Magazinrundschau

Du wirst dich später schämen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.08.2019. Im New Statesman wirft John Gray den liberalen Eliten vor, ihr eigenes Versagen auf die Dummheit der Wähler zu schieben. Die New York Times erinnert an den Beginn der Sklaverei in Amerika vor vierhundert Jahren. Die Businessweek blickt auf die seelische Verzweiflung im östlichen Montana. The Nation beklagt die gebrochenen Versprechen der kolumbianischen Regierung. Nicht einmal Ungarns Wissenschaft konnte ihre Autonomie verteidigen, seufzt HVG. In Novinky schreibt Regisseur Alexei German die Demokratie in Russland ab. Und Critic.de bringt Eckhart Schmidts Attacke auf die Münchner Filmbohème, die einer Liebeserklärung recht nahe kommt.

New Statesman (UK), 19.08.2019

Liberales Denken verbindet sich selbst gern mit Rationalität und Fortschrittsglauben, doch war es nie ganz frei von Verschwörungstheorien, schreibt John Gray in einem bösen Essay. Den Sündenfall des Liberalismus sieht Gray in den dreißiger Jahren, als Berichte über den Hunger in der Ukraine im Westen geleugnet und diskreditiert wurden. Für ähnlich gravierend hält er den liberalen Reflex, von Donald Trump bis zum Brexit alles Übel russischer Einflussnahme in die Schuhe zu schieben: "Der russische Staat war immer ein Pionier der Informationskriege. Doch keine seiner Interventionen, weder einzeln noch zusammengenommen, reicht als Nachweis aus, dass Russland den großen Wetterwechsel gesteuert hat. Das Ausmaß, die Tiefe und Langlebigkeit des Misstrauens gegenüber den herrschenden liberalen Eliten sind einfach zu groß, als dass diese Rechnung aufgehen könnte. Dieses Misstrauen begann mit der Desinformation um den Irakkrieg, nahm mit der globalen Finanzkrise zu und erreichte ihren fortlaufenden Höhepunkt mit dem 'Projekt Angst' in der Brexit-Schlacht. In Europa zeigt sich das Misstrauen im anhaltenden Aufstieg populistischer Parteien , etwa in Italien und Ungarn. In all diesen Fällen werden die Eliten abgelehnt, weil sie unfähig sind, die von ihnen erzeugten Krisen in den Griff zu bekommen. Der Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems und die chronischem Schwierigkeiten mit der Einwanderung haben die Glaubwürdigkeit des liberalen Zentrums so gut wie zerstört. Keine Intervention von außen hätte seine Autorität so beschädigen können... Deswegen finden Liberale Verschwörungstheorien so anziehend. Sie helfen ihnen, sich von der Verantwortung für diese Irrwege freizusprechen. Von Liberalen in allen Parteien unterstützt, führte Austerität zu Einschnitten im öffentlichen Dienst und in der Infrastruktur, die einem großen Teil der britischen Bevölkerung schadete. Liberale in allen Parteien beförderten Einwanderung in großem Umfang. Jeder, der zu bedenken gab, dass sie vor allem für armere Schichten Vor- und Nachteile mit sich brächte, wurde als Rassist denunziert. Der Aufstieg von Ukip und dann der Brexit-Partei war vorhersehbar. Populismus ist das Geschöpf einer liberalen politischen Klasse, die ihren eigenen Niedergang der Dummheit der Wähler anlastet. Wenn die liberale Idee tot ist, wie Wladimir Putin behauptete, dann ist es die Schuld der Liberalen selbst, die als seine nützliche Idioten agierten."

New York Times (USA), 18.08.2019

Die aktuelle Ausgabe des Magazins widmet ein großes und unbedingt lesenswertes Dossier dem Beginn der Sklaverei in Amerika vor 400 Jahren, jenem Tag im August 1619, an dem das erste Schiff mit 20 versklavten Afrikanern an Bord in Virginia landete. Nikole Hannah-Jones erinnert daran, dass es vor allem Afroamerikaner waren und sind, die für die Ideale der Nation eintreten - und ihr Leben lassen: "Die USA sind auf einem Ideal gegründet und auf einer Lüge. Unsere Unabhängigkeitserklärung von 1776 verkündet die Gleichheit aller Menschen und ihrer gottgegebenen unabänderlichen Rechte. Aber die Weißen, die diese Worte erdachten, hielten sie nicht für gültig für die Hunderttausenden Schwarzen in ihrer Mitte. 'Leben, Freiheit und das Streben nach Glück' galt nicht für ein Fünftel des Landes. Doch obwohl gewaltsam von Freiheit und Gerechtigkeit ausgeschlossen, glaubten gerade die Afroamerikaner inbrünstig an das amerikanische Glaubensbekenntnis. Während Jahrhunderter schwarzen Widerstands und Protestes haben wir dem Land geholfen, seine Ideale zu verfolgen. Und nicht nur für uns selbst. Das Ringen um die Rechte der Schwarzen ebnete den Weg für den Kampf um andere Rechte, seien es die Frauenrechte, die Schwulen-, die Immigrantenrechte oder die Rechte Behinderter. Ohne die von Idealismus getriebenen, mühsamen patriotischen Anstrengungen schwarzer Amerikaner würde unsere Demokratie heute anders aussehen oder gar nicht existieren. Der erste Bürger, der für dieses Land in der amerikanischen Revolution sein Leben ließ, war ein Schwarzer, der nicht frei war. Crispus Attucks war ein flüchtiger Sklave, und doch gab er sein Leben für eine neue Nation, in der sein Volk nicht über die Grundrechte verfügen würde, die für das neue Jahrhundert gelten sollten. In jedem Krieg, den Amerika seit jenem ersten geführt hat, kämpften schwarze Amerikaner, heute sind wir die am häufigsten vertretene ethnische Gruppe in der US-Armee."

Und in einem anderen Text des Dossiers erklärt Matthew Desmond, inwiefern die Sklavenarbeit auf den Plantagen den Turbokapitalismus von heute antizipierte: "Das kompromisslose Streben nach Messbarkeit und wissenschaftlicher Buchhaltung in den Plantagen weist voraus auf die Industrialisierung. Die Fabriken im Norden nahmen diese Techniken erst Jahrzehnte nach der Emanzipationsproklamation an. Da die großen Sklavenarbeitslager immer effizienter wurden, waren die schwarzen Sklaven so etwas wie Amerikas erste moderne Arbeiter; ihre Produktivität steigerte sich mit unglaublichem Tempo. Während der sechzig Jahre bis zum Bürgerkrieg steigerte sich die tägliche Menge der gepflückten Baumwolle pro Sklave um 2,3 Prozent jährlich. Das heißt, dass der durchschnittliche Sklaven-Feldarbeiter 1862 nicht 25 oder 50, sondern 400 Prozent mehr Baumwolle pflückte als sein Vorfahr im Jahr 1801."

Bloomberg Businessweek (USA), 19.08.2019

Im östlichen Montana gibt es nur noch eine einzige Psychiaterin, berichtet Monte Reel, die Verzweiflung im Bundestaat mit der höchsten Selbstmordrate der USA ist inzwischen aber auch so groß geworden, dass kaum ein Arzt die Arbeit aushalten kann: "In ganz Amerika ist die geistige Gesundheit ein Bereich von großem Ungleichgewicht. Die Nachfrage nach psychiatrischen Diensten war niemals höher als heute, doch die Zahl der Anbieter fällt seit den sechziger Jahren. Psychiater werden schlechter bezahlt als andere Ärzte, von den Versicherungen bekommen sie für gleiche Dienste weniger erstattet und sie müssen mehr mentale Belastungen aushalten als die meisten praktizierende Mediziner. In den vergangenen fünf Jahren gab es einen leichten Anstieg in der Zahl psychiatrischer Unterbringungen, aber es verlassen mehr Psychiater die Profession als hinzukommen, und der Association of American Medical Colleges zufolge sind sechzig Prozent über 55 Jahre alt. Die Zuspitzung kommt zu einer schrecklichen Zeit. Selbstmorde nehmen dramatisch zu. Seit 1999 sind die Zahlen landesweit um 33 Prozent angestiegen, besonders stark in den ländlichen Regionen - 53 Prozent verglichen mit 15 Prozent in den Städten. Auf dem Land ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so große, dass ein Amerikaner sich das Leben nimmt als in der Stadt, und die Belastungen, denen sie ausgesetzt sind, nehmen weiter zu. In den vergangenen Jahren sind die Einkommen der Bauern gesunken, die Schulden sind auf ein Niveau gestiegen, wie seit der großen Landwirtschaftskrise in den Achtzigern nicht mehr. Doch in zwei Drittel aller Counties in den USA gibt es keinen Psychiater, in der Hälfte keinen Psychotherapeuten."
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The Nation (USA), 26.08.2019

Jonathan Levi und Marta Orrantia beobachten, wie Kolumbiens neuer Präsident Ivan Duque daran arbeitet, den Friedensprozess mit der FARC auszuhebeln. Duque und seine konservativen Unterstützer stören sich vor allem an den Zugeständnissen gegenüber der einstigen Guerilla. Jetzt sollen Kriegsverbrechen der Militärs nicht länger geahndet werden und vor allem den einstigen Rebellen das Land genommen, das sie seit 2016 in Schutzzonen bewirtschaften durften: "Mit der Auflösung der Schutzzonen verlieren die Ex-Kombattanten auch die Abschirmung, die ihnen bisher die Armee gewährte - vor Zivilisten, die Vergeltung suchen, oder vor anderen Guerillagruppen, die noch immer mit dem kolumbianischen Staat im Krieg leben, wie die die ELN und die EPL, die nur zu erpicht darauf sind, frühere FARC-Kämpfer auszulöschen oder für die eigenen Reihen zu rekrutieren. Zudem sind viele Anführer der rechten Paramilitärs, die sich der Vernichtung der FARC verschrieben haben, aus dem Gefängnis entlassen worden. Die Vereinten Nationen schätzten 2008, dass diese paramilitärischen Einheiten für achtzig Prozent aller Morde in Kolumbien verantwortlich sind, seit die Drogenhändler in den siebziger Jahren begonnen hatten, Milizen zu bilden, um die linke Guerilla zu bekämpfen - gegenüber zwölf Prozent, die der Farc und anderen linken Aufständischen zuzuschreiben sind, und acht Prozent, die auf das Konto der Militärs gehen. Die Angst hat viele jüngere Ex-Kombattanten aus den Schutzzonen zurück zu ihren Familien getrieben, zumindest jene, die noch eine haben, die anderen flüchteten sich in die Anonymität Bogotás. Andere, die das Vertrauen in das Versprechen von Amnestie und Wiedereingliederung verloren haben, griffen wieder zu den Waffen. Nicht länger durch den Friedensprozess geschützt, werden diese Dissidenten nun als normale Kriminelle betrachtet und dürften von den Sicherheitskräften mit maximalen Vorurteilen gejagt werden."
Archiv: The Nation

Novinky.cz (Tschechien), 14.08.2019

Der russische Filmemacher Alexei German, dessen Filme bereits auf den Filmfestivals von Venedig und der Berlinale ausgezeichnet wurden, glaubt im Gespräch mit Štěpán Kučera nicht an eine demokratische Zukunft Russlands: "Russland", meint German, "wird niemals ein demokratisches Land europäischen Typs sein, jedenfalls nicht in seinen gegenwärtigen Grenzen, dafür müsste es auseinanderfallen. Das bestehende Russland kann nur im Zustand des Imperiums oder Protoimperiums existieren. Es ist seit zweihundert, dreihundert dasselbe und wird es auch bleiben, so sind wir einfach. Das ist wie ein Ameisenhaufen - wenn man ihn niederreißt, bauen die Ameisen ihn sich wieder auf." Würde eine Liberalisierung Russlands also ein Auseinanderfallen bedeuten? Nach Germans Ansicht ja, "und überdies würde ein neuer Krieg ausbrechen, zumindest im Kaukasus, was ein unendlich blutiger Konflikt wäre. Für eine Liberalisierung bräuchten wir auch einen liberalen politischen Führer von mindestens Churchill-Format - und ich fürchte, so einen haben wir nicht." Übrigens habe er auch im Westen Zensur erlebt. Eine namhafte deutsche Zeitung zum Beispiel habe ein Interview mit ihm nicht gedruckt, behauptet German, nachdem er darin geäußert habe, Russlands Einfluss auf Trumps Amtsantritt und auf die Europawahlen werde übertrieben und Russland zu stark dämonisiert. "Der Journalist schrieb mir nur zur Entschuldigung, er habe mir die falschen Fragen gestellt."
Archiv: Novinky.cz

HVG (Ungarn), 07.08.2019

Allen Protesten im In- und Ausland zum Trotz hat das ungarische Parlament das Gesetz verabschiedet, das die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA) einer direkten Kontrolle der Regierung unterstellt. Kritikern zufolge kann von einer Autonomie der Forschung keine Rede mehr sein. Mehrere prominente Wissenschaftler kündigten an, das Land zu verlassen und ihre Arbeit im Ausland fortzusetzen. István Riba fasst die Situation so zusammen: "Die neue Struktur bedeutet, dass die akademische Sphäre des Landes von der Politik aufgerieben wurde. Und wenn diese auf ihre Autonomie bedachte Elite nicht im Stande war, ihren eigenen Bereich zu verteidigen, so sendet die Regierung anderen, mit schwächeren Fähigkeiten ausgestatteten Gruppen gegenüber die Botschaft, dass sie in einer ähnlichen Situation keine Chance haben werden. Denn kein einziges fachliches Argument sprach für das Aufreiben der MTA, vielmehr ging es einfach darum, dass die Orbán-Regierung eine Institution, die in der Gesellschaft noch über ein hohes Ansehen verfügte, gefügig machen wollte. Das ist ihr gelungen."
Archiv: HVG

Magyar Narancs (Ungarn), 15.08.2019

Seit der Übernahme des Budapester Nationaltheaters 2013 durch den regierungsnahen Regisseur Attila Vidnyánszky sind die Zuschauerzahlen um über 50 Prozent zurückgegangen. Die staatlichen Fördersummen andererseits haben sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. Ideologie reicht eben nicht, es braucht auch Professionalismus, ahnt Gergely Miklós Nagy: "Es kommt für ein Theater einem Selbstmord gleich, das gesamte Repertoire hinauszuwerfen, nicht nur weil dies ein riesiges Loch im Produktionsbereich hinterlässt, sondern weil dies auch das bisherige Publikum entfremdet. Theater ist auch Geschäft und aus den laufenden Produktionen muss das Bestmögliche herausgeholt werden. Es darf keine Produktion abgeschrieben werden, in der noch 20, 30 oder mehr Vorstellungen stecken. Wir wissen zudem, dass der Direktor mehrere große Namen bat, im Nationaltheater zu arbeiten, doch abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen haben alle abgesagt. So gibt es kein dominierendes Gesicht, kein Profil auf der großen Bühne, aber auch junge Regisseure werden nicht eingeladen. Es war ebenfalls nicht hilfreich, dass sich der Direktor mit einem bedeutenden Teil der Kritiker zerstritten hat. Das Projekt von Vidnyánszky ist eine Ein-Mann-Show, die sich um die eigene Achse dreht... Die zahlenden Gäste tun inzwischen das, was sie auch bisher taten: sie stimmen mit ihren Füßen ab, denn in Budapest gibt es Alternativen. Die Verluste des Nationaltheater werden dann genauso kompensiert wie leere Fußballstadien: aus Haushaltsmitteln mit Steuergeldern."

New Yorker (USA), 26.08.2019

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Andrew Marantz die Bewusstseinskrise bei Tech-Giganten wie Google und Facebook: "Big Tech mag Regulationen nötig haben, aber die Branche wie jede andere Industrie zu behandeln, hieße, die Tiefe des Problems zu unterschätzen. Anders als die meisten anderen Firmenbosse, glaubten die der Tech-Branche nämlich an eine Utopie. Nun, da ihre Innovationen die Utopie nicht herbeiführen konnten, erfahren sie eine Reihe von widerstreitenden Emotionen. Jemand muss ihnen helfen, diese Gefühle in verantwortliches Handeln umzusetzen … Tech-Bosse reagieren auf Ansporn, aber nicht jeder Ansporn ist finanzieller Art. 'Zuck will Geld und Macht, aber mehr als das will er bewundert werden', erklärt Tavis McGinn, ehemaliger persönlicher Meinungsforscher bei Zuckerberg. 'Wenn du seine Fähigkeit beeinflussen kannst, einen Raum zu betreten und Respekt zu bekommen, dann sitzt du am großen Hebel.'"

In einem anderen Artikel fragt Caleb Crain, wie es um die Gewerkschaften in den USA steht (eher schlecht): "Die öffentliche Befürwortung der Gewerkschaften begann schon Ende der fünfziger Jahre zu wackeln. Robert  F. Kennedy konfrontierte den Präsidenten der LKW-Fahrer Jimmy Hoffa mit Vorwürfen der Korruption, des Betrugs, der Steuerhinterziehung, der Erpressung und sogar des Mordes. Für die hippen Linken der Sechziger hatten Gewerkschaften etwas schwerfällig Bürokratisches. 1962 warf der Aktivist Tom Hayden ihnen den Verlust ihrer Ideale vor, und 1967 fragte ein Student namens Bill Clinton, ob kollektives Verhandeln nicht bloß eine weitere institutionelle Größe sei, gegen die sich zu wappnen wäre … In den vergangenen vier Jahrzehnten ist die gewerkschaftliche Organisation in allen Industrienationen zurückgegangen. In den siebziger Jahren bekam die amerikanische Industrie erstmals ausländische Konkurrenz. Das führte zu Profiteinbrüchen und zur Benachteiligung von gewerkschaftlich organisierten Betrieben, just zu der Zeit, als eine hohe Arbeitslosigkeit Arbeiter ohnehin um ihren Einfluss brachte. Staatliche Deregulationsmaßnahmen beim Transport und in der Telekommunikation dezimierten Profite, an denen die Gewerkschaften gehofft hatten zu partizipieren. Der Industriesektor wurde durch den Dienstleistungssektor ersetzt, der schwerer gewerkschaftlich zu organisieren war."
Archiv: New Yorker

Wired (USA), 20.08.2019

Nach außen rühmte sich Google lange Zeit seines besonderen Betriebsklimas: Mitarbeiter waren dazu angehalten, auch gegenüber Vorgesetzten kritisch aufzutreten und in großen Versammlungen auch offen Widerspruch oder gar Protest zu üben. In den letzten Jahren ist diese Betriebskultur allerdings gehörig aus dem Ruder gelaufen, wie sich Nitasha Tikus epischer Reportage entnehmen lässt. Die politischen Spaltungen und Verhärtungen der Gegenwart hinterlassen auch intern bei Google ihre Spuren. Als einem der Alt-Right nahe stehenden Mitarbeiter gekündigt wurde, der sich intern durch ein besonderes Ausmaß an Agitation hervorgetan hatte, lief die Sache über: "Auf Breitbart erschienen Screenshots von internen Konversationen unter Google-Mitarbeitern - manche davon reichten bis ins Jahr 2015 zurück. In einem Diskussionstrang auf einem Pro-Trump-Subportal von Reddit erschien eine Collage mit vollen Namen, Profilbildern und Twitter-Bios von acht Google-Mitarbeitern, die meisten von ihnen queer, transgender oder People of Color, darunter auch Liz Fong-Jones. Jede Twitter-Bio enthielt Phrasen, die die Mitarbeiter augenblicklich als Ziele für Online-Belästigung ausriefen: 'polyamoröse, queere, autistische Trans-Lesbe", 'einfach nur ein weiterer, schwuler, kommunistischer IT-Mitarbeiter' oder, wie im Falle von Fong-Jones, 'trans und queer bis sonst wohin'. Zwei Tage nach Damores Kündigung teilte Milo Yiannopoulos, der frühere Tech-Redakteur von Breitbart, die Collage mit seinen zwei Millionen Facebook-Followern: 'Schaut mal, wer bei Google arbeitet - jetzt ergibt das alles Sinn', schrieb er, als seien diese acht Mitarbeiter für Damores Kündigung verantwortlich. Für die auf diese Weise in den Zielsucher genommenen Mitarbeiter waren die Leaks bis in Mark und Bein erschütternd. Wie viele ihrer Kollegen versorgten die Alt-Right mit Material? Mit wie vielen Leaks wäre noch zu rechnen? Und was würde ihr Arbeitgeber unternehmen, um sie zu schützen?"
Archiv: Wired

critic.de (Deutschland), 19.08.2019

Das Onlinefilmmagazin critic.de beschäftigt sich gerade in einer Rückschau mit dem Kino Eckhart Schmidts, der aus der Münchner Gruppe (zu der auch Rudolf Thome, Max Zihlmann und Klaus Lemke zählten) heraus ein sehr eigenständiges Werk entwickelte. Im Zuge dessen wurde auch ein bereits 1997 von Ulrich Mannes und Hans Schifferle geführtes, episches Gespräch mit Schmidt zurück ans Licht geholt, das sich immer noch sehr aufregend liest und mit Anekdoten reich gespickt ist: Als kinobegeisterter Jugendlicher in Ulm orientierte sich Schmidt an den Kritiken des katholischen Filmdienst ("Die Filme, die man sich dann immer angeschaut hat, waren die, die mit zwei E bewertet wurden, das heißt 'Für Erwachsene mit erheblichen Einschränkungen' - da gab's also nackte Weiber"), später kamen Jazz und Existenzialismus hinzu, dann schrieb er selbst Filmkritiken für BR und SZ, tagesaktuelle TV-Beiträge fürs Fernsehen - seine eigentliche Filmhochschule, was das Handwerk betrifft -, schließlich eine langjährige TV-Zusammenarbeit mit Joachim "Blacky" Fuchsberger - und nicht zu vergessen: die Auseinandersetzungen in der Münchner Filmbohème der Sechziger: "Filmkritik war absolutes Feindbild. Wobei das Interessante war, dass wir Abende lang zusammen saßen: Enno Patalas, Hans-Dieter Roos, Frieda Grafe, Theodor Kotulla … Wir haben uns nächtelang gestritten, aber man hat sich auseinandergesetzt und ist zusammengeblieben. Dann hat Hans-Dieter Roos das Anti-Filmkritik-Organ Film gegründet, das von Leo Kirch finanziert wurde. Und darin haben wir unseren Stiefel gemacht. Die Filmkritik hat die Filme, die wir geliebt haben, mit grotesken Wertungen belegt, Godard einen Faschisten genannt, was für uns völlig absurd war … Enno Patalas hatte ja die 'Geschichte des Films' geschrieben. Ich hab ihm damals gesagt: 'In deinem Buch sind von oben bis unten gepflasterte Irrtümer. Du wirst dich später schämen, dass du es geschrieben hast.' Eine Sache, die noch wichtig für mein Filmverständnis ist: Damals hatte Leo Kirch viele Filmpakete gekauft und sämtliche Kritiker Münchens engagiert, um diese Filme zu sichten. Er wollte eine Inhaltsangabe und eine Bewertung, denn es gab nichts über die Filme, keine Besetzungsliste, kein Pressematerial. So sind wir monatelang gesessen und haben uns am Tag zehn Filme reingezogen. Da war alles dabei, sämtliche Western, sämtliche Film Noir, alle Gene-Kelly-Filme, alle von Raoul Walsh und Budd Boetticher."
Archiv: critic.de