Magazinrundschau

Eine Nation von vielfarbigen Menschen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.08.2020. In der New Left Review analysiert der Soziologe Göran Therborn den Zusammenbruch der Mittelschicht weltweit. Le Monde diplomatique nimmt das Konzept der Françafrique unter die Lupe. Im CultureMag fragt Georg Seeßlen, ob die Kultur wirklich systemrelevant sein will? Atlantic betrachtet die Untiefen der Identitätspolitik am Beispiel des Wikipediaeintrags zu Kamala Harris. In Tablet rollt Paul Berman die Urgeschichte der "Cancel Culture" auf. Wired zeigt die Grenzen des Werbetrackings auf.

New Left Review (UK), 31.08.2020

Das Magazin bringt einen Essay des schwedischen Soziologen Göran Therborn über die globale Situation der Mittelschicht. Während sie im Süden wächst, schrumpft sie im Norden: "Laut Anthony Atkinson und Andrea Brandolini, die Ungleichheit erforschen,  ist von Mitte der achtziger bis Mitte 2000 eine Schrumpfung der Mittelschicht festzustellen. Laut einer Studie in 15 OECD-Ländern verloren die mittleren 60 Prozent in allen ausgewählten Ländern außer Dänemark Teile ihrer Einkünfte an das reichste Fünftel, in zehn der Länder schrumpfte die Mittelschicht ganz real. 2011 fragte sich Francis Fukuyama: 'Was, wenn die künftige technologische und Entwicklung und die Globalisierung der Mittelschicht den Boden entzieht und es nur noch einer Minderheit ermöglicht, den Status der Mittelschicht zu erreichen?' Fukuyama sorgte sich noch mehr: "Kann die liberale Demokratie einen solchen Schwund überleben?' … Die Abwärtsbewegung begann in den USA in den siebziger Jahren und wurde erst von einigen scharfsichtigen Forschern während der Achtziger entdeckt … Schon jetzt ist klar, dass die Pandemie die Ungleichheiten vergrößert, das Virus betreffend wie wirtschaftlich. Ebenso die Diskriminierung zwischen wie innerhalb der Klassen, Männern und Frauen, Generationen, ethnischen Gruppierungen. Für die Träume und Albträume der Mittelschicht bedeutet das eine beschleunigte Verschmelzung der Mittelschicht des Südens wie des Nordens auf dem finsteren Weg in die Ungleichheit. Die ihnen gemeinsame Preisgabe durch das digitale Großkapital, verkörpert durch Amazon und Microsoft, wird soeben enorm verstärkt. Die meisten mittelständischen Unternehmen und freiberuflichen Unternehmer im Norden sind die wirtschaftlichen Verlierer der Krise."

CulturMag (Deutschland), 01.08.2020

Georg Seeßlen denkt über die Systemrelevanz von Kultur nach. Dass sich weite Teile des Betriebs in den letzten Monaten dazu bekannt, beziehungsweise diese Selbsteinschätzung aggressiv nach außen gekehrt haben, findet er mindestens zwiespältig: Schließlich habe noch jede Krise dazu geführt, dass es Kulturschaffenden im allerweitesten Sinne danach nicht besser gehe, sondern der Druck in unserer "neoliberalen, proto-faschistischen politischen Ökonomie" eher erhöht werde. Dieser "Anspruch der Systemrelevanz würde allerdings bedeuten, Kultur müsste eines der Mittel  zur 'Rückkehr zur Normalität' sein, oder umgekehrt ein Teil der Normalität, zu der man so dringlich zurück kehren will. Aber das würde doch zumindest das Selbstverständnis eines Teils der Kultur arg tangieren: Wollte man nicht das System in Frage stellen, es verändern und verbessern, es sogar ablehnen oder verhöhnen, jedenfalls ein Teil von Utopie und Transzendenz sein? Eine Kultur, die im Namen der 'Rückkehr zur Normalität' gerettet würde, wäre, im 'modernen' und sogar noch im postmodernen Verständnis diese Rettung nicht wert. ... Was aber, wenn Teile dieser Kultur sich ein Herz fassten, und behaupteten, wenn schon sonst niemand, so hätten doch wenigstens diese Kulturteile die Krise verstanden und das System nicht als Opfer sondern als Verursacher der größten Probleme dabei durchschaut? Die Anerkennung der 'Systemrelevanz' und damit die Unterstützung der 'Zurück zur Normalität'- Politik und -Ökonomie wäre damit beim Teufel. Die Kultur würde, wenn sie sich aus der Krise moralisch retten wollte, dazu gezwungen, ihre politisch-ökonomischen Grundlagen zu opfern. ... Wir ahnen fürchterliches: In der Krise und nach ihr soll überhaupt erst so etwas entstehen wie 'systemrelevante Kultur'. Eine Versöhnungs- und Bewältigungskultur, die die Rückkehr zur Normalität gentrifizieren soll."
Archiv: CulturMag

Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 17.08.2020

Angesichts der absoluten Passivität der politischen Klasse in Westafrika braucht sich Frankreich keine Sorge um seine hegemoniale Stellung zu machen, erkennt Boubacar Boris Diop, doch der Grimm gegen das Konzept der Françafrique wächst: "Zu Zeiten des Kalten Kriegs hatte die CIA ihre Leute bekanntlich am Kabinettstisch der lateinamerikanischen Marionettenregierungen platziert. Eine abgemilderte Version dieses Regimes findet sich heute im frankophonen Afrika, der letzten Region der Welt, in der ein anderer Staat etwa in Währungsfragen so große Entscheidungsmacht hat. Paris betrachtet diesen Teil Afrikas bis heute als gigantische Rohstoffquelle, weshalb die Interessen von Total, Areva oder Eiffage von keiner anderen Macht bedroht werden dürfen. In diesen frankophonen Staaten hat die französische Armee seit deren Unabhängigkeit Dutzende Male interveniert, erstmals in Gabun 1964. Im Gegensatz dazu hat Großbritannien noch nie auch nur einen einzigen Soldaten in seine früheren afrikanischen Kolonien entsandt. Dass sich Präsident Macron im Dezember 2019 erstmals öffentlich über 'antifranzösische Gefühle in Afrika' beklagte, markiert eine Art Zeitenwende. Macron war nicht entgangen, dass eine neue Generation angetreten ist, um das anachronistische Françafrique-Kapitel zu beenden. Angeführt wird die Bewegung von prominenten Nichtpolitikern wie den Musikern Salif Keïta, Alpha Blondy oder Tiken-Jah Fakoly und dem Filmemacher Cheick Oumar Sissoko. Im Februar 2019 hat beispielsweise der großartige Richard Bona ein Konzert in Abidjan abgesagt und erklärt, er werde in keinem Land mehr auftreten, das den CFA-Franc als Währung hat." Gegen Chinas Kolonialgebaren scheint sich offenbar kein Protest zu rühren.

In einem sehr instruktiven Text gibt Tom Stevenson einen Überblick über den maritimen Welthandel, über den neunzig Prozent des globalen Handels abgewickelt werden: "Der internationale Seehandel ist ein System, das für die Weltwirtschaft so wichtig ist, dass man es nicht nur den privaten Reedereien überlässt. Die führenden Frachtschifffahrtslinien sind zwar profitorientierte Konzerne, aber sie werden - in unterschiedlichem Ausmaß - von einzelnen Staaten unterstützt und gelenkt. Das gilt insbesondere für die vier Giganten der Branche. Die dänische Reederei Maersk, die italienische-schweizerische Mediterranean Shipping Company (MSC), die französische CMA CGM und die chinesische Cosco kontrollieren etwa die Hälfte des globalen Seehandels. Die drei europäischen Unternehmen verdanken ihre oligopolistische Stellung auch der Protektion durch ihre Regierungen. Sie beziehen alljährlich Milliarden von Euro an Subventionen sowohl von ihren 'Mutterländern' als auch von der EU. Cosco dagegen gehört direkt dem chinesischen Staat."

Außerdem in dieser reichhaltigen Ausgabe: Cédric Gouverneur informiert über das Gletschersterben in Bolivien. Arthur Asseraf erzählt die kurze Geschichte der arabischen Presse im 19. Jahrhundert.
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168 ora (Ungarn), 16.08.2020

Der Direktor des Nationaltheaters Attila Vidnyánszky ist Vorsitzender der regierungsnahen Ungarischen Theatergesellschaft (eine Ansammlung von regierungsnahen Theaterregisseuren) sowie stellvertretender Rektor der Schauspieluniversität in Kaposvár und seit zwei Wochen Vorsitzender der Stiftung der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst. Durch diese beispiellose Machtkonzentration in der Theaterbranche ist eine staatlich anerkannte Schauspielausbildung ohne Vidnyánszky und damit ohne Regierungskontrolle nicht mehr möglich. Im Interview mit Zsuzsanna Sándor denkt der mehrfach ausgezeichnete Regisseur und ehemalige Lehrstuhlleiter der Schauspieluniversität Kaposvár János Mohácsi (entlassen durch Vidnyánszky nach der Übernahme des Instituts 2013) darüber nach, das Land zu verlassen: "Ich fühle mich nicht hilflos, sondern ich bin es. Wenn der rechtmäßig gewählte Rektor der Universität nicht ernannt wird, dann ist es so dermaßen rechtsverletzend, dass man sich danach über die nächsten unrechtmäßigen oder unethischen Entscheidungen nicht mehr wundern darf. (...) Auch ich habe Familie, ich möchte auch arbeiten und vielleicht kann ich es auch. Wenn aber hier in Ungarn meine Möglichkeiten entschwinden, dann muss ich die Konsequenzen ziehen."
Archiv: 168 ora

Unherd (UK), 14.08.2020

Der britisch-nigerianische Journalist Ralph Leonard ist der Diskussionen um schwarz und weiß und was davon man groß schreibt, ein wenig müde. Das bringt doch nur die identitäre Rechte weiter, meint er. "Die Wahrheit ist, dass die Ähnlichkeiten zwischen 'schwarzen' und 'weißen' Amerikanern viel größer sind als die Unterschiede. Das gesamte Regal der modernen amerikanischen Musik würde ohne schwarze Amerikaner nicht existieren. Das, was wir 'schwarze Kultur' nennen, gäbe es nicht ohne die europäischen Einflüsse, auf die sie sich stützen musste. Darauf weist Albert Murray in seinem Meisterwerk 'The Omni-Americans' von 1970 hin, das er als 'Gegendarstellung' zu den 'rassenorientierten Propagandisten' seiner Zeit schrieb: 'Die Vereinigten Staaten sind in Wirklichkeit keine Nation von Schwarzen und Weißen. Es ist eine Nation von vielfarbigen Menschen. Es gibt sozusagen weiße Amerikaner und schwarze Amerikaner. Aber jeder Dummkopf kann sehen, dass die Weißen nicht wirklich weiß sind und dass schwarze Amerikaner nicht schwarz sind. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden.' ... Das eigentliche Problem des Hochspielens rassischer Kategorien besteht darin, dass sie - wie viele der symbolischen Aktionen, die auf dieses 'rassische Erwachen' folgten, vom Stürzen von Statuen bis zum Rebranding durch Unternehmen - die Illusion erzeugen, dass ein weitreichender Wandel 'endlich' stattfindet. Aber wirkliche Fortschritte werden erst dann eintreten, wenn sich die materiellen Bedingungen der schwarzen Amerikaner verbessert haben und wenn Gesetze und institutionelle Praktiken, die die Polizei befähigen, Bürger zu misshandeln, aufgehoben werden."
Archiv: Unherd

The Atlantic (USA), 30.08.2020

In welche Untiefen Identitätspolitik führen kann, kann man zur Zeit sehr gut am Wikipediaeintrag zu Kamala Harris nachvollziehen, schreibt Joshua Benton auf Atlantic. Seit Joe Biden sie als Wahl für die Vizepräsidentschaft vorgestellt hat, tobt ein Streit der Editoren, wie sie zu beschreiben sei, wobei auch rechte Beiträger gern hervorhoben, dass Harris nicht afroamerikanisch sei. "'Wie kann man jemanden mit südasiatischer Abstammung als 'Afroamerikaner' bezeichnen', schrieb ein anonymer Benutzer. 'Bedeutet dieser Begriff nun 'schwarz', 'dunkelhäutig' oder einfach 'nicht-weiß'? Bitte, das ist respektlos gegenüber Menschen vom indischen Subkontinent, die ihre eigene, sehr ausgeprägte Identität haben'. 'Sie identifiziert sich als Afroamerikanerin. Ende der Geschichte', antwortete ein Benutzer namens Fowler&fowler, der häufig Artikel mit Indien-Bezug auf Wikipedia bearbeitet. ... Per Definition ist sie afroamerikanischer (in der traditionellen Bedeutung des Wortes) als Barak [sic] Obama'. (Harris' Biografie im Senat beschreibt sie als 'die zweite afroamerikanische Frau und erste südasiatisch-amerikanische Senatorin in der Geschichte'. Als sie als kalifornische Generalstaatsanwältin vereidigt wurde, beschrieb sie ihr Amt als 'die erste Afroamerikanerin', die diese Position innehatte). Da der Artikelschutz von Wikipedia sie daran hinderte, die Artikel selbst zu bearbeiten, bat eine Reihe von meist anonymen Benutzern stattdessen darum, Harris als etwas anderes als Afroamerikanerin zu beschreiben:

'Einige Informationen sind falsch. Sie ist keine Schwarze. Ihre Mutter ist Inderin, ihr Vater ist Latino. Sie ist weder schwarz noch Indianerin.'

'Sie ist asiatisch-amerikanisch. Indien, aus dem ihre Mutter eingewandert ist, gehört zu Asien. Jamaika, aus dem ihr Vater eingewandert ist, gehört zu Nordamerika.'

'Harris ist die zweite afroamerikanische Frau ist falsch, sie ist Jamaikanerin/Inderin.'

'Kamala Harris ist keine Afroamerikanerin, wie es hier steht. Ihre Mutter ist Inderin und ihr Vater Jamaikaner.'

"Ändern Sie 'erste Afroamerikanerin' in 'Jamaikanerin'. Sie ist keine Afroamerikanerin, weil ihr Vater aus Jamaika und ihre Mutter Inderin ist. Dort gibt es kein Afrika."

'Sie wurde als Tochter eines Ausländers aus Indien und eines Ausländers aus Jamaika geboren. Wie macht diese Kombination aus ihr eine Afroamerikanerin?????????????????

Sie ist von jamaikanischer Abstammung, nicht Afrikanerin.'

Wikipedia-Administratoren und andere leitende Redakteure stehen zu der Verwendung des Begriffs Afroamerikanerin, weil Harris über viele Jahre von Nachrichten und offiziellen Dokumenten als solche identifiziert wurde. Die Wikipedia-Bearbeitung lebt vom Konsens, und inmitten der ganzen Debatte bestand der Konsens der Redakteure darin, dass ein Konsens erreicht worden war. (Das Wort Konsens taucht derzeit 49 Mal in der Diskussion auf)."
Archiv: The Atlantic

Tablet (USA), 17.08.2020

Paul Berman, der zu den Unterzeichnern des Harper's-Appells ("A Letter on Justice and Open Debate", unsere Resümees) gehört, erzählt die Urgeschichte der "Cancel Culture", die seiner Meinung nach ein ganz und gar amerikanisches Phänomen ist, obwohl man die Konstellationen, die er beschreibt, auch bestens aus Europa kennt. Er sieht sie als eine Spaltung der gemäßigten Linken (die "Liberalen" - wir würden sie in Europa als "Linksliberale" bezeichnen) und der radikalen Linken. Die Liberalen kämpfen zwar für dieselben Ziele - etwa gegen rassistische Diskriminierung - aber sie haben eine völlig andere Analyse der Probleme, so Berman. 1939 kam es für ihn zum ersten Eklat zwischen den beiden Schulen, als eine Gruppe um John Dewey und Sidney Hook in The Nation einen offenen Brief veröffentlichte, der sich gegen sämtliche totalitäre Regimes der Zeit wandte, Deutschland, Italien, Spanien - aber auch die Sowjetunion. Diesem Statement antwortete ein "Committee of 400": "Das 'Statement of Principles' von Dewey und Hook wagte die Idee, dass Unrecht aus vielen Richtungen kommt - von der extremen Rechten, aber auch von der extremen Linken. Das 'Committee of 400' ließ eine solche Möglichkeit nicht zu. Unrecht kam aus Sicht der 400 ausschließlich von rechts. Und wenn man insistierte, dass es auch von links kommen kann, dann war man ein 'Faschist oder Faschistenfreund'. Und das heißt, bei passender Gelegenheit würde man der 'cancel culture' zum Opfer fallen."
Archiv: Tablet

Wired (USA), 13.08.2020

Programmatische Werbung - also der vollautomatisierte und auf Tracking der Nutzer basierende Ablauf des Angebots und Verkaufs von Werbeflächen im Netz - wird immer skeptischer betrachtet: Nicht nur steht das Verfahren mittlerweile im Ruf, die Werbeetats mit großzügigen Streuverlusten zu verpulvern, sondern immer mehr Anzeigenpartner sorgen sich auch, dass sie kaum Einfluss mehr darauf haben, in welchem - womöglich imageschädigenden - Umfeld ihre Anzeigen erscheinen. Immer mehr Unternehmen sichern sich dagegen über teils grotesk ausufernde schwarze Listen ab, erzählt Gilad Edelman: Darauf finden sich Begriffe, die kontroverse Inhalte nahelegen und in deren Umfeld man seine Anzeigen nicht sehen will. Was wiederum Folgen für den seriösen Journalismus hat: "Als die Pandemie losbrach, landeten auch Begriffe wie 'Coronavirus' oder 'Covid-19' auf diesen Listen. Das Ergebnis war desaströs. Eine geleakte Tabelle eines der wichtigsten Werbetreibenden zeigte, dass die Software mehr als die Hälfte der Anzeigen von Medien mit gutem Ruf, darunter der Boston Globe, CBS News und Vox, fernhielt. ... Manche Ergebnisse waren lachhaft. Der Magazinanbieter Hearst etwa beschwerte sich darüber, dass Artikel über Meghan Markle, die Herzogin von Sussex, geblockt waren, weil das Wort 'sex' auf der schwarzen Liste stand. Weit weniger zum Lachen: Die Definition von 'kontrovers' kann auch hässliche Vorurteile einschmuggeln, indem Begriffe wie 'lesbisch' oder 'bisexuell' gebrandmarkt werden. Im Großen und Ganzen zeigte die Innovation keinen offensichtlichen Nutzen für die Werbetreibenden, verursachte aber erhebliche Schmerzen im Nachrichtengeschäft. Eine Analyse von Zeitungs- und Magazinverlagen in den USA, UK, Australien und Japan kam zu dem Schluss, dass übermäßiges Blockieren sie im vergangenen Jahr 3,2 Milliarden Dollar Umsatz aus dem Digitalgeschäft kostete. Unterdessen haben sich die Publisher aus dem niederen Segment, deren Geschäftsmodell nicht etwa darauf basiert, sorgfältig das Weltgeschehen zu reflektieren, sondern das digitale Werbegeschäft im eigenen Interesse zu schröpfen, der Lage angepasst und Mittel und Wege gefunden, die schwarzen Listen zu umgehen."

Außerdem: Andrew Leonard erklärt, wie Taiwan die Coronakrise "hackte". San Francisco war deutlich besser auf Corona vorbereitet als andere Städte, schreibt Daniel Duane. Und Garrett M. Graff weiß, wie der MAGA-Bomber - ein fanatisierter Trump-Anhänger, der Bombenattrappen an Demokraten und Journalisten schickte - binnen kürzester Zeit identifiziert und dingfest gemacht werden konnte (mehr dazu auch beim Washingtonian).
Archiv: Wired

vice.fr (Frankreich), 11.08.2020

Justine Reix' Artikel liest sich ein bisschen weinerlich, und ihre Vorgehensweise ist nicht unbedingt strikt wissenschaftlich. Sie hat über soziale Medien nach JournalistInnen gesucht, die frustriert ihre Jobs aufgegeben haben. Ihre Geschichten lesen sich dann doch interessant. Über hundert haben sich nach ihrer Anfrage gemeldet. Die drei wichtigsten Wörter in ihrem Leben waren "pige", "CDD" und "CDI". Ein "pigiste" ist ein freier Journalist, das ist das unterste Ende der Skala, die Stundensätze sind lächerlich. Ein "CDD" ist ein befristeter Vertrag - und der CDI ("Contrat à durée indéterminée") das fragwürdige Paradies der "Entfristung". Hinzukommen die berufsständischen Anforderungen, die in Frankreich immer so hinderlich sind, eine Erfahrung, die die langjährige Journalistin Sonia auf der Suche nach Arbeit machen musste: "Denn für einige größere Medien ist Pflicht, stets eine aktuelle Pressekarte zu haben, wenn man arbeiten will. Die Pressekarte muss jedes Jahr erneuert werden, der Journalist muss nachweisen, dass er das ganze Jahr über gearbeitet hat. Man bietet Sonia darum an, ehrenamtlich als Beraterin zu arbeiten. Das geht ihr über die Hutschnur. Sie beschließt, als freie Werbetexterin zu arbeiten, und bedauert es nicht: 'Arbeitsstellen sind im Journalismus teuer, man hat keine Lust, Festangestellte zu bezahlen. Und es gibt eine Menge PrktikantInnen oder Studienabschließer, die abstruse Bedingungen akzeptieren, das haben wir alle mitgemacht.'"
Archiv: vice.fr

Guardian (UK), 13.08.2020

Wenn alle über Hautfarbe sprechen, müsste dies eigentlich auch mal die Dermatologie tun, meint der Arzt Neil Singh und erzählt etwas beschämt, wie er bei einem Patienten eine ganz gewöhnliche Schuppenflechte nicht erkennen konnte, weil der Mann schwarze Haut hatte: "Wenn ich an meine Ausbildung als Dermatologe zurückdenke, fallen mir nur drei Gelegenheiten ein, bei denen mit Hilfe schwarzer Haut ein medizinisches Problem demonstriert wurde: Einmal um zu zeigen, wie schwarze Haut in dicken, Keloide genannten Streifen heilt; einmal bei einer Sitzung zu Syphilis und anderen genitalen Geschwüren; und einmal in einer Präsentation zur Pigmentstörung Vitiligo. Dunkle Haut wird immer nur benutzt, um dermatologische Raritäten zu demonstrieren, niemals im Basis-Unterricht über gewöhnliche Erkrankungen. Ich bin nicht der einzige, dem dieser Mangel in der medizinischen Ausbildung auffällt. Im Juni schrieb der kanadische Medizinstudent Michael Mackley auf Twitter in einem vielfach zitierten Thread, wie wenig vorbereitet er darauf wurde, Hautveränderungen bei schwarzen Menschen zu erkennen: 'In einem System, das ganz auf weißer Haut beruht, sind viele Patienten auf sich gestellt', schrieb er. Noch beunruhigender erscheint mir, dass mir mein eigenes Unwissen niemals aufgefallen ist. Und das obwohl ich selbst farbig bin." Und übrigens sei Bob Marley an einem Melanom gestorben, das bei Schwarzen relativ häufig vorkommt, das die Dermatologie damals aber nicht erkennen konnte."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Dermatologie

Magyar Narancs (Ungarn), 16.08.2020

In Magyar Narancs sprechen mehrere Literaturschaffende, so auch der Libri-Literaturpreisträger von 2020, der im siebenbürgischen Szatmárnémeti (Satu Mare / Sathmar) geborene Schriftsteller Zsolt Láng, über die Beziehung von Mathematik und Literatur, auch in seinem letzten Roman über den Mathematiker Wolfgang Bolyai. "Die Beziehung zwischen Musik und Mathematik ist wesentlich eindeutiger als die zwischen Mathematik und Literatur. Denn Tonreihen können durch Zahlenverhältnisse niedergeschrieben werden, dafür gibt es Formeln. Die Literatur hat aber keine ausgearbeitete Mathematik, obwohl es Versuche gab, angefangen mit den antiken Griechen über Goethe bis Solomon Marcus. Die Beziehung betrifft am meisten die Sprache: wie soll ich das Zeichensystem erschaffen, mit dessen Hilfe ich etwas so eindeutig wie möglich formulieren kann. Es lohnt sich ebenfalls daran zu denken, dass auch die Mathematik - von dem Endlichen ausgehend - das Unendliche untersucht. Aus dem Konkreten das Allgemeine. (...) Die Kapitel können durch Primzahlen gekennzeichnet werden, denn die Erzählung ist lückenhaft, aus den linearen Ereignissen fallen dieses und jenes heraus, manchmal viele Jahre. Andererseits ist die Positionierung der Primzahlen in der Reihe der natürlichen Zahlen als eine Art DNA-Spirale, als Haltesäulen der Welt vorstellbar. (...) Auf der Ebene der Narrative ist dies ein Zeichen, dass Ereignisse nicht in und an sich passieren, sondern in weiten gegenseitigen Wirkungen."

Jungle World (Deutschland), 04.08.2020

Harald Keller ärgert sich in einem langen, schon wegen seiner Faktendichte sehr lesenswerten Jungle-World-Dossier ganz erheblich darüber, wie die Berichterstattung über die großen Streamingdienste im Allgemeinen und das Fernsehen im Besonderen abläuft: Wertet man diese aus, entstehe geradezu der Eindruck, dass Netflix grundsätzlich nur Qualitätsware produziere, es vor Netflix quasi keine guten Serien gegeben habe und bei Netflix geradezu traumhafte Arbeitsbedingungen für die Kreativindustrie herrschten. Hinter diesem "Mythos Netflix", wie Keller es nennt, steckt für ihn vor allem die Ignoranz des Kulturbürgertums, eine gewisse Recherchefaulheit unter Journalisten und ein aggressives Marketing, in dem sich Netflix gerne mit fremden Federn schmückt: Die Erfolgsserie "The End of the F***ing World" etwa werde überall als Netflix-Serie apostrophiert, doch "tatsächlich entstand die Serie auf Veranlassung des britischen Fernsehsenders Channel 4, wurde dort erstaufgeführt und im zugehörigen Video-on-Demand-Portal All 4 auf den britischen Inseln gezeigt. Netflix erwarb die Streaming-Rechte für alle übrigen Länder und nahm die Serie gut zwei Monate später ins Programm. Die Entwicklungsarbeit hatten die Produktionsfirma Clerkenwell Films und Channel 4 geleistet."
Archiv: Jungle World
Stichwörter: Streaming, Netflix

New Yorker (USA), 24.08.2020

In der neuen Ausgabe des Magazins trifft Luke Mogelson Leute wie Phil Robinson, die meinen, in voller Kampfmontur die Grundrechte gegen Lockdown und Masken verteidigen zu müssen: "Die meisten Mitglieder von Bürgerwehren, die ich gesprochen habe, haben sich einem konstitutionellen Fundamentalismus verschrieben, der untrennbar mit ihrem christlichen Glauben verbunden ist. Die einzige legitime Rolle der Regierung ist für sie die eines Bewahrers der individuellen Rechte, wie sie der Menschheit von Gott gewährt wurden. Viele Republikaner teilen diese Philosophie, und während der Pandemie hatten sie alle Mühe, sie mit den notwendigen Maßnahme im Kampf gegen den Kollaps des Gesundheitssystems zu vereinbaren. In Michigan und anderswo nehmen Republikaner, unterstützt von Bürgerwehren, die Haltung ein, dass kein wie auch immer geartetes Szenario die Verletzung gottgegebener Rechte rechtfertigt … Befürworter des Lockdowns beschuldigen Abweichler, in einer nationalen Krise keine persönlichen Opfer bringen zu wollen und daher alles andere als patriotisch zu sein. Abweichler bestreiten, dass wir in einer Krise sind. Die Zweifler am Ernst der Lage unterlaufen jeden Verdacht auf egoistische Motive: Abstandhalten ist für Konformisten und Herdentiere. Das erklärt, warum eigentlich vernünftige Konservative, die mit ideologischen Argumenten gegen den Lockdown sind, sich mitunter offen zeigen für Verschwörungstheorien und haarsträubende Scharlatanerie … Ein Mann erklärte etwa, die Regierung arbeite mit einer israelischen Gesichtserkennungsfirma zusammen, um Massenerkennung durchzuführen, die aber funktioniere nur, wenn die Leute zueinander Abstand hielten."

Außerdem: Rebecca Mead erkundet die heilende Wirkung des Gärtnerns. Raffi Khatchadourian stellt den amerikanisch-irakischen Künstler Michael Rakowitz und seine verspielte Kunst vor. Judith Thurman liest Gedichte von Alice Oswald. Und Amia Srinivasan liefert einen Abgesang auf den Wal, das einst so stolze Symbol unseres Einsatzes für den Planeten.
Archiv: New Yorker