Magazinrundschau

Ihr Marken-Intellektuellen-Diva-Outfit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.10.2019. Die Paris Review staunt über die Intelligenz von PflanzenReuters fürchtet den Aufmarsch der Bewaffneten Volkspolizei in Hongkong. Bloomberg beobachtet die Mongolei auf ihrem Balanceakt zwischen Norwegen und Russland. In Aktualne skizziert Jaroslav Rudis die Nachwirkungen der Wende in Tschechien und Ostdeutschland. Die New York Times untersucht in einem Dossier die Gründe für die epidemische Ausbreitung von Bildmaterial mit missbrauchten Kinder.

Paris Review (USA), 26.09.2019

In der neuen Ausgabe der Paris Review gibt Cody Delistraty uns zu bedenken, dass Pflanzen womöglich noch viel schlauer sind als wir glauben, einerseits: "Neuerdings geben Forschungen Anlass zu einer zurückhaltenderen Vorstellung von pflanzlicher Intelligenz. Pflanzen sind höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage einen Mörder zu identifizieren, allerdings teilen Bäume ihre Nahrung und Wasser über unterirdische Pilz-Netzwerke, über die sie chemische Signale an andere Bäume senden können, um sie zu warnen etwa. Der deutsche Forstwart Peter Wohlleben hat über Bäume und ihre Krankheiten geschrieben, über Insekten und Dürren. Er fand heraus, dass der Stumpf eines vor 500 Jahren gefällten Baumes noch immer voll Leben war - die benachbarten Bäume hatten ihn mit Glukose und anderen Nährstoffen versorgt. Solche Kommunikation unter Pflanzen funktioniert ähnlich wie das tierische Nervensystem. Bäume können unterirdisch elektrische Impulse aussenden und Pheromone und Gase als Signalstoffe verwenden. Wenn etwa ein Tier an den Blättern des Baumes knabbert, sondert der Baum Äthylen in den Boden ab und warnt so die anderen Bäume, sodass sie Gerbstoffe in ihre Blätter leiten können, um das Tier abzuwehren. Bäume können sogar zwischen Bedrohungen unterscheiden. Sie reagieren auf einen Menschen, der einen Ast abbricht, anders als auf ein Tier, das von ihnen frisst. Bei Ersterem werden sie einen Heilungsprozess einleiten, bei Letzterem Gift absondern. Pflanzen teilen sogar den Raum miteinander. 2012 stellte eine Studie fest, dass vier Exemplare von Cakile edentula in einem Topf ihre Ressourcen teilten und ihre Wurzeln so anordneten, dass die anderen Platz hatten. Würden Pflanzen sich einfach evolutionär verhalten, würden sie um die Ressourcen konkurrieren, stattdessen scheinen sie sich um die anderen zu sorgen und ihnen zu helfen."
Archiv: Paris Review
Stichwörter: Pflanzen, Bäume

Reuters (USA), 30.09.2019

China scheint sein Truppenkontingent in Hongkong erhöht zu haben, und es scheint sich dabei nicht um Truppen der Volksbefreiungsarmee zu handeln, die bisher über Hongkong wachten, sondern um die auf Aufstände spezialisierte Bewaffnete Volkspolizei (auf Englisch: People's Armed Police, kurz PAP), berichtet Reuters in einem ausführlichen Dossier unter Bezug auf diplomatische Quellen. Auch diese Truppen hat Xi Jinping im letzten Jahr unter sein direktes Kommando gebracht: "Die PAP ist ein Schlüsselement  in Xi Jinpings Bestrebungen, die Kontrolle der Kommunistischen Partei über die 1,4-Milliarden-Nation zu verstärken, während parallel eine potente Streitmacht aufgebaut wird, um Amerika als dominante Macht in Asien zu ersetzen. Die PAP hat laut der amerikanischen National Defense University bis zu einer Million Soldaten, ungefähr die Hälfte des stehenden Heers. Die Hauptaufgabe dieser paramilitärischen Truppe besteht in der Verteidigung gegen innere Feinde - Aufstandsbekämpfung und Schutz der Top-Funktionäre. In den letzten Jahren bekämpfte die Truppe Unruhen in  Xinjiang und Tibet." Die Truppe soll auch dazu dienen, das Image Chinas aufzubessern: Im Jahr 1989 "musste die chinesische Führung noch auf reguläre Truppen zurückgreifen, um die Proteste mit Panzern und Maschinengewehren niederzuschlagen. Das Blutbad in der chinesischen Hauptstadt war ein Schlag für den Ruf der Partei. Danach baute die Führung die PAP zur Kontrolle der Massen auf."
Archiv: Reuters

Bloomberg Businessweek (USA), 26.09.2019

Ein interessanter Beitrag des aktuellen Magazins führt Matthew Campbell und Terrence Edwards in die Mongolei zu Staatspräsident Chaltmaagiin Battulga, der sein Land in Richtung Norwegen führen will, sich dabei aber eng an Russland anschmiegt: "Obgleich die Mongolen zweifellos vom Kapitalismus profitiert haben - das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1994 verzehnfacht - zeigen Umfragen, dass viele frustriert sind. Sie glauben, der Mineralreichtum ihres Landes wird von anderen ausgebeutet [die größte Kupfermine der Welt, die in der Mongolei liegt, gehört zu 66 Prozent dem britisch-australischen Multi Rio Tinto, der Rest gehört dem mongolischen Staat], eine Vermutung, die eine Wut auf das Establishment auslöste und den populistischen Geschäftsmann Battulga 2017 an die Macht brachte. Unter ihm hat sich die Mongolei gewandelt. Battulga sympathisiert mit Putin, und er hat ein Gesetz erlassen, das es ihm erlaubt, Richter zu feuern, und das er prompt angewandt hat, angeblich, um Korruption zu bekämpfen und die Demokratie zu stärken … Einige von Battulgas Neigungen machen mongolischen Liberalen und ausländischen Beobachtern Sorgen, allen voran seine Verbindung zu Putin. Wirtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Nationen waren seit dem Kalten Krieg eher begrenzt, zwischen Ulan Bator und Moskau liegen fünf Zeitzonen, und russische Unternehmen waren bisher in der Mongolei viel weniger aktiv als die Chinesen. In seinen zwei Amtsjahren hat Battulga versucht, das zu ändern. Er hat Putin mit allen Ehren empfangen und ist mit einer großen Delegation zum 75. Jahrestag des sowjetischen Siegs im Zweiten Weltkrieg nach Moskau gereist. Die Frage, ob er Moskau Avancen mache, beantwortet Battulga mit Hinweis auf die sowohl pragmatischen als auch emotionalen Beziehungen zwischen beiden Ländern. 'Wir sind beim Öl und bei der Elektrizität fast völlig abhängig von Russland, also sollten wir eng kooperieren', sagt er. Darüber hinaus existiert eine Zuneigung für Russland unter Mongolen aus Battulgas Generation. Eine gute Ausbildung bedeutete für sie immer, in der Sowjetunion zu studieren. Für Battulga steht fest: 'Die Mongolei und Russland sind eng miteinander verbunden.'"
Anzeige

Aktualne (Tschechien), 30.09.2019

Im Gespräch mit Tomáš Maca sinniert der tschechische, in Berlin und Prag lebende Schriftsteller Jaroslav Rudiš über ostdeutsche und tschechische Unterschiede und Gemeinsamkeiten, besonders was die Desillusionierung nach 1989 betrifft: "Ich glaube, viele Tschechen verbanden Demokratie mit Konsum. Nicht wenige stellten sich die Freiheit so vor, dass sie endlich alles haben können, was es im Westen gibt. Ab den 90er-Jahren kursierte hier oft das Versprechen, wir würden die gleichen Gehälter wie in Westdeutschland haben. Das hat sich aber nicht einmal in Ostdeutschland bewahrheitet. (…) Ich frage mich also, woher die Frustration kommt, denn im Großen und Ganzen geht es uns recht gut. Auch bei uns im Böhmischen Paradies [Region im Nordosten Tschechiens] sind die Gasthäuser voll, die Leute leben Kultur, fahren in Urlaub oder gehen in die Sauna. Vielleicht gehört das ewige Nörgeln einfach zu unserem Wesen, und deshalb lohnt es sich, ab und zu einmal ein ärmeres Land zu besuchen, um sich bewusst zu machen, dass wir nicht so schlecht dran sind. (…) Mir scheint, dass sich für manche deutschen Bundesländer der Regierungswechsel nach dem Fall der Mauer womöglich radikaler ausgewirkt hat als bei uns. In Deutschland hat man zwar nicht das Problem der Oligarchen, das Tschechien belastet, aber wenn man einmal in Sachsen auf dem Land unterwegs ist, stellt man fest, dass dort ein Ort der Größe von Lomnice nad Popelkou [Rudiš' Heimatort] halb tot wirkt. Die Hälfte der Einwohner hat ihn verlassen, sodass man gerade mal ein Wirtshaus und einen Supermarkt findet, aber weder Kino noch Autobusse noch eine Eisenbahnverbindung, was in Lomnice etwas völlig Normales ist." Rudiš ist dafür bekannt, dass er seine Geschichten aus den Alltagsgesprächen in der Provinz, in Kneipen und in der Sauna schöpft. Auf die Frage des Interviewers, was denn Rudiš' Saunakumpel mit seinen Auslassungen über die große weite Welt anfangen können, antwortet dieser: "Vorsicht, in diese Sauna kommen eine Menge Leser. Unterschätzen Sie die nur nicht … Zuerst diskutieren wir über das Derby Sparta gegen Prag vom Vortag, dann über Kafkas Schloss und zum Schluss kommen wir darauf zu sprechen, wo das beste Bier gezapft wird."
Archiv: Aktualne

Wired (USA), 24.09.2019

Jeder Unfall, jede Katastrophe setzt auch immer eine Wissensproduktion frei, die dabei hilft, künftige Unfälle und Katastrophen abzumildern oder gar zu verhindern. So auch die beiden großen Tsunami-Katastrophen von 2004 (Haiti) und 2011 (Japan), die beide inmitten eines medientechnologischen Umbruchs stattfanden: Beide wurden mithilfe von Smartphones massenhaft gefilmt. War die Tsunami-Forschung zuvor auf die nachbereitende Auswertung von Spuren und Anekdoten angewiesen, lieferte die fast schon forensische Auswertung der zahlreichen Privataufnahmen nun entscheidende Impulse, um zumindest das tragische Ausmaß solcher Katastrophen künftig zu dämpfen, erklärt Gloria Dickie: "Da parallel auch die Erdbeben-Analyse verbessert wurde, bedeutet dies, dass der Katastrophenschutz ziemlich schnell akkuratere Einschätzungen der Stärke des Erdbebens erhält. Mancherorts wurde die Personaldichte verdoppelt und tausende Forscher weltweit erforschen nun diese Naturkatastrophe. Hätte es das heutige System schon 2004 gegeben, 'dann hätten 15.000 Menschen in Sri Lanka vielleicht nicht sterben müssen. Und auch Tausende in Indien hätten nicht sterben müssen', erklärt Stuart Weinstein, der das Pacific Tsunami Warning Center bei Honolulu leitet. ... Gemeinsam mit den Informationen, die aus den Videos der Überlebenden gewonnen werden konnten, haben sich Daten der DART-Boyen und der Seismometer als mächtige Kombination herausgeschält. 'Vor 2004 war jeder der Ansicht, dass das Erdbeben Auskunft über die Schwere des Tsunamis geben könnte', sagt Eddie Bernard, Leiter des Pacific Marine Environmental Laboratorys in Seattle. 'Das war die krude Art, wie wir damals an die Sache herangegangen sind. Es war so krude, dass sich 75 Prozent aller Warnungen als falscher Alarm herausstellten.' Heutzutage, sagt Weinstein, 'verfügen wir über die Instrumente, binnen 20 Minuten eine Tsunami-Prognose zu erstellen.'"

Eher amüsant zu lesen ist Darryn Kings Reportage über die Dreharbeiten zu Ang Lees neuem Film "Gemini Man", in dem Will Smith gegen sein deutlich jüngeres Selbst antritt. Da Lee zudem mit erhöhter Framerate pro Sekunde dreht, musste die für Entalterung nötige Tricktechnik ordentlich was leisten, erfahren wir: Alte Filmaufnahmen aus den 90ern wurden hochauflösend eingescannt - genau wie Will Smiths heutiges Gesicht. Über ein Jahr lang war eine ganze Armada von Special-Effects-Experten damit beschäftigt, einen digitalen Klon zu schaffen, der bis in tiefsten Poren und Muskelschichten dem Vorbild entspricht. "Wie die Monate so dahinstrichen, erzählt Williams, wurden die Veredelungen und Feinabstimmungen geradezu absurd pedantisch. 'Bei diesem Job gab es Momente, wo eine ganze Meute erwachsener Menschen im mittleren Alter um einen Monitor herumsaß und darüber sprach, wieviel Glanz ein Pickel haben sollte.'" Dem Schauspieler selbst hat das Ergebnis im übrigen gut gefallen: "'Da gibt es jetzt eine komplett digitale, 23-jährige Version meiner selbst, die das mit dem Filmedrehen jetzt für mich übernehmen kann', sagte er bei einer Vorführung des Films im Juli. 'Ich werde jetzt schön rund und dick! Nehmt doch Gemini-Junior!'" Der Trailer ist schon mal überzeugend:

Archiv: Wired

Times Literary Supplement (UK), 27.09.2019

Benjamin Mosers Susan-Sontag-Biografie wartet mit vielen salzigen Geschichten auf, und Elaine Showalter spickt ihre Besprechung mit tollen Anekdoten und Zitaten. Jamaica Kincaid etwa sagte über ihre Freundin: "Ja, sie war grausam, aber sie war auch sehr freundlich. Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein." Über achthundert Seiten erlebt Showalter Susan Sontag als olympische Intellektuelle, als Speed-schluckende Narzisstin, als Frau, die ihr Leben lang ein Problem mit ihrer Homosexualität und ihrem Körper hatte, als Liebhaberin, die ihre Partnerinnen gnadenlos ausnutzte, und als Moralistin, die immer wieder versagte: "Ihre Zeit in Sarajewo war der Höhepunkt ihres Lebens als engagierte Künstlerin, die Verkörperung der öffentlichen Intellektuellen. Zurück in den USA jedoch wurden ihre Großartigkeit und Eitelkeit unerträglich, fast wie eine Comic-Figur in dem, was Terry Castle ihr 'Marken-Intellektuellen-Diva-Outfit' nannte, wenn sie sich selbst mit Jeanne D'Arc verglich, sich laute Szenen mit Kellner lieferte oder die Mitglieder ihres Entourage demütigte. Karla Eoff beteuerte, dass sich 'unter diesem ganzen moströsen Auftreten in Wahrheit eine verängstigte, liebenswerte Person verberge', aber sonst empfand niemand so viel Nachsicht und Toleranz. Sontags 'kultureller Enthusiasmus, ihr Bedürfnis, ihn zu teilen, war echt', kommentiert Moser, aber sie war nicht immer fähig, das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler von dem zwischen Herr und Knecht zu unterscheiden'. Selbst (ihr Sohn) David betrachtete ihr Eindringen in seinen journalistischen Bereich als einen Verrat. Als sie 2000 für ihr Buch 'Das Leid anderer betrachten' schon wieder über Bosnien schrieb, beklagte er bitterlich: 'Kannst Du mir nicht wenigstens diesen kleinen Teil der Welt lassen?' Ihrer jungen italienischen Übersetzerin schrieb sie: 'Es bricht mir das Herz. Aber ich kann es nicht ändern.'"

New York Review of Books (USA), 24.10.2019

In der New York Review of Books empfiehlt der Schriftsteller Jonathan Lethem wärmstens die Lektüre von Edward Snowdens Buch "Permanent Record": "Das intime Drama seiner Entdeckungen und Selbstentdeckungen, der Beginn seines Appetits auf Virtualität und Systeme, die Entwicklung seines Patriotismus sowohl in der frühen als auch in der späten Phase, seine kleinen Abenteuer als gewöhnlicher Arbeiter mit einem außergewöhnlichen Geist und vor allem die hilflose Entstehung seiner ethischen Krise - das ist großartige Lektüre. Was für ein seltsam gewöhnlicher Mann: Snowden ist entweder die am wenigsten rätselhafte Chiffre oder die gnomischste Nicht-Einheit, die es je gab. Man könnte ihm ewig dabei zusehen, wie er sich selbst studiert. ... Traurig stellt man fest, dass, würde ihm nicht nur vergeben, sondern er von der NSA wieder eingestellt werden, er genau der Richtige wäre, das technische Chaos zu beheben, das der andere, der frühere Edward Snowden, hinterlassen hat. Er würde einen guten Job machen."

London Review of Books (UK), 30.09.2019

Caption
Der frühere Richter Stephen Sedley besingt die strahlende Stringenz des Urteils, mit dem der Supreme Court die Suspendierung des britischen Parlaments aufgehoben hat. Brenda Hales Begründung möchte Sedley zur Pflichtlektüre machen in Politik, Recht und Literatur: "Vor dem Supreme Court erwies sich der Standpunkt der Regierung, dass die ganze Angelegenheit die Gerichte nichts angehe, als ein Eigentor. Auf die Behauptung, dass dies ein rein politisches Problem sei, antwortete das Gericht im Grunde, dass auch der Rechtsbruch aus politischen Gründen noch immer ein Rechtsbruch sei. Die Regierung argumentierte, dass der neunte Artikel der Bill of Rights explizit die Behinderung oder Infragestellung von 'Vorgängen im Parlament' verbiete, und zwar 'in jedem Gericht oder an jedem anderen Ort', woraufhin die Richter sehr geduldig zum entscheidenden Punkt erklärten, dass die fraglichen Vorgänge eben nicht im Parlament stattgefunden hätten, sondern hinter seinem Rücken."

Apropos Politik: Tom Crewe glaubt, dass der Brexit insgesamt eigentlich keine Frage von Politik sei, sondern ihre Negierung. Deswegen seien auch beide Parteien darüber gespalten, und deswegen werde auch die nächste Wahl keine Entscheidung über die EU: "Der Brexit ist zu amorph, um eine politische Richtung zu sein, zu groß und zugleich zu klein, um auch nur vier oder fünf Wochen Wahlkampf auszuhalten."

New York Times (USA), 30.09.2019

Für die New York Times betreten Michael H. Keller und Gabriel J.X. Dance die Hölle. Ihr Beitrag befasst sich mit der epidemischen Ausbreitung von Kinderpornografie im Netz - auf derzeit 45 Millionen Online-Fotos und -Videos: "Das digitale Zeitalter hat für eine alarmierende Multiplikation der Bilder gesorgt. Altes und neues Bildmaterial überschwemmt das Netz, Facebook Messenger, Microsofts Bing Suchmaschine und Dropbox. Besonders verstörend ist der Trend zum Teilen von Bildern von immer jüngeren Kindern und immer extremeren Formen des Missbrauchs in den Onlineforen. Die Gruppen verwenden Verschlüsselungstechnik und das Dark web, um Pädophilen zu zeigen, wie sie ihre Verbrechen durchführen, Bilder davon aufnehmen und weltweit verbreiten können. In einigen Foren müssen die Kinder Schilder mit dem Namen der Gruppe oder anderen identifikatorischen Hinweisen in die Kamera halten, als Beweis, dass es sich um frisches Bildmaterial handelt. Die Behörden im Land werden von Berichten über Kinderpornografie regelrecht überschwemmt. Einige konzentrieren sich inzwischen auf die jüngsten Opfer … In gewisser Weise ist die Menge an Meldungen ein Erfolg. Tech-Unternehmen sind rechtlich allerdings nur dazu verpflichtet Missbrauch zu melden, wenn sie ihn entdecken, nicht, danach zu suchen. Nach Jahren unregelmäßiger Kontrolle haben einige große Firmen, darunter Facebook und Google ihre Kontrollen verschärft. Tech-Bosse weisen auf die Freiwilligkeit der Kontrolle hin und nehmen den Anstieg der Meldungen als Beleg ihrer Bemühungen. Polizei- und Behördenberichte lassen allerdings den Schluss zu, dass das längst nicht ausreicht. Manchmal dauert es Wochen oder Monate, bis die Unternehmen auf Anfragen der Behörden reagieren, oder sie reagieren gar nicht oder mit dem Hinweis, dass sie über keine Datensätze verfügen, nicht mal für die Meldeverpflichtung, die sie selbst angeregt haben. ... Aber es gibt noch eine andere Hürde: Bilder von sexuellem Kindesmissbrauch erregen kaum Aufmerksamkeit, weil nur wenige Menschen mit der Ungeheuerlichkeit und dem Schrecken der Inhalte konfrontiert werden wollen oder fälschlicherweise glauben, das seien in erster Linie Jugendliche, die sich unangemessene Selfies senden. Einige staatliche Gesetzgeber, Richter und Mitglieder des Kongresses haben sich geweigert, das Problem zu diskutieren. Steven J. Grocki vom für Kinderausbeutungs-Delikte zuständigen Referat des Justizministeriums, sagte, dass die Zurückhaltung, das Problem anzugehen, über die Mandatsträger hinausgehe und ein gesellschaftliches Problem sei. 'Sie wenden sich davon ab, weil es zu hässlich ist', sagte er.""