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Magazinrundschau

Nur noch nummerierte Ameisen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
21.05.2019. Die LRB geißelt den Ausverkauf des britischen Gemeineigentums. Kino-Zeit lässt sich erklären, wie man einen alten Farbfilm restauriert. Der New Yorker sucht vergeblich mutige junge Künstler auf der Whitney Biennial. Die Armen als Klasse gibt es nicht, beschreibt Agnes Heller in 168 ora das Problem der traditionellen Parteien. Propublica berichtet über Gewaltexzesse in Alaska. The Nation schildert die Folgen der drakonischen Abtreibungsgesetze in Ecuador. Die NYT weiß, warum Gesetze gegen Cannabiskonsum rassistisch sind.

London Review of Books (UK), 23.05.2019

Beim Lesen von Brett Christophers Buch "The New Enclosure" über den Ausverkauf des britischen Gemeineigentums schwankt Ian Jack zwischen Zorn und Verzweiflung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben alle  Regierungen seit Margaret Thatcher öffentliches Land privatisiert, wobei ein Großteil nicht einmal an Investoren ging, sondern an reine Finanzinvestoren, die auf den steigenden Bodenwert spekulieren: "Christopher schätzt, dass der Staat seit 1979 zwei Millionen Hektar verkauft hat, ein Zehntel der britischen Landmasse, was bei heutigen Preisen einem Wert von 400 Milliarden Pfund entspräche, zehnmal mehr als mit der wertvollsten Komponente verdient wurde, dem Verkauf der Sozialwohnungen. Seine Schätzungen umfassen reine Ländereien wie Wälder, Militärgelände und kommunale Farmen, aber auch Land als Bestandteil anderer Privatisierungen wie etwa Elektrizitätswerke oder Sozialbauten (im Durchschnitt macht das Land bei allen Arten von Immobilien heute siebzig Prozent des Kaufpreises aus, in den dreißiger Jahren waren es zwei Prozent). Als Margaret Thatcher im Mai 1979 Downing Street übernahm, besaß der Staat mehr Land als jemals zuvor: zwanzig Prozent des ganzen britischen Gebiets. Heute liegt die Zahl bei zehneinhalb Prozent. Veräußert wurden Gemeindehäuser, Wälder, Farmen, Moore, Werften, militärische Flugplätze, Eisenbahngleise, Brücken, Museen, Theater, Spielplätze, Parks, Stadthallen, Rasenflächen, Schrebergärten, Kindergärten, Sportcenter, Schulsportplätze. Laut Christopher gab es 'eine kolossale Entwertung des öffentlichen Besitzes', und sie geschah nicht unabsichtlich."

Weiteres: Jacqueline Rose blickt auf Südafrikas unaufgearbeitete Traumata, das Scheitern der Wahrheitskommission, die unehrliche Politik des ANC und die Vertreibung der Psychoanalytiker aus dem Land.

Kino-Zeit (Deutschland), 21.05.2019

Dass Filme insbesondere farblich sehr unterschiedlich aussehen können, wird jedem schon mal aufgefallen sein, der einen Film in zeitlich kurzen Abständen erst im Kino, dann auf einer älteren DVD und schließlich noch auf einer neuen BluRay gesehen hat: Filmfarben folgen technischen Dispositiven einerseits, aber auch Spekulationen heutiger Restauratoren und nicht zuletzt kommerziellen Moden. Dieses Fazit lässt sich aus Katrin Doerksens großem Feature auf Kino-Zeit entnehmen, die insbesondere über die Geschichte deutsch-deutscher Filmfarben und das (auch aus firmenhistorischer Perspektive interessante) Verhältnis zwischen Agfacolor und Orwocolor - wie das Farbfilmmaterial der DDR hieß - recherchiert hat. Unter anderem sprach sie mit Josephine Diecke, die gemeinsam mit der Schweizer Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger an der Geschichte und Technik der Filmfarben forscht und Restauratoren berät: "Letztlich muss man sich von dem Gedanken verabschieden, dass man es schaffen kann wieder eine Originalversion herzustellen", sagt Diecke. Doch wenn man sich nicht einfach am Original orientieren kann, woran dann? "Interessanter wäre es unter Umständen, mit digitalen Mitteln oder auch der Forschung neue Versionen bzw. Remasterings zu erschaffen, die die Leute damals so nicht gesehen haben können, die aber den Intentionen der Filmemacher näher kommen, die mit diesen Materiallimitationen arbeiten mussten. Wofür meine Kolleginnen und ich aber auf jeden Fall plädieren, ist Transparenz. Wenn wir die Negative von chromogenen Filmen scannen, erreichen wir eine Schärfe, die nie jemand im Kino gesehen hat. Wenn wir eine Kopie haben, versuchen wir deswegen das Positivfarbschema zu übertragen. Das ist sonst eine vollkommen neue Version. Fakt ist aber: Heutzutage werden Restaurierungen eigentlich immer am Negativ durchgeführt, nur wird das seltener problematisiert." Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist auch Barbara Flückigers Datenbank zu unterschiedlichen Farbfilmverfahren. Auch sehr schön: Eine Youtube-Dokumentation über die spannende Geschichte der Farbfilmherstellung in der DDR:

Archiv: Kino-Zeit

New Yorker (USA), 27.05.2019

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Peter Schjeldahl von den Trends auf der Whitney Biennial: "'Technologie wird uns ertränken. Das Individuum verschwindet, bis wir nur noch nummerierte Ameisen sind.' So zitiert Adam Weinberg im Katalog der Whitney Biennial 2019 Marcel Duchamp. Weinberg hat die schädlichen Auswirkungen sozialer Medien im Auge, aber Duchamps Prophezeiung könnte als Rückblick auf diese Biennale funktionieren. Mit wenigen Ausnahmen behandeln die meist jungen Künstler das Thema Identität oder kommunitäre Politik. Auffallenderweise sind sie meist nicht radikal, als hätten sie sich mit ihrer relativen Unwirksamkeit abgefunden; sie scheinen festgefahren. Die unverantwortliche Freude am ästhetischen Erleben ist nur ein Thema unter vielen. Fast alle Künstler sind technisch versiert in Medien wie Fotografie, Video, Performance, Malerei und Skulptur, aber die meisten Arbeiten, auch wenn sie mitunter charmant sind, sind traditionell und recyceln Formen, die keinen Kunststudenten vom Hocker hauen … Betreffend das kunstgeschichtliche Gedächtnis wirkt die Show größtenteils amnesisch. Sie vergisst sogar die Gegenwart, wenn es um von Händlern und Sammlern favorisierte Stile und Ideen geht … Vielleicht ist es bezeichnend, dass in dem Moment, da das Whitney wegen eines Vorstandsmitglied in der Kritik steht, das die Herstellung von Tränengas gegen mexikanische Migranten mit zu verantworten hat, mit Michael Rakowitz nur ein einziger eingeladener Künstler aus Protest die Show verlässt."

Amanda Petrusich findet deutsche Geschichte zur Horrorschau verarbeitet - im neuen Rammstein-Album: "Rammsteins Sound ist weiterhin schwer … Obwohl sich Lindemanns Texte immer noch vor allem um Sex drehen, wird ein Großteil des neuen Albums für Hörer, die Heavy Metal eigentlich für grotesken Lärm halten, klanglich schmackhaft sein. Die Songs sind energetisch und prickelnd."

Außerdem: Ed Caesar erzählt, wie ein britisches Mitglied der rechtsterroristischen Gruppierung National Action zum V-Mann wurde. Jerome Groopman liest Anne Harringtons Geschichte der Psychiatrie, "Mind Fixers". Und Anthony Lane sah im Kino Olivia Wildes "Booksmart".und Joanna Hoggs "The Souvenir".
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Archiv: New Yorker

168 ora (Ungarn), 21.05.2019

Am 12. Mai wurde die Philosophin Ágnes Heller 90 Jahre alt, zugleich ist der zur Frankfurter Buchmesse 2018 auf Deutsch vorgestellte Gesprächsband über ihr Leben mit Georg Hauptfeld - "Der Wert des Zufalls" - nun auch auf Ungarisch erschienen. Im Interview mitKatalin Dorogi analysiert Heller, frisch wie eh und je, die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Ungarn und in der Europäischen Union. "Fidesz - die ungarische Regierungspartei - ist rechtsradikal, dass wissen alle, die EVP auch. Bei der Entstehung der Massengesellschaft verlieren die traditionellen Parteien ihre Unterstützung. Die traditionellen Parteien waren Klassenparteien, doch heute gibt es keine Klassen mehr, denn die Armen sind keine Klasse. (…) Man wird sagen, dass ich eine marxistische alte Frau bin, aber Marx hatte hierbei Recht: ohne Bewusstsein gibt es keine Klasse. Die Armen als Klasse gibt es nicht. Die Armen werden sich nicht damit beschäftigen, dass es keine Armut mehr geben soll, sie beschäftigen sich damit, dass sie so schnell wie möglich etwas mehr haben und 'die Migranten nicht kommen'. (…) Das grundlegende Konfliktfeld in Europa sieht wie folgt aus: die ethnischen Nationalisten stehen auf der einen Seite und die, die auf irgendeiner Weise das Zusammenwachsen der europäischen Gemeinschaft haben möchten, sei als Union, sei es als föderaler Staat, auf der anderen Seite. Patriotismus ist kein Nationalismus, ich spreche vom ethnischen Nationalismus, der nahe beim Rassismus steht."
Archiv: 168 ora

Propublica (USA), 16.05.2019

Wer diesen Artikel liest, wird jede Alaska-Romantik fahren lassen. Trübsinniger, als hier beschrieben, kann das Leben kaum sein. Kyle Hopkins ist für Propublica und die Anchorage Daily News in Dutzende abgelegener Dörfer gefahren und hat mit Dorfpolizistinnen gesprochen, die sich mit kaum zu bewältigenden Problem konfrontiert sehen. In Alaska ist die Selbstmordrate höher als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten, Alkohol ist ein riesiges Problem und die Raten für sexuelle Gewalt liegen dreimal höher als im Landesdurchschnitt - außer an der Westküste Alaskas, da sind sie nochmal doppelt so hoch. Eines der größten Probleme, so Hopkins , ist, dass es in vielen Dörfern überhaupt keine Polizei und nicht mal provisorische Gefängniszellen gibt. Hintergrund ist die seltsame Politik der Subvention der Bevölkerung, die die Leute wohl vor Ort halten soll. Deshalb wurden selbst die Mittel für die raren Hilfspolizisten gekürzt: "Statt die Bezahlung zu erhöhen oder neue Leute einzustellen, schlug der Gouverneur Mike Dunleavy dieses Jahr ein Budget vor, das die Mittel für Dorfpolizisten um 3 Millionen Dollar kürzt. Die Einsparungen sind Teil von Einschnitten in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar, die es Alaska erlauben sollen, sein Budget einzuhalten und zugleich die Schaffung einer (in Alaska bisher nicht existenten) Einkommenssteuer zu vermeiden. Auch die Öldividende für alle Wahlberechtigen soll erhalten bleiben. Dunleavy, ein Republikaner, versprach im  Wahlkampf zwar mehr öffentliche Sicherheit, aber er versprach auch, dass die Alaskaner weiterhin ihre Ölschecks bekommen sollen und dass ihr Wert sogar steigen werde." Der Scheck liegt immerhin bei 4.000 Dollar pro Jahr. Für alle, die überleben. Hopkins schreibt hier in den Anchorage Daily News über die Umstände seiner Recherche.
Archiv: Propublica
Stichwörter: Alaska, Sexuelle Gewalt

The Nation (USA), 21.05.2019

In einer zweiteiligen Reportage über Abtreibung in Ecuador beschreibt Zoë Carpenter (hier und hier) die oft grauenvollen Zustände in dem Land, das eins der drakonischsten Abtreibungsgesetze der Welt hat. "Einige Frauen, die wegen Abtreibung oder Mordes nach Fehlgeburten verfolgt wurden, wussten nicht einmal, dass sie schwanger waren. In einem Fall wurde eine Frau im Alter von 18 Jahren vergewaltigt. Es war ihre erste sexuelle Erfahrung, und sie sagte es niemandem. Einige Monate später, während sie Hausarbeiten machte, begann sie zu bluten, und am nächsten Morgen brachte sie einen tot geborenen Fötus zur Welt. Sanitäter, die von ihrer Familie gerufen wurden, fanden die Leiche im Badezimmer. Sie wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt - weil sie sich nicht um eine Schwangerschaft gekümmert hatte, von der sie nichts wusste. In diesem und anderen Fällen verließen sich die Staatsanwälte auf eine diskreditierte forensische Methode, um eine Mordanklage zu unterstützen: den hydrostatischen oder Lung-float-Test (Docimasia pulmonum hydrostatica), ein Verfahren aus dem 17. Jahrhundert, bei dem Lungengewebe des Fötus in Wasser gelegt wurde. Schweben gilt als Beweis dafür, dass das Baby lebend geboren wurde und nach der Geburt gestorben sein muss - oder getötet wurde. Aber eine Reihe von Faktoren können dazu führen, dass die Lunge schwimmt, und der Test kann nicht zwischen einer Tötung und einem Tod aufgrund anderer Ursachen unterscheiden. Bereits in den 1660er Jahren, so der Historiker G.K. Behlmer, 'kamen die Europäer zu dem Schluss, dass es unmöglich sei, eine Lebendgeburt aus der schwebenden Lunge abzuleiten'. Ein neueres forensisches Lehrbuch nennt solche Tests 'schwarze Magie', die 'ein falsches Gefühl der wissenschaftlichen Gültigkeit simulieren und sogar zu einem möglichen Justizirrtum führen können'. Dennoch wird der Test immer noch zur Verfolgung von Kindesmord in Ländern mit strengen Antiabtreibungsgesetzen verwendet, darunter El Salvador und Mexiko. Es wurde auch in den Vereinigten Staaten verwendet, um eine Indianerin namens Purvi Patel wegen Vernachlässigung und Fetizid im Jahr 2015 zu verurteilen."
Archiv: The Nation

La regle du jeu (Frankreich), 21.05.2019

Kaum zu glauben, aber die Mitterrand-Idolatrie ist in Frankreich nicht totzukriegen. Raphaël Glucksmann, der Sohn des großen André Glucksmann, ist in die Politik gegangen und kandidiert für eine gemeinsamen Liste mit den Sozialisten in den Europa-Wahlen. Aber er ist auch Ko-Autor eines Films über den Genozid in Ruanda und ein scharfer Kritiker der französischen Rolle in dieser finsteren Angelegenheit - und ganz besonders François Mitterrands, der sich auch hier als der Zyniker erwies, den er nur notdürftig hinter seinem großartigen Gebaren versteckte. Jüngst hat Glucksmann seine Vorwürfe gegen Mitterrand bekräftigt und erhielt glatt einen offenen Brief von Überlebenden der Mitterrandie in der abgewirtschafteten Sozialistischen Partei - von Edith Cresson bis Jack Lang. In La Règle du Jeu, Bernard-Henri Lévys Blog, tritt David Gakunzi Glucksmann zur Seite: "Wer hat gesagt, 'in diesem Land ist ein Völkermord nicht so von Belang'? Mitterrand. Und wer hat gesagt, 'in dieser Art Konflikt geht es nicht um die Suche nach Guten und Bösen, es handelt sich durchweg um potenzielle Killer'? Wieder der Mann von Solutré. Die Konsequenzen seiner Politik in der Region waren desaströs und haben bis heute Auswirkungen. Und für das Bild Frankreichs in Afrika sind diese Konsequenzen auf Dauer vernichtend."

Der Genozid von Ruanda wird in La Règle du Jeu immer wieder thematisiert, auch von BHL selbst, der die unselige Rolle Frankreichs klar benennt. So viel vielleicht auch zur Nuancierung eines Artikels von Jürg Altwegg in der FAZ, der jüngst behauptete, dass die antitotlitären Intellektuellen in Frankreich den Genozid seinerzeit ignorierten. "Der Schriftsteller Jean Hatzfeld glaubt", so Altwegg, "dass die jüdischen Intellektuellen einen Genozid, der mit der Schoa vergleichbar wäre, schlicht nicht anerkennen wollten."

Hier Glucksmanns Film:

Fortune (USA), 20.05.2019

Bei Google meutert die Belegschaft. Wie Beth Kowitt berichtet, protestieren die durchweg gut bezahlten Angestellte nicht gegen schlechte Arbeitsbedingungen, sondern gegen die Belästigung von Frauen und Minderheiten am Arbeitsplatz, gegen die Zensur in China und die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär. Erreichen die amerikanischen Kulturkämpfe das Silicon Valley oder stemmen sich die letzten Aufrechten gegen das Bösewerden von Google? "Die vergangenen Jahre ließen Zweifel aufkommen am erklärten Ziel der Branche - verändere die Welt (und werde reich dabei!) -, die Fälle mehren sich, in denen die Technologie ihre destruktive Macht zeigt, von den Einmischungen in den Wahlkampf, über die Giftigkeit sozialer Medien bis zur Verletzung der Privatsphäre. Niemand weiß besser Bescheid über die wachsende Macht der Technologie und ihre moralische Unentschiedenheit als all die Angestellten, die zu ihrem Entstehen beitrugen. 'Die Leute wollen nicht zu Komplizen werden', erklärt Meredith Whittaker, die Googles Open Research Group leitet und den Ausstand im November mitorganisierte. Die Angestellten beginnen, Verantwortung zu übernehmen: 'Ich sehe im Moment nicht viele Instanzen, die der Tech-Macht Einhalt gebieten.' Während das zunehmende Unbehagen an der Macht der Konzerne einen Schatten auf die gesamte Branche wirft, wird die Gegenwehr der Angestellten allmählich Teil der Landschaft. Arbeiter bei Amazon verlangen mehr Einsatz der Firma im Kampf gegen den Klimawandel; bei Microsoft wollen Mitarbeiter nicht an der Technologie zur Kriegsführung mitarbeiten, bei Salesforce brachte eine Gruppe das Management dazu, die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Grenzschutz zu beenden. Unterdessen findet sich keine einzige Firma, die nicht mit der bro-gramming culture zu kämpfen hat, die aus der digitalen Ökonomie eine toxische Branche für Frauen und Schwarze gemacht hat."
Archiv: Fortune

Aktualne (Tschechien), 17.05.2019

Zuzana Hronová erinnert daran, dass nach dem kommunistischen Umsturz 1948 in der Tschechoslowakei tschechische Pfadfinderorganisationen sich am Versuch des antikommunistischen Gegenputsches beteiligten, und zitiert dazu eine neue Publikation von Jiří Zachariáš: "Der Beitrag der Pfadfinder am geplanten antikommunistischen Aufstand, dessen Ziel die Wiederherstellung der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten war, lag vor allem in der Kommunikation, der Lebensmittel- und medizinischen Versorgung. Viele Pfadfinder waren jedoch über das Wesen der Aktion detaillierter informiert und auch mit eigenen Waffen ausgerüstet." Am 7. Mai 1949 warteten über zweihundert ältere Pfadfinder in verschiedenen Prager Klubhäusern auf ein Zeichen, um sich dem Staatsumsturz anzuschließen. Allerdings ahnten sie nicht, dass sie längst von kommunistischen Geheimagenten unterwandert waren, und so kam es statt zu dem erwarteten Befehl zu zahlreichen Verhaftungen. Die beherzten Pfadfinder ließen sich in der Haft nicht so leicht brechen: "Es gelang ihnen, per Morsezeichen ihre Aussagen miteinander abzusprechen, sodass sie alle dasselbe behaupteten: Sie hätten nichts von einer antistaatlichen Aktion gewusst und lediglich geglaubt, an einem nächtlichen Spiel der Prager Junák-Gruppe teilzunehmen." Heldenhaft verhielt sich damals die Gruppenleiterin Dagmar Skálová. Im Wissen, damit die Hinrichtung zu riskieren, nahm sie alle Schuld auf sich, stellte sich als Hauptorganisatorin der Aktion dar, bestätigte die Ahnungslosigkeitsversion der Mitglieder und bewahrte damit Dutzende von ihnen vor der Gefangenschaft oder Schlimmerem. Sie hoffte darauf, dass das kommunistische Regime eine Frau nicht hinrichten würde. (Worin sie sich täuschte: Schon ein Jahr später erhängten die Kommunisten in einem Schauprozess die tschechische Politikerin und Juristin Milada Horáková.) Dagmar Skálová erhielt für "Hochverrat" lebenslänglich und wurde erst 1965 per Amnestie freigelassen. "Insgesamt wurden während des kommunistischen Totalitarismus rund 600 Pfadfinder und Pfadfinderinnen verurteilt, Tausende waren der Schikane ausgesetzt und elf bezahlten mit ihrem Leben."
Archiv: Aktualne
Stichwörter: Tschechien, Pfadfinder

Film-Dienst (Deutschland), 13.05.2019

Auch im Kinobetrieb erlebt die Figur des Kurators eine Konjunktur, beobachtet Lukas Foerster. Hinter dieser Erfolgsgeschichte steckt jedoch eine Krise des Betriebs, meint er: Denn was früher auch Programmkinos zusammen mit engagierten Verleihern und gut bestückten Archiven noch als Bestandteil ihrer genuin Programmarbeit leisteten - die Vermittlung von Kinogeschichte im Kino selbst - ist nunmehr an wenige spezialisierte Stätten und eine Handvoll Experten delegiert. "Soll heißen: Das Kino bildet sich nicht mehr angemessen auf sich selbst ab. Man mag hier gleich einwenden, dass es dies in vieler Hinsicht noch nie getan hat; insbesondere hat das Kino seit seinen Anfängen seine eigene Geschichte zugunsten eines permanenten Aktualitäts- und Erneuerungsfetisches vernachlässigt. ... Eine Auseinandersetzung mit Filmgeschichte, die nicht auf DVDs und andere digitale Surrogate zurückgreift, ist heute schlichtweg nicht mehr vorstellbar. Allerdings war Kino, als sozialer Raum und mediales Dispositiv, doch stets der Ort der Synthese geblieben, der - vermutlich einzige - Ort, der all die unterschiedlichen Diskurse über das Kino bündeln konnte. Das Kino ist, beziehungsweise war dazu in der Lage, Divergierendes zueinander in ein Verhältnis zu setzen: das Zentrum der Industrie zur Peripherie, das Nahe, Bekannte zum geografisch Fernen, Unbekannten, das Neue zum Alten. ... Nur, dass genau das heute nicht mehr so recht funktioniert. Das real existierende, räumlich und sozial verortete Kino hat sich von dem kulturellen Bedeutungssystem Kino entfremdet. Der tagtägliche Kinobetrieb erklärt sich heute de facto als nicht mehr zuständig für alles, was nicht ganz unbedingt dem Hier und Heute verpflichtet ist."
Archiv: Film-Dienst
Stichwörter: Kino, Kurator, Filmgeschichte

HVG (Ungarn), 16.05.2019

Die Schriftstellerin Edina Szvoren (mehr hier und hier) ist die Trägerin des diesjährigen Libri-Literaturpreises - einer von gegenwärtig zwei, vom Staat unabhängigen Literaturpreisen in Ungarn. Szvoren - ausgezeichnet auch mit dem EU-Literaturpreis in 2015 - schreibt Kurzprosa, ihr aktueller Band mit 13 Novellen trägt den Titel "Meine Gedichte". Im Interview mit István Balla spricht sie über Aktualität, Partikularität und Universalismus in ihrem Werk. "Ich denke, dass meine Schriften nicht traurig sind. Doch ich wollte auch keinen Spiegel für die Gesellschaft aufstellen. Ich hoffe aber - wie jeder Schriftsteller -, dass meine Texte zeitgenössische Prosa sind, in dem Sinne, dass das, was aus meinem Kopf rauskommt, von den heutigen Zuständen handelt. Auch dann, wenn es keine aktuelle Politik, keine Zeitangaben, keine identifizierbare Figuren darin gibt. (…) Das wäre auch nicht die Aufgabe, denn bei Fiktion gibt es so etwas wie eine Aufgabe nicht. (…) Ich arbeite nicht in Genres, ich wende mich weder Richtung Gedichte, noch Richtung Groß-Epik, noch Richtung Drama oder Essay. Ich tue das nicht, weil ich dächte, dass diese so schmutzig und verschämt wären, sondern weil ich nicht das Gefühl habe, ich könnte mehr über die Wirklichkeit erzählen, wenn ich die Dinge explizit beim Namen nenne."
Archiv: HVG

New York Times (USA), 18.05.2019

In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Magazins untersucht Moises Velasquez-Manoff die heilenden Eigenschaften des Cannabis, das seit Tausenden Jahren überall auf der Welt medizinisch verwendet werde: "Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Cannabis auch ein wichtiger Bestandteil des Arzneibuchs britischer und amerikanischer Ärzte. Wissenschaftler vermuten, dass diese älteren Cannabis-Sorten und die daraus hergestellten Tinkturen viel weniger THC und viel mehr CBD (Cannabidiol, d. Red.) enthielten als moderne Sorten. Natürlich war der für die Herstellung von Seilen und Segel verwendete Hanf seit Jahrhunderten in Europa und Amerika bekannt. George Washington baute es an. Das englische Wort 'canvas' leitet sich vom griechischen Kannabis ab. Im späten 19. Jahrhundert begann sich die  Beziehung zu der Pflanze zu verändern. 1930 übernahm Harry Anslinger, ein ehemaliger Beamter der Prohibitionsbehörde, den Posten als Direktor der Betäubungsmittelbehörde. Die mexikanische Revolution von 1910 hatte zu einer Einwanderungswelle in die USA geführt. Während viele Amerikaner Cannabis als Tinktur zu sich nahmen, rauchten die Mexikaner es, ein Brauch, der sich von New Orleans und anderen Hafenstädten gen Norden verbreitete. Anslinger verachtete Mexikaner und Afroamerikaner und hasste Jazz. Indem er Cannabis dämonisierte, konnte er seine Position rechtfertigen und Einfluss auf die von ihm verachteten Völker nehmen. Anslingers 'war on drugs' auf Kosten der Farbigen war ein kalkuliertes Vorgehen, das sich bis heute auswirkt. Cannabis mache die Menschen verrückt, gewalttätig und anfällig für kriminelles Verhalten gemacht, meinte Anslinger."

Außerdem: Dan Hurley berichtet von neuen Erkenntnissen betreffend die rätselhaften Mikrowellen-Attacken auf amerikanische Diplomaten auf Kuba. Und Helen Ouyang besucht Hospize für unheilbar kranke Kinder in den USA - Einrichtungen, die vom amerikanischen Gesundheitssystem nicht unterstützt werden.
Stichwörter: Cannabis, New Orleans