Magazinrundschau

Humanitäres Chaos

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.07.2020. Harper's heftet sich an die nach Deutschland führenden Spuren des mutmaßlichen syrischen Folterers Anwar Raslan. In der LRB macht Adam Tooze amerikanische Firmen für die Verlegung von Millionen Arbeitsplätzen nach China verantwortlich. Wählermanipulation gab's schon in den 60ern, lernt der New Yorker. Pro Publica prophezeit eine Klimamigration. En attendant Nadeau stellt den Kritikerpapst Vichy-Frankreichs Gérard Bauër vor. Vanity Fair macht einen Besuch im Beerdigungsinstitut.

Harper's Magazine (USA), 31.08.2020

Annie Hylton erzählt die Geschichte des ersten Prozesses, der gegen syrische Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt wird- bekanntlich in Deutschland: Der Fall hat auch in der hiesigen Presse großes Interesse ausgelöst. Anwar Raslan war ein Oberst unter Baschar al-Assad, aber dann war er zur Opposition übergelaufen und geflohen und suchte Schutz in Deutschland. Zuvor hatte er jahrelang in verantwortlicher Position in einem Gefängnis gearbeitet, wo Hunderte Menschen gefoltert und ermordet worden sind. Interessant schildert Hylton die Lage unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland, die voreinander Angst haben: "Europäische Regierungen wissen nicht, wie viele mutmaßliche syrische Kriegsverbrecher innerhalb ihrer Grenzen Zuflucht gesucht haben. Zu Beginn des Krieges, als es so aussah, als würde Assad schnell besiegt, sind viele Mitglieder des syrischen Regimes aus Angst übergelaufen. Später verließen einige das Land, weil sie ein schlechtes Gewissen bekamen, weil sie Gräueltaten erlebten oder an ihnen beteiligt waren. Andere nutzten einfach die Gelegenheit, mit ihren Familien in Europa eine Zukunft aufzubauen. Unabhängige Organisationen schätzen, dass Hunderte von ehemaligen Assad-Beamten - Mitglieder des Militär- und Sicherheitsapparates des Landes auf mittlerer bis hoher Ebene - in den Nahen Osten und nach ganz Europa geflohen sind."

168 ora (Ungarn), 20.07.2020

Im Interview mit József Barát spricht der Maler und Musiker András Wahorn über das neue, hochdotierte Regierungsprogramm, mit dem die Popmusik "gesellschaftlich zugänglich gemacht" werden soll. Verantwortlicher für das Programm ist der Direktor des "Petőfi" Literaturmuseums. Kritiker sehen in dem Programm eine weitere Auszahlungsstelle für politisch loyale Künstler. "Popmusik kann sowohl Unterhaltung sein als auch Kunst. Es gibt auch in Serie produzierten Hochzeitsrock. Wir schauen, was jene leichte Harmonie ist, die viele lieben. Wir beobachten, worüber die Leute Lieder hören wollen. Was sollen wir sagen, welche Kleider sollen wir tragen? Wenn wir all dies zusammentun, können wir ein popmusikalisches Massenprodukt herstellen, in dem nicht Neues existiert. Das macht der staatliche Rundfunk mit den sechs Bands, die er hat. Wollen sie das "gesellschaftlich zugänglich machen"? Was für ein Blödsinn ist das denn? "Gesellschaftlich zugänglich gemacht" wird normalerweise die Oper und jene Genres, welche die Mehrheit der Leute nicht interessiert. Wenn die Popmusik auch "gesellschaftlich zugänglich gemacht werden soll", dann wird sie alles mögliche sein, nur nicht Popmusik. (...) Ich weiß, dass zur Kultur eines Landes auch die Oper gehört und dass viele die Oper lieben. In Ordnung, es soll die Oper unterstützt werden und auch Shakespeare. Doch dann sollen über die Dotierungen Gremien entscheiden, die die ungarische Gesellschaft abbilden und vertreten. Wenn die Nationalkultur aus Geldern der Nation gefördert wird, dann soll sich nicht die Regierungspartei selbst die Pläne zuschicken und sich die Gelder zustecken."
Archiv: 168 ora

London Review of Books (UK), 30.07.2020

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze diskutiert eine Reihe von Büchern, die Amerikas Auseinandersetzung mit China in den Blick nehmen. Tooze verhandelt nicht nur Donald Trumps irrlichternde Handelspolitik, sondern auch umfassend die Frage, ob und wie ein neuer Kalter Krieg mit China heraufziehen konnte und wer den Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen in der amerikanischen Industrie zu verantworten haben. War Bill Clinton zu lax bei den WTO-Verhandlungen mit Peking, wie Trump immer wieder betont? "Der Boom der chinesischen Exporte war nicht das Ergebnis eines Abkommens unter Freunden, sondern der außergewöhnlichen Mobilisierung von Kapital und Arbeit seit 1990. Dabei spielte das westliche Kapital eine entscheidende Rolle. Amerikas Linke wie auch die äußere Rechte stellt sich heute nicht die Frage, ob die Unterhändler naiv oder inkompetent waren, sondern wessen Interessen sie vertraten. Verhandelten sie im Auftrag des Durchschnittsbürgers oder der Unternehmen? Wie Bob Davis und Lingling Wei (in "Superpower Showdown: How the Battle between Trump and Xi Threatens a New Cold War") zeigen, betrieben die Wirtschaftspolitiker das Geschäft der amerikanischen Unternehmen genauso, wie dieses es von ihnen verlangten. Hersteller wie Boeing, General Electric und Pepso, Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley und JP Morgan oder der Versicherungsriese AIG, sie alle wollten den neuen Markt und sie wollten die billige Arbeit. 1994 gab die Regierung Clinton ihre harte Linie gegenüber Peking auf, die sie nach dem Massaker vom Tienanmen eingenommen hatte, die Stoßrichtung der Politik war, neue Märkte und Möglichkeiten zu eröffnen, auch gegen die starken Einwände der amerikanischen Gewerkschaften. Um das Abkommen im Kongress durchzubekommen, lancierten die Unternehmen die teuerste Lobby-Kampagne aller Zeiten. Die Firmen waren so erpicht darauf, als Anwälte Chinas aufzutreten, sie mussten ein Komitee bilden, um nicht übereinander zu stolpern. 1949 wurde das politische Establishment der USA von der Frage gequält: Wer hat China verloren? Siebzig Jahre Jahre später schwebt die Frage im Raum: Wie und warum hatte Amerikas Elite das Interesse am eigenen Land verloren?"

Weitere Artikel: William Davies denkt über die "Politics of Like and Dislike" nach. Neal Ascherson liest Résistance-Biografien. Anne Wagner porträtiert die Künstlerin Eva Hesse.
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New Yorker (USA), 10.08.2020

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins schaut Jill Lepore zurück in die Regierungszeit John F. Kennedys und stößt auf eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Simulmatics Corporation, die, ihrer Zeit weit voraus. ein Computermodell zur Beeinflussung von Wählern entwickelte: "Die moderne US-Politik begann mit einer Geheimwaffe. (Edward) Greenfield (dessen Beraterfirma Simulmatics 1956 für den Gouverneur von Illinois arbeitete, d. Red.) nannte es Projekt Macroscope. Er engagierte die Besten aus Harvard, Yale, Columbia, John Hopkins und dem MIT, viele ausgebildet in psychologischer Kriegsführung. Simulmatics Wahlprojekt von 1960 war eines der größten Forschungsprojekte in der Politologie überhaupt. Geleitet vom MIT-Politologen Ithiel de Sola Pool, sammelten Greenfields Leute Unmengen Daten aus Wahlergebnissen und Meinungsumfragen, die bis 1952 zurückgingen. Sie sortierten die Wähler in 480 Kategorien und bündelten sie in 52 Gruppen. Dann bauten sie eine 'Wahlverhalten-Maschine', eine Computersimulation der Wahl vom 1960, mit der sie Szenarien anhand einer endlos zusammensetzbaren virtuellen Bevölkerung durchspielen konnten. Man konnte die Maschine mit dem x-beliebigen Verhalten eines Kandidaten füttern und sie sagte die entsprechende Wählerreaktion voraus."

Weitere Texte: Louis Menand empfiehlt Joe Biden für den Wahlkampf die Lektüre von Larry Tyes Biografie "Demagogue: The Life and Long Shadow of Senator Joe McCarthy". Paige Williams über die erstaunliche Aktivität der Bauingenieure des USA-Armeecorps in der Coronapandemie. Brooke Jarvis überlegt anlässlich zweier Buch-Neuerscheinungen, ob all die Mittelchen, mit denen wir unsere Haut traktieren, wirklich nützen. Und Ed Caesar berichtet, wie ein von den Deutschen erbauter Bunker aus dem Kalten Krieg zum Hub für Cyberkriminelle wurde.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Biden, Joe

Aktualne (Tschechien), 22.07.2020

In einer Zeit, in der überall auf der Welt Statuen von Politikern gestürzt werden, läuft in den tschechischen Kinos ein Film über Václav Havel an. "Das schlicht 'Havel' genannte Drama (Trailer) errichtet dem bekanntesten tschechoslowakischen Dissidenten und ersten Nachwendepräsidenten jedoch weder ein lebloses marmornes Denkmal noch reißt es dessen Statue ein", schreibt Rezensent Tomáš Seidl. Nicht der Staatsmann Havel stehe hier im Fokus, sondern seine Dissidentenzeit zwischen 1968 und 1989, sein privates Leben und vor allem die komplizierte Beziehung zu seiner ersten Frau Olga Havlová. "Ohne billige Skandalisierung wird Havel hier als Mann gezeichnet der - wie er selbst kleinlaut bekennt - 'in bestimmten Gefühlsangelegenheiten nicht so moralisch fest' ist, wie es seine Frau Olga verdient hätte. Diese bleibt all seinen Liebesaffären zum Trotz ein Fixstern und ein Anker, zu dem er aus der Umarmung anderer Frauen immer wieder zurückkehrt." Die filmische Charakterisierung Havels als zögernder, unentschlossener Charakter auch in politischen Dingen kann der Rezensent jedoch nicht so richtig nachvollziehen. "Wäre es so gewesen, wäre er weder eine führende Dissidentenpersönlichkeit noch Präsident geworden", meint Seidl.
Archiv: Aktualne
Stichwörter: Havel, Vaclav, Biopic

Propublica (USA), 23.07.2020

Das investigative Magazin bringt einen groß angelegten Modellversuch, der die Migrationsbewegungen der nahen Zukunft vorhersagt. Ein erschreckendes Szenario: "Der Mensch hat bisher in einem verblüffend schmalen Temperaturfenster existiert, an Orten, wo das Klima die Produktion von Nahrung ermöglichte. Doch mit der Erderwärmung wandert dieses Fenster immer weiter nach Norden. Nach einer bahnbrechenden Studie des Fachjournals Proceedings of the National Academy of Sciences könnte der Planet sich in den kommenden 50 Jahren stärker erwärmen als in den letzten 6000 Jahren zusammen. Bis 2070 könnten extrem heiße Zonen wie die Sahara, die heute weniger als ein Prozent der Erdoberfläche ausmachen, ein Fünftel der Erde einnehmen und damit jeden dritten Menschen aus der Klimanische befördern, in der der Mensch seit Tausenden Jahren gedeiht. Viele werden Hitze, Hunger und politisches Chaos erleiden, andere aber werden migrieren. Eine Studie in Science Advances aus dem Jahr 2017 prognostiziert Temperaturen, die es in Teilen Indiens und Ost-China unmöglich machen wird, auch nur einige Stunden ins Freie zu gehen … Unser Modell zeigt, das fünf Prozent aller künftigen Migranten vor dem Klima fliehen werden. Wenn Regierungen die Klima-Emissionen maßvoll reduzieren, könnten bis 2050 rund 680.000 Klimaflüchtlinge sich aus Zentralamerika und Mexiko Richtung USA aufmachen. Sollten die Emissionen nicht reduziert werden und die Temperaturen steigen, steigt diese Zahl auf über eine Million. Erkennbar ist, dass politische Entscheidungen in Sachen Klimawandel und Migration zu sehr unterschiedlichen Zukunftsszenarien führen."
Archiv: Propublica

Eurozine (Österreich), 22.07.2020

Bisher konnte sich Weißrusslands Autokrat Aleksandr Lukaschenka auch deshalb an der Macht halten, weil er den Menschen im Land ein halbwegs gesichertes Auskommen versprach. Doch mit den Wirtschaftskrisen der letzten Jahre und der Coronakrise sieht er sich vor den Präsidentschaftswahlen ungewohnten Protesten ausgesetzt, berichtet Ingo Petz in einem weit ausholenden Text über die langanhaltenden Bemühungen der weißrussischen Opposition, die neue Fahrt aufgenommen haben: "Offensichtlich ist etwas faul in Lukashenkas 'Staat für das Volk'. Nicht wie bisher vor allem Minsk, sondern auch die Provinz, die gemeinhin als Hochburg Lukaschenkas gilt, hat sich gegen den Landesfürsten gewendet. Wer die Livestreams von den aktuellen Protesten und die Medienberichterstattung in den vergangenen Wochen und Monaten verfolgt hat, wird bestätigen, dass der Protest von allen möglichen Altersklassen und Berufsgruppen getragen wird und dass anscheinend auch der Mittelstand, dem Lukaschenka in den 2000ern zu seinem Wohlstand verholfen hat, seine politische Apathie aufgegeben hat und nun seinen Unmut kundtut. Wie auch viele Menschen, die sich vorher noch nie mit dem Regime angelegt oder politische Initiative gezeigt haben."
Archiv: Eurozine

Senses of Cinema (Australien), 28.07.2020

Die neue Ausgabe des filmwissenschaftlich orientierten Magazins Senses of Cinema widmet sich in einem riesigen Schwerpunkt dem 40-jährigen Jubiläum von Stanley Kubricks "The Shining" nach dem gleichnamigen Horrorroman von Stephen King. Die versammelten Essays und Analysen bieten so viel Lesestoff wie eine ganze Aufsatzsammlung in Buchform. Einigen der Texte ist die wissenschaftliche Provenienz ("Im folgenden möchte ich... dazu werde ich...") zwar deutlich anzumerken, aber interessante Anregungen für eine Neusichtung von Kubricks Klassiker finden sich dennoch in Hülle und Fülle. Am kurzweiligsten ist sicher Filippo Ullivieris Darstellung der längst legendären Zetereien, mit denen King den nach seiner Vorlage (aber auf expliziten Wunsch des Regisseurs ohne seine kreative Beteiligung) entstandenen Film seit Jahrzehnten in Grund und Boden stampft. An schlechten King-Verfilmungen herrscht ja nun kein Mangel, warum ist es dann gerade dieser Film, der King ganz besonders umzutreiben scheint, dass er in den 90er sogar eigens das Drehbuch zu einer (allerdings in Langeweile und Kitsch versunkenen) TV-Adaption seines Romans schrieb? In seiner Ursachenforschung stößt Ullivieri in einem 1982 in grauer Literatur veröffentlichten und seitdem nicht mehr aufgelegten Essay auf eine mögliche Antwort: King gesteht, dass die Figur des in Alkohol und Wahnsinn absinkenden Familienvaters und glücklosen Schriftstellers, der in einem eingeschneiten Hotel mit einer Axt Jagd auf seine Familie macht, durchaus an ihn selbst angelehnt ist, der als junger, schriftstellerisch glückloser und in Armut lebender Vater zu Alkohol und jähzornigen Ausbrüchen neigte. "In einem solchen Geisteszustand geschrieben, 'wurde das Buch ein Ritual für mich, das vor Hass und Schmerz brannte', eine Möglichkeit für King, endlich jene Gefühle zu exorzieren und zu kanalisieren, 'die beinahe im Gesamten aus meinen Unbewussten zu strömen schienen'. Als 'The Shining' vollendet war, war es ihm endlich möglich, seine dunkle Vergangenheit zu den Akten zu legen. Auftritt Kubrick und Drehbuchautorin Diane Johnson. Indem sie an Kings Roman herumwerkelten, gingen wie wohl auch Kings Seelenleben an. Als er sah, was sie mit seiner Hauptfigur Jack anstellten, sah King womöglich ein Bild seiner selbst, das er vergessen zu haben wünschte. Als er sich darüber beschwerte, dass Jack in dem Film keine Entwicklung durchläuft, protestierte er wohl auch dagegen, dass Kubrick ihm das Happy-End gestrichen hat."

En attendant Nadeau (Frankreich), 21.07.2020

Sic transit gloria mundi. Gérard Bauër muss mal so etwas wie der Fritz J. Raddatz der Dritten Republik gewesen sein, Dandy, Kritikerpapst und "chroniqueur littéraire", der seine Kolumne in Les Echos de Paris mit dem Pseudonym "Guermantes" signierte. Heute ist er komplett vergessen, auch in Frankreich. Ein kleiner Schweizer Verlag, die Editions Georg, bringen nun seine "Carnets d'un voyageur traqué" (Hefte eines belästigten Reisenden) heraus, die Bauër, ein Enkelsohn Alexandre Dumas' (Vater), im Schweizer Exil verfasst hat. Von hier hat er einen hellsichtigen Blick auf das Vichy-Frankreich geworfen, schreibt Jean-Yves Potel in einer Kritik mehrerer Bücher mit literarischen Dokumenten aus der Epoche. Wie immer helfen zeitgenössische Dokumente, Geschichte wieder "live" zu verstehen: "Manchmal wirkt Bauër, als würde er Geschichte von außerhalb betrachten, aber dann wird er wieder vom Antisemitismus auf den Boden zurückgeholt, den er als Demütigung erlebt (das Vichy-Regime verlangt seinen Stammbaum). In seinen Tagebüchern notiert er regelmäßig die Übel: Ein Bekannter muss den Justizapparat verlassen, weil er Jude ist, die Theater werden für Juden geschlossen, der gelbe Stern wird zur Vorschrift… Im Lauf der Zeit werden seine Notizen immer kühner und empörter. Für ihn ist die 'französische Prosa nun vollends in den Händen Deutschlands', das sich in den Lügen über seine Niederlagen suhlt und Märchen erzählt."

Faszinierend klingt auch, was Potel über Janet Flanners neu übersetzte Reportagen aus Paris und über Frankreich in dieser Zeit erzählt, besonders über ihr sehr ausführliches New-Yorker-Porträt über den Maréchal Pétain.

The Atlantic (USA), 26.07.2020

Keine High-Tech-Hackerzauberkunst stand hinter der betrügerischen Übernahme zahlreicher reichweitenstarker Twitter-Accounts, die vor kurzem für Aufsehen gesorgt hat, sondern simples "social engineering", also auf Deutsch: das umschmeichelnde und manipulative Belabern maßgeblicher Protagonisten hinter den Twitter-Kulissen, um an administrative Honigtöpfe zu kommen. Darin zeigt sich ein Schwachpunkt des zumindest aufmerksamkeitsökonomisch rigide zentralisierten Internets, das doch ursprünglich - um die Folgen eines Nuklearschlags auf die gesellschaftliche Kommunikation abzumindern - als dezentralisiertes Medium konzipiert war, kommentiert Ian Bogost: "Heutzutage stellt ein nuklearer Krieg eine geringere Bedrohung als 1963, aber die Risiken zentralisierter Kommunikationsysteme bleiben bestehen oder sind sogar gestiegen. Ganz im Gegenteil, zentralisierte Onlinedienste wie Twitter oder Facebook haben sich als Beschleuniger von Desinformation und Verschwörungstheorien entpuppt und damit Bedingungen geschaffen, die die Demokratie vielleicht für immer verändert haben. Ein globales, dezentrales Netzwerk versprach, alle miteinander zu verbinden - so wie es sich deren Befürworter erträumt hatten. Aber diese Verbindungen machten das Netzwerk selbst zu einer Gefahr, auf eine Weise, die sich Licklider und andere nicht ausgemalt haben. Was diese Art der Zentralisierung für die Cyber-Security impliziert, ist tiefgreifend verstörend. Wenn Titanen der Wirtschaft, Promis und führende Politiker allesamt Twitter und andere Dienste nutzen (und gelegentlich missbrauchen), könnte die Fähigkeit, diese Accounts zu attackieren - ob es nun der von Taylor Swift ist oder der von Donald Trump - erheblich mehr Schaden anrichten als Bitcoin-Betrügereien."
Archiv: The Atlantic

Magyar Narancs (Ungarn), 25.07.2020

Die stellvertretende Rektorin der Budapester Universität für Film- und Schauspielkunst Eszter Novák spricht im Interview mit Szilvia Artner über die möglichen Auswirkungen der staatlich verordneten Umwandlung der Universität unter einem von der Regierung bestimmten Kuratorium. "Wir übergaben unsere Vorschläge und werden sehen, was passiert, ob sie mit uns sondieren. Laut der Regierung soll kein Ministerium mehr als als Betreiber der Universität fungieren, sondern ein professionelles Gremium, welches das Wachstum der unterschiedlichen Zweige vor Augen hat. Die Vorstellung ist in der optimistischen Variante großartig, in der Wirklichkeit besorgniserregend. Zeitlich und fachlich ist die Rechtskompetenz des Kuratoriums unbegrenzt, doch unsere finanziellen und infrastrukturellen Probleme werden hierdurch nicht gelöst werden (…). Sichtbar wird, dass die Regierung eine Art Privatisierung haben möchte, nach der die ideologische Kontrolle jedoch noch größer werden kann. Daraus kann aber auch folgen, dass mehr Gelder in die Lehre fließen. Es geht hier um das alte intellektuelle Dilemma der nichtdemokratischen Systeme: man muss zwischen der geistigen Unabhängigkeit und dem Wohlstand wählen."

Vanity Fair (USA), 25.06.2020

In Deutschland sind wir ja - zumindest bislang - um die allerschlimmsten Härten der Corona-Pandemie herumgekommen. Deutlich anders wird einem, wenn man Josh Sanburns bedrückende Reportage über amerikanische Bestatter liest. Von den Belastungen des medizinischen Personals war in den ersten Monaten ja immer wieder die Rede, aber wie Bestatter in den Pandemie-Hotspots mit den Leichenstapeln, überlaufenden Lagerhallen und abzuwimmelnden Familien, die ihre Toten beerdigen wollen, umgehen - davon las man bislang bemerkenswert wenig. "Viele Hospitale begannen damit, große Kühltrucks heranzuschaffen, die allerdings über kein Regalsystem verfügten. Bevor die Beleuchtung installiert wurde, mussten die Bestatter Frankie und Jose ihre Telefone als Taschenlampen verwenden, um Leichen in den dunklen Anhängern zu identifizieren. Manchmal dauerte es bis zu 20 Minuten, um die richtige Leiche zu finden, da die ID-Karte sich gelöst hatte und sie die Leiche anhand der Informationen, die am Gelenk oder am Zeh angebracht waren, identifizieren mussten. Ob sie sich bei einer Leiche mit Covid-19 anstecken konnten, wussten sie damals nicht, also trugen sie die ganze Zeit über komplette Schutzanzüge. Von allen Leichenhallen, in die sie kamen, war die des Brookdale University Hospitals mit die verstörendste. Am 3. April nahm Frankie in einem Anhänger des Hospitals ein Video auf. Ein Mann liegt außerhalb der Leichentasche. Andere liegen  gestapelt übereinander. Humanitäres Chaos. 'Gleich wenn man die Tür öffnete, lagen da stapelweise Leichen. Man musste drüber klettern, um in den Truck zu kommen', erzählt mir Frankie. 'Diese Leichensäcke sind sehr günstig. Wenn man den Reißverschluss öffnet, entsteht ein Riss. Arme und Beine hingen raus. Ein Typ lag nackt außerhalb des Sacks.' Schließlich fanden sie die Frau, nach der sie Ausschau hielten. Sie lag gleich vorne, unter einer anderen Leiche, mit dem Gesicht nach unten. Auf der Rückseite des Leichensacks sah Frankie Fußabdrücke."
Archiv: Vanity Fair