Magazinrundschau

Ihre Dosis an Spannung

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
07.07.2020. Nicht Rassismus ist das Hauptproblem der USA, sondern das Kastenwesen, das darunter liegt, meint die New York Times. A2 überlegt, warum Frauen in Tschechien keine Feministinnen sein wollen. Der Independent erklärt, wie höhere Moral uns zu Rassisten machte. Das New York Magazine und der Journalist Matt Taibbi kritisieren die Feigheit von Journalisten, die vor Twitter-Mobs kneifen. En attendant Nadeau empfiehlt die Reportagen von Joseph Kessel. Der Guardian weiß, es gibt schlimmeres als Facebook: WhatsApp.

New York Times (USA), 05.07.2020

Rasse, Rassismus ist etwas Äußerliches. Man kann darauf zeigen und dagegen vorgehen. Aber darunter, gewissermaßen unter der Haut, liegt eine Struktur, die Pulitzerpreisträgerin Isabel Wilkerson in einem lesenswerten Essay als Kastensystem beschreibt, das mit dem Indiens vergleichbar sei.  "In den Vereinigten Staaten treten Rassismus und Kastenwesen häufig zur gleichen Zeit auf, überschneiden sich oder gehören zum gleichen Szenario. Beim Kastenwesen geht es darum, sich gegenüber anderen zu positionieren und diese von der selben Position auszuschließen... Wie der Gips um einen gebrochenen Arm, wie die Besetzung in einem Theaterstück, hält ein Kastensystem jeden an einem festen Platz. ... Im Alltag ist es nicht Rassismus, der einen weißen Käufer in einem Bekleidungsgeschäft dazu veranlasst, auf eine beliebige schwarze oder braune Person, die ebenfalls einkauft, zuzugehen und nach einem Pullover in einer anderen Größe zu fragen ... Es ist die Kastenzugehörigkeit oder vielmehr die Einhaltung des Kastensystems. Es ist die autonome, unbewusste, reflexhafte Reaktion auf die Erwartungen von tausend bildgebenden Eingaben und neurologischen gesellschaftlichen Downloads, die Menschen auf der Grundlage ihres Aussehens, ihrer historischen Zuordnung oder der Merkmale und Stereotype, nach denen sie kategorisiert wurden, bestimmte Rollen zuweisen. Keine ethnische oder rassische Kategorie ist immun gegen die Botschaften, die wir alle über die Hierarchie erhalten, und so entkommt auch niemand ihren Folgen. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Frau nicht in der Lage ist, ein Meeting zu leiten oder ein Unternehmen oder ein Land, oder dass eine farbige Person oder ein Einwanderer keine offizielle Autorität haben kann, nicht in einer bestimmten Gemeinde lebt, nicht eine bestimmte Schule hätte besuchen können oder es nicht verdient hätte, eine bestimmte Schule besucht zu haben, wenn wir einen Schock und Groll verspüren, eine persönliche Verletzung und ein Gefühl der Ungerechtigkeit und vielleicht sogar Scham über unser Unbehagen, wenn wir jemanden aus einer Randgruppe in einem Job, einem Auto, einem Haus, einem College oder einer Anstellung sehen, die prestigeträchtiger ist, als wir erwartet hätten, dann spiegeln wir die effiziente Kodierung der Kaste wieder, die unbewusste Annahme, dass die Person aus ihrem angenommenen Platz in unserer Gesellschaft herausgetreten ist. Wir reagieren auf unsere verinnerlichten Anweisungen, wer wo sein und wer was tun sollte, auf die Verletzung der Struktur und der Grenzen, die die Kennzeichen des Kastenwesens sind."

Weitere Artikel: Samanth Subramanian sucht - vergeblich, muss man leider sagen - zu ergründen, wie zwei srilankische Brüder aus einer äußerst erfolgreichen und wohlhabenden muslimischen Familie zum muslimischen Fanatikern mutieren konnten, die schließlich an einer Serie von Selbstmordattentaten in Colombo am Ostersonntag 2019 beteiligt waren, bei der insgesamt 269 Menschen getötet wurden. Und Jon Mooallem versucht, den Filmregisseur Charlie Kaufman zu porträtieren.

A2 (Tschechien), 07.07.2020

Das Magazin A2 bringt ein kritisches Themenheft zum "Antifeminismus". Darin fragt die tschechische Literaturwissenschaftlerin Eva Klíčová, warum selbst erfolgreiche tschechische Frauen in Interviews so oft ungefragt erklärten, sie seien keine Feministin, und vermutet, dass dies weniger mit dem vielbeschworenen mitteleuropäischen Sinn für Ironie zu tun habe, sondern in der Atmosphäre der Neunziger wurzele. Als zwei italienische Feministinnen mit einer Menschenrechtspetition die Dissidentinnen in der kommunistischen Tschechoslowakei aufsuchten, habe Václav Havel dazu geschrieben: "Ich möchte mich nicht über den Feminismus lustig machen, ich weiß wenig darüber und bin bereit zu glauben, dass er keinesfalls nur die Erfindung irgendwelcher Hysterikerinnen, gelangweilter Frauchen oder verschmähter Geliebter ist. Ich muss jedoch feststellen, dass sich in unserem Umfeld, wo die Frauen vielfach schlechter dran sind als im Westen, der Feminismus wie Dada ausnimmt". Und er fand auch eine Erklärung dafür: Das liege an dem typischen mitteleuropäischen Sinn für Ironie und schwarzen Humor, der Angst vor unfreiwilliger Komik und dem Pathos. "Mit anderen Worten", schließt Eva Klíčová, "die weiblichen Dissidenten hatten nicht etwa Angst, sie könnten ihr Leben als Dienerinnen in prekären ökonomischen Verhältnissen zubringen, als Schreibkräfte männlicher Ideen und ein leichtes Ziel sexueller Toxizität. Stattdessen hatten sie Angst, sich lächerlich zu machen, peinlich zu sein … vor den Männern!" Ob das wohl damit zu tun habe, dass die Themen und Formen des dissidentischen Diskurses von Männern beherrscht wurden?, fragt die Autorin. Nach der Wende von 1989 sei die Feminismusdiskussion in Tschechien dann stark von Josef Škvorecký geprägt worden, der 1992 in einer Artikelserie der Zeitschrift Respekt mit dem Untertitel Abenteuer des amerikanischen Feminismus "gehässige und ihrem Wesen nach desinformative Texte" über "die Ideologie der weiblichen Überlegenheit" und die "Ideologie des lesboiden Feminismus" und damit über eine vermeintliche amerikanische Realität schrieb, in der die Frauen einen Krieg gegen die Männer führten. "Leider muss man sagen, dass diese schriftstellerischen Fantasien in Tschechien nicht nur als authentische Erfahrung des Emigranten aufgenommen wurden, sondern gerade wegen Škvoreckýs literarischer Bedeutung maßgeblich und tonangebend wurden."
Archiv: A2

Independent (UK), 27.06.2020

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Das zeigt besonders die Geschichte des Rassismus. Dessen Ursprung liegt in der Renaissance, schreibt der Romanist Andy Martin, als die Erde rund wurde und Moral immer wichtiger: "Die Kreuzzüge und die Religionskriege und der Aufstieg der Inquisition sind Ausdruck eines zunehmend vertikalen Geschichtsbewusstseins auf der Achse der Großen Kette des Seins, mit höheren und niedrigeren Ordnungen. Die Ära der flachen, horizontalen Erde war vorbei. Es war notwendig geworden, moralisch überlegen zu sein. So wie Gott über die Menschen zu Gericht stand, so mussten wir über andere urteilen, die unseren Standards nicht gerecht wurden. Wir hatten eine völlig binäre Perspektive auf die Menschheit angenommen: Entweder war man drin oder man war draußen. Die meisten Menschen waren draußen. Ein Schwarz-Weiß-Ansatz für die moralische Bewertung war vor jeder Klassifizierung der Menschheit nach einem Farbschema festgelegt worden. Die Möglichkeit einer moralischen Vorherrschaft hatte bereits Wurzeln geschlagen. Von nun an hatten Massaker und Massenvergewaltigungen und Versklavung (wie zuvor) eine moralische Rechtfertigung erhalten. Die heroische Ära war der ethischen gewichen, die leider weniger ethisch war als je zuvor."
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Archiv: Independent
Stichwörter: Rassismus, Martin, Andy

Eurozine (Österreich), 06.07.2020

Achille Mbembe sieht vor allem die Armen als Opfer der Coronakrise, besonders natürlich in Afrika - sie würden von einem gnadenlos kalkulierenden und globalisierten Kapitalismus einfach geopfert. Als Mittel dagegen empfiehlt er ein Wirtschaften und Agieren innerhalb von Communities und Ökosystemen: Und "die schiere Idee der Souveränität muss neu erfunden werden. In der Zukunft besteht die höchste souveräne Autorität im Ökosystem selbst. Dies war der Fall in präkolonialen afrikanischen Gesellschaften, wo die Herrschaft der Menschen implizierte, dass das Ökosystem im Gleichgewicht blieb. Wahrhaft menschliche Gesellschaften waren jene, die alle Ökosysteme und Arten umfassten."
Archiv: Eurozine

New York Magazine (USA), 11.06.2020

Jonathan Chait beschreibt das gefährlich hysterisierte Klima der Debatte in den Vereinigten Staaten, nicht nur in den Kreisen um Trump, sondern auch auf der Linken. Er erzählt die Geschichte eines jungen linken Sozialdemokraten, der aus seinem Thinktank gefeuert wurde, weil er seriöse Untersuchungsergebnisse retweetet hatte, die besagten, das gewaltsame Proteste bei Wahlen eher den Republikanern zugutekommen. Und die Geschichte Lee Fangs, eines Redakteurs von The Intercept, der sich wortreich entschuldigen musste, weil er das Interview eines jungen Schwarzen retweete, der auch die Gewalt unter Schwarzen thematisieren wollte. Und er kommt auf die New York Times zurück, wo der Meinungsredakteur gehen musste, weil er den Meinungsartikel eines republikanischen Senators publiziert hatte - was eine alte Gepflogenheit der eigentlich linken Times ist. Aus der Times wird nun im Namen der Diversität ein Parteiblatt gemacht fürchtet Chait: "Warum kann man repräsentativere Newsrooms nicht nutzen, um die Idee der Neutralität zu verfeinern, statt sie aufzugeben? Wäre es für Teams, die die Bevölkerung besser widerspiegeln, nicht leichter, die Perspektiven aller Seiten aufzunehmen und dem heiklen Ziel der Objektivität näher zu kommen? Ein konkretes Beispiel: Es brauchte ein gewisse Menge schwarzer Reporter, um die Medien zu zwingen, akkurat über Polizeigewalt zu berichten. Die Folge ist also, dass Diversity die Objektivität verbessert, nicht dass die Idee der Objektivität versagt."

Substack - Matt Taibbi (USA), 07.07.2020

Ähnlich, oder eher noch sehr viel kritischer sieht es Matt Taibbi in seinem Blog. "Polizeigewalt und Trumps tägliche Übergriffe auf den Kompetenzstandard des Präsidentenamts sind nur ein Teil der Katastrophe. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums, unter den selbsternannten Linken, beobachten wir eine intellektuelle Revolution. Es fühlt sich befreiend an, es nach Jahren der Umgehung dieser Tatsache zu sagen: die amerikanische Linke hat den Verstand verloren. Sie ist zu einem feigen Mob von Social-Media-Süchtigen der Oberschicht geworden, zu Twitter-Robespierres, die mit atemberaubender Lässigkeit Reputation und Arbeitsplätze abfackeln. ... Trotz all unserer berüchtigten Versäumnisse legten Journalisten einst eine gewisse Härte an den Tag. Es wurde von uns erwartet, für Quellen, die wir vielleicht nicht einmal mochten, ins Gefängnis zu gehen, und in Kriegs- oder Katastrophengebiete zu fliegen, ohne Fragen zu stellen, wenn es verlangt wurde. Es galt auch einmal als Tugend, sich über die Missbilligung von Kollegen hinwegzusetzen, um für Geschichten zu kämpfen, an die wir glaubten (z.B. Watergate). Heute wird sich kein festangesteller Journalist für Kollegen wie Lee Fang einsetzen. Unsere tapferen Wahrheits-Erzähler führen mit zitternden Fäusten großartige Shows auf vor unserer Präsidentenparodie, aber nicht einer von ihnen wird ehrlich über die Angst sprechen, die durch ihre eigenen Nachrichtenredaktionen weht."

Magyar Narancs (Ungarn), 02.07.2020

Dorka Czenkli geht der Frage nach, wie Theaterhäuser die Neueröffnung nach der Pandemie planen und Risiken minimieren können. Dabei dient vielen Häusern das Berliner Ensemble als Referenz, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen, erfahren wir: "Das Berliner Ensemble veröffentlichte ein Foto über gelichtete Publikumssitzreihen. Es ist die neue Wirklichkeit: in der nächsten Spielzeit wird die Einhaltung der Abstandsregeln in den Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum die Besucherzahlen  sicherlich radikal sinken lassen. Im József Katona Theater in Budapest zum Beispiel ist die physische Entfernung von Stühlen nicht geplant, doch man rechnet auch hier mit einer Abnahme der Besucherzahlen durch Freilassen von Stühlen und Reihen. Dem Publikum wird wahrscheinlich das Tragen von Gesichtsmasken wenn nicht zur Pflicht, so doch stark empfohlen. Tamás Puskás der Direktor des Budapester Centrál Színház beteuert, dass man die kommenden Verordnungen selbstverständlich einhalten werde und fügt hinzu, dass er das Beispiel des ikonischen Hauses in Berlin für übertrieben und furchtbar hält: "Wenn man mich fragen würde, würde ich dafür plädieren, dass wir frei öffnen sollen oder gar nicht. Wenn es nicht sein muss, dann planen wir mit keinerlei Kürzungen und freigelassenen Stühlen. Das Berliner Ensemble muss eine üppig finanzierte Institution sein, wenn es sich damit die Zeit vertreiben kann. Wir leben als privates Theater von den Zuschauern, genauer gesagt sterben wir gerade aufgrund ihrer Abwesenheit. Wenn aber alle Stuhlreihen frei lassen, dann müssen wir wohl mit den anderen mitschwimmen."

En attendant Nadeau (Frankreich), 05.07.2020

Vielleicht wäre es auch in Deutschland an der Zeit, Joseph Kessel wiederzuentdecken, dessen Romane "Belle de Jour" und "Armee der Schatten" auch hierzulande eher aus den Verfilmungen Bunuels und Melvilles bekannt sind. In Frankreich wurde er nun in die ehrwürdige Klassikerbibliothek La Pléiade aufgenommen. Norbert Czarny schildert den russisch-jüdisch-argentinisch-französischen Romancier, Résistant und Reporter als Typus eines Autors, wie er nur in der Zwischenkriegszeit möglich war - als die große mehrteilige Reportage ihren Autoren nebenbei auch eine Menge Ruhm und Geld brachte. Und das macht Kessel auf eine interessante Art aktuell. Seine Reportagen funktionierten nach der von Adorno und Horkheimer verachteten Dramaturgie der Serie mit ihren Wiederholungen und Cliffhangern, schreibt Czarny: "Jeder Absatz, jede Szene bringt ihre Dosis an Spannung mit, jedes Kapitel baut auf dem vorigen auf. Ein Satz fasst die Ethik Kessels zusammen: 'Du hast Glück zu sehen, was andere nie zu sehen kriegen. Du bist ihretwegen und für sie da. Du musst ihnen die Sachen, Szenerien und Leute wiedergeben wie du sie empfangen hast.' Um genau zu sein: durch den Blick auf die Erniedrigten und Beleidigten, wie bei seinem Meister Tolstoi. Aber Kessel folgt nicht einfach den Rezepten seiner Vorbilds. Er hat ein Modell, den großen Journalisten Albert Londres. Er ist Zeitgenosse Gides, der in seiner Kongo-Reise das Kolonialregime anprangerte. Sein 'Marchés d'esclaves' bringt ans Licht, was in dieser wenig bekannten Region zwischen Afrika und Asien passiert" - nämlich den letzten massiven Sklavenhandel des 20. Jahrhunderts, der nach den alten Prinzipien des Bevölkerungsraubs funktioniert und der in dieser Region von den Arabern betrieben wird."

Tablet (USA), 06.07.2020

In der NYT äußert Jay Caspian Kang ein Unbehagen daran, dass einige BLM-Demos inzwischen von Weißen dominiert werden, die die Abschaffung von Polizeigewalt gegen Schwarze nur als einen Schritt auf dem Weg hin zu einer polizeifreien, antikapitalistischen Gesellschaft sehen. Die neue "riot ideology" vertreibt nicht nur die Mittelklasse, die die meisten Jobs schafft, aus den Innenstädten, meint auch der Stadtplaner Joel Kotkin in Tablet. Sie schadet vor allem schwarzen Ladenbesitzern und Unternehmern. "Die schlimmsten Auswirkungen der Pandemie hatten bereits Eigentümer und Kleinunternehmer von Minderheiten zu verkraften. Schon vor den Protesten und Ausschreitungen trafen die Corona-Sperren die Unternehmen in schwarzem Besitz weitaus härter als jede andere große ethnische Gruppe. Die California Restaurant Association geht davon aus, dass 20 oder 30 Prozent der Restaurants in Kalifornien nie wieder öffnen werden. Nach Angaben der Organisation sind etwa 60 Prozent der Restaurants im Besitz von Farbigen. Der gegenwärtige Triumph der Woke-Ideologie auf dem Campus, in den Mainstream-Medien, in Hollywood und in den Suiten der Unternehmen mag für Linke wie ein süßer Erfolg riechen. Aber auf längere Sicht wird die linke politische Agenda - drakonische Klimaschutzgesetze, strikte Mietpreisbindung, Reduzierung der öffentlichen Sicherheit, Verbot von Einfamilienhausgebieten und Ähnliches - wahrscheinlich den städtischen Feudalismus beschleunigen, indem sie Familien und Unternehmen der Mittelschicht aus den Großstädten und an der Küste ins Landesinnere und an die Peripherie vertreibt und in den Städten nur die Fürsten und Bauern zurücklässt."
Archiv: Tablet

Guardian (UK), 02.07.2020

2016 stand noch Facebook im Verdacht, politische Manipulationen, Fake News und Verschwörungstheorien zu begünstigen und zu beschleunigen. Längst - und nicht erst seit Telegram-Superstar Attila Hildmann - ist das Problemfeld in die Messenger-Gruppen abgewandert, wo sich Menschen in Echokammern radikalisieren, gegenseitig bestärken und mit Verschwörungstheorien vor der Wirklichkeit abschirmen. Aber macht es denn wirklich einen Unterschied, wo die Leute andocken? Facebook, WhatsApp - gibt es da einen Unterschied (davon mal ganz abgesehen, dass letztere zu ersteren gehören)? Ja, meint William Davies in einem sehr informativen und umfassenden Longread: Gerade die Überschaubarkeit von WhatsApp-Gruppen - ab 256 Personen ist Schluss - und die Möglichkeit, in nicht mehr nachvollziehbaren Nachrichtenketten von einer Gruppe zur anderen Bilder, Links und Videos zu verteilen, machen WhatsApp anfällig für gruppenpsychologische Dynamiken. "Gesellschaftliche Institutionen sind zum Teil auch dadurch herausgefordert, dass von einem miteinander geteilten Gefühl der Entfremdung und der Passivität ein sonderbarer emotionaler Trost ausgeht. 'Man hat uns nie informiert', 'niemand hat uns gefragt', 'man ignoriert uns'. Solche Sätze bestimmen den politischen Zeitgeist. Im Zuge dessen, dass WhatsApp zusehends die Art und Weise wurde, wie Leute auf Informationen und Nachrichten stoßen, mag ein Teufelskreis entstehen: Die öffentliche Welt wirkt nur noch entfernter, unpersönlicher und fabrizierter und die private Gruppe wird mehr und mehr zum Ort der Sympathie und Authentizität. Das ist eine neue Wende in der Entwicklung des Internets als Ort gesellschaftlichen Geschehens. Seit den 90ern kam mit dem Internet das Versprechen von Anschluss, Offenheit und Inklusion, nur um sich dann mit unausweichlichen Bedrohungen für die Privatsphäre, Sicherheit und Identität konfrontiert zu sehen. Im Gegensatz dazu steigern Gruppen das Sicherheitsempfinden und vermitteln das Gefühl, fest verankert zu sein. Zugleich helfen sie, die Zivilgesellschaft weiter in separate Cliquen zu fragmentieren, die nichts voneinander wissen."
Archiv: Guardian