (Campell) und Gale Weathers (Cox) - vom Film selbst indirekt als Fanservice gebrandmarkt - führt allerdings dazu, dass der Kampf mit dem eigenen Erbe den Film zu ersticken droht. Zumal die Einbindung der alten Figuren die neuen unnötig lange aus dem Film drängt. Immer wieder wird "Scream 4" zur umständlichen Familienfeier, bei der wir schnell auf den neuesten Stand darüber gebracht werden müssen, was in den letzten zehn Jahren passiert ist. Einzig David Arquette als Dewey wird als Kerncharakter sinnig dem Film zugeführt und fühlt sich nicht wie Ballast an.

Die große Stärke von "Scream" 2022 ist aber, wie unpassend das metatextuelle Motiv der Täter am Ende wirkt - eben, weil der vorherige Film sich durchaus darauf besonnen hatte, dass er ein Slasher ist. Was zuvorderst mit einer neuen Härte umgesetzt wird. Ein Messer wird langsam durch einen Hals geschoben. Die Haut wird dabei nicht allzu leicht durchtrennt. Die Klinge drückt erst eine Beule in sie, bevor sie reißt. Andere Messer werden langwierig in Bäuchen umgedreht. Knarzende und blubbernde Geräusche ersetzen großzügig, was an Gedärm dann doch nicht zu sehen ist. Köpfe spritzen auseinander. "Scream" ist in dieser Inkarnation wieder ein Film, der nicht mehr nur mit sich selbst spielt, sondern genüsslich Körpergrenzen durchdringt, psychosexuelle Tötungsakte zeigt und damit auf grundlegender Ebene die Sicherheit unseres Selbst angreift.

Das Zurückrudern aus der halbgaren Echokammer des Vorgängers ist geglückt. Insofern beweist der Film, dass es sich lohnt, im Vorfeld nicht allzu viel Wert auf die Meinung von Fans zu legen. Der beste Beweis hierfür ist freilich die Lähmung, die den Film angesichts der älteren Figuren aus der Originaltrilogie überkommt.

Robert Wagner

"Scream" - USA 2022 - Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett - Darsteller: Neve Campbell, Courtney Cox, David Arquette, Marley Shelton, Melissa Barrera, Jenna Ortega - Laufzeit: 114 Minuten.

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Kristen Stewart in "Spencer".


Pablo Larraín hat mit seinem zweiten Nahaufnahmenspektakel über eine verlorene Frau im Zentrum und doch am Rand elitärer Verkommenheit ein Genre aus dem Boden gehoben, das niemand braucht. Man kann nur hoffen, dass er es dabei belassen wird. "Spencer", eine geradezu zynisch auf Auszeichnungen schielende, spekulative Annäherung an das Weihnachtswochenende der britischen Royal Family 1991 auf einem Landsitz nicht unweit der Norfolk Coast, ist schwer zu ertragen.


Larraín filmt Kristen Stewart, die sich mit ihrem meist geneigten Kopf, dem kraftlosen Flüstern und den zwischenzeitlichen Ausdruckstänzen auf eine lange Awardsaison einstellen darf. Sie spielt Princess Diana in der Sinnkrise und auf dem Weg zur Scheidung von einem herzkalten Prince Charles sowie außerdem an diversen psychologischen Krankheiten laborierend. Entfremdet von einer marionettenhaften Familie torkelt sie durch die Gänge polierter Schlösser und läuft in ihrer beeindruckendsten Szene mit High Heels über einen Acker. Eine Szene, alle High-Heel-Träger werden dem beipflichten, die den Film als Fantasie entlarvt. Hier geht es los mit den Verirrungen rund um die im Vorspann angekündigte Fabel, die auf wahren Begebenheiten beruht. Der Film bewegt sich so nah an dieser - man vergisst es schnell bei all dem Inszenierungswahn - auf einer realen Person basierenden Figur, wie es die zahlreichen Paparazzi, die ihr nicht nur in der Fiktion auflauern, gern getan hätten. Man muss nun wahrlich kein Mitleid haben mit den willkürlich Bevorzugten, aber die prätenziöse Nähe, die sich der Film herausnimmt, wirkt verfehlt. Es wird gekotzt und gezuckt und heimlich ausgebüxt. Das ändert sich nicht wirklich im ganzen Film. Und dann wird wieder bedeutungsschwer ganz knapp am rastlosen Weitwinkelobjektiv vorbeigespäht.

Überhaupt ist alles geradezu lächerlich bedeutungsschwer. Jede Szene, nein jede Einstellung will uns zeigen, wie sehr die Prinzessin leidet in dieser künstlichen, toten Welt mit ihrem lieblosen Ehegatten. Der psychologische Horror à la "Spencer" ist so subtil wie eine Szene, in der sich eine Prinzessin mit einer Zange den Oberarm blutig zwickt eben sein kann. Dazu wird der prinzipiell gewohnt tolle Score von Jonny Greenwood lieblos auf die Szenen geklatscht. Alles wirkt so unappetitlich wie die grüne Suppe, die Diana in einem suppengrünen Kleid herunterwürgt. Vielleicht kann man ein solches Marienbad, in dem die Lebenden längst nicht mehr leben können oder dürfen, nicht anders zeigen. Es stellt sich aber schon die Frage, was "Spencer" von seiner Hauptfigur oder den Royals oder diesem Weihnachtsfest erzählen will.

In der Küche herrscht die gleiche Starre wie zu Tisch. Die deliziösen Gerichte werden vorgelesen wie Grabinschriften. Nüchtern und kalt. Die Innenräume wirken leer und unecht. Wer möchte, sieht darin einen subversiven Anspruch. Das angeblich so aufregende Leben der Royals wird als Hölle entlarvt. Nur schwebt der Film deutlich zu weit entfernt von einer Wirklichkeit und ist ohnedies mehr an fast expressionistischen Bildern des Innenlebens interessiert. Gedreht wurde übrigens auf den Geländen des Schlosshotel Kronbergs bei Frankfurt, dem Schloss Marquardt bei Potsdam und im Schloss Nordkirchen im südlichen Münsterland. Das echte Großbritannien spielt keine Rolle. Es ist aber Diana. Es ist nicht eine Prinzessin, die an Diana erinnert. Nein, dafür hat sich das Make-up-Department zu viel Mühe gegeben. Nicht die einzige Merkwürdigkeit in einem Film, der die Spannung zwischen einem Seelenleben und einer Oberfläche austariert.

So scheint die häufig eingesetzte Handkamera beziehungsweise Steadycam zunächst passend, weil sie die Nervosität der Protagonistin spürbar macht und ihre Verlorenheit in den strengen Symmetrien des Gebäudes veranschaulicht. Später aber entscheidet sich der Film doch für Tableaus oder lange/langweilige Travellings. Manchmal wirkt es so, als würde sich die Kamera mit der Prinzessin verbünden, dann wieder jagt sie die Protagonistin durch die Korridore wie in einem Film von Darren Aronofsky. Der Umgang mit dem natürlich beeindruckendem Kostüm (Oscar!) ist ähnlich seltsam, denn obwohl das Kostüm offensichtlicher Teil des Gefängnisses der königlichen Etikette ist, wird es zwischendurch basierend auf der Finte, dass Diana es nicht in just jenem Moment trägt, in dem es vorgeschrieben war, als Ausdruck einer Emanzipation verkauft. Zudem ist "Spencer" erschreckend humorlos für einen Film über Humorlosigkeit.

Am meisten aber verärgert, dass es sich bei "Spencer" um eine avancierte Karnevalsveranstaltung handelt. Alle verkleiden sich als irgendwer und zeigen wie dunkel es doch hinter den Vorhängen aussieht. Das Prinzip der Ähnlichkeit aber hat sich längst erschöpft im Kino. Hinter den spekulativen Imitationen verbirgt sich nur Eitelkeit, keine Wahrheit. Das Kino wiederholt seit Jahrzehnten seine Fehler und alle spielen mit. "Spencer" erhebt sich kein Stück über stumpfsinnigen Boulevard. Eleganter gefilmt, schöner, ja, das mag sein, aber sich selbstverliebt in der Bedeutungshoheit jener suhlend, die glauben, hinter irgendeinen Vorhang zu blicken. Kann das wirklich gefallen? Berührt das oder bringt es zum nachdenken? Über was will man nachdenken in diesem Film, der sich aus der Luft und mit ein bisschen Recherche irgendwas zusammen dichtet und es auf berühmten Menschen basieren lässt? Vielleicht geht es um einen relevanten Tabubruch oder die Geschichte einer gefangenen Frau? Wahrscheinlich aber geht es nur um Preise und Geld und eine verfehlte Lust an aristokratischen Geheimnissen. Diese Vermutung ist aber auch nur eine Fabel, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Patrick Holzapfel

"Spencer" - GB, Chile 2021 - Regie: Pablo Larraín - Darsteller: u.a. Kristen Stewart, Timothy Spall, Jack Nielen, Freddie Spry, Jack Farthing, Sean Harris - Laufzeit: 117 Minuten.